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James Barclay - „Jäger des Feuers“

Bund der Raben Band 2

ISBN: 9-783-453-52754-6

 

Klappentext:

Die beste Söldnertruppe der Welt zieht wieder in die Schlacht ... Sie sind die härteste Söldnertruppe der Welt – sechs Krieger und ein Magier: der »Bund des Raben«. Seitdem die finsteren Wytchlords ihr Land in einen blutigen Krieg gestürzt haben, eilen die Raben von Schlacht zu Schlacht, um der grausamen Magie der Unholde Einhalt zu gebieten. Ein Auftrag, der dem Bund des Raben alles abverlangt – bis zum letzten Blutstropfen...

 

Inhalt:

Es herrscht noch immer Krieg. Besonders das durch ein Dämonenschild geschützte Kollege wird bedroht. Doch das ist nicht das einzige Problem des Raben. Denn der Dawntief-Zauber, aus dem ersten Band, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Die Wytchlords sind besiegt. Sie stellen keine Gefahr mehr dar. Allerdings ist durch den mächtigsten aller Zauber ein Riss am Himmel entstanden. Dieser Riss verbindet nun  die Dimensionen der Menschen und der Drachen miteinander. Doch nicht jede Drachenbrut ist wie die Kahn, die den Menschen wohl gesonnen ist...

Der Riss wächst und die Khan können nicht mehr lang gegen feindliche Bruten bestehen. - Der Rabe muss nun heraus finden, wie schnell der Riss wächst, wie man ihn wieder verschließen kann und dann müssen sie sich auch noch um die Kampfhandlungen kümmern. - Viel zu tun für die tapferen Recken.

 

Leseprobe:

… Nachdem Dawnthief gewirkt worden war und er von seiner Amtsenthebung erfahren hatte, war er eine Weile von Selbstzweifeln geplagt gewesen, weil sein Einfluss auf Balaias Geschick zu schwinden schien. Doch sehr bald schon war ihm alles klar geworden. Ein großer Teil des modernen Wissens über die Dimensionsmagie war in Xetesk konzentriert, und erst vor kurzer Zeit war aus dem Tresor unter seinem Turm ein Dokument freigegeben worden, das, wie er glaubte, unmittelbar mit dem Problem zu tun hatte, vor dem der Rabe jetzt stand. Sein Einfluss auf Balaia würde nur dann bedeutend bleiben, wenn er rechtzeitig den Berg erreichen konnte.

Daher hatte er sich für diesen Weg entschieden. Es war der kürzeste Weg nach Xetesk, doch auf diesem Weg begegnete er auch dem größten Hindernis. Tessaya. Andererseits war die Tatsache, dass Tessaya ihn nun erwartete, nicht unbedingt ein ausschlaggebender Nachteil. Schließlich kam Styliann unter Bewachung und angeblich mit dem Wunsch zu verhandeln durch den Pass. Die Wesmen würden seinetwegen kaum ihre Armeen zusammenziehen. Ganz im Gegenteil, wenn er Tessaya richtig einschätzte. Außerdem hatte Styliann den Vorteil, selbst bestimmen zu können, wann er auf der anderen Seite eintreffen wollte, während der Lord der Wesmen im Ungewissen blieb.

Als die Sonne am Mittag im Zenit stand, begann der Marsch durch den Understone-Pass: Styliann, seine Protektoren und eine Eskorte von vierzig Wesmen. Der ehemalige Herr vom Berge war der einzige Berittene. Die Wesmen waren Führer, Wächter und Ehrengarde zugleich, hatte Riasu erklärt. Styliann hatte Mühe gehabt, nicht schallend zu lachen.

Glaubte der Wesmen-Lord denn wirklich, Styliann könnte sich in einem Pass, in dem es nur einen einzigen Durchgang gab, verlaufen? Und was wollte er eigentlich mit vierzig Kriegern gegen neunzig der besten Kampfmaschinen ausrichten, die es auf Balaia gab? Die Antwort auf die letzte Frage lautete natürlich: überhaupt nichts.

