ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Thomas A. Barron - „Merlin und die Feuerproben“

Merlin 3

ISBN: 9-783-423-70634-6

 

Klappentext:

»Es tut mir leid, Merlin, dir sagen zu müssen, dass du nun nicht mehr so mächtig bist. Ich habe dir etwas genommen, das einst dir gehörte. Ich meine nicht dein Schwert - ich spreche von deiner Magie.« Als Merlin die Probe zum Magier bestehen will, geht seine eigens dafür gebaute Harfe in Flammen auf. An ihrer Stelle erscheint die Zwergenkönigin Urnalda, in deren Schuld Merlin steht. Drohend fordert sie nun ihrerseits Merlins Hilfe ein. Er soll den aus jahrzehntelangem Schlaf erwachten feuerspeienden Drachen »Wings of Fire« bekämpfen. Obwohl Merlin selbst mit seinem sicheren Tod rechnen muss, sieht er keinen anderen Ausweg, als der Aufforderung nachzukommen. Doch Urnalda lockt ihn in eine Falle: Mit einem Zauber raubt sie ihm all seine magischen Kräfte, um ihn dem Drachen zu opfern und ihr eigenes Land zu retten. Doch Merlin wird in letzter Minute von einem der vielen fantastischen Wesen Fincayras gerettet. Mehr denn je fühlt er sich verpflichtet das Land vor dem Drachen zu retten und so bricht er auf in den ungleichen Kampf.

 

Inhalt:

Merlin hat ein magisches Instrument gebaut. Bringt er es zum klingen, hat er bewiesen, dass er das Zeug zu einem wahren Magier hat.

Doch so weit kommt es nicht. Noch bevor der erste Ton erklingen kann, geht das Instrument in Flammen auf. Urnalda , die Zwergenkönigin, will die Schuld eingelöst haben, in der Merlin bei ihr steht.

Der Drache Valdearg ist erwacht. Er sinnt auf Rache, da jemand seine Brut getötet hat. Und diese Rache bedroht nicht nur die Zwerge, sondern ganz Fincayra.

Trotz der traurigen Prophezeiung, die besagt, dass sowohl der Drachen, als auch sein Angreifer sterben werden, macht sich Merlin auf den Weg.

Merlin lernt Freunde kennen, verliert sie wieder. Er glaubt, seine magischen Kräfte verloren zu haben und macht trotzdem weiter. Und er tritt trotzdem dem Drachen gegenüber. Und die Prophezeiung erfüllt sich. Wenn auch anders als erwartet.

 

Leseprobe:

Obwohl ich die stürzenden Fluten deutlich hören konnte, sah ich den Fluss noch nicht durch den wabernden Nebel. Das braune Fell von Eremon und Hallia glänzte vor Schweiß, als die beiden auf eine Stelle mit dunkelgrünem Schilf zutrabten. Liebevoll stieß Hallia mit ihrer Schulter an die des Bruders. Dann senkten sie die Köpfe und ästen im Schilf.

Als ich näher kam, hob der Hirsch das Geweih und begrüßte mich mit anerkennendem Nicken. »Du lernst laufen, junger Falke.«

»Ich lerne hören.«

Hallia schien nicht auf uns zu achten und riss Schilfbüschel aus. Ihre Zähne mahlten laut.

Auch ich fing an am Schilf zu knabbern. Es schmeckte fast bitter, doch ich spürte beinah sofort neue Kraft in den Gliedern. Selbst der samtige Belag meines Geweihs schien zu prickeln. Ich biss kräftiger zu.

