ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Kathy Reichs - „Blut vergisst nicht“

ISBN: 9-783-453-43617-6

 

Klappentext:

Du kannst leugnen, wer du bist. Doch Blut vergisst nicht Ein Mann, der nicht ein-, sondern gleich zweimal den Tod gefunden zu haben scheint, gibt Forensikerin Tempe Brennan Rätsel auf. Seine Spur führt nach Hawaii. Hier wird Tempe prompt mit den von Haien verunstalteten, seltsam tätowierten Überresten eines Kleindealers konfrontiert. Das Inselparadies wird für Tempe schnell zum heißen Pflaster. Denn die örtlichen Drogenhändler reagieren auf neugierige Ermittlerinnen so instinktiv wie Haie auf einen blutigen Köder.

 

Inhalt:

Tempe Brennan soll an einer seltsamen Wasserleiche mitarbeiten. Da hat sich doch wirklich ein Mann in Plastik eingewickelt und wollte sich in einem See unter Wasser einen runter holen . Doch es geht schief, und er ertrinkt.

So weit eigentlich kein Fall , es man ein großes Aufsehen machen muss. Aber bei der Identifizierung kommt heraus , dass es sich hier um einen Mann handelt, der schon längst beerdigt ist.

Tempe reist nach Hawaii , um vor Ort ermitteln zu können. Die Leiche, die nun wohl unter einem falschen Namen in einem falschen Grab liegt, soll exhumiert werden.

Kathy, die Tochter, reist mit. Sie hat einen Schwarm an den Krieg verloren und soll wieder runter und auf andere Gedanken kommen.

Auf Hawaii scheint das Chaos aber noch größer zu werden. Die existierte Leiche ist nicht die Person, die man dachte, sondern jemand ganz anderes. In einem Fallkarton taucht die Hundemarke des ersten Opfers süß und dann kommt noch der Anruf einer örtlichen Behörde Tempe soll sich gefundene Leichenteile ansehen.

Kathy begeht den Fehler und bloggt über den Fall, den ihre Mutter gerade bearbeitet. Eine offene und bitterböse Drohung ist das Ergebnis. Kurz nachdem Tempe von der Straße mir samt ihrem Auto ins Meer geschuppt wurde.

Ryan ist inzwischen auch auf Hawaii . Er hilft ihr da raus.

 

Leseprobe:

...Perry betrachtete das kurze Wadenstück. Dann: »Verdammte Scheiße.«

»Was?«, fragten Ryan und Gearhart wie aus einem Mund.

»Das da stammt von einem linken Bein«, sagte ich. »Am Dienstag wurden ebenfalls Teile eines linken Beins geborgen, darunter auch ein Teil des Malleolus.«

»Eine verdammte Doppelung.« Perry schüttelte ungläubig den Kopf.

Gearhart verstand sofort. »Ein Mensch hat keine zwei linken Füße. Das da muss also von einer anderen Person kommen.«

Ich wartete darauf, dass Ryan einen Witz über schlechte Tänzer machte. Zum Glück tat er es nicht.

»Zwei Haiopfer aus derselben Bucht.« Perrys Stimme klang höher als normal.

»Das könnte die Lage verändern.«

»Glauben Sie?« Perry wirbelte zu Gearhart herum. »Und? Sperre ich diesen Strand jetzt?«

»Das ist Ihre Entscheidung, Doc.«

»Wird dieser verdammte Fisch wieder zuschlagen?«

Gearhart hob Augenbrauen und Schultern.

»Na kommen Sie. Was ist Ihre Vermutung?«

Gearhart bewegte eine Hüfte. Biss sich auf die Unterlippe. Seufzte. »Wenn der Hai dort aktiv auf Beutejagd geht und nicht einfach nur Aas frisst, dann könnte der Mistkerl es verdammt noch mal wieder tun.«

Perry verschränkte die Arme vor der Brust. Fand dieses Manöver unbefriedigend. Ließ die Hände sinken. Wandte sich an mich.

»Was können Sie mir über dieses zweite Opfer sagen?« Sie deutete dabei mit dem Kinn auf den Karren.

»Dieses Individuum ist kleiner als das erste. Darüber hinaus, nichts. Es ist nicht genug da, womit ich arbeiten könnte.«

Perry ging zu einem Wandtelefon. Tippte Ziffern ein.

Sekunden vergingen.

