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Anglelina Whalley - „Der Grenzgänger“

ISBN: 9-783-937-25616-0

 

Klappentext:

Wer ist Gunther von Hagens? Für die einen ist der Schöpfer von KÖRPERWELTEN ein Hochstapler, für andere ein Genie und für wieder andere ein Monster und Störenfried. Erstmals geben verwandte, private und berufliche Weggefährten aus allen Lebensabschnitten tiefere Einblicke in diese umstrittene Persönlichkeit. Die Herausgeber Dr. Angelina Whalley und Prof. Franz Josef Wetz haben in dem Buch Geschichten und Anekdoten zusammengestellt, die bislang unbekannte Seiten dieses eigenwilligen Anatomen in den Lichtkegel der Öffentlichkeit treten lassen. Dabei erzählen sie Ernstes und Witziges, Aufregendes und Anstößiges, in jedem Falle aber Abenteuerliches und Spannendes über eine rätselhafte Figur unserer Zeit. Wie die Steine eines Mosaiks fügen sich die bebilderten Beiträge von der Kindheit über die Republikflucht bis zum Uni-Anatomen und Ausstellungsmacher zu einer facettenreichen Begegnung mit dem Erfinder der Plastination und seinem Werk zusammen. Gunther von Hagens, der das Buch anlässlich seines 60. Geburtstages überreicht bekam, war überrascht von der Vielschichtigkeit der Beiträge und der Auswahl der Erzähler: "Dieses Buch hat mir vergessenes Leben zurück geschenkt. Ich war überrascht, wie viele Erlebnisse ich inzwischen einfach vergessen hatte. Dazu gehören meine frühen Präparierversuche an Kleintieren im Wald meiner Heimatstadt genau so wie meine ersten Fehlschläge in der Plastination. Alles in allem werde ich in diesem Buch treffender und vielseitiger anatomiert, als es mir selbst je möglich wäre."

 

Inhalt:

In dem Buch geht es um Gunther von Hagens und sein Leben. Zu Wort kommen Leute, die ihn ein Stück seines Lebens begleitet haben. Zum Beispiel ein Schulkamerad von Oder aber ein Leidensgenosse aus dem Strafvollzug. Die beiden haben wegen versuchter Republikflucht im Stasi-Knast gesessen.

Studenten und Schüler erzählen über die Arbeit mit und für ihn. Seine zweite Frau und auch ein Sohn aus erster Ehe kommen zu Wort.

So kristallisiert sich das Leben dieses Mannes mit vielen Höhen und Tiefen heraus.

 

Leseprobe:

… Wer schweres persönliches Schicksal tragen musste, dem wächst oft besondere Kraft zu. So lehrt es die Erfahrung. Nach meinem Bild ist Gunther von Hagens in kleiner Enge aufgewachsen. Er versuchte die Überschreitung der Staatsgrenze: fast zwei Jahre durch die autoritäre Staatsmacht der Detuschen demokraischen Republik inter Gittern, Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland von jenseits des Eisernen Vorhangs. Für Gunther der Verlust der Heimat als Preis für die Freiheit. Begeisterung für das wesentlich US-amerikanische Modell der Möglichkeit. Bescheidene Neuanfänge.

Dann Gunthers Idee, die in dem von ihm später formulierten Wahlspruch ihren Ausdruck fand. „Faszination durch Plastination – BIODUR hält die Struktur“. Erneute Grenzerfahrung: Seine Vision wird im akademischen Rahmen der Universität als unrealistisch abgewiesen. Mühevolle privatwirtschaftliche Anfänge in einer echten Garage in Heidelberg; mit der Zeit wurden es mehrere. Später der Umzug in ein kleines, altes, enges Haus in Heidelbergs Süden, dessen Begrenzungen alsbald durch mühevollen Umbau und modernste Informationstechnik grundlegend in Frage stellt wurden.

Gunther zog es zur subjektiven Aufhebung von Geschwindigkeitsregeln. Als Beifahrer hatte ich häufiger das nicht immer reine Vergnügen, daran teilzunehmen, wie er sein Auto in maximale Beschleunigung versetzte, um in letzter Sekunde über eine noch nicht ganz rote Ampel zu fahren.

