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Kathy Reichs - „Knochenjagd“

ISBN: 9-783-453-43771-5

 

Klappentext:

Tempes neuester Fall beginnt wie ein Albtraum: In einer verlassenen Wohnung liegt, eingewickelt in ein Handtuch, die Leiche eines Neugeborenen. Und bald tauchen noch zwei weitere tote Babys auf. Die fieberhafte Jagd nach der Mutter beginnt. Ist sie überhaupt die Mörderin? Ihre Spur führt Brennan und ihren Kollegen Ryan tief in die kanadische Einöde – und in das Revier eines eiskalten Killers …

 

Inhalt:

Gleich zu Beginn erst einmal zwei tote Babys in einer Wohnung. Dazu Polizeiangehörige, die das Ganze mächtig mitnimmt. Nach der Hinzunahme eines Leichensuchhundes kommt auch noch ein drittes totes Baby dazu.

Die Ermittlungen bringen recht schnell eine Verdächtige zutage. Die ist aber inzwischen auf und davon.

Tempe und Ryan machen sich mit einem dritten Kollegen auf den Weg, um ihr zu folgen. In Yellowknife werden sie zwar fündig, doch es bringt ihnen nicht viel, da die Verdächtige genau dann erschossen wird, als sie reden will.

Tempe kommt der Lösung trotz einer Entführung in ein Bergwerk und einem weiteren toten Baby gefährlich nahe.

 

Leseprobe:

… Ich wusste genau, was sie meinte. Jeden Tag kommen Mädchen aus Spartanburg, Saint-Jovite oder Sacramento nach Charlotte, Montreal oder  L.A., um Model oder Rockstar zu werden oder um dem Missbrauch, der Langeweile oder der Armut zu Hause zu entkommen. Jeden Tag klappern Zuhälter die Busstationen und Bahnhöfe ab und suchen nach Rucksäcken und hoffnungsfrohen Gesichtern. Wie Raubtiere stürzen sie sich auf ihre Beute, bieten ein Fotoshooting, eine Party, eine Mahlzeit im Taco Bell an.

Die meisten dieser Mädchen enden als Junkies und Huren, aus ihren Hollywoodträumen wird die reale Hölle der Dealer und schnellen Schüsse und grünen Minnas und Zuhälter. Die am wenigsten Glück haben, landen mit den Zehen nach oben in der Leichenhalle.

Sooft ich eins dieser Mädchen sehe, werde ich starr vor Wut. Aber inzwischen habe ich begriffen. Ich verabscheue diese blutrünstige Vernichtung menschlichen Lebens, aber ich habe nicht die Macht, sie zu stoppen. Trotzdem geht es mir zu Herzen. Ich empfinde jedes Mal Trauer und werde auch nie damit aufhören.

Ich konzentrierte mich wieder auf Phoenix.

»– und dann vergehen drei Jahre. Ich denke mir, entweder wurde Annaliese von einem dieser frauenhassenden Perversen umgebracht, oder sie hat den Absprung geschafft.« Phoenix zupfte sich einen Tabakbrösel von den Lippen und schnippte ihn weg. »Vor zwei Tagen taucht sie bei mir auf, sieht aus wie von ’nem Zug angefahren und fragt, ob sie bei mir pennen kann. Sie auf der Straße zu lassen, wäre so, als würde man Wölfen rohes Fleisch zuwerfen. Wenn es ein Verbrechen war, sie bei mir aufzunehmen, dann verhaften Sie mich.«

»Ist sie noch im Paradise Resort?«

Phoenix zuckte die Achseln.

»Annaliese braucht mehr Hilfe, als Sie ihr bieten können.« Ryan gab dem Wort Ernsthaftigkeit eine ganz neue Bedeutung.

»Meine Schicht geht noch bis zwei. Ich brauche das Trinkgeld.«

Ryan schaute zu Ollie, der nur kurz das Kinn senkte.

»Wir brauchen nur Ihre Erlaubnis, Ihr Zimmer zu betreten«, sagte Ryan.

»Sie nehmen aber nichts mit?«

»Natürlich nicht.«

»Mr. Kalasnik mag keine Scherereien.«

»Der wird gar nicht merken, dass wir da waren.«

Ein Auto hupte. Ein anderes hupte zurück. Ein Stückchen weiter vorne löste sich die Plastiktüte mit leichtem Schnalzen von der Mauer und taumelte in die Höhe.

Phoenix traf eine Entscheidung. Sie griff zu der Kette, die an ihrer Gürtelschnalle hing, zog einen Schlüssel vom Ring und gab ihn Ryan.

»Nummer vierzehn. Ganz hinten am Ende. Lassen Sie ihn im Zimmer. Ich habe noch einen.«

»Vielen Dank.« Ryans Lächeln war fast priesterlich zu nennen.

