ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Kathy Reichs - „Das Grab ist erst der Anfang“

ISBN: 9-783-453-43550-6

 

Klappentext:

Tempe Brennan jagt einen Mörder. Ihren eigenen Forensikerin Tempe Brennan ermittelt bei einer Reihe seltsamer Todesfälle: Drei Frauen wurden ermordet, alle auf grausame, aber verschiedene Weise. Doch Tempe kann schließlich die Handschrift eines Serienkillers erkennen. Umso schockierter ist sie, als man ihr vorwirft, sie habe eine Autopsie manipuliert und ein Verbrechen vertuscht. Was Tempe nicht weiß: Ihre Arbeit wird sabotiert. Von jemandem, der sie um jeden Preis scheitern sehen will.

 

Inhalt:

Temperance muss einmal mehr auf mehreren Fronten kämpfen. Nicht nur, dass sie mehrere Sätze Knochen zu bearbeiten hat und jeder Fall total eilig ist, irgendwie scheint sie unkonzentriert zu werden. Knochen verschwinden. Sie scheint Fakten zu übersehen und eine kleine Pseudophorenzikerin scheint sie vorzuführen. Temperance muss bei ihrem Chef antanzen und wird in einem Fernsehinterview quasi als nicht mehr so gut verkauft.

Eine Lebensmittelvergiftung haut Tempe für drei Tage um, gibt ihr aber auch Zeit, über die Dinge nachzudenken.

Und dann ist da noch Ryan. Auf beruflicher Ebene müssen die beiden funktionieren. Was sie auch recht gut hin bekommen. Aber auf privater Ebene fahren Tempes Gefühle Achterbahn. Es geht nicht mit diesem Mann, aber auch nicht ohne.

 

Leseprobe:

… Nach Angaben von Police Officer Cyril Powers wurde am 28. Juli 2005 knapp südlich einer Brücke, die den Tri-State Tollway über die Thornton Quarry, den Thornton-Steinbruch also, trägt, eine Leiche mit dem Gesicht nach unten im Wasser treibend gefunden. Powers alarmierte das Personal der Material Service Corporation, die Besitzer und Betreiber des Steinbruchs, und forderte dann Enterhaken und einen Transporter der Leichenhalle an.

Die Überreste wurden unter der Nummer 287JULOS in die Leichenhalle aufgenommen. Der Fall wurde einem Pathologen namens Bandhura Jayamaran zugewiesen. Jayamaran schätzte das PMI, das postmortale Intervall, also die Leichenliegezeit, auf zwei bis drei Wochen.

Aufgrund von fortgeschrittener Fäulnis und schwerer Beschädigung des Schädels, darunter auch das völlige Fehlen der linken Gesichtsseite und des ganzen Unterkiefers, waren nur noch drei Zähne vorhanden, zwei vordere Backenzähne und ein hinterer Backenzahn oben rechts. Keiner wies unverwechselbare Merkmale oder Zahnrestaurationen auf.

Fingerabdrücke waren nicht mehr abzunehmen. Da Jayamaran zu dem Schluss kam, dass mit der Leiche nicht mehr viel anzufangen war, ließ er die Knochen vom Fleisch befreien und reinigen und für eine spätere anthropologische Untersuchung verwahren.

Einen Monat später wurde 287JUL05 von jemandem untersucht, der sich nur mit den Initialen ML auswies. Dieser ML kam nun zu dem Schluss, dass es sich bei dem Individuum um einen männlichen Weißen mit einem Alter von ungefähr fünfunddreißig Jahren und einer Größe von einem Meter siebzig, plus oder minus zwei Zentimeter, handelte. Die Altersschätzung basierte auf dem Zustand der Schambeinfuge, den kleinen Oberflächen, an denen die beiden Beckenhälften vorne zusammentreffen. Die Größe wurde anhand der Länge des Oberschenkelknochens errechnet.

ML stellte Verletzungen der Wirbel, der Rippen und des Schädels fest, die vom Sturz des Opfers in den Steinbruch verursacht worden waren, sowie verheilte, antemortale Brüche von Elle und Speiche rechts. ML gab keine Einschätzung in Bezug auf die Todesart ab.

