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Simon Becket - „Totenfang“

ISBN: 9-783-644-21831-4

 

Klappentext:

Hunter is back! Sein fünfter Fall führt Dr. David Hunter in die Backwaters, ein unwirtliches Mündungsgebiet in Essex, wo die Grenzen zwischen Land und Wasser verschwimmen. Aber die wahren Gefahren lauern nicht in der Tiefe, sondern dort, wo er sie am wenigsten erwartet. Seit über einem Monat ist der 31-jährige Leo Villiers spurlos verschwunden. Als an einer Flussmündung zwischen Seetang und Schlamm eine stark verweste Männerleiche gefunden wird, geht die Polizei davon aus, Leo gefunden zu haben. Der Spross der einflussreichsten Familie der Gegend soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, die ebenfalls als vermisst gilt: Leo steht im Verdacht, Emma Darby und schließlich sich selbst umgebracht zu haben. Doch David Hunter kommen Zweifel an der Identität des Toten. Denn tags darauf treibt ein einzelner Fuß im Wasser, und der gehört definitiv zu einer anderen Leiche. Für die Zeit seines Aufenthalts kommt David Hunter in einem abgeschiedenen Bootshaus unter. Es gehört Andrew Trask, dessen Familie ihm mit unverholener Feindseligkeit begegnet. Aber sie scheinen nicht die einzigen im Ort zu sein, die etwas zu verbergen haben. Und noch ehe der forensische Anthropologe das Rätsel um den unbekannten Toten lösen kann, fordert die erbarmungslose Wasserlandschaft erneut ihren Tribut… Mit der lang erwarteten Fortsetzung seiner David-Hunter-Serie legt Bestseller-Autor Simon Beckett erneut einen Thriller der Meisterklasse vor. Das Buch erscheint als Weltpremiere zuerst in deutscher Sprache.

 

Inhalt:

Dr. Hunter glaubt, dass seine Laufbahn als forensischer Antropologe beendet ist. Selbst der Chef seiner Fakultät hat schon durchblicken lassen, dass sein Vertrag nicht mehr verlängert wird.

Doch ein Anruf ändert diesen Zustand rapide. Er wird zur Bergung einer Wasserleiche gerufen. Irgendwo, in einem kleinen Städtchen an der Küste. Und als ob eine Leiche noch nicht schlimm genug wäre, schaltet sich ein einflussreichen Geldsack mit ein, der ziemlich schnell den Deckel auf die Sache machen will.

Doch Hunter spielt der Zufall mit in die Tasche. Eine Autopanne bringt ihm eine dicke fette fiebrige Erkältung und die Bekanntschaft einer Frau. In Gesellschaft dieser Frau birgt er einen einzelnen Fuß aus einem Fluss der Backwaters. Dieser Fuß gehört zu der bereits geborgenen Leiche, passt aber nicht zur ersten Identifikation.

Das Unglück eines Kindes fördert eine weitere Leiche zutage. Hunter wird mehr über die mehr in den Fall hinein gezogen. Unter anderem auch, weil er glaubt, sich neu verliebt zu haben. Er tappt gemeinsam mit einem Kollegen in eine falsche Richtung. Dadurch wird eine lang vermisste Leiche gefunden, der Fall aber endgültig aufgeklärt. Allerdings such ein lang zurück liegender. Und der, der am Ende ungeschoren davon kommt, ist ausgerechnet ist der einflussreiche Geldsack...

 

Leseprobe:

… «Wissen Sie auch bestimmt, wo Sie hinwollen? Hier draußen ist gar nichts», sagte er nervös, als die einspurige Straße ein enge Kurve beschrieb und über eine kleine, buckelförmige Brücke führte.

Ich hoffte es. Manches erkannte ich wieder, aber die Strecke, die ich aus London genommen hatte, war eine andere als die von der Leichenhalle, und auf der Hinfahrt im Polizeiauto hatte ich nicht richtig aufgepasst. Außerdem wurde es allmählich dunkel, die Flüsse und Kanäle waren von der Flut mit Wasser gefüllt und hatten das Aussehen der Landschaft völlig verändert.

