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Stephen King - „Revival“

ISBN: 9-783-453-43848-4

 

Klappentext:

Der kleine Jamie spielt vor dem Haus mit seinen Plastiksoldaten, da schiebt sich ein dunkler Schatten über ihn, ein Schatten, den er sein Leben lang nicht loswerden wird. Er blickt auf und sieht Charles Jacobs über sich, den jungen Methodistenprediger, der in der neuenglischen Gemeinde gerade sein Amt antritt. Im Nu gewinnt der charismatische Jacobs die Herzen der gottesfürchtigen Einwohner. Den Kindern haben es vor allem die elektrischen Spielereien angetan, mit denen er Bibelgeschichten veranschaulicht. Das alles endet, als ihn ein entsetzlicher Unfall vom Glauben abfallen lässt und er eine letzte Predigt hält, die in einer rasenden Gottverfluchung gipfelt. Von der Gemeinde verstoßen, tingelt er fortan über die Jahrmärkte, wo er elektrische Experimente vorführt, die zunehmend spektakulärer werden. Und immer schrecklichere Folgen nach sich ziehen. Über die Jahre trifft Jamie, inzwischen drogenabhängiger Musiker, wiederholt auf Jacobs, der ihn jedes Mal tiefer in seine dämonische Welt zieht. Als Jamie sich dessen klar wird, gibt es kein Zurück mehr. Das finale Experiment steht bevor.

 

Inhalt:

Im Wesentlichen geht es im das Leben von Jamie. Er erzählt seine eigene Story, von Kindesbeinen an, bis ins hohe Alter. Sein Leben ist ziemlich beeinflusst von einem Gemeindepfarrer, der durch einen Schicksalsschlag Frau und Kind verliert, danach eine sehr unkirchliche Predigt hält und deswegen aus der Gemeinde verbannt wird.

Jamie verliert als Kind einen recht guten Freund, findet ihn aber wieder, als er voll auf Drogen ist. Der Pfarrer verdient mit seinem Faibel für Elektrik und Strom inzwischen Geld. Er heilt Jamie von seiner Drogensucht.

Als Jamie ihn dann ein weiteres Mal trifft, macht er einen auf Wunderheiler. Er behandelt die Leute mit Elektroschocks. Doch die Wunderheilungen haben eine Kehrseite. Die Leute scheinen danach nicht mehr richtig zu ticken.

Doch der Reverent ist von seinen Experimenten besessen. Immer weiter treibt er deine Experimente. Und am Ende soll alles darin Gipfeln, dass eine Tote, zurück geholt durch Elektrizität, vom Totenreich erzählen soll.

Er hat Jamie in der Hand. Und Jamie macht nur unfreiwillig mit.

 

Leseprobe:

… »Wahrscheinlich überlebst du«, sagte er und verabreichte mir zwei weitere Miniaturportionen aus dem braunen Fläschchen. »Kannst du aufstehen, um etwas Rührei zu essen?«

»Zuerst aufs Klo.«

Er zeigte darauf, und ich tappte in das kleine Kabuff, wobeiich mich an verschiedenen Dingen festhielt. Ich musste nur pinkeln, war jedoch zum Stehen zu schwach, weshalb ich mich setzte und es wie ein Mädchen tat. Als ich herauskam, briet Jacobs pfeifend Rührei. Mir knurrte der Magen. Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal etwas Gehaltvolleres als Dosensuppe gegessen hatte. Was mir einfiel, war ein Imbiss in der Garderobe, vor meinem letzten Auftritt. Das war jetzt zwei Tage her. Ob ich seither überhaupt etwas zu mir genommen hatte, konnte ich beim besten Willen nicht sagen.

»Iss langsam«, sagte Jacobs, während er den Teller auf den Esstisch stellte. »Schließlich willst du das Zeug nicht gleich wieder auskotzen, oder?«

Ich gehorchte und aß langsam alles auf. Jacobs saß mir gegenüber und trank Kaffee. Als ich auch um welchen bat, schenkte er mir eine halbe Tasse ein, die stark nach Kaffeesahne schmeckte.

»Der Trick mit dem Bild«, sagte ich. »Wie haben Sie das gemacht?«

»Wieso Trick? Das verletzt mich. Das Bild auf der Leinwand ist mit einer phosphoreszierenden Substanz beschichtet. Die Kamera ist nicht nur ein Fotoapparat, sondern auch ein elektrischer Generator …«

»Das hab ich schon kapiert.«

»Der Blitz ist sehr kraftvoll und sehr … speziell. Er projiziert das Bild der Person vor der Kamera auf das der Frau im Abendkleid. Lange ist es nicht vorhanden, dafür ist die Fläche zu groß. Die Bilder, die ich anschließend verkaufe, halten wesentlich länger.«

»So lange, dass man sie seinen Enkelkindern zeigen kann? Wirklich und wahrhaftig?«

»Na ja«, sagte er. »Das nicht.«

»Wie lange dann?«

»Zwei Jahre. Mehr oder weniger.«

»Bis dahin sind Sie natürlich über alle Berge.«

»Richtig. Aber die Bilder, auf die es ankommt …« Er tippte sich an die Schläfe. »Hier oben. Das gilt für uns alle. Meinst du nicht auch?«