Styliann gähnte und sah sich um. Am Anfang des Zuges marschierten zwanzig Wesmen durch den Pass. Das Licht ihrer Laternen ließ komplexe Schatten über die dunklen Schieferwände der Passage wandern. Vor ihm kam die Decke plötzlich bis zu einer Höhe von fünfzehn Fuß herunter, und auf einer Seite wurde der Weg durch einen Abgrund begrenzt, der bis in die Tiefen der Hölle reichen mochte.

Die Luft war feucht und kühl, hier und dort tröpfelte Wasser herunter. Es mochten die Ausläufer eines lange vergessenen Regenfalls oder eines unterirdischen Stroms sein. Die Geräusche, das Tappen von Füßen und Hufen und das Klatschen der Schwertscheiden auf den Schenkeln, hallten lauter, als die Decke immer niedriger wurde. Zwischen Styliann und den Wesmen wurde kaum ein Wort gewechselt. Die anfängliche Tapferkeit der Krieger war unbehaglichem Flüstern und schließlich einem ängstlichen Schweigen gewichen. So ging es allen Menschen im Understone-Pass. Die mächtigen Berge über ihnen und die Enge der Passage nahmen ihnen das Selbstvertrauen.

Die Truppe kam gut voran, und nachdem sie eine Stunde marschiert waren, lagen die am westlichen Ende des Passes errichteten Baracken weit hinter ihnen. Hier konnte sie niemand mehr hören, ob von Osten oder von Westen.

Styliann lächelte. Es war Zeit. Er brauchte keine Führer oder Laternen oder Aufpasser. Es wäre für die Eskorte besser gewesen, sie wäre im Westen geblieben. Wenigstens hätten die Wesmen dort etwas länger gelebt.

Er dachte über seine Möglichkeiten nach und beschloss, seine Mana-Reserven nicht anzutasten, wie gering auch immer der Schwund gewesen wäre. Es war eine sinnlose Übung. Keiner der Wesmen hatte einen Bogen dabei – eine Unterlassungssünde, die sie mit dem Leben bezahlen sollten. Er beugte sich im Sattel vor, bis dicht an Cils Ohr, der jetzt in seiner besonderen Gunst stand und im Zentrum des Verteidigungsgürtels marschierte, der Styliann umgab.

»Vernichtet sie«, flüsterte er. Cil nickte leicht, er hatte verstanden. Ohne im Schritt zu zögern, gab er den Befehl an seine Brüder weiter. Styliann lächelte wieder, als eine Spannung entstand, unmittelbar bevor die Wesmen unversehens in einen Kampf verwickelt wurden, der so schnell wieder vorbei war, wie er begonnen hatte.

Acht Protektoren liefen nebeneinander und zogen die Äxte aus den Schlaufen an den Hüften, um sie den ahnungslosen Wesmen, die einige Schritte vor ihnen gingen, in die Nacken und die Rücken zu schlagen. Hinten drehten sich dreißig Protektoren um, hoben die Äxte und hackten die Wächter nieder, die erschrocken die Augen aufrissen.

Die Schreie und Rufe, die gleich darauf die höhlenartige Passage erfüllten, kündeten vom Tod, es war kein Ruf zu den Waffen. Das dumpfe Schmatzen von Stahl, der Fleisch spaltete, hallte laut in Stylianns Ohren.

Die Wesmen wollten sich umdrehen und zu den Waffen greifen, doch ihre Reihen lösten sich im Chaos auf, und der Schreck nach dem Überraschungsangriff vertrieb jeden klaren Gedanken. Selbst als ein paar sich den Angreifern stellten, wurden sie mit der erbarmungslosen Präzision und Kraft der Protektoren niedergestreckt. Mit jedem Schritt gewannen sie Boden, jeder Schlag traf, und niemals drang ein Laut hinter ihren Masken hervor.

