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Sebastian Fitzek - „Das Paket“

ISBN: 9-783-426-44008-7

 

Klappentext:

Der neue Psychothriller von Sebastian Fitzek! Seit die junge Psychiaterin Emma Stein in einem Hotelzimmer vergewaltigt wurde, verlässt sie das Haus nicht mehr. Sie war das dritte Opfer eines Psychopathen, den die Presse den 'Friseur' nennt – weil er den misshandelten Frauen die Haare vom Kopf schert, bevor er sie ermordet. Emma, die als Einzige mit dem Leben davonkam, fürchtet, der 'Friseur' könnte sie erneut heimsuchen, um seine grauenhafte Tat zu vollenden. In ihrer Paranoia glaubt sie in jedem Mann ihren Peiniger wiederzuerkennen, dabei hat sie den Täter nie zu Gesicht bekommen. Nur in ihrem kleinen Haus am Rande des Berliner Grunewalds fühlt sie sich noch sicher – bis der Postbote sie eines Tages bittet, ein Paket für ihren Nachbarn anzunehmen. Einen Mann, dessen Namen sie nicht kennt und den sie noch nie gesehen hat, obwohl sie schon seit Jahren in ihrer Straße lebt.

 

Inhalt:

Emma ist auf einem Kongress. Und als wäre die Notlüge, mit der sie sich gegen einen überheblichen Kollegen zur Wehr setzt, noch nicht genug, wird sie abends in ihrem Zimmer auch noch vergewaltigt.

Zumindest gaubt sie, sie wurde vergewaltigt.Sie verliert ihr Kind, entfernt sich von ihrem Mann und verliert so nach und nach ihren Verstand.

Genau das wollte der Täter aber nicht. Er wollte ihr doch nur helfen. Wollte ihr zeigen, dass ihr lieber Ehemann gar nicht so lieb ist, weil er sie nämlich betrügt und andere Frauen verführt und sogar ihre beste Freundin geschwängert hat.

Doch Emma sieht das nicht. Sie rutscht immer tiefer in eine Verkettung von unglücklichen Umständen, wird mehr und mehr zur Mörderin und ist am Ende mehr als überrascht, als sie erfährt, wer der wahre Täter ist und wie weit die Sache bereits zurück liegt.

 

Leseprobe:

… Sie drehte sich zur mittlerweile geöffneten Haustür herum. »Mein Gott, Sylvia. Hast du mich erschreckt.«

Statt einer Entschuldigung oder wenigstens einer ordentlichen Begrüßung ließ ihre Freundin sie einfach auf der Treppe stehen und verschwand wortlos im Haus.

Emma folgte ihr mit einem Gefühl tiefer Erschöpfung. Samson, der Einbruch in Palandts Haus, die Eindringlinge, der Rückweg, auf dem sie sich völlig verausgabt hatte – all das hatte sie an ihre Grenzen geführt. Auf ein weiteres Problem – und darauf deutete das merkwürdige Verhalten ihrer Freundin hin – konnte sie getrost verzichten.

Sie schloss die Tür.

Mit zittrigen Fingern hängte Emma ihren Mantel an die Garderobe, streifte sich die schneenassen Schuhe von den Füßen und trat ins Wohnzimmer. Das Blut schoss ihr durch den plötzlichen Temperaturumschwung in die Wangen.

»Alles okay mit dir?«

Sylvia schüttelte wütend den Kopf. Ihre sonst stets zu einer Hochsteckfrisur drapierten, dunklen Locken hingen ihr kraftlos auf die Schultern.

Normalerweise machte sie es sich bei ihren Besuchen regelmäßig mit angezogenen Beinen auf dem Sofa bequem. Meist bat sie Emma um einen Latte macchiato, bevor sie fröhlich über die meist belanglosen Ereignisse der vergangenen Woche plapperte. Heute trug sie statt dem üblichen Designerkleidchen einen mausgrauen Jogginganzug und saß statuensteif auf der Kante der Couch. Dabei fixierte sie die ausglühenden Holzscheite im Kamin.

»Nein. Nichts ist okay«, bestätigte sie ihren ungewöhnlichen Aufzug und ihr seltsames Verhalten.

Sylvia Bergmann war nicht nur ihre beste, sondern auch ihre größte Freundin. Selbst in Emmas weitestem Bekanntenkreis fand sich keine, die sich mit ihr auf Augenhöhe befand, und das nicht nur im übertragenen Sinne. Allein, dass sie Schuhe der Größe zweiundvierzig trug, sagte einiges aus; auch der Fakt, dass sie beinahe Profibasketballerin geworden wäre, wenn ihre konservativen Eltern nicht auf einem ordentlichen Beruf bestanden hätten, wobei diese wohl eher an ein Medizinstudium als an eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gedacht hatten. Die Patienten in Sylvias Praxis am Weinberg liebten sie wegen ihrer großen, magischen Hände, die wie mit einem Tiefensonar ausgestattet Verspannungen und Blockaden erst ertasteten, um sie dann durch das Drücken nur ihr bekannter Energie- und Reflexpunkte in Luft aufzulösen. Heute allerdings wirkte Sylvia so, als könnte sie selbst eine ihrer Behandlungen vertragen. Alles an ihr schien verkrampft und angespannt.

