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Jaems Barcley - „Kind der Dunkelheit“

Bund des Raben 3

ISBN: 9-783-453-53380-6

 

Klappentext:

Sie sind Söldner und sie sind die Besten – sie nennen sich der »Bund des Raben«. Jetzt stehen sie vor ihrer größten Herausforderung, denn schwere Katastrophen erschüttern ihr Land Balaia und die Magie wendet sich plötzlich gegen die Menschen. Als bekannt wird, dass ein Kind dafür verantwortlich ist, beginnt eine wilde Hetzjagd. Denn das kleine Mädchen ist die Tochter von einem der Raben – und keiner weiß, wo sie zu finden ist.

 

Inhalt:

Das Kind der Dunkelheit ist die Tochter von Eriene und Denser. Die Kleine vereint eine riesige magische Energie in sich, mit der sie nicht klar kommt. Doch das wird zur Gefahr für sie. Zum einen droht diese mächtige Macht das Kind zu töten und zu im anderen können die Kollegien diese Kind nicht ausbilden. Sie ist zu mächtig.

Eriene flieht mit ihrer Tochter auf die Insel, auf die letzten Magier der Macht des Einen leben. Nur diese Frauen sind in der Lage Lyanas Energien zu bändigen.

Die Kollegien sind mit der Entwicklung nicht einverstanden. Die Macht des Einen darf ihrer Meinung nach keinen Einfluss mehr haben. Wenn das Kind nicht in einem Kolleg ausgebildet werden kann, muss es eben sterben.

Eine Verfolgungsjagd beginnt, deswegen findet der Rabe wieder zusammen. Die gealterten Männer tun alles in ihrer Macht stehende, um Lyana zu retten. Doch können Sie das auch?

 

Leseprobe:

... Die Überfahrt kam ihr quälend langsam vor, obwohl sie wusste, dass sie gute Fahrt machten. Erienne wusste auch, dass es vor allem ihre eigenen Ängste waren, aber die bohrende Unruhe ließ sich nicht vertreiben. Sie hätte am liebsten selbst in die Segel geblasen, obwohl der steife Wind jetzt schon weiße Pferde über die Wellen laufen ließ. Zweifellos war der Wind, der sie rasch vorantrieb, ein Produkt von Lyannas Bewusstsein. Gelegentlich sah sich der Kapitän auf dem Deck der Meerulme sogar verwundert um, weil der Wind mitunter willkürlich die Richtung wechselte, ohne dass Wolken zu sehen gewesen wären, die von ihm in die gleiche Richtung getrieben wurden.

Doch er war ein erfahrener Seemann, der das unberechenbare Südmeer und die Gestade um Calaius genau kannte. Die widersprüchlichen Informationen, die er sehen und fühlen konnte, störten ihn offensichtlich, doch er war sich seiner Fähigkeiten sicher und sorgte dafür, dass die Segel immer prall im Wind standen.

Erienne war wie jeden Morgen in der frühesten Dämmerung aufgestanden. Fasziniert beobachtete sie im Bug, mit dicken Wollhosen, Hemd und Mantel geschützt, wie das Licht am östlichen Horizont erwachte. An diesem Morgen konnte sie Balaia am Horizont erkennen. Es war ein klarer, heller Tag ohne Dunst. Der Anblick besserte ihre Laune und vertrieb die Ungeduld, die Ren’erei zugleich komisch und nervtötend gefunden hatte.

»Bleib nur ruhig«, hatte sie gesagt. »Du kannst ja sowieso nichts tun. Der Wind und das Schiff unterliegen nicht deiner Kontrolle. Wenn du dich entspannst, werden die Tage viel schneller vergehen.«

Erienne lächelte und drehte sich halb zu der hübschen jungen Elfenfrau um, die neben dem Kapitän am Steuerruder stand. Ren’erei hatte versucht, Erienne einige Übungen zur Beruhigung des Geistes zu zeigen, die jenen sehr ähnlich waren, die man in den Kollegien einsetzte, wenn ein Magier sein Mana erschöpft hatte. Ren’erei bat sie, sich ihr angespanntes Bewusstsein als Muskel vorzustellen, der sich durch Müdigkeit verkrampft hatte. Dann sollte sie sich vorstellen, wie er sich langsam löste und streckte, und wie das kühlende Blut wieder durch ihn strömte.

Sie hätte es problemlos tun konnte, aber sie wollte nicht, und auf ihr lächelndes Eingeständnis hin hatte Ren’erei verzweifelt die Arme gehoben und sich getrollt.

Inzwischen wünschte Erienne sich freilich, sie hätte sich etwas mehr Mühe gegeben. Sie war müde, denn seit dem Aufbruch von Herendeneth hatte sie keine Nacht ruhig geschlafen. Lyannas Schreie, die von Furcht und Schmerzen kündeten, hallten immer noch jede Nacht in ihrem Kopf, und ihre eigenen Ängste schreckten sie ein Dutzend Mal aus dem Schlaf.