Am Ende beschloss ich, dass ich zu Fuß schneller ankommen würde, selbst wenn ich irgendwo falsch abbiegen sollte, und sagte dem Fahrer, ich würde das letzte Stück zu Fuß gehen. Seine Laune verbesserte sich angesichts eines großzügigen Trinkgelds sehr, er wendete umständlich auf der engen Straße, winkte mir zum Abschied fröhlich zu und verschwand um die nächste Kurve. Ich stand da und lauschte dem leiser werdenden Motorengeräusch und dem sanften Schwappen der Wellen im Marschland, dann machte ich mich auf der einsamen Straße auf den Weg.

 

Nachdem ich nachgewiesen hatte, dass der Fuß zu der Sandbank-Leiche gehörte, hatte Clarke mich gebeten, in der Leichenhalle zu bleiben.

«Wenn das nicht Leo Villiers ist, will ich verdammt noch mal wissen, wer dann», hatte sie noch gesagt, bevor sie und Lundy gegangen waren. «Alter, Herkunft, alles, was uns helfen kann, ihn zu identifizieren oder den Todeszeitpunkt zu bestimmen. Können Sie uns dabei helfen, Dr. Hunter?»

«Ich tue mein Bestes», sagte ich und wandte mich an Frears. «Haben Sie Puppen von Schmeißfliegen oder deren Hüllen in der Kleidung gefunden?»

«Nein, aber im Wasser würde ich die auch nicht erwarten.»

Ich auch nicht, aber genau das war der Punkt. Schmeißfliegen sind unglaublich widerstandsfähig. Sogar im tiefsten Winter reicht ein bisschen Sonne, um sie hervorzulocken. Doch unter Wasser können sie keine Eier legen, und auch wenn die Leiche bei Ebbe freigelegt war, hätten die Eier die nächste Flut nicht überlebt. Wenn sich also Schmeißfliegen hätten nachweisen lassen, würde das bedeuten, dass der Körper einen längeren Zeitraum als nur zwischen zwei Fluten im Freien gelegen hatte. Das würde den Verwesungsfortgang extrem verzerren und damit auch die Berechnung des Todeszeitpunkts.

Ohne Schmeißfliegen konnten wir wenigstens das ausschließen.

Während Frears ging, um die Obduktion der Leiche aus dem Stacheldraht vorzunehmen, machte ich mich an meine eigene grausige Aufgabe. Wahrscheinlich zweifelte keiner von uns mehr daran, dass Leo Villiers seinen Tod vorgetäuscht hatte. Was am Anfang wie eine Selbsttötung ausgesehen hatte, war zu einer Mordermittlung geworden, und diesmal gab es eine Leiche, die mit Villiers in Verbindung gebracht werden konnte.

Das würden nicht einmal die Anwälte seines Vaters wegreden können.

Ich war optimistisch, Clarke weitere Informationen über den in Leo Villiers’ Kleidern gefundenen Mann geben zu können. Zuerst sah ich mir die vor der Obduktion gemachten Röntgenaufnahmen an. Die Hammerzehen am Fuß deuteten auf einen älteren Menschen hin, doch die Gelenke sagten etwas anderes aus. Sie waren in gutem Zustand und zeigten kaum altersbedingte Abnutzungserscheinungen.

Darüber dachte ich mit dem Röntgenbild des Fußes in der Hand nach. Vor allem der zweite Zeh war heftig deformiert, und wenn das nicht am Alter lag, musste es erblich oder beruflich bedingt sein. Ich vermutete Letzteres, aber um mehr herauszufinden, musste ich die Knochen selbst untersuchen, und dafür gab es nur einen Weg.

Einen verwesenden menschlichen Körper von verbleibendem Weichgewebe zu befreien, ist nie angenehm. Mit einer Gummischürze und dicken Gummihandschuhen ausgestattet, entfernte ich so viel wie möglich davon mit Messern und Scheren, schnitt, so dicht es ging, am Knochen, ohne ihn zu beschädigen. Wenn das Skelett all seine Informationen preisgegeben hatte, würde es zusammen mit den Organen und dem Rest des Körpers bis zur Beerdigung oder Einäscherung aufbewahrt werden.