»Setz dich!«, befahl sie schroff, als wäre sie hier zu Hause und Emma ein einbestellter Gast.

Emma kämpfte gegen eine Welle der Müdigkeit an, die sie regelrecht schwanken ließ, jetzt, da sie sich wieder in den eigenen vier Wänden wusste. Auch wenn ihr Haus sich nicht mehr so sicher anfühlte wie heute Morgen noch. Und das lag unter anderem daran, dass Sylvia sich selbst die Tür aufgemacht hatte.

»Sylvie, ich will ja nichts sagen, aber du weißt schon, dass ich dir den Schlüssel nur für den Notfall gegeben habe?«

»Setz dich!«, widerholte Sylvia noch einmal mit kalter Stimme. »Das hier ist ein Notfall.«

»Was ist denn los mir dir?«, fragte Emma und entschied sich, stehen zu bleiben. Trotz ihrer wackligen Knie erschien es ihr auf einmal wichtig, Distanz zu halten. Zur Not würde sie sich am Kaminsims festhalten müssen.

»Was los ist, fragst du?« Sylvia schaffte das Unmögliche und versteifte sich noch einmal mehr. »Wieso tust du mir das an?«, presste sie hervor.

»Wovon redest du?«

»Hiervon!«

Ihre Freundin zog aus der Tasche ihrer Trainingsjacke eine weiße Pillendose mit einem roten Deckel.

»Du weißt, was das ist?«, fragte sie.

Emma nickte. »Sieht nach dem Progesteron aus, das ich dir gegeben habe.«

Ein Mittel, das die Chancen auf eine Schwangerschaft erhöht. Der Wirkstoff fördert die Durchblutung der Gebärmutter. Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch wird das Sexualhormon bereits vor der Befruchtung empfohlen. Später dann, damit das Kind nicht wieder abgeht. Emma hatte es sich von ihrem Frauenarzt nach dem ersten Ultraschall verschreiben lassen und die angebrochene Packung ihrer besten Freundin überlassen.

Nach den Blutungen, nach der Nacht im Hotel, hatte sie keine Verwendung mehr dafür gehabt.

»Wieso tust du mir das an?«, wiederholte Sylvia und stellte die Pillendose auf den Couchtisch.

»Wovon zum Teufel redest du?«

»Gönnst du mir keine Kinder?«

»Bitte?«

»Wünschst du mir das gleiche Schicksal wie dir?«

»Was zum Teufel ist denn in dich gefahren?« Emma hob beide Hände, öffnete und schloss die Finger, knetete die Luft wie einen unsichtbaren Teig, hilflos, ohne zu wissen, wie sie auf diesen ungeheuerlich verletzenden Vorwurf reagieren sollte. »Wieso sollte ich so etwas denken?«, fragte sie mit Tränen in den Augen. »Ich liebe dich, Sylvie. Eine Nacht mit dem Friseur würde ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen.«

Sylvia sah sie eine Weile lang stumm an und nickte dann verächtlich, als habe sie mit einer derartigen Lüge gerechnet. »In den letzten Wochen litt ich permanent unter Übelkeit, Kopfschmerzen und Müdigkeit«, sagte sie tonlos.

Willkommen im Club.

»Zuerst hab ich mich gefreut, weil ich dachte, es hat endlich geklappt. Aber die Tests blieben negativ, und ich bekam meine Periode. Also bin ich zum Arzt gegangen. Und der hat mich gefragt, ob ich irgendwelche Medikamente nähme. Nur Utrogest, hab ich geantwortet und wurde dafür gelobt. Ja, das kann helfen.«

Sylvias Blicke wanderten über Emmas Gesicht und fühlten sich an wie Akupunkturnadeln. Ihre beste Freundin öffnete den Mund, und Emma wich unwillkürlich einen Schritt zurück, wie vor einem knurrenden Hund, der die Zähne bleckt.

»Vorausgesetzt natürlich, in der Packung, die einem die liebe Freundin geschenkt hast, ist Progesteron. Und nicht Levonor-irgendwas«, sagte Sylvia mit einer viel zu leisen Stimme für diese ungeheuerliche Anschuldigung.

»Levonorgestrel?« Emma wurde heiß. Zum ersten Mal an diesem Tag schwitzte sie. »Das ist unmöglich«, presste sie hervor. Sie wankte zum Kaminsims, und ihr wurde noch heißer.

»Was hast du dir dabei gedacht?«, fragte Sylvia. »Als die Blutungen immer stärker wurden, hat Peter sich die Pillen angeschaut. Seine Ex-Frau hat sie nämlich auch mal genommen, und er sagte, ihre Pillen hätten ganz anders ausgesehen.«

Peter!

Sylvias nachnamenloser Freund. Zumindest kannte Emma seinen Nachnamen nicht, was auch daran liegen mochte, dass sie ihrer besten Freundin kaum zugehört hatte, wenn sie über ihn sprach. Sylvia hatte ihn erst in der Danach-Zeit kennengelernt, in der Emma nach allem der Sinn stand, nur nicht nach Beziehungsgeschichten. Sie hatte noch nicht einmal ein Foto von ihm sehen wollen. Alles, was sie von Peter wusste, war, dass er angeblich »der Richtige« war; der Traummann, mit dem sie Kinder bekommen wollte. …