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Lea Schmidbauer, Kristina Magalena Henn - „Ostwind- Aufbrauch nach Ora“

ISBN: 9-783-940-91911-3

 

Klappentext:

Mika ist endlich angekommen: Seit einem Jahr wohnt sie nun auf Kaltenbach, kann Ostwind sehen, wann immer sie möchte und auch Milan, der jetzt auf dem Hof arbeitet, ist an ihrer Seite. Außerdem ist Mika eine kleine Berühmtheit. Pferdebesitzer aus ganz Deutschland legen weite Strecken zurück, um das Therapiezentrum Kaltenbach zu besuchen. Alles könnte perfekt sein. Doch dann gibt es ein schreckliches Gewitter, ausgerechnet an dem Tag, an dem 34 ihr Fohlen zur Welt bringt. Danach ist nichts mehr, wie es war …

 

Inhalt:

Mika scheint am Ziel angekommen. Sie hat das Gestüt ihrer Oma gerettet, muss nicht mehr zur Schule und kann mit Pferden arbeiten. Aber so richtig glücklich ist sie nicht. Irgendetwas lässt sie mit ihren Kunden verzweifeln. Sie kann nicht verstehen, dass die Besitzer ihre Pferde nicht so verstehen, wie sie es kann.

Ein Wintergewitter verändert alles. Mika und Ostwind kommen von einem Ausritt wieder und 34 hat ihr Fohlen zur Welt gebracht, bekommt es aber selber nicht mehr mit...

Alle geben Mika die Schuld. Und Mika muss erst einmal verreisen. Sie geht mit Ostwind auf eine Reise in seine Heimat. Dort findet sie vieles über sich selber und auch ihr Pferd heraus.

 

Leseprobe:

… »Hallo, ich bin Mika und ich wollte einfach mal sehen, wo mein Pferd herkommt«, sagte sie probeweise zu einem buntgefiederten Huhn, das neben ihr im Sand scharrte. Das Huhn hielt irritiert inne und sah sie scharf an. Mika seufzte. »Genau. Klingt irgendwie blöd, was?«

In dem Moment ertönten laute Stimmen. Mika hob den Kopf. Drei ältere Herren, die aussahen wie Mafiabosse, saßen auf einer hölzernen Tribüne vor dem kleinen Reitplatz und beobachteten einen kleinen, dunkelbraunen Hengst, der von einem schmächtigen Jungen durch das sandige Viereck geführt wurde.

Er trug eine verblichene Baseballkappe über den kurzen blonden Haaren und seine braun gebrannten Arme schauten aus einem weißen Hemd hervor, das um seinen schmalen Körper flatterte. Die Geschäftmänner unterbrachen ihre lautstarke Diskussion, als der Junge mit dem Hengst vor ihnen stehen blieb. Einer der Männer bellte ihm etwas auf Spanisch zu und wedelte ungeduldig mit der Hand, doch der Junge schüttelte energisch den Kopf. Der Mann stand auf, quetschte seinen massigen Körper mit einiger Mühe unter dem Gatter durch und kam drohend auf ihn zu. Er riss dem Jungen den Strick aus der Hand und wollte mit dem Pferd loslaufen, um eine schnellere Gangart zu präsentieren. Doch das Pferd lief nicht mit. Stattdessen stieg es wiehernd auf die Hinterbeine und buckelte in wildem Zickzack-Galopp über den Platz. Der dicke Mann wurde mitgerissen, bis sich die Sicherung des Stricks vom Halfter löste und er unsanft auf seinem Hinterteil landete. Gelächter hallte über die Tribüne – der Anblick dieser Zirkusnummer versetzte die übrigen Herren offenbar in beste Stimmung. Auch Mika musste unwillkürlich grinsen.

»SAM!«

Eine strenge Stimme hallte über den Platz und augenblicklich hielten alle inne. Sogar der braune Hengst bremste aus vollem Galopp und sah wie alle anderen zu dem breitschultrigen Mann mit Vollbart, der jetzt am anderen Ende des Platzes aufgetaucht war. Mika blinzelte verwirrt. Hatte sie eben richtig gehört?

»Sam, es reicht! Bring ihn weg«, befahl der Bärtige in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Mit gesenktem Kopf spurtete der Junge über den Platz, hakte den Strick ins Halfter des Pferds und führte es schnell vom Platz. Der kleine Hengst folgte ihm, ohne zu zögern.

Mika stand auf, als der Junge auf sie zukam und merkte erst, dass sie ihn wohl ziemlich blöde anstarrte, als er sie unfreundlich anblaffte.