Auf dem Untersuchungstisch lag jetzt eine Art grausiges Strichmännchen, eher anatomische Karikatur als menschliches Wesen. Aber ich war noch nicht fertig. Vorsichtig durchtrennte ich an den Gelenken die Sehnen und nahm die Überreste wie ein Hühnergerippe auseinander. Die einzelnen Körperteile wurden dann in große Pfannen mit einer schwachen Reinigungslösung gelegt und köchelten über Nacht in einem Digestorium. Ein Skelett zu säubern, konnte sehr zeitaufwendig sein und mehrere Reinigungsgänge in warmer Lösung und das Behandeln mit einem Entfettungsmittel erforderlich machen, bevor man es untersuchen konnte. Wenn die Überreste allerdings dermaßen verwest waren wie diese hier, war diese Prozedur unnötig. Die Knochen würden bereits am folgenden Morgen so weit sein, dass ich sie untersuchen und Clarke hoffentlich etwas Nützliches mitteilen konnte.

Sobald die Pfannen also vor sich hin köchelten, gab es für mich nichts mehr zu tun. Ich hatte versucht, Frears zu finden, aber Lan, die junge Obduktionsassistentin, teilte mir mit, dass er schon gegangen war. Die Obduktion hatte offensichtlich nicht lange gedauert, was nicht überraschend war. Ein Rechtsmediziner hätte seine Mühe, etwas von einem so stark verwesten Körper wie dem aus dem Fluss abzulesen.

Das war mein Job.

Ich war enttäuscht, nicht erfahren zu können, was Frears herausgefunden hatte. Dies war bereits die zweite Obduktion, die ich verpasst hatte, wenn auch aus anderen Gründen. Doch als ich mich im Umkleideraum wusch und umzog, holten mich die Ereignisse des Tages ein. Ich konnte kaum glauben, dass ich erst heute Morgen mit Rachel in Cruckhaven Kaffee getrunken hatte. Es war ein langer Tag gewesen, und das bleierne Gefühl in meinen Gliedmaßen, als ich jetzt die leere Straße entlangschlurfte, zeigte mir, dass ich mich von meiner Erkältung noch nicht gänzlich erholt hatte.

Ich war froh, endlich die Abzweigung nach Creek House zu erreichen. Der Gedanke, Rachel wiederzusehen, machte mich gleichermaßen froh wie nervös, und ich ermahnte mich, dass weder zu dem einen noch dem anderen Anlass bestünde. Der zerbeulte weiße Defender stand am Birkenwäldchen, doch Trasks grauer Landrover war nicht in Sicht. Mein eigenes Auto entdeckte ich ein Stück weiter, ein seltsam vertrauter Anblick in dieser fremden Umgebung.

Ich ging zwischen den Birken hindurch und die Holzstufen zur Haustür hoch. Durch die Glasscheibe fiel Licht, ein warmes, gemütliches Schimmern, das angesichts dessen, was diese Familie durchgemacht hatte, eine Illusion war. Die Tür ging auf, und Rachel stand vor mir.

Sie sah ebenfalls müde aus, lächelte mich aber an. «Hi.»

Ohne ein weiteres Wort trat sie beiseite und ließ mich ein. Als ich vorhin im Haus gewesen war, um meine Kleidung zu wechseln, hatte ich mich kaum umgesehen. Anders als gewöhnlich befand sich das Badezimmer im Erdgeschoss. Vom Flur gingen Türen ab, die vermutlich in die Schlafzimmer führten. Die Inneneinrichtung hatte einen skandinavischen Touch, war aber zu bewohnt, um noch minimalistisch zu sein. An den Wänden waren schwarze Streifen von Schuhen und Fahrradreifen, auf dem abgezogenen Dielenboden lagen Schuhe und Gummistiefel wild durcheinander. Eine Holztreppe führte hoch in den oberen Stock, von wo leise Musik herunterdrang.

«Wie geht’s Fay?», fragte ich, als Rachel die Tür hinter mir schloss. Ich roch einen leichten Hauch von Sandelholz. Zu leicht für Parfüm, eher Seife oder Shampoo. …