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Kathy Reichs - „Knochen zu Asche“

ISBN: 9-783-453-43656-5

 

Klappentext:

Als junges Mädchen musste Tempe Brennan erleben, wie ihre beste Freundin Evangeline unter mysteriösen Umständen zum Vermisstenfall wurde. Dreißig Jahre später reißt ein Skelettfund im kanadischen Nova Scotia alte Wunden auf. Hängen diese Knochen mit Evangelines Verschwinden zusammen? Ein kleines vergilbtes Versbuch könnte die Antwort verraten.

 

Inhalt:

Ein weibliches Skellet landet bei der Anthropologin auf dem Tisch. Sie soll Identität und Todesursache heraus finden.

Temperance erinnert sich an eine Freundin aus Kinderwagen, die von heute auf morgen von der Bildfläche verschwunden war. Mit ihrer Schwester hat sie schon damals recht geschickte Ermittlungen angestellt, um etwas heraus zu finden. Doch sie ist auf eine Mauer des Schweigens gestoßen.

Nun ist ihr ihre Schwester wieder behilflich. Gemeinsam versuchen sie etwas über den Verbleib von Evangeline und über die inzwischen mehr gewordenen sterblichen Überreste heraus zu finden.

 

Leseprobe:

… Zum Teufel, ich war müde.

Wie bei den vorhergehenden Themen gab es auch hier zerebrale Meinungsunterschiede.

Trennung, prophezeite die Pessimistenfraktion.

Nie und nimmer, entgegneten die Optimisten.

Die Pessimisten präsentierten eine Filmszene. Der Stadtneurotiker. Wie Alvie und Annie ihre Habseligkeiten aufteilen.

Wir hatten nie zusammengewohnt, aber ich hatte Nächte in Ryans Wohnung verbracht, er in meiner. Waren Besitztümer gewandert? Wollte Ryan vielleicht CDs zurück?

Ich machte eine Liste seiner Sachen in meiner Wohnung. Der Korkenzieher. Eine Zahnbürste. Eine Flasche Boucheron Aftershave.

Charlie?

Er hat mit Familienstand nichts mehr am Hut.

Er hat sich verabschiedet.

Warum dann die Umarmung?

Er ist spitz.

»Jetzt reicht’s«. Ich schaltete das Radio ein.

Garou säuselte Seul. Einsam.

Ich schaltete wieder aus.

 

Birdie begrüßte mich, indem er sich auf die Seite legte, alle viere von sich streckte und sich auf den Rücken drehte. Ryan nannte das Manöver »Fallen und Abrollen«.

Ich kraulte dem Kater den Bauch.Anscheinend spürte er die Anspannung in meiner Berührung. Er stellte sich wieder auf die Füße und starrte mich an, die Augen gelb und rund.

Zum Teil Ryan. Zum Teil Obéline. Zum Teil koffeininduzierte Fahrigkeit.

»Tut mir leid, mein Großer. Hab einfach viel am Hals.«

Als Charlie meine Stimme hörte, mischte er sich ein. »… love drunk off my hump.«

Die Black Eyed Peas. Das Geld für die Trainings-CD hat sich gelohnt, Ryan.

Aber warum gerade diese Zeile über Liebeskummer?

Wenn bei meinem Rauchmelder die Batterie schwach wird, schrillt er, bis eine frische eingelegt wird. Das passierte einmal in einer Woche, in der ich Charlie alleine lassen musste. Die nächsten drei Monate schrillte der Papagei. Auf den Rhythmus kommt es an, sagte ich mir. Nicht auf die Texte.

Ich legte die Papagei-Trainings-CD auf, füllte seine Futter-und Wasserschalen und fütterte die Katze. Dann ging ich von einem Zimmer ins andere und vergaß jedes Mal, warum.

Ich brauchte Bewegung.

Ich zog meine Laufschuhe an, joggte zuerst den Hügel hoch und wandte mich dann nach Westen. Gegenüber in Richtung Sherbrooke lag das Anwesen von Le Grand Séminaire, wo ich vor vielen Jahren eine Leiche geborgen hatte. Einer der ersten Fälle, die ich mit Ryan bearbeitet hatte.

Noch immer kein Regen, und der Luftdruck war kein bisschen gesunken. Schon nach wenigen Blocks schwitzte ich und atmete schwer. Die körperliche Anstrengung tat mir gut. Ich rannte an Shriner’s Temple, Dawson College und dem Westmount Park vorbei.

Nach eineinhalb Meilen machte ich kehrt.

Diesmal keine Begrüßung von Birdie. In meiner Hast, hatte ich die Tür zum Arbeitszimmer offen gelassen.

