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Paolo Bacigalupi - „Water – Der Kampf beginnt“

ISBN: 9-783-896-67530-9

 

Klappentext:

Das Wasser wird knapp: ein düsterer, actiongeladener Blick auf die Apokalypse Der US-amerikanische Südwesten kämpft erbittert um die letzten Wasserreserven und die Rechte am Colorado River. Das Gebiet wird von heftigen Sandstürmen heimgesucht, ganze Millionenstädte verelenden. Wer es sich leisten kann, wohnt in luxuriösen Arkologien, jeder andere ist Hitze, Staub und Nahrungsknappheit ausgesetzt. Kriminalität und Korruption greifen um sich. Angel Velasquez gehört zu einem Spezialeinsatzkommando der Wasserbehörde von Nevada, das die Reservoirs des Bundesstaates verteidigt und notfalls auch mit illegalen Methoden erweitert. Als das Gerücht aufkommt, dass in Phoenix eine neue Wasserquelle aufgetaucht ist, wird er dort hingeschickt, um zu ermitteln. Dabei trifft er die Journalistin Lucy Monroe, die der Quelle ebenfalls auf der Spur ist. Die beiden werden in einen Strudel aus Verrat und Gewalt hineingezogen, und Angel steht plötzlich im Fadenkreuz seiner eigenen Leute.

 

Inhalt:

Marie will fliehen. Sie will über den Fluss. Ans andere Ufer, da wo Wasser noch ausreichend vorhanden ist und man als Mensch noch leben und arbeiten kann. Doch Marie fehlt das Geld dazu. Deshalb zieht sie ein kleines Wassergeschäft auf. Sie bezieht es günstig an einer Pumpe des roten Kreuzes und verkauft es teuer an die Bauarbeiter, die die neue Arkologie hoch ziehen.

Doch man kommt ihr in die Quere. Das große Geld verwandelt sich in Verlust und Maria schuldet ihrer Freundin nun Geld.

Um es ihr zurück zahlen zu können, geht sie mit zu dem Kunden ihrer Freundin und verkauft ihren Körper. Doch auch hier bleibt das große Geld aus. Statt dessen kommt sie an einen Schatz, von dem sie nicht mal etwas weiß.

 

Angel, ein Waterknife, weiß aber inzwischen von diesen mehr als wertvollen Papieren. Es sind uralte Wasserrechte der Indianer. Und jeder will sie haben.

Angel gerät zwischendrin aber in Ungnade bei seinem Boss, für die er diese Rechte beschaffen soll. Für sie würde es mehr Geld bedeuten U d für ihn ein bequemes Leben. Aber er hat die Rechte nicht. Statt dessen hat er Lucy. Die beiden verbindet eine Art Hassliebe. Und als Lucy die Tragweite dieser Rechte bewusst wird, will auch sie die Papier finden. Allerdings aus einem anderen Grund als Angel.

Es kommt zu einem gewaltigen Showdown. Und am Ende siegt doch die Bequemlichkeit und der Egoismus.

 

Leseprobe:

… Entgegen Julios Behauptung sahen die beiden Männer für Angel verdammt nach CID aus. Angesichts der Tatsache, dass sich im Leichenschauhaus die Texaner stapelten wie Brennholz, ergab es Sinn, dass zwei Leute vom CID hier waren. Sogar Arizona musste sich ab und zu ein bisschen kümmern, und wenn auch nur, um den Touristen zu zeigen, dass der Staat nicht beabsichtigte, den Vorreiter für ethnische Säuberungen zu spielen.

Der Fotograf von der Metzgerpresse schoss immer noch Bilder. Sein Blitz explodierte dabei wie eine Bombe. Angel beobachtete den Mann, der flüssig und professionell die Leichen abarbeitete. Der Fotograf erinnerte ihn wieder an die Journalistin, die er hatte gehen lassen. Irgendetwas hatte mit ihr nicht gestimmt.

Warum hatte er sie dann gehen lassen?

Ohne die Kalis aus den Augen zu lassen, ging Angel zu dem Fotografen. Der versuchte gerade, den richtigen Blickwinkel für ein Bild zu finden. Mit einer Hand hob er das Laken über einer Leiche hoch, mit der anderen machte er das Foto.

