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Kathy Reichs - „Der Tod kommt wie gerufen“

ISBN: 9-783-453-43462-2

 

Klappentext:

'Ich kenne den Tod. Jetzt lauert er auf mich.' Ein verlassenes Haus in Charlotte, North Carolina, ein grausiger Einsatz für Forensikerin Tempe Brennan: Neben Kupferkesseln, einem toten Huhn und seltsamen Artefakten liegt der abgetrennte Kopf eines Mädchens. Blitzartig geht ein Gerücht um: Ritualmord! Ein bibelfester Politiker auf Stimmenfang verdächtigt okkulte Kreise und ruft nach Vergeltung. Noch während Tempe den Tatort untersucht, bahnt sich in Charlotte eine gnadenlose Hexenjagd an.

 

Inhalt:

Tempe Brennan wird an einen Ort gerufen, an dem augenscheinlich kultische Handlungen vorgenommen wurden. Tierköpfe, ein menschlicher Schädel und ein mit Erde gefüllter Kessel, der noch mehr Überreste zu Tage fördert.

Tempe taucht bei den Ermittlungen in eine Welt aus Geistern, Schamanen, Wicca und Voodoo ein. Sie bekommt eine aufgeschlitzte Schlange mit der Post un ihren verflossenen Lover per Polizei.

Ein Kollege wird während der Ermittlungen erschossen und Tempe will nur noch den Verursacher dieses ganzen Chaos finden.

 

Leseprobe:

… Slidell versuchte, ihr die Kamera wegzureißen. Stallings hob sie, schoss ein Foto des Taurus und steckte sie dann in ihren Rucksack.

»Bleiben Sie bloß von meinem Auto und meinem Gefangenen weg«, brüllte Slidell.

»Fahren wir«, rief ich, obwohl ich wusste, dass es bereits zu spät war.

Stallings lief schnurstracks auf den Taurus zu, bückte sich und spähte in den Fond. Slidell stürmte, das Gesicht kirschrot, hinter ihr her.

Bevor ich reagieren konnte, beugte sich Finney zu meinem offenen Fenster und rief: »Ich bin Asa Finney. Ich habe nichts Unrechtes getan. Lassen Sie die Öffentlichkeit das wissen. Das ist religiöse Verfolgung.«

Ich drückte auf den Knopf. Finney rief weiter, während das Fenster sich schloss.

»Ich bin ein Opfer von Polizeibrutalität.«

Schwer atmend warf Slidell sein Gewicht auf den Fahrersitz und knallte die Tür zu.

»Schnauze.«

Finney verstummte.

Slidell riss den Ganghebel zurück. Wir schossen nach hinten. Er riss ihn nach vorne und raste mit Regenwasser aufspritzenden Reifen vom Parkplatz.

 

Während Slidell Finney offiziell in Untersuchungshaft nahm, ging ich ins MCME, um festzustellen, ob der Unterkiefer tatsächlich zum Schädel aus dem Kessel gehörte. Röntgenaufnahmen. Biologisches Profil. Erhaltungszustand. Gelenkverbindungen. Maße. Fordisc-3.0-Bewertung. Alles passte.

Danach zog ich den zweiten linken Backenzahn aus dem Unterkiefer und steckte ihn in eine Tüte. Falls erforderlich, konnte zwischen Schädel und Unterkiefer auch noch ein DNS-Vergleich angestellt werden. Doch das war unnötig, außer um die Anwälte zufriedenzustellen. Ich hatte keinen Zweifel, dass der Schädel und der Unterkiefer von derselben jungen Schwarzen stammten.

Zwei Fragen blieben allerdings. Wer war sie? Wie konnte ein Teil von ihr in diesem Kessel und ein anderer in Finneys Haus landen?

Als ich in die Polizeizentrale kam, saß Finney in dem Verhörzimmer, das Kenneth Roseboro am Tag davor so genossen hatte. Der Beschuldigte hatte seinen ihm gesetzlich zustehenden Anruf getätigt.

Slidell und ich aßen Sandwiches von Subway, während wir auf den Rechtsbeistand warteten.

Der Anwalt erschien, als ich eben den letzten Bissen Truthahn und Cheddar verdrückte.

Und mich beinahe daran verschluckt hätte.

Charlie Hunt sah noch besser aus als am Donnerstagabend. Ein Zweireiher aus Merinowolle und glänzende Oxford-Schuhe hatten nun die Stelle von Jeans und Slippers eingenommen. Heute trug er eine Aktentasche. Und Socken.

Charlie stellte sich zuerst Slidell vor, dann mir.

Wir gaben uns schnell die Hand.

Slidell las die Anklage vor, illegaler Besitz von menschlichen Überresten. Er beschrieb die Beweislage und erklärte die Verbindung zwischen Finney und Cuervos Keller. Obendrein erwähnte er noch die Möglichkeit einer Verbindung mit Jimmy Klapec.