Katze und Vogel hockten sich Auge in Auge gegenüber. Federn und Hülsen lagen auf dem Boden verstreut, wobei keine der beiden Spezies besonders aufgeregt wirkte. Aber Action hatte es in meiner Abwesenheit zweifellos gegeben.

Ich scheuchte Birdie aus dem Zimmer und stellte mich unter die Dusche.

Während ich mir die Haare föhnte, meldeten sich meine Gehirnzellen wieder.

Wimperntusche und Rouge.

Rausputzen für einen alten Hut?

Will mich ja auch selber im Spiegel anschauen können.

Red’s dir nur ein.

Ich tupfte Issey Miyake auf.

Flittchen.

 

La Maison du Cari ist ein Kellerlokal an der Bishop, gegenüber der Concordia University Library. Ben, der Besitzer, erinnertsich an die Vorlieben eines jeden Stammgastes. Meine stand außer Frage. Bens Korma ist so gehaltvoll, dass es ein Lächeln sogar auf das Gesicht des blasiertesten Gourmets zaubert.

Als ich die Stufen hinunterstieg, sah ich Ryans Haarschopf durch das kleine, vordere Fenster. Ziemlich unscharf. Curry, brillant. Tandoori, phänomenal. Saubere Scheiben, vergiss es.

Ryan trank Newcastle Ale und knabberte Papadum. Ich hatte mich kaum gesetzt, als schon ein Diet Coke vor mir stand. Viele Eiswürfel. Eine Scheibe Limone. Perfekt.

Nachdem wir das Neueste von Bens Tochter in Schweden gehört hatten, bestellten wir. Hühnchen-Vindaloo. Lamm-Korma. Channa Masala. Gurken-Raita. Nan.

Die Unterhaltung begann bei dem neutralen Thema Phoebe Jane Quincy.

»Kann sein, dass wir eine Spur haben. Das Mädchen hatte kein Handy, die beste Freundin schon. Jetzt hat sie endlich gestanden, dass sie Phoebe erlaubt hatte, Anrufe zu machen, die sie zu Hause nicht machen konnte. Die Aufzeichnungen des Anbieters zeigen eine fremde Nummer. Wurde in den letzten drei Monaten acht Mal gewählt.«

»Der Freund?«

»Fotostudio. Eher untere Schublade, drüben auf dem Plateau. Vermietet an einen Kerl namens Stanislas Cormier.« Ryan spannte die Kiefermuskeln an, entspannte sie wieder. »Cormier hat der Kleinen versprochen, aus ihr ein Supermodel zu machen. «

»Hat dir das die Freundin erzählt?«

Ryan nickte. »Quincy hielt sich für die nächste Tyra Banks.«

»Hast du dir Cormier geschnappt?«

»Hatte einen wunderbaren Nachmittag mit dem Trottel. Er ist so unschuldig wie Bambi.«

»Seine Erklärung für die Anrufe?«

»Behauptet, Quincy hätte ihn in den Gelben Seiten gefunden. Wollte eine Fotosession. Der aufrechte Bürger fragte sie nach ihrem Alter, hörte dreizehn und meinte, ohne Eltern geht nichts.«

»Sie hat acht Mal angerufen.«

»Cormier meinte, sie ließ sich nicht abwimmeln.«

»Glaubst du ihm?«

»Was denkst du?«

»Hat er die Marilyn-Aufnahme gemacht?«

»Behauptet, dass er davon nichts weiß.«

»Kannst du ihn festhalten?«

»Wir finden schon einen Grund.«

»Und jetzt?«

»Wir warten auf einen Durchsuchungsbeschluss. Sobald der da ist, stellen wir das Studio auf den Kopf.«

»Was ist mit LaManches Wasserleiche aus dem Lac des Deux Montagnes? Hat sich mit den neuen Daten über Alter und Rasse, die ich dir gegeben habe, was Neues ergeben?«

»Sie ist weder in CPIC noch in NCIS.«

Das Essen kam. Ryan bestellte sich noch ein Newcastle. Während wir uns die Teller vollluden, fiel mir etwas aus einer früheren Unterhaltung ein.

»Hast du nicht gesagt, dass Kelly Sicard ebenfalls Model werden wollte?«

»Ja.« Ryan schob sich eine Gabel voll Curry in den Mund. »Stell dir vor.«

Wir aßen schweigend. Neben uns saßen zwei Jugendliche Hand in Hand und mit verschränkten Blicken da, während das Essen vor ihnen kalt wurde. Liebe? Lust? Wie auch immer, ich beneidete sie.

Schließlich kam Ryan auf den Punkt.

Er wischte sich den Mund, faltete die Serviette dann sorgfältig zusammen und legte sie auf den Tisch. Strich sie mit der Handfläche glatt.

»Ich muss dir was sagen. Es ist nicht einfach, aber du solltest es wissen.«

Eine Faust umklammerte meine Eingeweide.