Hinten gab es geringen Widerstand, der jedoch schnell beseitigt wurde. Ein Wesmen-Krieger stieß einen Kampfruf aus und blieb tapfer stehen, die anderen sammelten sich und akzeptierten ihn als Anführer. Für kurze Zeit flogen in dem nur trüb von Laternen erhellten Gang die Funken, und man hörte Stahl auf Stahl klirren. Doch die Protektoren erhöhten einfach die Geschwindigkeit und Durchschlagskraft ihres Angriffs und holten sofort zum nächsten Hieb aus, kaum dass der letzte sein Ziel getroffen hatte. Die Wesmen wehrten sich verzweifelt, aber vergeblich.

Blut machte den Boden glitschig, und überall lagen verstümmelte und entsetzlich zugerichtete Leichen herum. Die Protektoren gingen mit ausdruckslosen Gesichtern auf die verbliebenen Wesmen los, es waren höchstens noch zehn, doch diese drehten sich um, flohen und schrien Warnungen, die niemand hören konnte.

»Fangt sie und tötet sie«, sagte Styliann.

Ein halbes Dutzend Protektoren löste sich an jedem Ende aus der Gruppe, stieg langsam über die Reste des Gemetzels und rannte nach Osten oder nach Westen. Ihre Schritte kündigten den hilflosen Opfern den nahen Tod an.

Da die Laternen zertreten oder von den fliehenden Wesmen mitgenommen worden waren, aktivierte Styliann eine Lichtkugel und betrachtete mit hochgezogenen Augenbrauen das Gemetzel, das er angeordnet hatte.

»Ausgezeichnet«, sagte er. »Gibt es Verletzte?«

»Zwei haben geringfügige Schnittwunden abbekommen, mein Lord«, meldete Cil. »Mehr ist nicht passiert.«

»Ausgezeichnet«, sagte er noch einmal und nickte. »Und jetzt werft die Leichen über die Kante. Ich reite weiter, und ihr bleibt bei mir.«

Wieder das fast unmerkliche Kopfnicken. Gleich darauf zerrten die Protektoren die Toten aus der Passage und warfen sie in den Abgrund. Styliann drängte sein nervöses Pferd weiter. Cil und fünf andere Protektoren, drei auf jeder Seite, begleiteten ihn. Ein paar Schritte weiter hielt er wieder an und stieg ab. Er klopfte sich den Staub von der Kleidung und setzte sich mit dem Rücken an die nördliche Wand des Passes. Die Lichtkugel beleuchtete den rauen Fels.

Styliann war kaum zu beeindrucken, doch der Understone-Pass war auch für ihn ein außergewöhnlicher Ort. Der Durchgang war eine Kombination aus einzigartigen natürlichen Gegebenheiten und ungeheurer menschlicher Tatkraft. Der Pass war um des Profits und der Eroberung willen gebaut worden, doch er war auch ein Klotz am Bein. Styliann kratzte sich unter dem linken Auge und zuckte mit den Achseln. Es geschah oft, dass etwas, das gut gemeint war, sich in etwas Böses verwandelte.

»Und jetzt warten wir«, sagte er zu Cil. »Oder vielmehr, ihr wartet. Ich habe zu tun.« Er schloss die Augen. »Ich brauche eure Seelengefährten.«

 

Im verblassenden Licht des Spätnachmittags machte Lord Tessaya einen Rundgang durch das gesicherte Understone. Allmählich wurde er nervös. Es war ein Tag voller Gegensätze gewesen.

Die durch seinen Vogel übermittelte Botschaft hatte ihm die Stimmung verdorben, konnte aber nicht seine Pläne vereiteln. Die schnellen Reiter, die Riasu vom westlichen Ausgang des Passes geschickt hatte, wussten bemerkenswerte und unerwartete Dinge zu berichten, die sich als entscheidend erweisen konnten. Den xeteskianischen Erzmagier in die Hand zu bekommen, war eine verlockende Aussicht. Die schreckliche Streitmacht, die er bei sich hatte, spielte keine Rolle. Wenn man ihn isolieren konnte, dann konnte man seine Kämpfer ausschalten und schließlich vernichten. Styliann hatte freilich eine Forderung gestellt. Als Gegenleistung für seine schnelle Rückkehr in sein Kolleg wollte er Hilfe leisten. Sehr gut. Tessaya war gern bereit, alles zu versprechen und nichts zu halten. Besonders, wenn er es mit einem Magier zu tun hatte.