»Was glotzt du denn so?«

Mika fand immer noch keine Worte. Er sprach deutsch. Er hieß Sam. Sam wie … ihr Sam! Der Junge blieb vor ihr stehen und sah sie angriffslustig an.

»Du heißt Sam?«, fragte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte und im selben Moment merkte sie, dass irgendetwas nicht stimmte.

»Ja UND? Hast du ’n Problem damit?«, fragte er drohend und jetzt wusste Mika, was es war. Dieser Sam war eben kein Sam. Dieser Sam war … ein Mädchen. Und als hätte sie ihre Gedanken gehört, fügte sie hinzu.

»Samantha, okay? Aber wenn du deine Zähne behalten willst, nennst du mich besser nicht so.«

»Okay. Okay.« Mika hob beschwichtigend die Hände. »Und du sprichst deutsch?« Sie hätte wirklich gerne ein paar schlauere Fragen gestellt, aber das war alles etwas zu viel und etwas Besseres gab ihr Hirn nicht mehr her.

Das Mädchen namens Sam zog eine Augenbraue hoch.

»Weil meine Eltern aus Deutschland sind. Aber deshalb bist du doch hier, oder nicht?«, antwortet sie mürrisch.

»Äh?«, kam es hilflos von Mika zurück.

»Na ja, ihr komischen Work-and-Travel-Leute wollt doch so gerne ins Ausland, aber da auf keinen Fall eine fremde Sprache sprechen. Deshalb haben wir fast immer nur Deutsche hier. Du bist übrigens über ’ne Woche zu spät! Kannst froh sein, dass wir deinen Platz noch haben, Sonja.«

»Sonja«, echote Mika nun endgültig verwirrt.

»Das bist du doch, oder?« Sam klang nun, als wäre ihr die merkwürdig einsilbige Besucherin plötzlich nicht mehr ganz geheuer.

Work and Travel? Davon hatte Fanny ihr doch schon hundert Mal vorgeschwärmt, aber weil sie bei den Fernweh-Monologen ihrer Freundin meist auf Durchzug schaltete, musste Mika erst in ihrem Hirn kramen. Endlich begriff sie. Reisen und Arbeiten!

»Sonja! Work and Travel – aus Deutschland. Ja«, nickte sie plötzlich begeistert. Bingo! Das war die Lösung. Mika hätte vor Freude fast einen Salto gedreht.

Doch Sam musterte sie nun misstrauisch.

»Ok-ay. Du siehst nur irgendwie gar nicht aus wie 19.«

»Ich bin klein für mein Alter«, sagte Mika und sah todernst auf das jungenhafte Mädchen hinunter, das einen guten Kopf kleiner war als sie. Sam zögerte noch einen Moment, doch dann zuckte sie mit den Schultern. Diese Globetrotterinnen waren einfach alle durchgeknallt.

»Dann komm. Ich bring Cortado weg und zeige dir dann deine Unterkunft.« Sie wollte sich gerade in Bewegung setzen, als ihr Blick auf Ostwind fiel, der die ganze Zeit geduldig neben Mika im Schatten der Palmen gestanden hatte.

»Was ist das denn?«, fragte sie baff.

»Ein Pferd. Schwarz«, stellte Mika sachlich fest und legte eine Hand auf Ostwinds Rücken. »Das ist meins. Ostwind«, fügte sie dann mit einem Lächeln hinzu und fühlte, wie ihr Herzschlag einen Zahn zulegte. Kannte Sam den Namen? Würde sie ihn vielleicht sogar wiedererkennen? Vielleicht … doch das blonde Mädchen schüttelte nur ungläubig den Kopf.

»Also, deine Vorgängerin hat ihr eigenes tragbares Klo mitgebracht und wir hatten mal einen, der hatte ’ne zahme Boa Constrictor dabei – aber mit Pferd ist noch niemand gekommen.«

»Ist das ein Problem?«, fragte Mika schnell und versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Sam schob sich ihre Baseballmütze in den Nacken und zum ersten Mal erschien so etwas wie ein Grinsen auf ihrem ernsten Gesicht.

»Na sagen wir so: Wenn wir ’ne zwei Meter lange Würgeschlange überlebt haben, sollte ein Pferd kein Problem sein. Wir haben ja selbst ein paar davon.«

Mit einigen Metern Abstand folgten Mika und Ostwind Sam über den Hof. Sie ging zielstrebig auf das flache Stallgebäude zu. Mika fiel auf, dass der braune Hengst, der vorher wie ein wilder Mustang über den Platz gebuckelt war, dem Mädchen so selbstverständlich folgte wie ein Fohlen seiner Mutter. Der Strick an seinem Halfter hing nur lose durch und Mika spürte, dass Sam ihn nicht einmal gebraucht hätte.