»Lilys Probleme sind schlimmer, als ich dir erzählt habe.«

Die Faust öffnete sich ein wenig.

»Vor drei Wochen wurde sie verhaftet, weil sie in einer Blockbuster-Filiale DVDs geklaut hatte. Der Kollege rief mich sofort an. Ich ersetzte dem Besitzer den Schaden und konnte ihm eine Anzeige ausreden. So kam Lily nicht in den Computer. Dieses Mal noch nicht.«

Ryans Blick wanderte zum Fenster hoch, durch die Scheibe hindurch und in die Dunkelheit auf der Bishop.

»Lily ist heroinsüchtig. Sie stiehlt, um sich Geld für den Stoff zu besorgen.«

Ich zuckte mit keiner Wimper und schaute auch nicht zu dem Pärchen neben uns hinüber.

»Das Ganze ist zu einem großen Teil meine Schuld. Ich war einfach nie da.«

Lutetia hatte dir ihre Existenz verheimlicht. Ich sprach es nicht aus.

Ryans Blick wanderte wieder zu mir. Ich sah Schmerz und Schuldbewusstsein darin. Und noch etwas. Die Traurigkeit eines Endes.

Die Faust griff wieder fester zu.

»Meine Tochter braucht medizinische Hilfe. Psychologische Beratung. Das bekommt sie alles.Aber sie braucht auch ein richtiges Zuhause. Die Überzeugung, dass jemand an sie glaubt.«

Ryan nahm meine Hände in die seinen.

»Lutetia ist seit zwei Wochen in Montreal.«

Meine Brust wurde zu Eis.

»Wir haben stundenlang über die ganze Sache gesprochen.« Ryan stockte kurz. »Wir glauben, wir können Lily die Sicherheit geben, die sie braucht.«

Ich wartete.

»Wir haben beschlossen, es mit unserer Beziehung noch einmal zu versuchen.«

»Du gehst zu Lutetia zurück?« Ruhig und völlig im Gegensatz zu dem Aufruhr in mir.

»Das ist die schmerzhafteste Entscheidung, die ich je treffen musste. Ich habe kaum geschlafen. Ich habe an nichts anderes gedacht.« Ryan senkte die Stimme. »Und die ganze Zeit bekam ich dabei das Bild von dir und Pete in Charleston nicht aus dem Kopf.«

»Er wurde angeschossen.« Kaum hörbar.

»Ich meine davor. Du in seinen Armen.«

»Ich war hundemüde und völlig fertig nach zu viel Arbeit. Pete hat doch nur versucht, mich zu beruhigen.«

»Ich weiß. Ich muss gestehen, als ich euch beide das erste Mal zusammen sah, fühlte ich mich betrogen. Gedemütigt. ›Wie kann sie nur?‹, habe ich mich immer wieder gefragt. Ich hätte dich am liebsten auf dem Scheiterhaufen gesehen. An diesem ersten Abend habe ich mir eine Flasche Scotch gekauft und mich in meinem Zimmer zugesoffen. Ich war so wütend, dass ich das Telefon in den Fernseher geschmissen habe.«

Ich hob die Augenbrauen.

»Das Hotel hat mir sechshundert Dollar abgeknöpft.« Gequältes Lächeln. »Hör mal, ich will dich nicht kritisieren oder dir die Schuld zuschieben. Aber inzwischen ist mir klar, dass du von Pete nie ganz loskommen wirst.« Ryans Daumen streichelten meine Handrücken. »Und diese Erkenntnis hat mich dazu gebracht, über alles noch einmal gut nachzudenken. Vielleicht haben die Dichter und Liedermacher doch nicht recht. Vielleicht bekommen wir doch eine zweite Chance, um alles richtig zu machen.«

»Andrew Redford und Lutetia Streisand. So wie wir waren.« Das war erbärmlich und gemein. Aber ich konnte nicht anders.

»Das wird unsere Zusammenarbeit natürlich nicht beeinträchtigen. « Noch ein dünnes Lächeln. »Wir bleiben Mulder und Scully.«

X-Akten. Ex-Geliebte.

»Bei diesen Vermissten und Toten brauche ich deine Hilfe.«

Ich verkniff mir eine Erwiderung, die ich später bereut hätte.

»Und du bist dir ganz sicher?«

»Ich war mir in meinem ganzen Leben noch nie so wenig sicher. Aber eins weiß ich ganz genau: Ich bin es meiner Tochter schuldig, es zu versuchen. Ich kann nicht untätig zusehen, wie sie ihr Leben zerstört.«

Ich brauchte frische Luft.

Ich bot ihm weder Trost noch Hilfe an. Keinen Streisand-Witz. Keine Umarmung. …