Nächte mit dem Macintosh-Computer. Gunther zeigte die besondere Fähigkeit, immer wieder einmal eine noch beeindruckender wirkende Uhr als Bildschirmschoner oder sonst ein besonders interessantes kleines Zusatzprogramm auf den Rechner zu laden, das ihn leider nicht vor seiner Fähigkeit warnte, wegen Inkompatibilität das gesamte Rechnersystem zum nachhaltigen Zusammenbruch bringen zu können. Aber keine Sorge, am früheren oder späteren Morgen hatte Gunther mit seiner erstaunlichen Improvisationskunst und Intuition die Kisten meist wieder zum Laufen gebracht.

Beharrliche Erfolge des Entdeckens und Erfindens. Gunther ging in seiner Entwicklungsarbeit meist sehr intuitiv und nach dem Prinzip Trial und Error vor. Er hörte z. B. in der Kunststoffchemie großen Fachspezialisten sehr genau zu und kam dann durch ungewohnte Verknüpfungen und Anwendungen verschiedenster Informationen zu seinen eigenen, neuen Lösungen. Widerständige Probleme, mangelhafte Kunststoffhärtung her, Vergilbungseffekte dort, gaben oft den Anlass zu unbeirrbar beharrlichen Versuchsreihen, an deren Ende dann kleinere oder größere Innovationen in der Plastinationstechnik standen.

Akademische Provokationen: die sich unwissenschaftlich generierende Person als Wissenschaftler. Wie viel unorthodoxe Kreativität in Erscheinungsbild, Verhalten, Arbeitsstil und -methoden verträgt eine deutsche Universität? Welches Maß an Kotau vor dem akademischen Code mit seinen Regeln und Wünschen nach Anpassung und Grenzeinhaltung ist Gunter von Hagens bereit zu machen? Mit diesen Fragen fühlte ich die Luft im Plastinationslabor oft angereichert. Sie wurden schließlich – es war kaum anders zu erwarten – im Sinne der Grenzsprengung zu Ungunsten der Universität beantwortet.

Vorzeitige Verbindung noch differenter Kulturen: Science-Business und Business-Science. Plakativ formuliert hat auch in der deutschen akademischen Landschaft das Einwerben von Drittmitteln seinen etwas anrüchigen Charakter zunehmend verloren und als persönlicher Bewertungsmaßstab gegenüber der Liste wissenschaftlicher Veröffentlichungen an Bedeutung gewonnen. Gunther darf wohl als ein früher und radikaler Vertreter dieser neuen Zeit gelten.

Vielseitiges Erstaunen: Plastination goes world. Internationale Plastinationskongresse machten von sich reden. Wichtige Universitätsdekane aus fremden Ländern reisten zum Heidelberger Wissenschaftler mit Assistentenstatus. Ein Missverhältnis?

Lebenspraktische Auswahl des vorgezeichneten akademischen Weges: Gastprofessuren außer Landes. Gunthers Tatendrang und seine enorme intuitive Kreativität erlebten durch den deutschen Karrierepfad zum Professor als beendend und hinderlich für die eigene Arbeit.

Über den Jordan: das Skandalon plastinierter Körpererfahrung für Jedermann. Ein deutsches Museum (das Technik-Museum in Mannheim) wurde in die Schwingung des 24-Stunden-Takts gebracht. Ich kam an einem Abend als Besucher beeindruckt und persönlich angerührt in die Ausstellung. Nach kurzem Telefonat, einige Jahre waren seit unserem letzten Kontakt vergangen, öffnete Gunther mir persönlich einen Hintereingang, wodurch ich die mehrstündige Wartezeit umgehen konnte und so eine andernfalls wahrscheinliche Erkältung nicht bekam. Danke! - In Gunthers Blick schienen sich jede Menge Kameralinsen zu spiegeln, die an diesem Tag schon für Interviews auf ihn gerichtet gewesen waren.

Vesalius redivivus: der große Vorgänger des Mittelalters forderte das bis dahin aus religiösen Gründen verweigerte Einsichtsrecht in den menschlichen Körper für die Wissenschaft. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend steht die e-medial vermittelte, öffentliche Sektion. Der Plastinator als Schlagzeile.

Und wohin weiter? Es scheint, nur weitere Grenzen könnten schon die Antwort ahnen.