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Thomas A. Barron - „Merlin – Wie alles begann“

ISBN: 9-783-423-21023-2

 

Klappentext:

Ein Junge wird an die Küste von Wales gespült, ohne Erinnerungen und Namen, an der Seite einer Frau mit saphirblauen Augen, die behauptet seine Mutter zu sein. Branwen, so nennt sie sich, und Emrys, so nennt sie den Jungen, finden Unterschlupf in einer kärglichen Hütte, weit ab vom Dorf, wo man Branwen für eine Hexe hält. In aller Zurückgezogenheit lehrt Branwen ihrem Sohn die Sagen der Griechen und das Wissen der keltischen Druiden ... doch über seine eigene Vergangenheit schweigt sie. Als Emrys an seinem Namen zu zweifeln beginnt und nach und nach seine übernatürlichen Fähigkeiten und deren dunkle Seite entdeckt, läuft er davon, um seine Wurzeln und das Geheimnis seiner magischen Kräfte zu ergründen. "Ich will wissen, wer ich wirklich bin." Abermals überlässt er sich den Wellen und gelangt so an einen nebligen Ort in der "Zwischenwelt": "Fincayra. Ein Ort vieler Wunder, von Barden vieler Zungen besungen. Sie sagen, es liegt auf halbem Weg zwischen unserer Welt und der Welt des Geist es - nicht ganz auf der Erde und nicht ganz im Himmel, sondern als eine Brücke, die beide verbindet." Berauscht taucht Emrys ein in die faszinierende Duft- und Farbenwelt Fincayras. Doch bald muss er entdecken, dass die geheimnisvolle Schönheit der Insel mit all ihren Fabelwesen von den bösen Mächten des Königs Stangmar bedroht wird. Und es scheint, als halte er, Emrys, den Schlüssel zur Rettung Fincayras in Händen! Farbenreich, poetisch und mit überbordender Fantasie schildert Thomas A. Barron die Jugend des weisen Zauberers und Lehrers Merlin. Tastend lässt er den Jungen seine Gedanken und Gefühle schildern, seine Haltlosigkeit und Verlorenheit, die staunende Freude über seine magischen Kräften und die Zweifel, sie umsichtig gebrauchen zu können.

 

Inhalt:

Ein Junge wird an einem Strand angespült. Ein Stück entfernt liegt auch eine Frau. Der Junge rettet sie und sich vor einem Keiler und beide lassen sich in einem Dorf, in einer ärmlichen Hütte nieder. Die Frau, die Emrys, dem Jungen, immer wieder versichert, seine Mutter zu sein, heilt die Menschen von manchem Leiden. Kümmert sich liebevoll um Emrys und weigeiert sich doch strikt, von der Vergangenheit zu erzählen.

Emrys hat es nicht leicht in dem Dorf. Er wird gehänselt, ausgegrenzt und hat darunter zu leiden, dass seine Mutter als Hexe gild. - Eines Tages weckt er ein Feuer, er kann nicht sagen wie er es gemacht hat. Doch ein Junge des Dorfes droht darin umzukommen. Emrys rettet ihn aus den Flammen, wird dabei aber selber so schwer verletzt, dass er erblindet.

Normalerweise wäre Emrys sein Leben nun besiegelt. Doch in einem Kloster entdeckt er sein zweites Gesicht. Das ersetzt ihm die fehlende Sehkraft und der Junge macht sich auf eine gefahrvolle Suche nach seiner Vergangenheit.

Emrys landet in einem Land, was einst sehr prächtig war. Er findet Freunde, verliert sie wieder und will doch nicht aufgeben. Am Ende kann er dann etwas über seine Vergangenheit erfahren und auch dem Land helfen. Doch bis da hin, ist es ein sehr gefährlicher und mühevoller Weg.

 

Leseprobe:

… Ein paar Sekunden lang rührten wir uns beide nicht. Selbst in dem schwachen Licht erkannte ich, dass sie etwa in meinem Alter war. Sie beobachtete mich und blieb dabei so ruhig wie einer der Bäume. Bis auf die Spur von Blau in ihren Augen hätte man sie fast für einen Baum halten können, so viel Grün und Braun war in ihrem Rankengewand. Doch die Augen konnten einem nicht entgehen. Sie blitzten wütend.