Angel nahm einen Zipfel des Lakens und hielt es für ihn hoch. »Das Geschäft brummt, was?«

Der Fotograf nickte dankbar und fummelte an der Einstellung seiner Kamera herum. »Das können Sie laut sagen.« Er schaute durch den Sucher. »Könnten Sie das ein bisschen anheben? Danke.« Er schoss ein paar Fotos. »Ich will die Zahnlücken draufhaben. Die haben ihr alle Goldzähne rausgebrochen …«

Angel hob gehorsam das Laken hoch. »Darf ich Sie was fragen?«, sagte er. »Hier war doch eben noch diese Lady. Die mit Ihnen für die Metzgerpresse arbeitet.«

»Wer? Ach, Sie meinen wahrscheinlich Lucy.« Der Fotograf drückte wieder auf den Auslöser. Trat einen Schritt zurück, begutachtete den Blickwinkel. »Sie arbeitet nicht für die Metzgerpresse. Die Frau hat Pulitzer-Preise gewonnen.«

»Tatsächlich?« Angel ärgerte sich, dass er sie hatte gehen lassen. »Schätze, ich hätte wissen können, dass sie gut ist. Hat nämlich ziemlich schlaue Fragen gestellt.«

»Ja.« Der Fotograf nickte abwesend. Er war auf seine Arbeit konzentriert.

»Ich sollte ihr mit ein paar Hintergrundinformationen aushelfen, aber …« Angel deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf das Chaos. »Bei dem Durcheinander hier habe ich vergessen, mir Namen und Telefonnummer zu notieren.«

»Sie brauchen den Namen nur zu googeln. Lucy Monroe.« Der Fotograf ratterte die Telefonnummer auswendig herunter und schoss dabei weiter Fotos. »Ein bisschen höher, bitte.«

Aus dem Flur näherten sich laute Stimmen. Sie drehten sich beide um, rechneten mit dem nächsten Schwung Wüstenleichen, aber stattdessen drängten Familien in den Raum. Eine Flut an Menschen, und nicht nur Texaner. Anscheinend auch Einheimische. Ein Regenbogen aus Hautfarben. Schwarz und weiß, braun und gelb. Alle vereint in ihrem Verlust, an den hilflosen Polizisten vorbeiströmend, das Spanisch, das Englisch, der schleppende Dallas-Tonfall, angesichts der Trauer hörte sich alles ziemlich gleich an.

»O Mann, ist das nicht herrlich?«, sagte der Fotograf. Er mischte sich unter die Menschen. Angel drückte sich an eine Wand und behielt die weiterhin von Leiche zu Leiche gehenden Kalis im Auge.

Lucy Monroe. Pulitzer-Preisträgerin.

Die Kalis blieben neben James Sandersons Leiche stehen und riefen die chinesische Leiterin des Leichenschauhauses. Zwei adrette Burschen, die das gleiche Programm abspulten wie noch vor ein paar Minuten Angel und Julio.

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Die Gerichtsmedizinerin stritt sich mit den Kalis und gestikulierte dabei. Sie zeigten ihre Dienstmarken, und sie drehte sich um. Ihre ganze Haltung veränderte sich, als ihr Blick über das Chaos schweifte …

Sie deutete auf Angel.

Na, vielen Dank, Lady.

Angel grinste blasiert und tippte sich mit dem Zeigefinger an den imaginären Hut. »Zu langsam«, bedeutete er den Kalis lautlos.

Natürlich griffen sie sofort nach ihren Pistolen, aber da war Angel schon in die trauernde Menge eingetaucht.

Bei seiner Flucht stieß er beiläufig eine Trage mit zwei aufeinanderliegenden Leichen an, die hinter ihm auf den Boden fielen.

Die Kalis stürzten sich ins Chaos. Die Familien rasteten aus, als sie mitansehen mussten, was mit ihren Angehörigen geschah. Zeter und Mordio schreiend liefen sie den Kalis hinterher.

Angel schnappte sich einen Polizisten und hielt ihm seine Marke unter die Nase. »Schaffen Sie diese beiden Idioten hier raus! Das ist ein Ort der Trauer, verdammt noch mal!«

Er tauchte wieder in der Menge unter, bevor die Kalis die tobenden Angehörigen und die Wachen abschütteln konnten.

Sie waren gut. Einer schaffte es an den Polizisten vorbei.

Angel kämpfte weiter gegen den Strom der eintreffenden Leichen, Familien und Sanitäter an. Er riss einem toten Texaner das Laken vom Leib und lief in einen Seitengang.

