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T. A. Barron - „Merlin – und die sieben Schritte zur Weisheit“

Merlin 2

ISBN: 9-783-423-70597-4

 

Klappentext:

Auf Fincayra, der fantastischen Insel irgendwo zwischen den Welten, fühlt Merlin seine magischen Kräfte wachsen. Das macht ihn stolz, aber auch hochmütig - und einsam. Schließlich wagt er den Zauber, seine Mutter zu sich auf die Insel zu holen. Doch kaum angekommen, wird sie von Merlins ärgstem Feind vergiftet. Retten kann sie jetzt nur noch Dagdas lebensspendendes Elexier. Merlin weiß, dass er Dagdas Heimat nur betreten darf, wenn er zuvor die sieben Schritte zur Weisheit ergründet hat. Vor ihm liegt eine weite und gefährliche Reise durch das ganze Land - und die Zeit drängt. Dennoch will er wagen, was einst seinem Großvater, Fincayras größtem Weisen, das Leben gekostet hatte.

 

Inhalt:

Merlin hat die Harfe bekommen und soll das Land wieder zum Leben erwecken. Die Bäume und Pflanzen sollen wieder grünen und blühen. Doch er ist eben doch noch zu sehr Kind, als dass er dieser Aufgabe ohne Probleme gewachsen wäre. Er will Leuten helfen, die das in der Form gar nicht wollen und sucht nach Anerkennung. Als das nicht funktioniert, rennt er weg.

Allein auf seiner Reise erinnert er sich seiner Mutter, die er auch wieder so gern Fincayra hätte. Also wendet er sich an die weise Musche und holt seine Mutter auf die Insel, wo ihr gleich ein Unglück passiert. Sie riecht an einer Blume, die sie vergiftet. Nun hat die Frau noch genau eine Mondphase Zeit, in der sie qualvoll dem Tod immer näher rückt.

Merlin macht sich auf die Suche nach den Seelen der Strophen des Liedes. Er muss die sieben Siegel der Weisheit, also die sieben Seelen, finden. Erst dann kann er Dagda gegenüber treten. Erst dann überlebt er diese Begegnung und erst dann kann er das Elixier bekommen, was seiner Mutter das Leben rettet.

Merlin lernt eine Menge, er arbeitet unter großem Zeitdruck, er lernt was Freundschaft wirklich bedeutet und dass seine Familie größer ist, als bisher angenommen.

 

Leseprobe:

.. Jenseits eines breiten Wasserstreifens konnte ich gerade noch eine kleine Insel erkennen, die dunkel und geheimnisvoll dalag. Dahinter waberte die Nebelwand, die ganz Fincayra umgab.

Ich wandte mich nach Rhia und Bumbelwy um, die ebenfalls unsere neue Umgebung erforschten. Zu denken, dass wir nur Sekunden zuvor in der Kristallhöhle der großen Elusa gewesen waren! Wo immer wir auch sein mochten, es war jedenfalls weit von dort entfernt. Eine wunderbare Fähigkeit, Menschen so von einem Ort zum anderen zu bringen. Die Spinne hatte sogar daran gedacht, meinen Stock mitzuschicken. Ich nahm mir vor bei der fünften Lektion, Springen, sehr aufmerksam zu sein, falls ich je so weit kommen sollte.

Rhia sprang auf die Füße. »Schau dort«, rief sie und deutete auf die kleine Insel. »Siehst du sie?«

Ich stand auf und stützte mich auf meinen Stock. »Die Insel dort draußen, ja. Sie sieht fast unwirklich aus, nicht wahr?«

Rhia sah weiter hinüber. »Das kommt daher, dass sie fast unwirklich ist.Das ist die vergessene Insel. Ich bin mir sicher.«

Ein Schauder lief mir über den Rücken. »Der siebte Schritt! Da muss ich Sehen lernen.« Ich sah von ihr wieder zu der Insel, die halb von Nebeln verhüllt war. »Hast du sie schon einmal gesehen?«