Doch irgendetwas stimmte nicht. Seine anfängliche Begeisterung über Stylianns Naivität und dessen anscheinend übersteigertes Selbstwertgefühl hatte ihn verleitet, die Reiter sofort mit einer schriftlichen Einladung zurückzuschicken. Er hatte mit dem Gedanken gespielt, Styliann mit einer überwältigenden Streitmacht zu begegnen, doch er hatte nicht den Wunsch, das Leben seiner Männer aufs Spiel zu setzen, wenn er mit etwas Geduld sein Ziel erreichen konnte, ohne auch nur einen Tropfen Wesmen-Blut zu vergießen.

Aber jetzt, als der Tag sich dem Ende neigte und Tessaya seine Runde um den inzwischen verstärkten Palisadenzaun beendete, den Darrick vor einiger Zeit gebaut hatte, war der Wesmen-Lord beunruhigt. Auch eine weitere Runde durch die Garnisonsstadt konnte seine Unruhe nicht vertreiben.

Nach seiner Berechnung sollte Styliann längst hier sein. Er hätte sogar schon vor einer Stunde eintreffen müssen. Und die Männer, die er in den Pass geschickt hatte, um Riasus Eskorte zu treffen und abzulösen, waren nicht zurückgekehrt, wie sie es hätten tun sollen, falls sie niemandem begegnet waren.

Freilich gab es eine ganze Reihe guter Gründe für diese Verzögerungen. Ein Pferd, das ein Hufeisen verloren hatte, schlechte Organisation am westlichen Zugang, eine Ruhepause, die länger dauerte als erwartet, oder seine Männer hatten beschlossen, weiter in den Pass einzudringen, statt sofort Bericht zu erstatten. Vielleicht machte Styliann Schwierigkeiten auf dem Marsch, oder der Magier wollte sich vergewissern, dass seine Abmachung mit Tessaya auch wirklich eingehalten wurde, und hatte nachträglich noch weitere Garantien gefordert. Styliann.

Tessaya blieb stehen und setzte sich auf einen flachen Stein, von dem aus er Understone überblicken konnte. Die untergehende Sonne legte einen wundervollen hellroten Schimmer über die Stadt und tauchte die leichte Bewölkung droben in zorniges Rot, als sie die letzten Strahlen zur Erde sandte. Rechts von ihm waren leise Hammerschläge zu hören, die der sanfte Wind herantrug. Unter ihm und links von ihm wurde die Tür einer Gefangenenbaracke geöffnet, und eine Reihe gebeugter, niedergeschlagener Männer aus dem Osten schlurfte, von Axtkämpfern bewacht, zum abendlichen Hofgang heraus.

Wenn er dem leichten Wind lauschte, hörte er überall in der Stadt Stimmen, die redeten, Befehle gaben oder stritten. In drei Tagen würde der Palisadenzaun, der jetzt schon die Hauptstraße von Osten nach Westen abschirmte, ganz Understone einschließen. Dann konnte die Arbeit an den Verteidigungsanlagen des Passes beginnen, die bisher vernachlässigt worden waren.

Die kleine Stadt hatte sich nach der Besetzung durch die Wesmen wie Öl auf einer Wasserfläche ausgebreitet. Wenn Tessaya zur flachen Senke blickte, in der die ursprünglichen Gebäude von Understone lagen, dann sah er graue Zeltbahnen, die jeden Zoll des sanft nach Süden abfallenden Hanges und der Ebene dahinter bedeckten. Die Banner von einem Dutzend Stämmen und hundert weniger bedeutenden Adelsfamilien wehten über den Zelten, die im Halbkreis um die Feuerstellen gruppiert waren. …