Kauend nickte ich beifällig. »Was ist das, knirschknirschknirsch, für eine Binse?«

»Seegras«, antwortete Eremon zwischen zwei Maulvoll. »Von den Tagen, in denen mein Stamm der Hirschmenschen am Meer lebte. Spürst du es auf der Zunge? Es fühlt sich an wie die getrocknete Haut eines Aals.«

Er riss ein paar Halme aus und kaute eine Weile nachdenklich. »Obwohl wir nicht mehr an der Küste leben, haben wir den Namen des Schilfs beibehalten – und viele seiner Verwendungsmöglichkeiten. Wir flechten daraus unsere Körbe, weben unsere Vorhänge und unsere Kleidung. Zerrieben, zerstoßen und mit Haselnussöl vermischt benutzten wir es an Winterabenden zum Anfeuern. Es begrüßt unsere Kinder als Decke bei ihrer Geburt und schickt sie als Beerdigungsschal bei ihrem Tod auf die lange Reise.« Seine schwarze Nase stöberte in einem anderen Büschel. »Doch am besten verwendet man es einfach als Nahrung.«

Plötzlich schrie Hallia laut auf. Sie machte einen Satz und schüttelte wild den Kopf. Eremon war schon neben ihr, als sie auf dem Boden landete, und streichelte mit der Nase ihren Hals. Wimmernd warf sie den Kopf hin und her.

»Was ist, meine Schwester?«

»Ich muss auf etwas gebissen haben – oh, das tut weh! Ein Stein oder so etwas. Ich glaube, ich habe … mir einen Zahn abgebrochen.« Zitternd machte sie das Maul auf. Blut bedeckte einen ihrer hinteren Zähne und lief ihr über die Lippe. »Oh … das tut weh. Schmerzt.« Sie stampfte mit dem Huf auf. »Warum jetzt?«

Eremon schaute mich besorgt an. »Ich weiß nicht, wie man eine solche Wunde behandelt.«

Hallia schüttelte immer noch den Kopf und trat gegen das Schilf. »Ich gehe … ah! … zu Miach dem Gelehrten. Er wird …«

»Zu weit«, unterbrach sie der Hirsch. »Miachs Dorf ist mehr als eine Tagereise von hier entfernt.«

Ein Schauder durchlief sie. »Dann heilt es vielleicht – oh! – mit der Zeit von selbst.«

»Nein, nein«, sagte Eremon. »Du musst Hilfe suchen.«

»Aber wo? Soll ich einfach … losziehen?« Sie schloss fest die Augen. Als sie sie wieder aufschlug, sammelten sich Tränen an ihren Wimpern. »Ich will … bei dir bleiben.«

Ich mischte mich ein. »Warte. Ich beherrsche zwar keinen eigenen Zauber mehr, aber ich verstehe ein wenig vom Heilen.«

»Nein!«, schrie Hallia. »Ich lasse mich nicht heilen von … ihm.«

Eremon sah sie ernst an. »Lass es ihn versuchen.«

»Aber er könnte …« Sie schauderte. »Er ist … ein Mensch!« Vorsichtig rollte sie die Zunge zusammen und fuhr über den abgebrochenen Zahn. »Oh, Eremon!« Sie warf den Kopf hoch und schwieg einen langen Augenblick. Schließlich sagte sie matt: »Vertraust du… ihm wirklich?«

»Ja.«

»Nun gut«, flüsterte sie. »Lass es ihn … versuchen.«

Ich stampfte mit dem Huf auf den Boden. »Hände. Ich brauche Hände. Wie verwandle ich mich?«

»Fang einfach an zu gehen«, antwortete Eremon. »Und konzentriere deinen Willen darauf, Menschengestalt anzunehmen.«

Obwohl mir das Herz schwer war bei dem Gedanken, meine neugefundenen Sinne zu verlieren, und sei es nur kurz, drehte ich mich zu der Gegend um, über die wir gesetzt waren. Ich sprang in die Nebelvorhänge und versuchte mich zu erinnern, wo ich die zusammengerollten gelben Blätter gesehen hatte – die Pflanze, die meine Mutter die Decke des Verletztennannte. Ich hatte oft gesehen, wie sie damit Schmerzen stillte, allerdings nie an einem Zahn. Ich konnte es nur versuchen … und hoffen.

Nach ein paar Schritten wurden meine Hufe flacher, mein Rücken bog sich nach oben und mein Hals verkürzte sich. Meine Bewegungen fühlten sich plötzlich abgehackt, zusammenhanglos an. Und mein Atem – weniger tief. Bald stapften meine Stiefel, noch nass von dem Bad im Bach, auf dem Gras.