»Nein.«

»Woher weißt du dann so sicher, dass es die vergessene Insel ist?«

»Durch Arbassas Geschichten natürlich. Diese Insel ist das einzige Gebiet in ganz Fincayra, das nicht mit der Hauptinsel verbunden ist. Niemand – noch nicht einmal Dagda selbst, heißt es – hat seit Ewigkeiten einen Fuß darauf gesetzt. Und außer den Meermenschen, die in diesem Arm der See leben, weiß niemand, wie die mächtigen Strömungen und noch mächtigeren Zauberbanne zu durchqueren sind, die immerzu um sie herumwirbeln.«

Ich wich einer Möwe aus, die direkt vor meinem Gesicht herabstieß. Doch ich konnte nicht aufhören zu der Insel hinüberzuschauen. »Das klingt, als sollte niemand dorthin gehen.« Mein Magen meldete sich unbehaglich. »Was auch immer der Grund dafür sein mag.«

Rhia seufzte, auch sie wandte den Blick nicht von der Insel. »Manche glauben, es hat etwas damit zu tun, wie die Fincayraner vor langer Zeit ihre Flügel verloren.«

»Nur zu wahr, zu wahr, zu wahr«, sagte Bumbelwy, der trübselig zu uns herüberkam und bei jedem Schritt  mit seinen Glocken rasselte. »Das war der traurigste Moment in der ganzen unerfreulichen Geschichte unseres Volkes.«

War es möglich, dass der sauertöpfische Spaßmacher wusste, wie die Flügel verloren gingen? Plötzlich bekam ich wieder Hoffnung. »Weißt du, wie es dazu kam?«

Er wandte mir sein langes Gesicht zu. »Das weiß niemand. Niemand.«

Ich war ärgerlich. Aylah, die Windschwester, wusste es. Aber sie hatte es mir nicht sagen wollen. Ich wünschte, ich könnte sie noch einmal fragen. Aber das war unmöglich, so unmöglich wie den Wind zu fangen. Höchstwahrscheinlich war sie inzwischen bis nach Gwynedd geweht.

Rhia löste sich endlich vom Anblick der Insel. »Möchtest du wissen, wo du jetzt stehst?«

Ich knuffte sie. »Du klingst immer noch wie ein Führer.«

»Du brauchst auch immer noch einen«, antwortete sie mit einem halben Grinsen. »Wir sind in Faro Lanna, dem Landstreifen, der einst die Heimat der Bäumlinge war.«

Während ich den brandenden Wellen unter uns lauschte, musterte ich das Plateau. Steile cremefarbene Klippen umgaben uns auf drei Seiten. Bis auf ein paar zerfallende Steinhaufen, vielleicht alles, was von Mauern oder Feuerstellen noch übrig war, bedeckte nur Gras die Hochebene. Weit im Norden kennzeichnete eine dunkelgrüne Linie einen Waldrand. Dahinter lag der Horizont in einem violetten Nebel, möglicherweise das einzige Anzeichen der umnebelten Hügel.

Ein unansehnlicher brauner Schmetterling flatterte aus dem Gras und landete auf meinem Handgelenk. Ich schüttelte die Hand, denn seine Beine kitzelten. Er flog davon und ließ sich auf dem knorrigen Griff meines Stocks nieder. Die reglosen Flügel hoben sich nicht vom tieferen Braun des Holzes ab.

Mit einer Armbewegung zeigte ich auf das grasige Plateau. »Ich weiß nicht, wie wir je etwas über die Kunst des Veränderns lernen sollen. Wenn die Bäumlinge, die sie so gut beherrschten, hier einmal gelebt haben, dann haben sie nicht viel hinterlassen.«

»Das war ihre Eigenart.« Rhia hob einen weißen Kiesel auf und warf ihn über die Klippe. »Die Bäumlinge waren Wanderer, immer auf der Suche nach einem besseren Wohnort. Einen Ort, in den sie ihre Wurzeln senken konnten wie richtige Bäume, den sie Heimat nennen konnten. Ihre einzigen Siedlungen waren hier bei den Klippen, aber wie du an diesen Steinhaufen siehst, waren sie recht dürftig. Nicht mehr als Schutzhütten für die sehr Alten und sehr Jungen. Keine Büchereien oder Märkte oder Versammlungssäle. Die meisten Bäumlinge verbrachten ihre Tage damit, durch Fincayra zu wandern, und sie kamen nur hierher zurück, um einen Partner zu finden oder zu sterben.«