In einer fremden, rauen Sprache rief sie ein Kommando und winkte dabei mit der Hand, als wollte sie eine Fliege verscheuchen. Sofort wickelten sich die schweren Äste einer Hemlockstanne um meine Mitte, Arme und Beine. Die Äste hielten mich fest, und je mehr ich zappelte, umso fester drückten sie. Dann hoben sie mich hoch. Schwebend hing ich da und konnte mich nicht rühren.

»Lass mich herunter!«

»Jetzt fällst du nicht noch einmal.« Das Mädchen gebrauchte meine eigene Sprache, Keltisch, das ich in Gwynedd gesprochen hatte, aber mit einem merkwürdigen, singenden Akzent. Ihr Gesichtsaudruck wechselte von Zorn zu Heiterkeit. »Du kommst mir vor wie eine große braune Beere, allerdings keine schmackhafte.«

Sie pflückte eine dicke purpurrote Beere aus dem Moos zu ihren Füßen und steckte sie in den Mund, verzog das Gesicht und spuckte sie wieder aus. »Puh! Keine Süße mehr.«

Ich brüllte: »Lass mich herunter!« Ich versuchte mich zu befreien, aber der Ast um meine Brust drückte so, dass ich kaum atmen konnte. »Bitte! Ich tu dir . . . nichts«, krächzte ich.

Das Mädchen sah mich streng an. »Du hast das Gesetz des Drumawalds gebrochen. Hier dürfen keine Fremden herein.«

»Aber . . . das wusste ich . . . nicht«, keuchte ich.

»Jetzt weißt du’s.« Sie pflückte noch eine Beere. Offenbar schmeckte sie besser als die erste, denn sie bückte sich und pflückte weiter.

»Bitte . . . lass mich . . . herunter.«

Das Mädchen ignorierte mich völlig, pflückte schnell eine Beere nach der anderen und aß sie fast im gleichen Tempo auf. Schließlich machte sie Anstalten, die Lichtung zu verlassen ohne auch nur einen Blick auf mich zu werfen.

»Warte!«

Sie blieb stehen. Verärgert schaute sie mich an. »Du kommst mir vor wie ein Eichhörnchen, das die Nüsse eines anderen gestohlen hat und erwischt wird. Jetzt willst du sie zurückgeben, aber es ist zu spät. Morgen oder übermorgen komme ich vorbei und schaue nach dir. Falls ich daran denke.«

Sie drehte sich um und ging rasch davon.

»Warte!«, ächzte ich.

Sie verschwand hinter einem Vorhang aus Ästen.

Wieder versuchte ich mich aus der Fessel herauszuwinden. Die Hemlockstanne drückte fester zu und presste den Galator unter meiner Tunika tief in meine Rippen. »Warte! Im Namen des . . . Galators.«

Das Gesicht des Mädchens tauchte wieder auf. Zögernd kam sie zurück. Sie stellte sich unter die mächtige Tanne und schaute eine Zeit lang zu mir herauf. Dann schnippte sie mit dem Handgelenk und sprach mehrere raue Worte, die ich nicht verstand.

Sofort lösten sich die Äste von mir. Ich fiel kopfüber zu Boden. Dann zog ich eine Hand voll Tannennadeln aus meinem Mund und kam mühsam auf die Beine.

Warnend hob sie die Hand. Weil ich nicht wieder gefesselt werden wollte, gehorchte ich und rührte mich nicht.

»Was weißt du über den Galator?«

Ich zögerte. Der Galator musste sehr berühmt sein, wenn man ihn sogar in diesem entlegenen Land kannte. Vorsichtig verriet ich, was ich zu sagen wagte. »Ich weiß, wie er aussieht.«

»Das weiß ich auch, wenigstens vom Hörensagen. Was weißt du noch?«

»Nur wenig.«

»Schade«, sagte sie mehr zu sich als zu mir. Sie kam näher und betrachtete mich neugierig. »Warum haben deine Augen diesen abwesenden Blick? Sie erinnern mich an zwei Sterne, die hinter Wolken verborgen sind.«

Steif antwortete ich: »Meine Augen sind meine Augen.«

Wieder musterte sie mich. Dann drückte sie mir wortlos die letzten ihrer purpurroten Beeren in die Hand.