»Aber … Reverend Jacobs …«

Einen kurzen Moment sah ich den Mann vor mir, der damals, als Lyndon B. Johnson Präsident gewesen war, die Furchtbare Predigt gehalten hatte. »Bitte nenn mich nicht so. Sag einfach Dan zu mir. Der bin ich jetzt nämlich. Dan, der Mann mit den Blitzporträts. Oder Charlie, wenn du dich damit wohler fühlst.«

»Aber sie hat sich umgedreht. Das Mädchen auf der Leinwand hat eine vollständige Drehung vollführt.«

»Ein simpler Trick der Filmprojektion.« Während er das sagte, wandte er allerdings den Blick ab. Dann sah er mich wieder an. »Willst du, dass es dir wieder besser geht, Jamie?«

»Mir geht’s doch schon besser. War wohl bloß eine von den Sachen, die vierundzwanzig Stunden dauern.«

»Das ist keine Sache von vierundzwanzig Stunden, es ist die Grippe, und wenn du versuchst, von hier aus zur Busstation zu marschieren, liegst du mittags wieder flach. Bleib hier, dann wird es dir in einigen Tagen wahrscheinlich besser gehen. Aber wovon ich spreche, ist nicht die Grippe.«

»Mit mir ist alles in Ordnung«, sagte ich, aber jetzt war ich an der Reihe, den Blick abzuwenden. Was meine Augen wieder nach vorn wandern ließ, war das braune Fläschchen. Er hielt es am Löffel und ließ es an seiner kleinen Silberkette wie das Amulett eines Hypnotiseurs hin und her schwingen. Ich griff danach. Er zog es weg.

»Wie lange nimmst du das Zeug schon?«

»Heroin? Etwa drei Jahre.« Eigentlich waren es sechs. »Ich hatte einen Motorradunfall. Hab mir die Hüfte und das Bein ruiniert. Da hat man mir Morphium gegeben …«

»Natürlich hat man das.«

»… und mich später auf Kodein umgestellt. Das war beschissen, weshalb ich angefangen habe, die Pillen mit Hustensirup runterzuspülen. Terpinhydrat. Schon davon gehört?«

»Soll das ein Witz sein? Unter Schaustellern bezeichnet man es als GI-Gin.«

»Mein Bein ist geheilt, aber nicht vollständig. Dann hat mich – ich war in einer Band namens Andersonville Rockers, oder vielleicht hatte die sich damals auch schon in Georgia Giants umbenannt –, jedenfalls hat mich ein Typ mit Tussionex bekannt gemacht. Das war ein großer Schritt in die richtige Richtung, was die Beherrschung der Schmerzen anging. Sagen Sie mal, wollen Sie das wirklich hören?«

»Auf jeden Fall.«

Ich zuckte die Achseln, als wäre es mir gleichgültig, aber es erleichterte mich, darüber zu sprechen. Vor jenem Tag in Jacobs’ Wohnmobil hatte ich das noch nie getan. In den Bands, in denen ich spielte, schob man so etwas einfach beiseite und kümmerte sich nicht weiter darum. Jedenfalls solange ein Bandmitglied überhaupt auftauchte und sich an die Akkorde von »In the Midnight Hour« erinnerte – was wirklich keine große Kunst ist, das kann man mir glauben.

»Das ist ein anderer Hustensirup. Stärker als Terpinhydrat, aber nur wenn man weiß, wie man an das richtig gute Zeug rankommt. Zu diesem Zweck bindet man eine Schnur um den Flaschenhals und lässt das Ding wie ein Irrer kreisen. Die Zentrifugalkraft trennt den Sirup in drei Schichten. Das gute Zeug – das Hydrocodon – befindet sich in der Mitte. Um es aufzusaugen, braucht man nur noch einen Strohhalm.«

»Faszinierend.«

Kommt drauf an, dachte ich. »Nach einer Weile habe ich allerdings wieder Morphium genommen, wenn ich trotzdem Schmerzen hatte. Dann habe ich herausgefunden, dass Heroin ebenfalls wirkt, und zwar zum halben Preis.« Ich grinste. »Der Drogenmarkt verhält sich nämlich wie die Börsenkurse. Als alle anfingen, Crack zu nehmen, ist der Preis von Äitsch in den Keller gefallen.«

»Dein Bein sieht ganz ordentlich aus, finde ich«, sagte er milde. »Es hat eine schlimme Narbe, und offensichtlich ist ein gewisser Muskelschwund vorhanden, aber nicht in besonderem Maß. Da hat der Chirurg gut gearbeitet.«

»Ich kann gehen, ja. Aber versuchen Sie mal, abends drei Stunden lang auf einem Bein zu stehen, das voller Metallnägel und Schrauben ist, unter heißem Scheinwerferlicht und mit einer mehrere Kilo schweren Gitarre um die Schultern. Sie können mir gern Vorhaltungen machen, das bin ich Ihnen wohl schuldig, weil Sie mich aufgehoben haben, als ich am Boden lag, aber erzählen Sie mir nichts über Schmerzen. Darüber weiß niemand was, wenn er es nicht am eigenen Leib erfahren hat.«...