MLs Profil des Toten wurde in die Datenbank der Vermisstenabteilung der Polizei von Chicago eingegeben und eine Woche später in die Datenbank des NCIC, des National Crime Informations Center des FBI. Keine von beiden ergab eine eindeutige Identifikation.

Am 4. September 2005 kam 287JUL05 auf ein Regal im Lagerraum des CCME. Seitdem lag er dort.

Okay, ML. Mal sehen, wie du dich geschlagen hast.

Zuerst ordnete ich die Schädelfragmente so an, dass das Ganze aussah wie ein explodierter Totenkopf. Dann legte ich die restlichen Knochen in anatomisch korrekter Anordnung zurecht.

Ich begann mit der Geschlechtsbestimmung, betrachtete zunächst den Schädel, dann das Becken.

Das rechte Stirnbein verbreiterte sich am unteren Rand, über der Augenhöhle, zu einem breiten, gerundeten Wulst. Das Hinterhauptbein zeigte genau in der Mitte des Schädels einen deutlich ausgeprägten Muskelansatz. Der Warzenfortsatz, ein Knochenstück, das hinter der Ohröffnung nach unten reicht, war beeindruckend.

Das Becken zeigte, nachdem ich es zusammengefügt hatte, einen kräftigen Schambereich mit einem spitzen Winkel unterhalb der Stelle, wo die beiden Hälften sich vorne berührten. Links und rechts wölbten sich die beiden Seiten nach oben hin zu einer tiefen, schmalen Kerbe unterhalb der Hüftschaufel.

Okay. Einverstanden. 287JUL05 war männlich.

Ich notierte mir das und wandte mich dann der Abstammung zu.

Das war schwieriger, weil kaum noch Gesichtsarchitektur vorhanden und der Schädel zu beschädigt war, um noch aussagekräftige Maße zu liefern. Dennoch sah ich, dass die Schädelform eher gemäßigt war, nicht besonders lang und schmal oder kurz und kugelfôrmig. Die Wangenkochen saßen eng am Oberkiefer, der Nasenrücken war hoch, die Nasenöffnung von gemäßigter Große.

Wieder einverstanden. 287JUL05 war weiß.

Ich notierte es mir und wandte mich dem Alter zu.

Auf dem linken Hüftknochen war der Schambeinfugenrand stark erodiert. Die rechte Seite war weniger beschädigt, und Details waren zwar abgeschürft, aber noch erkennbar. Ich trug den Knochen zu einem Mikroskop und betrachtete die Oberfläche unter Vergrößerung.

Und spürte ein Kribbeln im Nacken.

Ich kehrte zum Skelett zurück, nahm mir die vierten und fünften Rippen und trug sie ebenfalls zum Mikroskop. An der sternalen oder Brustseite endete jede Rippe in einer flachen Vertiefung, die von einer glatten Wand mit welligem Rand begrenzt wurde.

Noch ein Kribbeln.

Nachdem ich mir eine Osteometrietafel gesucht hatte, vermaß ich Oberschenkelknochen und Schien- und Wadenbein der rechten Seite. Ich betrachtete eben die Schätzwerte, die ich auf meinem Laptop mit Fordisc 3.0 errechnet hatte, als Corcoran durch die Tür kam.

»Gott im Himmel, Mädchen. Du bist immer noch da?«

»Kann sein, dass ich ihn gefunden habe.«

»Im Ernst?«

Ich deutete mit dem Kopf auf 287JULOS. »Jemand mit den Initialen ML untersuchte dieses Skelett.«

Corcoran machte ein nachdenkliches Gesicht und schüttelte dann den Kopf. »An einen oder eine ML kann ich mich nicht erinnern. Ich bearbeitete damals einen merkwürdigen Fall, schrieb sogar einen Artikel darüber im JFS. Hast du ihn gelesen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Das musst du dir anhören. Eine achtundsechzigjährige Frau wird bei einem Familienpicknick am 4.Juli zum letzen Mallebend gesehen. Danach hört zwei Wochen lang keiner etwas von ihr. Schließlich geht die Tochter nachsehen und findet auf dem Wohnzimmerboden eine Leiche. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass Mama nicht mehr allzu gut aussah.

