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James Barcley - „Einst herrschten Elfen“

9-783-453-52881-9

 

Klappentext:

Ein Fantasy-Epos wie J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe Ein schrecklicher Bürgerkrieg droht das Volk der Elfen endgültig zu vernichten, nachdem bereits der Kampf gegen die dämonischen Feinde die Elfen beinahe aufgerieben hat. Einzig Takaar, der einst so ruhmreiche Krieger, könnte die Elfen wieder vereinen, doch seit der letzten schmachvollen Schlacht lebt er im Exil. Das Schicksal der Elfen scheint besiegelt – bis der junge Auum aufbricht, um den vertriebenen Helden zur wichtigsten Schlacht seines Lebens zu rufen...

 

Inhalt:

Die Gesellschaft der Elfen wird durch Unruhen aufgerieben. Die unteren Kasten begehren plötzlich gegen die Führungsriege auf. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und wollen eine andere Gesellschaftsordnung. Und dann dringen auch die Menschen in die Städte der Elfen ein. Sie zerstören mit ihrer Magie die Tempel, greifen die Priester an und töten unschuldige Zivilisten. Die, die nicht gefangen werden, können nur noch in den tiefen Urwald fliehen und hoffen, dass sie nicht entdeckt werden.

Aumm, ein ausgestoßener Elf, lebt schon Jahre im Urwald und erforscht die Wirkung verschiedener Gifte auf den Körper. In den Jahren der Einsamkeit hat er sich angewöhnt, mit sich selber zu reden und ist ein ziemlich verschrobener alter Sack geworden. Aber genau dieser Elf soll seinem Volk jetzt helfen. Seine Gift können vielleicht Waffen noch wirksamer machen. Nur so, glaubt ein einzelner Elf, hat man eine Chance gegen den ganzen Aufruhr.

Doch es kommt anders, als man es sich zurecht gelegt hat. Das Urwaldversteck ist entdeckt, wurde attackiert und die Elfen in alle Winde zerstreut. Dem Eremiten glaubt keiner derer, die ihn sehen. Alle sehen in ihn den Versager, wegen dem viele ihr Leben lassen mussten und lehnen ihn ab.

Trotzdem will man den Tempel und die darin Gefangene befreien und ist auch bereit, sein Leben dafür zu opfern.

 

Leseprobe:

… Dann hatte Llyron sie in den Tempel des Shorth im Regenwald gerufen. Dort hatte die Veränderung eingesetzt. Auf Hausolis hatte sie nie gelebt, die wahren Schrecken des Krieges hatte sie nie kennengelernt. Sie sehnte sich so sehr nach der Gewalt, dass es Hithuur übel wurde. Llyron hatte ihm einen Weg gewiesen, als er völlig verzweifelt erkannt hatte, dass seine Familie tot war, hinter dem zerstörten Tor verloren. Hithuur glaubte an die Lektionen, die Llyron predigte, hielt ihre Methoden, um die Ziele zu erreichen, jedoch für falsch. Es tat ihm weh, dass er Jarinn so hintergangen hatte. Er fürchtete, nie wieder ohne Alpträume schlafen zu können. Das hatte der Hohepriester nicht verdient.

Sildaan hatte nicht bemerkt, dass er ihr nicht gleich gefolgt war. Seufzend setzte er sich in Bewegung. Garan, der Anführer der Menschen, dieser hässliche große Kerl mit den Entzündungen im Gesicht und dem abgrundtiefen Hass in den Augen, trottete an ihm vorbei und legte Sildaan eine Hand auf die Schulter. Sie befreite sich mit einem Ruck, drehte sich empört zu ihm um und stieß ihn fort.

»Sagte ich dir nicht, dass du mich nie wieder berühren sollst, Kurzlebiger?«

Garan spreizte die Finger. »Immer mit der Ruhe. Wir arbeiten doch zusammen, oder? Ich will mich nur vergewissern, dass du das Richtige tust.«

»Hast du schon wieder Zweifel?«

Garan machte eine resignierte Miene. Hithuur verfolgte den Austausch mit zunehmendem Interesse.