»Ich hoffe, ich störe nicht beim Pokern.« Scharf. Ich hörte das Rauschen einer gedämpften Antwort. Perry schnitt sie ab.

»Bringen Sie mir die Knochen aus der Halona Cove. Und zwar schnellstens.«

Der Hörer knallte mit lautem Krachen auf die Gabel.

Weniger als eine Minute später schob ein kahl geschorener junger Mann einen Rollkarren durch die Tür.

»Sonst noch was, Dr. Perry?« Kahlkopf mied den Blick seiner Chefin.

»Halten Sie sich bereit.«

Kahlkopf eilte davon.

Auf dem Karren lag Folgendes: die proximalen und distalen Teile eines linken Oberschenkelknochens, ein Teilstück des proximalen, linken Wadenbeins, zwei Fragmente des linken Schienbeins, das eine proximal, das andere distal, dazu der verstümmelte Malleolus, ein Teil des linken Beckens vom Schambein bis in die Beckenschaufel, das Sprungbein, das Kahnbein und die dritten und zweiten Keilbeine eines linken Fußes.

Zwei große, braune Umschläge lagen auf der unteren Ablage des Karrens.

»Nachprüfung«, ordnete Perry an. »Stellen Sie ganz sicher, dass es sich wirklich bei beiden um linke Beine handelt.« Ich tat es. Sie waren es.

Unter ihrer Stachelfrisur und dem grellen Make-up wirkte das Gesicht der ME bleich.

Ich konnte mir den Kampf vorstellen, der in Perrys Gedanken tobte. Die Rezession hatte die hawaiianische Wirtschaft mit Wucht getroffen. Der Flugverkehr war am Boden, der Tourismus ging den Bach hinunter. Schloss man einen Strand wegen Haiangriffen, würden Hotelbuchungen sich auflösen wie Morgennebel. Entschied man sich dagegen und verlor deswegen einen Schwimmer, würden die Gäste vom Festland sich für Shenandoah oder Disney World entscheiden. Die Folgen wären schlimmer als das Sperren eines Strands.

Vermutet man richtig, verliert man viele Dollar. Vermutet man falsch, verliert man Menschenleben und viele Dollar.

Und Perry musste sich schnell entscheiden.

Meine Vermutung? Honolulus extravagante ME würde wieder einmal Leute verärgern.

Ich drehte eben das neue Beinfragment, als mir in der Mitte des Schafts etwa fünf Zentimeter über dem Unruhe stiftenden Malleolus eine Besonderheit auffiel. Indem ich Gewebe zurückschabte, konnte ich erkennen, dass das Loch einen erhöhten äußeren Rand hatte und zu perfekt rund war, um eine natürliche Ursache zu haben.

»Das könnte uns weiterhelfen«, sagte ich. Perry schnappte sich die Lupe und hielt sie über die Stelle, die ich ihr zeigte.

»Verdammt. Sie denken an einen chirurgischen Nagel?« Ich nickte.

»Die Platzierung wäre korrekt. Schade, dass wir kein Fersenbein haben.«

»Ja«, pflichtete ich ihr bei.

»Kann irgendwer uns nichtmedizinische Trottel aufklären?«, fragte Ryan.

Ich behielt meinen Finger, wo er war, und Perry gab ihm die Lupe.

»Dieses winzige Loch?«, fragte er. »Dieses winzige Loch.« Ryan gab Gearhart die Lupe. »Weiß jeder, was Streckung ist?« Gearhart nickte.

Ryan zuckte die Achseln. Nicht wirklich.

»In der Orthopädie wird Streckung bei der Behandlung gebrochener Knochen und zur Korrektur orthopädischer Anomalien benutzt«, erklärte ich Ryan zuliebe. »Die Streckung fügt die gebrochenen Enden aneinander, indem sie das Glied in eine gerade Position bringt. Außerdem vermindert sie den Druck auf die Knochenenden, indem sie die Muskeln entspannt.«

Ryan schnippte mit dem Finger. »Der alte Trick mit dem Bein in der Luft. Könnt ihr euch noch an die Szene in Catch-22 erinnern? Der Kerl hat so eine Streckung, ist über und über eingegipst, bewegt sich nie, redet nie —«

Ich schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen warnend an.

Ryan legte sofort seine Unschuldsmiene auf. Was denn?