Sie beschleunigte ihren Schritt, um die beiden einzuholen.

»Hey, ist das dein Pferd?«, fragte sie besonders nett. Und auch, um den seltsamen Eindruck, den Sam von ihr haben musste, ein bisschen aufzubessern. Die blieb abrupt stehen und sah Mika an. Ihr Blick war plötzlich wieder abweisend.

»Nein. Er ist ein Verkaufspferd. Wir leben hier vom Verkauf, okay? Ich habe gar keine ZEIT für ein eignes Pferd.« Es klang scharf. Mika hatte offenbar etwas Falsches gesagt und war nun wieder in Ungnade gefallen.

»Ich dachte nur …«, begann sie, aber sie sprach den Satz nicht zu Ende. Wenn sie dem kratzbürstigen Mädchen jetzt noch erklärte, dass der braune Hengst ein besonderes Vertrauen zu ihr hatte, würde die sie wohl für komplett verrückt halten.

»Besser nicht zu viel denken, Sonja«, kam prompt die schroffe Erwiderung und dann waren sie auch schon bei den Stallungen angekommen.

Sam wies Mika eine geräumige Box für Ostwind am Ende der langen Stallgasse zu. Durch eine teilbare Stalltür konnten die Pferde ihre Köpfe auf einen überdachten Laubengang zum Innenhof hinausstrecken und hatten so zumindest eine andere Aussicht als nur auf die Wände, die sie einsperrten. Behutsam nahm Mika Ostwind den Lammfellsattel ab und befreite ihn von den Satteltaschen, die sie sich über die Schulter warf. Der Hengst war ihr ohne ein Anzeichen von Widerwillen in die Box gefolgt und stand jetzt müde mit gesenktem Kopf da. Noch vor ein paar Tagen hätte es all ihrer Überredungskunst bedurft, um Ostwind dazu zu bringen, in einem geschlossenen Raum zu bleiben, doch jetzt schien ihm das egal zu sein. Mika strich ihm sanft über den Rücken. Zu gerne hätte sie sich eingeredet, dass seine gleichmütige Ruhe ein gutes Zeichen sei – schließlich war das hier so etwas wie sein Zuhause –, aber ihr Gefühl sagte etwas anderes.

»Hey, es wird besser werden, versprochen«, sagte sie sanft zu seinen sonst so lebhaften Ohren. »Wir sind ja gerade erst angekommen.«

»Ist nicht gerade ein Energiebündel dein Pferd, was?«, ertönte in diesem Moment eine spöttische Stimme neben ihr. Mika fuhr herum. Langsam aber sicher ging ihr diese weibliche Version von Sam auf die Nerven.

»Kümmere dich um deinen eigenen Kram, okay?«, sagte sie schärfer als sie wollte. Das freche Grinsen verschwand prompt aus Sams Gesicht.

»Mit Vergnügen. Nur leider gehört es zu meinem Kram, mich um euch Traveller-Susis zu kümmern. Also komm, ich zeig dir wo du wohnst.« Und ohne Mikas Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und ging davon.

Gemächlich schlenderte Mika hinter Sam her, die im Stechschritt über den Hof auf das imposante Haupthaus der Hacienda zulief. Mika freute sich nun wirklich auf ein weiches Bett und eine kalte Dusche, und das weiß getünchte Gebäude mit den freundlichen blauen Fenstern sah richtig einladend aus. Doch kurz bevor sie die Eingangstür erreicht hatte, drehte Sam plötzlich ab und führte Mika durch einen schmalen, dunklen Gang auf die Hinterseite des Hauses. Hier stand eine Reihe schiefer Bretterbuden, die aussahen, als hätte sie ein schielender Handwerker mit zwei linken Händen zusammengezimmert. Sam grinste, als hätte sie sich schon sehr auf diesen Moment gefreut.

»Bitte sehr, die Dame. Einmal die Präsidentensuite. Mit exklusiver Outdoor-Dusche«, sie zeigte auf einen Gartenschlauch, der mit einem rostigen Nagel am Stamm einer Zypresse befestigt war.

Mika biss sich auf die Unterlippe und setzte dann ein beglücktes Lächeln auf.

»Wunderbar! Das sieht ja noch viel besser aus als im Katalog«, sagte sie liebenswürdig. Dieser blöden Kuh würde sie sicher keine Genugtuung verschaffen, indem sie ihre Enttäuschung zeigte! Für einen Moment sah Sam Mika angriffslustig an, doch offenbar fiel ihr keine passende Retourkutsche ein und deshalb schüttelte sie einfach den Kopf, drehte sich um und ging davon. …