»Ausgehend wovon?«, fragte Charlie.

»Einer Vorliebe für die Schriften von Anton LaVey.«

»Ich wäre gern zehn Minuten mit meinem Mandanten allein. «

»Der Kerl ist ein Spinner«, gab Slidell zu bedenken.

»Das ist SpongeBob auch«, antwortete Charlie. »Das macht ihn noch nicht zum Mörder.«

Gemeinsam gingen wir zu Verhörraum drei.

»Ich habe nichts dagegen, wenn Sie zusehen.« Charlie schaute uns beiden in die Augen. »Aber keine Mikros.«

Slidell zuckte die Achseln.

Charlie betrat den Raum. Slidell und ich stellten uns vor den Spionglasspiegel. Finney sprang auf. Die Männer gaben sich die Hand und setzten sich. Finney redete und gestikulierte heftig. Charlie nickte viel und machte sich Notizen.

Acht Minuten, nachdem Charlie den Raum betreten hatte, kam er wieder zu uns.

»Mein Mandant hat Informationen, die er Ihnen mitteilen will.« Wie schon zuvor schaute Charlie uns beide an. Mir gefiel das.

»Dann kommt er also zur Vernunft?«

»Als Gegenleistung verlangt er Immunität für alle Aussagen, die er macht.«

»Dieses Arschloch hat vielleicht ein Mädchen umgebracht.«

»Er schwört, dass er keinem Menschen etwas getan hat.«

»Das tun sie doch alle.«

»Glauben Sie ihm?«, fragte ich.

Charlie schaute mich lange an. »Ja«, sagte er. »Ich glaube ihm.«

»Wie kam er an den Unterkiefer dieses Mädchens?«, fragte Slidell.

»Er ist bereit, das zu erklären.«

»Wie sieht seine Beziehung zu Cuervo aus?«

»Er behauptet, sie hätten sich nie getroffen.«

»Aha. Und ich werde zum König des guten Geschmacks gewählt. «

»Den Titel kann man nur erben«, sagte ich.

Slidell warf mir einen fragenden Blick zu.

»In einer Monarchie gibt es keine Wahlen.«

Charlie strich sich mit der Hand über den Mund.

»Ha-ha. Sehr witzig.« Slidell wandte sich wieder Charlie zu. »Wenn Ihr Knabe den Mund aufmacht, lassen wir ihm den Unterkiefer durchgehen, aber nur den Unterkiefer. Wenn er wahrheitsgemäß aussagt, kriegt er Immunität in Bezug auf den Besitz menschlicher Überreste. Wenn ich den Verdacht habe, dass er lügt, wenn ich herausfinde, dass er irgendjemandem auch nur ein Härchen gekrümmt hat, dann ist der Deal geplatzt.«

»Einverstanden.«

»Wir machen es mit Audio und Video.«

»Gut«, sagte Charlie.

Zu dritt marschierten wir ins Verhörzimmer. Charlie setzte sich neben Finney. Slidell und ich setzten uns ihnen gegenüber.

Slidell sagte Finney, dass das Verhör aufgenommen werde.

Finney schaute seinen Anwalt an. Charlie nickte und sagte ihm, er solle beginnen.

»Die Highschool war die reinste Hölle für mich. Mein einziger Freund war ein Mädchen namens Donna Scott. Eine Einzelgängerin, wie ich. Eine Außenseiterin. Donna und ich kamen zusammen, weil uns nichts anderes übrig blieb, weil wir von den anderen ausgegrenzt wurden und wegen unseres gemeinsamen Interesses an Videospielen. Wir verbrachten beide sehr viel Zeit online.«

»Lebt diese Donna Scott in Charlotte?«

»Ihre Familie zog im Sommer vor unserem Abschlussjahr nach L.A. Zu der Zeit kam sie mit dem Plan daher.« Finney schaute auf seine Hände hinunter. »Donna hatte die Idee von dem Videospiel GraveGrab. Ist ein ziemlich miserables Spiel, aber sie mochte es, und deshalb spielten wir es. Im Grunde genommen geht’s darum, dass man auf einem Friedhof herumläuft und in Gräbern buddelt und dabei versucht, nicht von Zombies getötet zu werden.«

»Wie sah Donnas Plan aus?«, fragte ich.

