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Robert Harris - „Konklave“

ISBN: 9-783-453-27072-5

 

Klappentext:

Der Papst ist tot. Die um den Heiligen Stuhl buhlenden Gegner formieren sich: Traditionalisten, Modernisten, Schwarzafrikaner, Südamerikaner ... Kardinal Lomeli, den eine Glaubenskrise plagt, leitet das schwierige Konklave. Als sich die Pforten hinter den 117 Kardinälen schließen, trifft ein allen unbekannter Nachzügler ein. Der verstorbene Papst hatte den Bischof von Bagdad im Geheimen zum Kardinal ernannt. Ist der aufrechte Kirchenmann der neue Hoffnungsträger in Zeiten von Krieg und Terror – oder ein unerbittlicher Rivale mit ganz eigenen Plänen? Die Welt wartet, dass weißer Rauch aufsteigt …

 

Inhalt:

Der Papst ist tot. Sofort tritt ein altes Szenario in Kraft, das jedes mal gleich ist, wenn ein Papst verstorben ist. Die Wohnung wird versiegelt, die Geschäfte ruhen und der Papst wird einbalsamiert, beigesetzt und schon steht ein Konklave an.

Bei einem Konklave wetteifern Menschen aus den verschiedensten Ländern um das höchste Amt der Kirche. Jeder Favorit ist darauf bedacht, sich im besten Licht darzustellen. Kein Skandal der Vergangenheit darf ans Licht gelangen. Doch diese Skandale gibt es nun einmal. Es handelt sich hier schließlich auch nur um Menschen.

Kurz bevor das Konklave beginnt, schlägt ein Kardinal auf, den keiner kennt. Der Papst hat ihn ernannt, ohne jemanden einzuweihen.

Der Neue scheint harmlos zu sein. Ruhig und bescheiden scheint er sich in die Gemeinschaft einzufügen. Doch es steckt mehr in diesem kleinen Phillipino.

Trotz eines Bombenanschlages und diverser Abweichungen der alten Vorschriften und Statuten kann sich am Ende ein Skandal abwenden lassen. Oder ist die Entscheidung wirklich eine Gute?

 

Leseprobe:

… Im Gang fiel ihm ein, dass er seinen Schlüssel im Zimmer hatte liegen lassen. Kindisches Selbstmitleid befiel ihn. Konnte sich Don Zanetti nicht ein bisschen besser um ihn kümmern? Musste er denn an alles selbst denken? Ihm blieb nichts anderes übrig, als umzukehren, die Treppe zum Empfang hinunterzugehen und der Nonne hinter dem Tresen seine Dummheit zu beichten. Sie verschwand im Büro und kam mit Schwester Agnes von den Barmherzigen Schwestern wieder zurück, einer winzigen Französin Ende sechzig. Ihr Gesicht war scharf geschnitten und blass, die Augen waren kristallblau. Eine ihrer aristokratischen Ahnen war während der Französischen Revolution Mitglied des Ordens gewesen und öffentlich guillotiniert worden, weil sie den Eid auf das neue Regime verweigert hatte. Schwester Agnes stand im Ruf, die einzige Person zu sein, vor der der Heilige Vater Angst gehabt hatte. Vielleicht hatte er deshalb so oft ihre Gesellschaft gesucht. »Agnes ist immer ehrlich zu mir«, pflegte er zu sagen.

Nachdem Lomeli seine Entschuldigung wiederholt hatte, gab sie ihm zungeschnalzend den Generalschlüssel.

»Ich kann nur hoffen, Eminenz, dass Sie auf die Schlüssel Petri besser aufpassen als auf Ihren Zimmerschlüssel.«

Inzwischen hatten die meisten Kardinäle die Eingangshalle verlassen und waren entweder zum Mittagessen in den Saal gegangen oder auf ihre Zimmer, um sich auszuruhen oder Andacht zu halten. Anders als beim Abendessen galt mittags Selbstbedienung. Das Klappern der Teller und Bestecke, die Essensdüfte, das wohlige Summen der Gespräche führten Lomeli in Versuchung. Beim Anblick der langen Schlange vermutete er allerdings, dass das Hauptthema wohl seine Predigt sein würde. Es war schlauer, sie für sich selbst sprechen zu lassen.

In der Biegung der Treppe begegnete er dem herabkommenden Bellini. Er war allein, und als sie auf gleicher Höhe waren, sagte er leise zu Lomeli: »Ich wusste gar nicht, dass Sie so ehrgeizig sind.«

Einen Augenblick lang war Lomeli sich nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. »Eine seltsame Bemerkung, finden Sie nicht?«

»Das meine ich nicht beleidigend, aber Sie müssen zugeben, dass Sie soeben … tja, was? … aus dem Schatten getreten sind? Kann man das so sagen?«

»Und wie genau soll man im Schatten verharren, wenn man eine zweistündige, live im Fernsehen übertragene Messe im Petersdom zu halten hat?«

»Das ist jetzt aber nicht ganz aufrichtig, Jacopo.« Bellini verzog den Mund zu einem angewiderten Lächeln. »Sie wissen, was ich meine. Wenn man bedenkt, dass Sie erst vor Kurzem noch abdanken wollten – und jetzt das?« Er zuckte die Achseln und lächelte wieder schief. »Wie das wohl noch enden wird.«