Sie würde es überleben. Vor ihr ragte schon die Küste auf, und die Fahrt flussaufwärts bis Arlen sollte schnell gehen, wenn der Kapitän die Gezeiten richtig nutzte. Erienne hatte in dieser Hinsicht keine Bedenken.

Ihre Gefühle waren ein einziges Durcheinander. Sie wollte unbedingt Denser sehen, fürchtete aber seine Reaktionen, nachdem sie so lange keinen Kontakt gehabt hatten. Sie brauchte seine Stärke und seine Art zu denken, wollte aber nur ungern zugeben, dass sie das Gefühl hatte, versagt zu haben. Sie freute sich darauf, wieder mit dem Raben zusammen zu sein, obwohl sie wusste, dass auch die Sicherheit, die der Rabe ihr geben konnte, trügerisch wäre. Was konnten die Rabenkrieger schon tun? Darüber musste sie lächeln. Der Rabe hatte oft genug und gegen alle Wahrscheinlichkeit seine Ziele erreicht. Die Frage war lächerlich. Sie würden schon einen Weg finden.

Natürlich musste sie mit Problemen rechnen. Ilkar war sicherlich mit einer Rückkehr zum Einen Weg nicht einverstanden. Sie konnte gut verstehen, welche widerstreitenden Gedanken ihm durch den Kopf gingen. Vielleicht war er auch gar nicht dabei. Irgendwie nahm sie aber an, er werde sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, und sei es nur, um sich zu vergewissern, dass seinem Kolleg nichts Übles widerfahren konnte. Und was Denser anging  – nun ja, sein Kolleg verfolgte ganz eigene Interessen. Zweifellos würde man dort ungnädig reagieren, wenn er nicht vorbehaltlos für das Kolleg arbeitete. Aber zuerst einmal war er Vater und dann erst Xeteskianer, und er würde gegen sein eigenes Kolleg kämpfen, falls er glaubte, es bedrohe Lyannas Leben. In diesem Punkt, wie in so vielen anderen, zogen Erienne und er am gleichen Strang.

Egal, wie sie über das dachte, was sie in Balaia vorfinden würde, ihre stärksten Gefühle galten dem Kind, das sie hatte zurücklassen müssen. Die arme Lyanna. Das unschuldige Mädchen steckte mitten in einem Spiel, in dem es keine Regeln und keine klaren Fronten und keine Möglichkeit gab, einen eindeutigen Sieg zu erringen. Erienne sehnte sich nach dem kleinen Gesicht, nach dem entzückenden Lächeln, nach den wunderschönen Augen. Und sie fürchtete, sie würde es nie wiedersehen, wenn diese Mission scheiterte und die Dordovaner etwas über Herendeneth erfuhren.

Der auffrischende Wind trieb den Bug der Meerulme in die nächste Welle, die Gischt flog hoch in die Luft und spritzte übers Vordeck. Erienne wischte sich den Wasserfilm aus dem Gesicht, drehte sich um und ging zum Ruderdeck. Nach sechs Tagen auf See hatte sie keine Probleme mehr, das Gleichgewicht zu halten.

Sie stieg die Leiter hoch und sah auf einmal Ren’erei vor sich stehen. Die Elfenfrau lächelte sie an, die grünen Augen blitzten.

»Es wird wohl ein wenig ungemütlich da unten, was?«, fragte sie.

»Nein. Ich habe mich heute schon gewaschen, das ist alles«, antwortete Erienne. »Wie weit ist es noch?«

Der Kapitän antwortete ihr. Sein Gesicht war rot und zusammengekniffen, die starken Hände lagen unerschütterlich wie Felsen auf dem Steuerruder. »Höchstens noch anderthalb Tage. Weniger, wenn wir über Nacht flussaufwärts fahren, und genau das habe ich vor.« Seine Stimme war melodisch und sanft, ganz anders als wenn er seinen Matrosen Befehle zubrüllte.

Erienne nickte. »Dann ist es Zeit, dass ich mit Denser Kontakt aufnehme. Ich bin in meiner Kabine und möchte nicht gestört werden.«

»Ich passe vor der Tür auf.« Ren’erei meinte es ernst.

»Ach, das ist doch nicht nötig«, sagte Erienne lächelnd.

»Trotzdem.«

Erienne ging unter Deck und drehte sich vor der Kabinentür noch einmal zu Ren’erei um.

»Wahrscheinlich wirst du überhaupt nichts hören«, erklärte sie. »Aber wenn du etwas hörst, dann mach dir keine Sorgen. Gelegentlich ist das Auflösen einer Kommunion etwas schmerzhaft.«

»Viel Glück«, sagte Ren’erei.

»Danke.« Sie zog die Tür zu, legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Als sie sich aufs Mana-Spektrum einstimmte und nach dem Ausschlag suchte, an dem sie Denser erkennen konnte, betete sie, er möge sich in Reichweite befinden, und noch mehr, er möge bereit sein, auf ihren Ruf zu antworten.

Sie sollte nicht enttäuscht werden. …