Als der Nebel sich etwas verzog, schaute ich mich nach den gelben Pflanzen um, an die ich mich erinnerte. Mehrere Minuten lang suchte ich – ohne Erfolg. War meine Sehkraft zu gering, um sie zu entdecken? Hatte der Nebel sie ganz geschluckt? Endlich – da waren sie. Ich lief hinüber und pflückte eins der zusammengerollten, behaarten Blätter. Steif lief ich zu den anderen zurück.

»Hier«, keuchte ich und zeigte das Blatt in meiner Hand. »Das muss ich um deinen Zahn wickeln.«

Hallia wimmerte, sie zitterte am ganzen Körper.

Ich redete ihr gut zu. »Es wird helfen … jedenfalls sollte es das.«

Sie stöhnte ängstlich. Dann, als Eremon sanft ihren Hals berührte, öffnete sie den Mund, hob die Zunge und zeigte den blutigen Zahn. Vorsichtig, sehr vorsichtig fuhr ich mit der Fingerspitze darüber. Plötzlich spürte ich einen winzigen Stein, der in einem Riss saß. Ich zog ihn heraus. Obwohl Hallia wieder aufschrie, hielt sie den Mund so lange offen, dass ich das Blatt über ihren Zahn und Gaumen wickeln konnte. Gerade als ich fertig war, riss sie sich los.

»Das sollte genügen.« Es klang nicht ganz so zuversichtlich, wie ich mir wünschte.

Langsam schloss Hallia die Lippen. Sie schauderte und legte den Kopf von einer Seite zur anderen. Ich war überzeugt, dass sie das Blatt gleich ausspucken würde.

Doch sie spuckte nicht. Stattdessen schaute sie mich aus ihren braunen Augen an. »Das schmeckt scheußlich. Wie faulige Eichenrinde oder noch schlimmer.« Sie zögerte. »Trotzdem … es scheint ein bisschen … besser zu werden.«

Eremon nickte. »Wir sind dankbar, junger Falke.«

Ich war plötzlich scheu wie ein Reh und wandte mich ab. »Nicht so dankbar, wie ich dafür bin, ein Hirsch gewesen zu sein – wenigstens eine Zeit lang.«

»Du wirst bald wieder auf Hufen springen. Und oft, wenn der Zauber anhält.« Er sah zu seiner Schwester hinüber, die mit der Zunge an dem umwickelten Zahn spielte. »Aber jetzt sind wir froh, dass du Finger hast.«

Hallia kam einen Schritt näher. »Und …«, sie atmete langsam ein, »Wissen. Wirkliches Wissen. Ich dachte, die Männer und Frauen hätten die Sprache des Landes – der Pflanzen, der Jahreszeiten, der Steine – für die Sprache der geschriebenen Worte aufgegeben.«

»Nicht alle Männer und Frauen.« Ich klopfte auf das Heft meines Schwerts und grinste schief. »Glaub mir, ich habe einiges von Steinen gelernt.« Dann dachte ich an Cairpré, der immerzu Schätze zwischen Buchdeckeln fand. »Das geschriebene Wort hat allerdings seine eigenen Vorzüge.«

Sie betrachtete mich skeptisch.

»Es ist wahr«, erklärte ich ihr. »Wenn man eine Stelle in einem Buch liest, dann ist es, als würde man – nun, Fährten folgen. Nein, nein – das stimmt nicht. Eher, als würde man die Bedeutung der Fährten finden. Wohin sie gehen, warum sie flüchtig oder ungleich sind, wie sie sich von denen des Vortags unterscheiden.«

Hallia sagte nichts mehr, obwohl sie die Ohren spitzte, als sei sie fasziniert. In diesem Moment drehte sich der Wind. Im Nebel vor uns öffnete sich eine Lücke und ließ ein paar leuchtende Lichtstrahlen durch. Sie streiften das Seegras, so dass es aussah, als würde es von innen leuchten.

Hallia seufzte. »Wie schön.«

Ich nickte.