»Und was ist ihnen zugestoßen?«

»Ich nehme an, sie waren so mit ihren Erkundungen beschäftigt, dass immer weniger von ihnen nach Hause kamen. Allmählich kehrte überhaupt niemand mehr zurück. Die Siedlungen zerfielen oder wurden vom Wind verweht, weil niemand da war, der sich um sie kümmerte. Und die Bäumlinge starben einer nach dem anderen.«

Ich trat gegen ein Grasbüschel. »Ich kann ihnen nicht verübeln, dass sie durch die Gegend wanderten. Das liegt auch mir im Blut. Aber es klingt, als hätten sie sich nie irgendwo zu Hause gefühlt.«

Rhia betrachtete mich nachdenklich, der Seewind zerzauste ihr blättriges Gewand. »Und liegt es dir im Blut, dich irgendwo zu Hause zu fühlen?«

»Ich hoffe es, aber ich bin mir nicht sicher. Wie steht es mit dir?«

Abweisend sagte sie: »Arbassa ist mein Zuhause. Meine Familie. Alles an Familie, was ich je gehabt habe.«

»Bis auf Cwen.«

Sie biss sich auf die Lippe. »Einst gehörte sie zu meiner Familie. Aber das ist vorbei. Sie gab das für einen Sack voll Goblinversprechen auf.«

Der Schmetterling flog von meinem Stock hinüber zu Bumbelwy, der immer noch verdrossen über den Kanal zur vergessenen Insel schaute. Gerade bevor der Schmetterling landete, überlegte er es sich offenbar anders und kehrte zu dem knorrigen Stock zurück. Ich sah zu, wie seine stumpfbraunen Flügel, von denen einer sehr verschlissen war, sich langsam öffneten und schlossen.

Mit einem Blick auf Rhia erklärte ich: »Wir müssen sie finden.«

»Wen?«

»Cwen. Vielleicht kann sie mir sagen, was diese Steinhaufen verschweigen.«

Rhia schnitt ein Gesicht, als hätte sie eine Hand voll saurer Beeren gegessen. »Dann sind wir verloren. Es gibt keine Möglichkeit, sie zu finden, selbst wenn sie den Verlust ihres Arms überlebt hat. Außerdem könnten wir ihr nicht trauen, selbst wenn wir sie fänden.« Und dann spuckte sie fast heraus: »Sie ist eine Verräterin durch und durch.«

Unter uns donnerte eine riesige Welle an die Klippe und jagte mit ihrem Gischt Dreizehenmöwen und Seeschwalben kreischend in die Flucht. »Trotzdem muss ich es versuchen! Bestimmt hat jemand sie gesehen, nachdem sie wegging. Wenn Bäumlinge heutzutage so selten sind, würde jemand wie sie bemerkt, oder nicht?«

Rhia schüttelte den Kopf. »Du hast es noch nicht begriffen. So wenig wie an irgendeinem Ort hielten Bäumlinge es in irgendeinem Körper aus.«

»Du willst doch nicht sagen . . .«

»Doch! Sie konnten ihre Gestalt verändern. Du weißt, wie die meisten Bäume im Herbst ihre Farben wechseln und im Frühling ein ganz neues Kleid tragen? Die Bäumlinge gingen noch viel weiter. Sie tauschten ständig ihre baumähnliche Gestalt gegen die eines Bären oder eines Adlers oder eines Froschs. Deshalb werden sie in der Strophe über das Verändern genannt. Sie waren Meister darin.«

Meine Hoffnungen, schon so verletzlich wie der Schmetterling auf meinem Stock, schwanden völlig. »Also könnte Cwen, falls sie noch lebt, wie alles Mögliche aussehen.«

»Alles, was du dir nur denken kannst.«

Bumbelwy spürte meine Verzweiflung. »Ich könnte dir ein Lied vorsingen, wenn du willst. Etwas Leichtes, Fröhliches.« …