»Mein Neffe bekam so einen Streckverband, als er sich ein Bein brach.« Gearhart spähte wieder durch die Lupe. »Sie haben ihm einen Nagel direkt durch den Oberschenkelknochen gejagt.«

»Ist der Nagel erst einmal an Ort und Stelle, werden Rollen und Gewichte mit Drähten daran gehängt, um die erforderliche Zugkraft zu erreichen. Skelettale Streckung benutzt Kräfte zwischen fünfundzwanzig und vierzig Pfund.«

»Wie lange bleibt dieser Nagel im Knochen?« Ryan klang jetzt übertrieben ernsthaft.

»Wochen, vielleicht Monate. Der da wurde schon Vorjahren entfernt.«

Gearhart schob sich die Brille hoch, die ihr auf die Nasenspitze gerutscht war. »Was vermuten Sie, Doc?«

»Ich würde sagen, ein instabiler Bruch des Schienbeinschafts. Das distale Schienbeinende wurde wohl mit dem Fersenbein verbunden.«

»Das wir nicht haben.« Perry.

»Wie gebrochen?«, fragte Gearhart.

»Beim Skifahren? Radfahren? Autounfall? Ohne mehr von dem Bein kann man das unmöglich sagen.«

»Spaceshuttle-Explosion.« Perry fing an, auf und ab zu gehen.

»Hören Sie«, sagte ich. »Wir haben immer noch eine potenziell wertvolle Information. Das Opfer unterzog sich einer Behandlung, wurde wahrscheinlich in irgendeinem Krankenhaus stationär aufgenommen. Die Polizei oder einer Ihrer Ermittler kann Krankenhausunterlagen nach chirurgischen Implantaten am distalen Schienbeinende durchsuchen.«

Perry blieb stehen. »Zeitrahmen?«

»Was wir hier sehen, ist lediglich eine Narbe, das Resultat von Knochenneuwachstum an der Nagelposition. Die Verletzung war nicht neu. Ich würde mindestens fünf Jahre zurückgehen und mich von dort weiter in die Vergangenheit vorarbeiten. Oder Sie versuchen eine Abkürzung und gleichen die Namen Ihrer Vermisstenliste mit den örtlichen Krankenhäusern ab oder fragen Familienangehörige nach früheren Beinbrüchen. Vielleicht haben Sie Glück.« Perry nickte knapp.

»Haben Sie irgendwelche neuen Hinweise in Bezug auf das erste Opfer?«, fragte ich.

»Nein, aber wir haben einige neue Vermisste. Im letzten Januar wurde ein Collegejunge von einem dieser großen Schiffe über Bord gespült. Wir gehen dem nach. Ein Seifenvertreter verschwand letzten Sommer aus einem Hotel am Waikiki Beach. Ließ all seine Habseligkeiten im Zimmer zurück. Könnte Selbstmord sein, Ertrinken, oder der Kerl wollte sich einfach aus dem Staub machen.«

»Wie alt?«

»Zweiunddreißig.«

Ich schüttelte den Kopf. »Unwahrscheinlich.«

Perry wedelte frustriert mit den Händen. »Bei den Abertausenden von Touristen, die jedes Jahr durch die Inseln strömen, ist es schwer, die Polizei für so was zu interessieren. Kann sein, dass der medizinische Aspekt ihren Enthusiasmus ein bisschen beflügelt. Oder ich könnte dafür beten, dass ein gnädiger Gott uns die ganze Mühe mit einem DNS-Treffer erspart.«

Perry nahm sich ein Skalpell von der Arbeitsfläche und drehte das Bein so, dass das Fleisch über dem Außenknöchel nach oben lag. Wir sahen alle zu, wie die Klinge in das Fleisch eindrang.

Und plötzlich stoppte.

Perry legte das Instrument beiseite und streckte die Hand aus.

»Geben Sie mir die Lupe.«

Gearhart hielt ihr das Vergrößerungsglas hin. Perry riss es ihr förmlich aus der Hand.

Nach ein paar Sekunden Untersuchung ging Perry zum Waschbecken und befeuchtete einen Schwamm. Dann kehrte sie zum Karren zurück, betupfte sanft das Gewebe und wischte die Reste der Epidermis weg.

»Kann sein, dass wir ein Tat haben.«

Gearhart und ich wechselten Blicke.

Eine Tätowierung, formte ich mit den Lippen.

Gearharts Lippen formten ein O. …