Ich mache die Autopsie und finde nichts, was auf eine Todesursache hinweist, also klassifiziere ich sie als unklar. Als Nächstes erzählt mir ein Polizist, einer der Enkel habe zugegeben, die alte Dame erschossen zu haben. Offensichtlich brauchte der kleine Wichser Geld für Drogen, und Oma rückte nichts heraus. Ich bin skeptisch, weil ich keine perforierten Organe, keine eingekerbten Knochen, keine Kugeln oder Kugelfragmente und keine Metallspuren auf den Röntgenaufnahmen gefunden habe.«

»Aha.« Ich wollte nicht unhöflich wirken, aber der Fall interessierte mich nicht sonderlich.

»Aber diesem alten Sherlock hier lässt das keine Ruhe, und er nimmt sich die Dame noch einmal vor. Und rate mal, was ich gefunden habe?«

Ich machte mein »Ich bin beeindruckt«-Gesicht. »Anscheinend hatte sie sich bewegt, als der Junge den Abzug drückte. Ich finde einen Schusskanal genau durch die Muskeln, die parallel zum Rückgrat verlaufen. Obwohl kein lebenswichtiges Organ getroffen wurde, verblutete das Opfer wahrscheinlich.« Corcoran strahlte.

»Du bist ein Genie.« Ich wartete eine respektvolle halbe Sekunde. »ML hat es vermasselt.«

»Was? Ach so.«

Ich führte Corcoran zum Mikroskop.

»Schau dir die Schambeinfuge an.« Ich redete weiter, während Corcoran die Schärfe einstellte. »Diese Oberfläche verändert sich während des gesamten Erwachsenenlebens. Zu diesen Veränderungen gehört auch die Bildung eines Rands, der die Peripherie umkreist. Siehst du die Lücke an der Oberkante?«

»Auf der Bauchseite?«

»Ja.«

»Sehe ich.«

»Bei jungen Erwachsenen ist eine solche Lücke normal. Die ventrale, also die Bauchseite des Rands, bildet sich erst noch. Wenn Erwachsene altern, verschmelzen die Enden des Kreises, und der Rand ist komplett. Dann fängt der Rand an, sich wieder zurückzubilden. Auch das ist normal.«

»Erst bildet sich der Rand, dann bricht er wieder zusammen.«

»Genau. Leute mit geringer Erfahrung verwechseln diese beiden Stadien oft. ML sah diese Lücke und interpretierte sie fälschlicherweise als Rückbildung. Er oder sie schätzte das Alter auf fünfunddreißig.«

Corcoran schaute zu mir hoch.

»Der Kerl war viel näher an zwanzig, als er starb. Aber das ist nicht das einzige Problem.«

Corcoran verschränkte die Arme vor der Brust.

»ML benutzte ein veraltetes System der Größenbestimmung, maß ungenau und verließ sich auf zu wenige Knochen. Dann benutzte er oder sie ungeeignete Formeln für die Regressionsgleichungen und missinterpretierte die statistische Bedeutung der Schätzungen, die diese Gleichungen erzeugten. Soll ich die Fehler einen nach dem anderen mit dir durchgehen?«

»Nein.«

»ML schätzte die Große auf eins achtundsechzig bis eins dreiundsiebzig. Ich würde sie eher auf eins achtzig bis eins achtundachtzig schätzen.«

»Endergebnis?«

»287JULOS war ein eins achtzig großer Weißer, der mit ungefähr zwanzig Jahren starb.«

»Wie Lassie.«

»Genau. Hat euch die Navy antemortale Unterlagen geschickt, damit ihr sie parat hättet, falls ihr einen Unbekannten bekommt, auf den Tots Beschreibung passt?«

Corcoran zuckte die Achseln, um anzudeuten, dass er es nicht wusste. »Ich kann nachsehen. Das ist keine fünf Jahre her. Falls wir Tots Unterlagen bekommen haben, müssten sie immer noch da sein.«

Einige Augenblicke lang dachten wir beide darüber nach. »Irgendwelche Ideen in Bezug auf die Todesart?«

»Ich habe keine Hinweise gefunden.«

»Das ergibt keinen Sinn. Thornton liegt südwestlich der Stadt. Great Lakes ist praktisch schon Wisconsin. Wenn das der Enkel deines Freunds ist, dann hatte er, freiwillig oder unfreiwillig, eine ziemlich lange Fahrt hinter sich, und ich glaube, du hast mir gesagt, dass sein Auto nördlich der Stadt gefunden wurde.« …