Lomeli fühlte sich fast der Ohnmacht nahe, so als hätte er einen Schwindelanfall. »Ich bin erschüttert, Aldo. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich auch nur das geringste Interesse hege oder auch nur den Hauch einer Chance habe, Papst zu werden.«

»Mein lieber Freund, jedermann in diesem Gebäude hat eineChance, zumindest theoretisch. Jeder Kardinal hat zumindest schon mal mit dem Gedanken gespielt, dass er eines Tages gewählt werden könnte. Und jeder hat schon den Namen parat, unter dem seine Amtszeit als Papst in Erinnerung bleiben soll.«

»Gut, aber nicht ich.«

»Leugnen Sie es von mir aus, aber gehen Sie auf Ihr Zimmer, erforschen Sie Ihr Herz, und dann sagen Sie mir, dass ich falsch liege. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe dem Erzbischof von Mailand versprochen, dass ich versuchen werde, im Speisesaal mit einigen unserer Kollegen das Gespräch zu suchen.«

Nachdem Bellini gegangen war, stand Lomeli regungslos auf der Treppe. Der Mann stand offenbar unter gewaltigem Druck, sonst hätte er nicht auf diese Weise mit ihm gesprochen. Er schlüpfte in sein Zimmer, legte sich in voller Kleidung aufs Bett und versuchte Ruhe zu finden, aber die Vorhaltung ging ihm weiter im Kopf herum. Gab es da tatsächlich, tief in seiner Seele, einen Teufel des Ehrgeizes, den zur Kenntnis zu nehmen er sich all die Jahre geweigert hatte? Er unterzog sich einer aufrichtigen Gewissensprüfung und kam zu dem Schluss, dass Bellini, soweit er das beurteilen konnte, falsch lag.

Dann kam ihm eine andere Möglichkeit in den Sinn. Eine, die ihm viel beängstigender erschien, so absurd sie auch war. Fast fürchtete er sich davor, sie genauer zu untersuchen:

Was, wenn Gott einen Plan für ihn hatte?

Könnte das die Erklärung für die außergewöhnliche Anwandlung sein, die ihn im Petersdom ergriffen hatte? Waren die wenigen Sätze, an die er sich jetzt so schwer erinnern konnte, in Wahrheit nicht die eigenen gewesen, sondern eine Manifestation des Heiligen Geistes, der durch ihn gesprochen hatte?

Er versuchte zu beten. Aber Gott, dem er sich noch vor wenigen Minuten so nahe gefühlt hatte, war wieder verschwunden. Seine Bitten um Führung verpufften.

*

Es war kurz vor zwei Uhr nachmittags, als Lomeli sich schließlich von seinem Bett erhob. Er zog sich bis auf Unterwäsche und Socken aus, öffnete den Kleiderschrank und breitete die verschiedenen Bestandteile seines Chorgewands auf der Tagesdecke aus. Als er die Teile aus den Zellophanhüllen nahm, verströmten sie den süßlichen Geruch von chemischer Reinigung – ein Duft, der ihn immer an seine New Yorker Jahre als Nuntius erinnerte, wo seine gesamte Wäsche immer in einem Laden in der East 72nd Street gewaschen wurde. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und hörte noch einmal das leise Hupen des weit entfernten Verkehrs in Manhattan.

Alle Kleidungsstücke waren vom päpstlichen Ausstatter Gammarelli nach Maß gefertigt worden, in dessen berühmtem Geschäft, das sich seit 1798 hinter dem Pantheon befand. Er nahm sich Zeit beim Ankleiden und meditierte, um sein spirituelles Bewusstsein zu vertiefen, über den heiligen Charakter jedes einzelnen Stücks.

Er schlüpfte mit den Armen in die scharlachrote Soutane aus Wolle und schloss die dreiunddreißig Knöpfe, die vom Hals bis zu den Fesseln reichten – ein Knopf für jedes Jahr von Christi Leben. Um die Hüfte band er sich das Zingulum, die Bauchbinde aus roter Moiréseide, die ihn an das Keuschheitsgelübde erinnern sollte, und prüfte sorgfältig, ob die Quaste am Ende auch auf halber Höhe des linken Schienbeins hing. Dann zog er sich das Rochett aus dünnem, weißem Leinen über den Kopf. Die unteren zwei Drittel und die Manschetten bestanden aus weißer Spitze mit einem Blumenmuster. Er band die Bänder hinter dem Nacken zusammen und zog das Rochett gerade, das bis knapp über die Knie reichte. Schließlich legte er die Mozzetta an, den ellbogenlangen, scharlachroten Schulterkragen mit den neun Knöpfen, der wie das Rochett ein Symbol für seine richterliche Autorität war.

Er nahm das Pektorale vom Nachttisch und küsste es. Papst Johannes Paul II. hatte ihm das Brustkreuz persönlich überreicht. Lomeli war gerade aus New York nach Rom zurückgekehrt, wo er sich künftig als Kardinalstaatssekretär um die diplomatischen Beziehungen des Heiligen Stuhls kümmern würde. Damals war die Parkinsonerkrankung des Papstes schon sehr weit fortgeschritten, und er war so zittrig, dass ihm das Kreuz beim Aushändigen auf den Boden gefallen war. Lomeli löste die goldene Kette und tauschte sie gegen eine Kordel aus roter und goldener Seide aus. …