»Wer sonst soll dein Gewissen sein, da Leeth nicht mehr da ist?«

Auf einmal funkelten Garans Augen. Sildaan zischelte mit zusammengebissenen Zähnen und warf Hithuur einen kurzen Blick zu. Offenbar gefiel es ihr nicht, dass er zuhörte. Sie entfernte sich und winkte Garan, ihr zu folgen. Hithuur lächelte. Sein Gehör war ungewöhnlich gut. Im Moment regnete es nicht, und außer dem allgegenwärtigen Lärm aus dem Dschungel gab es nicht viel, was beim Lauschen störte.

»Erwähne ihn nicht mehr. Nenne nie mehr seinen Namen. Vergiss nicht, wer dich bezahlt und wer dich am Leben hält.«

»Ich halte mich selbst am Leben, Sildaan. Das ist meine Aufgabe. Wer mich bezahlt, vergesse ich natürlich nicht. Du bezahlst mich, damit ich dir Ratschläge erteile und dir mit dem Schwert helfe. Deshalb will ich wissen, warum du eine bedeutende Anzahl deiner schlimmsten Feinde und dreitausend Ynissul einfach in den Regenwald davonspazieren lässt. Da draußen werden sie sich zusammenrotten und verbissen gegen dich arbeiten. Du sagst, ihr seid nicht viele.« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter. »Das da ist ein beträchtlicher Teil der heute noch lebenden Ynissul, oder?«

Sildaan fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und schüttelte langsam den Kopf. Hithuur konnte beobachten, dass Garan empört auffuhr, als sie »Tsk-tsk« machte.

»Genau das ist der Grund dafür, dass du mir, abgesehen vom Töten mittels Klinge und Magie, keine weiteren Ratschläge erteilen kannst. Du verstehst einfach nicht, was in Elfen vorgeht, und das gilt ganz gewiss auch für die Ynissul. «

»Das überrascht dich, was?«

»Keineswegs.«

»Dann erleuchte mich doch. Hilf mir, das Gute in deinem wundervollen Plan zu erkennen.«

Garan starrte auf Sildaan hinab und konnte seinen Zorn kaum noch zügeln. Hithuur fragte sich einen Moment, wer siegen würde, wenn es zum Zweikampf zwischen ihnen kam. Sildaan war schnell und ging geschickt mit der Klinge um wie alle Priester, auch wenn nur wenige tatsächlich eine Waffe trugen. Außerdem beherrschte sie waffenlose Kampftechniken und war darin sicherlich besser als Hithuur. Doch sie war keine TaiGethen und besaß weder die Haltung noch die Beweglichkeit oder die Geschwindigkeit einer Kriegerin.

Garan dagegen war voll roher Kraft. Er würde feststellen, dass Sildaan überraschend kräftig war. Hithuur konnte sich ausmalen, wie er das Langschwert mit beiden Händen führte, und fragte sich, ob ein Elf einen gut gezielten Hieb abwehren konnte. Es wäre faszinierend, dies herauszufinden. Hithuur war nicht sicher, wer von den beiden im Zweifelsfall siegen würde.

Sildaan deutete zum Regenwald und ging weiter. Garan blieb links einen Schritt hinter ihr und beäugte sie mit tief gefurchter Stirn.