»Dass wir etwas aus einem Grab stehlen. Ich dachte nicht, dass wir es tatsächlich durchziehen würden, aber ich konnte mir gut vorstellen, dass ein Ausflug auf einen Friedhof eine Sause sein würde.« Finney atmete tief ein und stieß die Luft durch die Nase wieder aus. »Donna stand auf die Gothic-Szene. Ich nicht, aber ich war gern mit ihr zusammen.«

»Haben Sie den Plan ausgeführt?«

Finney nickte. »Donna war ganz aufregt wegen des Umzugs, wusste aber, dass ich deswegen deprimiert war. Sie meinte, wir sollten aufteilen, was immer wir stehlen würden; sie würde die eine Hälfte behalten und ich die andere. Sie wissen schon, der alte Trick, wenn Leute eine Nachricht schreiben oder eine Karte zeichnen und dann in zwei Hälften reißen. Wenn man sich später wiedertrifft, fügt man die zwei Hälften zusammen. Donna meinte, so würden wir spirituell in Verbindung bleiben.«

»Was für ein Friedhof?«, fragte Slidell.

»Elmwood Cemetery.«

»Wann?«

»Vor sieben Jahren. Im August.«

»Erzählen Sie.«

»Donna hatte Elmwood ausgesucht, weil da angeblich irgendein alter Westernstar begraben liegen soll.«

»Randolph Scott?«, vermutete ich.

»Ja. Da sie auch Scott hieß, fand sie es cool, sich was von ihm zu besorgen.«

Randolph Scott war männlich, weiß und zum Zeitpunkt seines Todes neunundachtzig Jahre alt. Das passte nicht zu meinem Profil einer jungen Schwarzen.

»Hatten Sie Erfolg?«, fragte ich.

»Nein. Wir trafen uns für eine Mitternachtsvorstellung der Rocky Horror Picture Show und gingen dann zum Elmwood. Das Tor war offen. Donna hatte eine Taschenlampe dabei, ich eine Brechstange.«

Finneys Blick wanderte zu seinem Anwalt. Charlie nickte.

»Wir suchten nach Siechst Grab, konnten es aber nicht finden. Schließlich stolperten wir über eine oberirdische Gruft, in einer ganz anderen Abteilung, wo es nicht so viele große, prächtige Grabsteine gab. Sah aus wie ein Ding, wo man uns nicht entdecken würde. Die Angeln waren verrostet. Ich musste mit der Brechstange nur ein paar Mal kräftig drücken.«

»War irgendwo ein Name eingraviert?«, fragte ich.

»Ich kann mich nicht erinnern. Es war dunkel. Auf jeden Fall gingen wir hinein, stemmten einen Sarg auf, schnappten uns einen Schädel und einen Unterkiefer und ein paar andere Knochen und machten uns aus dem Staub. Um ehrlich zu sein, mir war die ganze Sache inzwischen ziemlich unheimlich, ich wollte einfach nur weg. Donna meinte, ich sei ein Weichei. Sie war total begeistert. «

»Nur damit ich das richtig verstehe. Sie behaupten, Sie hätten den Unterkiefer behalten und Donna den Rest?«

Finney nickte als Antwort auf Slidells Frage.

»Wie kam Cuervo an die Knochen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Haben Sie Adresse und Telefonnummer dieser Donna?«

»Nein. Ihre Familie zog bald danach um. Sie sagte, sie würde mal schreiben oder anrufen, hat es aber nie getan.«

»Sie haben Sie nie wiedergesehen oder mit ihr geredet?«

Finney schüttelte betrübt den Kopf.

»Wer ist ihr Vater?«

»Birch. Birch Alexander Scott.«

Slidell notierte sich den Namen. Unterstrich ihn zweimal.

»Sonst noch was?«

»Nein.«

Schweigen füllte den winzigen Raum. Finney durchbrach es.

»Sehen Sie. Ich war ein verwirrter Junge. Vor vier Jahren entdeckte ich dann Wicca. Zum ersten Mal werde ich akzeptiert. Die Leute mögen mich, so wie ich bin. Ich bin jetzt ein anderer.«

»Klar doch«, sagte Slidell. »Sie sind der verdammte Erzbischof von Canterbury.«

»Wicca ist eine erdorientierte Religion, die einer Göttin und einem Gott huldigt.«

»Spielt Luzifer auch mit?«

»Weil wir einem Glaubenssystem anhängen, das sich von der traditionellen judäo-christlichen Theologie unterscheidet, glauben die Unwissenden, wir würden auch Satan anbeten. Dass, wenn Gott die Summe alles Guten ist, es auch ein entsprechend negatives Wesen geben muss, das die Verkörperung des Bösen ist. Satan. Wir Wiccaner glauben das nicht.«

»Sie sagen also, es gibt keinen Teufel?«

Finney zögerte kurz und wählte seine Worte sorgfältig.

»Wiccaner glauben, dass die gesamte Natur aus Gegensätzen besteht und dass diese Polarität Teil jedes Menschen ist. Gut und Böse sind im Unterbewusstsein des Menschen eingeschlossen. Wir glauben, dass es die Fähigkeit ist, sich über destruktive Triebe zu erheben, negative Energie in positive Gedanken und Handlungen umzuleiten, die normale Menschen von Vergewaltigern und Massenmördern und anderen Soziopathen unterscheidet.« …