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Michael Crichton - „Endstation“

ISBN: 9-783-453-43249-9

 

Klappentext:

Harry Benson leidet unter unkontrollierbaren Aggressionen. Er wird in eine Klinik eingeliefert und unterzieht sich einer Operation, bei der ihm ferngesteuerte Elektroden ins Gehirn implantiert werden. Doch Benson findet heraus, wie er die Impulse selbst steuern kann, und flieht aus dem Krankenhaus. Ein Psychopath ist unterwegs in Los Angeles, und sein Vorhaben ist tödlich.

 

Inhalt:

Mr. Benson ist ein geeigneter Patient für Stufe 3. Ihm sollen Elektronen ins Gehirn gepflanzt werden. Ein Computer, der unter der Haut seiner Schulter sitzt, soll die Steuerung übernehmen.

Harry Benson leidet an einer Form der Epilepsie. Die Anfälle machenuihn agressiv. Das hat ihm scbon Anklagen eingebracht. - Did Elektroden im Gehirn sollen das Anfallszentrum stimulieren und so einen Anfall verhindern.

Die Op verläuft zunächst glatt. Die Elektroden können schon am Folgetag programmiert werde. Die Überwachung zeigt an, dass die Stimulierungen immer öfter erfolgen. Für Harry sind sjezwie eine Droge. Aber das treibt ihn auch unweigerlich auf den nächsten Anfall zu. - Die Ärzte wollen eingreifen, aber Harry istzda schon längst über alle Berge.

Eine Verfolgungsjagd beginnt. Harry irrt als tickende Zeitbombe durch eine dicht bevölkerte Stadt. Und die Ärzte wollen ihn finden. Aber wollen sie das, um ihm zu helfen, oder soll das Experiment gerettet werden?

 

Leseprobe:

… Morris kam sich immer seltsam vor, wenn er auf dem Platz des Krankenhauses Tennis spielte. Die hochaufragenden Gebäude gaben ihm eine Art Schuldgefühl – die vielen Fensterreihen mit den Patienten dahinter, die nicht spielen durften, und dann die Akustik oder vielmehr das Fehlen der Akustik.

Die Autostraße führte dicht am Krankenhaus vorbei, und das ermutigende typische Geräusch beim Aufschlag der Tennisbälle wurde vom gleichmäßigen Rauschen der vorbeifahrenden Autos vollkommen verschluckt.

Es wurde allmählich dunkel, und er sah nicht gut in der Dämmerung. Der Ball überraschte ihn oft erst im eigenen Feld. Kelso war weniger behindert. Morris witzelte oft darüber, daß Kelso zu viele Karotten äße, aber woran es auch liegen mochte, es war jedenfalls demütigend, so spät abends mit Kelso zu spielen. Die Dämmerung begünstigte Kelso, und das störte ihn. Morris war ein schlechter Verlierer.

Er hatte sich seit langem darauf eingestellt, ständig in einem Wettbewerb zu stehen: Wettbewerb im Spiel, bei der Arbeit, bei Frauen. Janet Ross hatte dieses Thema schon einige Male gestreift, um es dann in der geschickten Art der geschulten Psychiaterin sofort wieder fallenzulassen. Morris störte das aber nicht. Für ihn war Wettbewerb ein Bestandteil seines Lebens und es kümmerte ihn nicht, was andere daraus schließen mochten: große Unsicherheit, das Bedürfnis nach Selbstbestätigung oder einen Minderwertigkeitskomplex. Ihm bereitete Wettbewerb Vergnügen; wenn er gewann, war er befriedigt.

Und bisher hatte er meist gewonnen.

Ein nicht unwesentlicher Grund für seinen Eintritt in die Neuropsychiatrische Forschungsabteilung war der Umstand gewesen, daß hier viel gefordert wurde und viel zu gewinnen war. Insgeheim hoffte Morris, noch vor seinem vierzigsten Lebensjahr Professor für Chirurgie zu werden. Seine bisherige Laufbahn war hervorragend – deshalb hatte Ellis ihn auch sofort akzeptiert -, und er war sehr zuversichtlich, was die Zukunft betraf. Es konnte später nur nützlich sein, wenn man hier chirurgisch gearbeitet hatte.

Alles in allem war er guter Laune und spielte eine halbe Stunde lang konzentriert, bis er müde wurde und nicht mehr genug sehen konnte. Er bedeutete Kelso mit einem Zeichen, daß er das Spiel beenden wollte. Ein Zuruf hatte bei dem Verkehrslärm wenig Zweck. Sie trafen sich am Netz und schüttelten sich die Hände. Morris stellte befriedigt fest, daß Kelso tüchtig schwitzte.

»Ein gutes Spiel«, sagte Kelso, »morgen um dieselbe Zeit?«

»Ich weiß noch nicht genau«, sagte Morris.

Kelso sah ihn fragend an. »Ach so«, sagte er. »Stimmt ja, Sie haben morgen einen großen Tag.«

»Ja, einen großen Tag.« Morris nickte. Mein Gott, hatte sich die Neuigkeit auch schon unter den Kinderärzten herumgesprochen? Er konnte es Ellis nachfühlen: Dieses vage, aber ständig vorhandene Bewußtsein, daß das ganze Krankenhaus ihn beobachtete und jede, auch die kleinste

Handlung registrierte.