»Da draußen sind mehr als dreitausend gewöhnliche Ynissul. Die meisten haben seit ihrer Ankunft in der Stadt gelebt oder sind sogar hier geboren. Diejenigen, die früher einmal im Wald gelebt haben, sind aus gutem Grund in die Stadt umgezogen. Sie sind nicht dafür geeignet, TaiGethen zu werden. Sie sind verwöhnte iads und ulas, die ein Dach über dem Kopf, eine Matratze unter dem Rücken und jederzeit eine warme Mahlzeit brauchen, wann immer ihnen danach ist. Die Nahrung kaufen sie auf dem Markt. Stell dir vor, wie es ihnen jetzt geht. Die anderen Linien der Stadt haben sie misshandelt, verprügelt und vergewaltigt. Dabei können sie sich noch glücklich schätzen, dass sie nicht im Tempel verbrannt sind. Jetzt sind sie gezwungen, in den Regenwald zu fliehen. Dort lauern unter jedem Ast und bei jedem Schritt Gefahren. Wenn es regnet, bieten ihnen nur die Blätter Schutz, der Boden ist mit kriechenden, stechenden Insekten und Reptilien bedeckt, die sie im Schlaf anfallen, sofern sie überhaupt schlafen können. Sie werden nicht genug zu essen bekommen. Dreißig TaiGethen können dreitausend Flüchtlinge nicht versorgen. Sie können nur trinken, wenn sie einen sauberen Wasserlauf finden. Sie besitzen nichts mehr außer ein paar Kleidern und vielleicht ein paar Büchern. Sie sind so schlecht vorbereitet, dass du neben ihnen wirkst wie ein Veteran mit fünfzig Jahren Erfahrung im Wald. Wenn sie ihre Heiligtümer erreichen, werden sie einige Hütten, ein offenes Feuer und jede Menge Elfen vorfinden, die keine Lust haben, auf sie aufzupassen. Sie werden Wurzeln, Beeren und Affen zu essen bekommen und in knarrenden Hängematten schlafen. Ist das nicht ein wundervolles Leben? Schließlich werde ich ihnen in Freundschaft die Hand reichen – eine Ynissul wie sie, die sie nach Hause holen will, nachdem die Stadt geräumt ist. Ich werde ihnen versichern, dass alle, die ihnen wehgetan haben, in Zukunft nichts weiter tun werden als murren und ihnen dienen. Was glaubst du, wem sie dann folgen werden? Den TaiGethen, die sie wegen ihrer Schwäche und ihres schwachen Glaubens verachten? Oder mir, Llyron und Hithuur? Den Elfen, die sie verstehen und die ihre Bedürfnisse kennen? Den Elfen, die ihnen ein besseres Leben bieten können, eine Befreiung von den Entbehrungen im Regenwald? So kompliziert ist das doch nicht, Garan.«

Hithuur hatte beobachtet, wie Garans Gesicht sich nach und nach entspannt hatte und die Wut einem Ausdruck gewichen war, der an Bewunderung grenzte.

»Unterdessen sind die Ynissul, die sich gegen dich stellen könnten, aus dem Spiel, und die TaiGethen sind vollauf mit ihnen beschäftigt.«

»So langsam begreifst du es.« Sildaan gestattete sich ein kleines Lächeln. »Ich sagte dir doch, ich weiß, wie die Elfen denken, aber ich muss zugeben, nicht einmal ich habe geglaubt, dass es so reibungslos verlaufen würde, wie es bisher der Fall war. Die Tatsache, dass Pelyn sich selbst ausgeliefert hat, war ein unerwarteter Glücksfall.«

»Was denkst du denn, wie sich diese ach so mächtige Kriegerin entscheiden wird?«, fragte Garan.

Sildaan wies ihn auf der Stelle zurecht. »Sie könnte dich mühelos töten, Garan. Verwechsle die zierliche Gestalt nicht mit Schwäche. Takaar hat sie nicht von ungefähr zur Oberin der Al-Arynaar gemacht.«

»Ich wollte niemanden beleidigen.«

»Um deine Frage zu beantworten: Ich glaube, es könnte interessant sein, auf dem Rückweg am Shorth-Tempel vorbeizuschauen und es herauszufinden. Was würdest du denn tun?«

»Ich glaube, ich würde auf Llyron setzen.«

»Das dachte ich mir. So feige wird Pelyn vermutlich nicht sein. Wollen wir wetten?«

»Eine Wette mit einer, die das Denken der Elfen so gut kennt? Lieber nicht.« …