Unsicher roch ich daran. Ihr Duft machte mir bewusst, wie hungrig ich war, deshalb steckte ich sie wider bessere Einsicht in den Mund. Die Süße explodierte auf meiner Zunge. Ich verschlang den Rest auf einen Satz.

Das Mädchen betrachtete mich nachdenklich. »Ich sehe, dass du gelitten hast.«

Ich verzog das Gesicht. Sie hatte die Narben bemerkt. Sie entgingen keinem, der mir ins Gesicht schaute. Und doch . . . es kam mir vor, als hätte sie auch etwas unter der Oberfläche gesehen. Ich empfand den unerklärlichen Wunsch, mich diesem sonderbaren Mädchen der Wälder anzuvertrauen. Aber ich gab ihm nicht nach. Schließlich kannte ich sie nicht. Noch vor einem Augenblick hätte sie mich den Bäumen preisgegeben. Nein, ich würde nicht so töricht sein ihr zu vertrauen.

Sie ließ langsam den Kopf kreisen und horchte auf ein leises Flüstern in den Zweigen. Ich sah den verschlungenen Blätterschmuck in ihren braunen Locken. Obwohl ich es im düsteren Licht des Wäldchens nicht genau erkennen konnte, kam es mir vor, als wären ihre Ohren leicht dreieckig geformt, oben spitz wie meine eigenen.

Bedeutete das, dass sie wie ich den Spott anderer ertragen hatte, weil sie Ohren wie ein Dämon hatte? Oder . . . könnte jeder in diesem seltsamen Land spitze Ohren haben? War es möglich, dass dieses Mädchen und ich tatsächlich zur selben Rasse gehörten?

Mit einem Ruck fand ich in die Wirklichkeit zurück. Genauso wahrscheinlich war es, dass die Engel selbst spitze Ohren hatten. Oder dass Dämonen mit hübschen weißen Flügeln umherflogen!

Ich sah, wie sie horchte. »Hörst du etwas?«

Ihre graublauen Augen wandten sich mir wieder zu. »Nur die Worte meiner Freunde. Sie sagen mir, dass ein Außenseiter im Wald ist, aber das weiß ich schon.« Nach einer Pause fuhr sie fort: »Sie sagen mir auch, gib Acht. Ist das nötig?«

Ich dachte an die Stimme der Muschel und straffte mich. »Man sollte immer Acht geben. Aber vor mir brauchst du keine Angst zu haben.«

Das schien sie zu belustigen. »Sehe ich ängstlich aus?«

»Nein.« Auch ich grinste. »Ich bin nicht sehr zum Fürchten, nehme ich an.«

»Nicht sehr.«

»Diese Freunde, von denen du gesprochen hast. Sind es . . . die Bäume?«

»Ja.«

»Und du sprichst mit ihnen?«

Wieder hallte das glockengleiche Lachen durch das Gehölz. »Natürlich! Genau wie mit den Vögeln und Tieren und Flüssen.«

»Und den Muscheln?«

»Natürlich. Alles hat seine Sprache. Du musst nur lernen sie zu hören.« Sie zog eine Augenbraue hoch. »Warum verstehst du so wenig?«

»Ich komme von . . . weit her.«

»Deshalb weißt du nichts vom Drumawald und seinen Bräuchen.« Sie runzelte die Stirn. »Aber über den Galator weißt du Bescheid.«

»Nur ein wenig, wie gesagt.« Gequält gab ich zu: »Obwohl ich alles gesagt hätte, nur um diese schrecklichen Äste loszuwerden.«

Die Tannenäste über mir schwankten leicht und ich duckte mich.

»Du weißt mehr als ein wenig über den Galator«, erklärte das Mädchen zuversichtlich. »Eines Tages wirst du es mir sagen.« Sie ging los, aus irgendeinem Grund überzeugt, dass ich ihr folgte. »Aber sag mir zuerst deinen Namen.« …