»Dann viel Glück«, sagte Kelso.

Die beiden Männer gingen ins Krankenhaus zurück. Von weitem sah Morris die einsame Gestalt von Doktor Ellis, der leicht hinkend über den Parkplatz ging, in seinen Wagen kletterte und nach Hause fuhr.

 

Um sechs Uhr morgens saß Janet Ross in ihrer grünen Arbeitskleidung bei Kaffee und Kuchen im dritten Stock der chirurgischen Abteilung. Um diese Zeit herrschte hier Hochbetrieb. Die Operationen sollten zwar um sechs Uhr beginnen, aber sie fingen meistens erst fünfzehn oder zwanzig Minuten später an. Die Chirurgen saßen herum, lasen Zeitung oder diskutierten über die Börse und ihre Golf spiele. Von Zeit zu Zeit ging einer von ihnen und warf von den Beobachtungsrängen einen Blick hinunter in die OP's, um zu sehen, wie weit die Vorbereitungen gediehen waren.

Sie war die einzige Frau hier im Raum. Ihre Anwesenheit übte einen gewissen Einfluß auf das Verhalten der Männer aus. Es ärgerte sie, daß sie die einzige Frau war, und es störte sie auch, daß die Männer ruhiger und höflicher, weniger derb waren. Ein paar Männerwitze hätten sie überhaupt nicht gekümmert, und sie kam sich nicht gern wie ein Eindringling vor. Aber ein Störenfried war sie wohl immer schon gewesen, von ihrer frühesten Jugend an. Ihr Vater, ein Chirurg, hatte nie ein Hehl aus seiner Enttäuschung gemacht, daß er anstelle des gewünschten Sohnes nur eine Tochter bekommen hatte. Ein Sohn hätte genau in sein Lebensschema gepaßt. Am Samstagmorgen hätte er ihn mit ins Krankenhaus nehmen können, er hätte ihm die Operationssäle zeigen können – alles Dinge, die man nur mit einem Sohn anstellen kann. Eine Tochter, das war etwas ganz anderes, eine verwirrende Gegebenheit, die nicht ins Leben eines Chirurgen paßte, also ein Störenfried.

Sie sah die Kollegen der Reihe nach an und ging dann ans Telefon, um ihre innere Unruhe zu kaschieren. Sie wählte den siebenten Stock. »Hier Doktor Ross. Ist Mister Benson schon unterwegs?«

»Er wurde gerade weggebracht.«

»Wann?«

»Vor etwa fünf Minuten.«

Sie legte auf und ging zu ihrem Kaffee zurück. Ellis erschien in der Tür und winkte ihr zu. »Beim Anschluß des Computers gibt es fünf Minuten Verzögerung«, sagte er.

»Die Leitungen werden gerade verbunden. Ist der Patient schon vorbereitet?«

»Er wurde vor fünf Minuten oben weggebracht.«

»Haben Sie Morris gesprochen?«

»Noch nicht.«

»Hoffentlich kommt er bald«, sagte Ellis.

Irgendwie ging es ihr jetzt besser.

 

Morris fuhr, begleitet von einer Krankenschwester und einem Polizisten, im Aufzug hinunter. Benson lag auf einer Trage. Morris sagte zu dem Beamten: »Sie können hier nicht aussteigen, weil wir sofort in die sterile Einheit kommen.«

»Und was soll ich machen?« Der Mann wirkte eingeschüchtert. Er hatte sich den ganzen Morgen unsicher und fügsam gezeigt. Unter den Chirurgen kam er sich hilflos vor.

»Sie können alles von der Galerie im dritten Stock aus beobachten. Sagen Sie der Schwester in der Anmeldung, ich hätte die Genehmigung erteilt.«

Der Beamte nickte. Der Aufzug hielt im zweiten Stock. Als die Türen zurückglitten, sah man auf dem Korridor Leute hin- und hergehen, alle in grünen Kitteln. Ein großes Schild verkündete: STERILER BEREICH. KEIN ZUTRITT FÜR UNBEFUGTE. Die Aufschrift leuchtete drohend rot.

Morris und die Schwester schoben Benson aus der Kabine. Der irritierte Beamte blieb zurück. Er drückte auf den Knopf für den dritten Stock, dann ging die Tür wieder zu.

Morris schob Benson den Flur entlang. Nach einer Weile sagte Benson: »Ich bin noch wach.«

»Natürlich sind Sie das.«

»Aber ich will nicht wach sein.«

Morris nickte geduldig. Benson hatte vor einer halben Stunde die vorbereitenden Medikamente bekommen. Sie würden bald wirken und ihn schläfrig machen. »Wie fühlt sich Ihr Mund an?«

»Trocken.«

Also wirkte das Atropin schon. »Es ist alles in Ordnung.«

Morris selbst war noch nie operiert worden. Er hatte zwar Hunderte von Operationen ausgeführt, aber niemals eine an sich selbst erfahren. In den letzten Jahren machte er sich allmählich immer mehr Gedanken darüber, wie es wohl sein mochte, auf der anderen Seite des Zauns zu stehen. Er gab es zwar nicht zu, aber er stellte es sich schrecklich vor. …