Der Kali bog dicht hinter Angel in den Gang ein, als Angel plötzlich stehen blieb, sich umdrehte und dem Mann das Laken über den Kopf warf. Er zog ihn zu sich heran und rammte ihm den Ellbogen ins Gesicht. Der Kali riss die Waffe hoch, Angel packte das Handgelenk, schlug es gegen die Wand, die Pistole fiel auf den Boden. Dann zerrte er den Mann herum, nahm ihn in den Schwitzkasten und schleifte ihn durch den Gang.

Der Mann trat um sich, aus dem Laken drangen gedämpfte Schreie hervor.

»Polizei!«, rief Angel den Menschen zu, die sie anstarrten.

Er versetzte dem Mann noch einen Schlag und verstärkte für ein paar Sekunden den Würgegriff, bis der Kali erschlaffte.

Angel drehte ihn auf den Bauch, legte ihm zur Unterhaltung der Gaffer Handschellen an und schleifte ihn weiter durch den Gang, bis das Chaos hinter ihm lag.

Er schob den Mann unter eine Trage, nahm ihm Brieftasche und Ausweise ab und deckte ihn mit dem Laken zu. Dann ging er zurück in den Hauptraum des Leichenschauhauses und schaute sich nach dem anderen Kali um.

Er sah ihn sofort. Er stritt sich immer noch mit den Polizisten und den Angehörigen irgendeines Jungen herum, der in dem Chaos verloren gegangen war. Angel zog den Kopf ein und verschwand durch die Stahltüren ins Freie, wo er in der Hitze auf den nächsten Tumult zwischen Polizisten, Krankenwagen und texanischen Flüchtlingen stieß. Die glühende Sonne Arizonas verwandelte den Asphalt in eine klebrige Masse. Angel schob sich durch die Journalisten, immer darauf gefasst, dass ihn jemand verfolgte und einholte, aber es kam niemand.

Julio wartete auf dem Parkplatz auf ihn. Er sah aus, als würde er sich vor Angst in die Hose machen.

»Du hattest Recht«, sagte Angel, stieg in Julios Pick-up und warf ihm die Brieftasche zu. »Die beiden waren Kalis.«

Julio fing die Brieftasche auf. »Chinga tu madre. Ich hab’s dir gesagt.«

»Die waren ganz auf Vosovich und diesen anderen Toten fixiert.«

»Fantastisch. Du bist ja ein wahrer Sherlock Holmes.« Julio ließ den Motor an und drehte die Klimaanlage bis zum Anschlag auf. »Also, können wir dann endlich abhauen?«

»Klar, gib Gas.« Angel legte seinen Gurt an. »Ich glaube, als Nächstes schaue ich mir mal diese Journalistin genauer an.«

»Die Lady von der Metzgerpresse?«

»Anscheinend nicht nur von der Metzgerpresse. Eine richtige Journalistin. Bin mir ziemlich sicher, dass sie den anderen Toten, der genauso zugerichtet war wie Vos, kannte.«

»Den von der Wasserbehörde?«

»Ja. Der ohne Zunge. Mal sehen, vielleicht kann sie ja sprechen.«

»Erst mal müssen wir sie finden.«

Angel lachte, während Julio seinen Pick-up vom Parkplatz lenkte. »Journalisten findet man leicht. Die lieben Aufmerksamkeit.«

Julio umkurvte ein paar Sandhaufen, die die Straßenreinigung zusammengeschoben hatte, dann fuhren sie Richtung Innenstadt. Der Pick-up hüpfte über die rissige Betondecke des Highways. »Anders als wir«, sagte Julio.

Angel betrachtete durch die Fenster die ausgehöhlte Stadt. »Journalisten … als würden die alle von einer Todessehnsucht angetrieben.«

Julio wechselte die Spur und überholte ein Pärchen auf einem Roller. Beide trugen Ganzkopfhelme mit integrierten Atemschutzmasken, in denen sie aussahen wie die Sturmtruppen in Fallout 9. »Mann, die Leichen haben sich bis unters Dach gestapelt.«

»Und?«

»Vielleicht lege ich noch ein bisschen Geld in der lotería an. Die sind noch lange nicht mit Ausbuddeln fertig.«

»Verbringst du damit deine Zeit hier unten?«

»Lach nicht. Der Zahltag ist himmlisch. Kryptogeld, kann keiner nachverfolgen. Steuerfrei. Und?«

»Und was?«

»Willst du auch was anlegen? In der Halle eben, das waren mindestens hundert Leichen – plus was überall in der Stadt sonst noch so wegstirbt. Da ist wirklich was zu holen.«

»Hat dir deine Mutter nicht beigebracht, dass es nichts umsonst gibt?« …