»Tun Sie ihr nichts.«

Die Marlboro fiel in einem Funkenregen auf das nasse Pflaster. Phoenix trat sie mit dem Absatz aus.

Mehrere Jahre lang hatte Edmonton die zweifelhafte Ehre, die Stadt mit der höchsten Mordrate in ganz Kanada zu sein. 2010 rutschte sie auf den dritten Platz. Während wir durch die dämmrigen, nachmitternächtlichen Straßen fuhren, fragte ich mich, ob dieser Abstieg die Bürger Edmontons dazu gebracht hatte, den offiziellen Spitznamen der Stadt infrage zu stellen: City of Champions, die Stadt der Sieger.

Auf dem Weg zum Paradise Resort sprachen wir über Susan Forex. Oder versuchten es wenigstens. Die meiste Zeit duellierten sich die beiden Gentlemen.

»Die hat uns nicht alles erzählt«, sagte Ryan.

»Ist es denn wahr? Warum sollte sie das tun?«

»Wahrscheinlich schreibt sie gerade ihre Memoiren. Und denkt, wenn vorher was bekannt wird, schadet das dem Verkauf.«

»Sie will sich nur selber nicht schaden«, sagte Ollie.

»Aber ist das wirklich so einfach?«, fragte ich.

»Soll heißen?«

Ich war mir nicht sicher und überlegte einen Augenblick. Aber es brachte nichts. »Susan Forex und Phoenix Miller haben beide versucht, Annaliese Ruben zu schützen«, sagte ich.

»Man muss ihre Mutterinstinkte bewundern.« Ryans Ton war ätzend wie Chlorsäure.

»Sogar Nutten hassen Babymörder.« Ollies Art der Zustimmung.

»Aber warum ihr dann helfen?«

Darauf hatten beide keine Antwort.

»Kannst du wirklich einen Durchsuchungsbeschluss für Forex’ Haus bekommen?«, fragte ich Ollie.

Er schüttelte den Kopf. »Kaum. Ich müsste einen Richter davon überzeugen, dass Ruben meiner Ansicht nach dort ist, dass sie Gegenstand einer Verbrechensermittlung in Quebec ist, dass sie flüchtig ist und dass wir nicht die Zeit haben, uns einen Haftbefehl aus Quebec zu besorgen.«

Phoenix Millers häusliches Paradies war ein zweistöckiges, L-förmiges Gebäude mit umlaufenden Außenstegen, die Zugang zu etwa dreißig Zimmern boten. Ein gigantisches Schild schrieParadise  Resort Motel  in riesengroßen Buchstaben. Ein blinkender Pfeil wies potenziellen Gästen den Weg zu einem überdachten Säulenvorbau. Die Tür zum Büro unter dem Dach war flankiert von zwei Pflanzkübeln mit üppig toter Vegetation.

Ganz offensichtlich hielt die Anlage nichts, was der Name versprach.  Höllische Bruchbude  wäre passender gewesen. Vielleicht  Die letzte Absteige.

Auf der Betonfläche vor dem Gebäude standen nur ein paar Pkws und Pick-ups. Links dahinter waren mehrere Wohn-mobile und ein Neunachser zu sehen.

Bei den meisten Motels würde man zögern, bevor man um ein Uhr nachts eine verdeckte Aktion startet. Das  Paradise Resortgehörte nicht dazu. Das Büro dunkel. Kein Wachpersonal. Nirgendwo auch nur ein Mensch zu sehen.

Wir verstummten, als wir an dem L entlangfuhren. Zimmer vierzehn lag am Ende des Schenkels, der in etwa parallel zur Hundertelften verlief. Die Eingangstür war verdeckt durch eine Eisen-und Betontreppe, die ins Obergeschoss führte. Weder vor diesem noch dem angrenzenden Zimmer stand ein Auto.

Ollie schaltete das Licht aus, fuhr auf den Parkplatz vor Zimmer vierzehn und stellte den Motor ab. Wir stiegen aus und schlossen leise die Türen.

Aus einem mexikanischen Restaurant an einer kleinen Zufahrtsstraße etwa fünfzig Meter hinter dem Hotel drang Musik. Vom Highway 16 wehte Verkehrsrauschen herüber.

Im Gänsemarsch näherten wir uns Phoenix Millers Zimmer. Ollie stellte sich auf die eine Seite der Tür. Ryan postierte sich auf der anderen und bedeutete mir, hinter ihm zu bleiben.

Ich sah keinen gelben Schein unter der Tür oder dem Saum des Vorhangs, kein blaues Fernsehflackern.

Ollie klopfte einmal, um sich bemerkbar zu machen.

Keine Reaktion.

Er klopfte noch einmal.

Nicht das leiseste Geräusch.

Er hämmerte mit dem Handballen gegen die Tür.

Nichts als Mariachis und das Rauschen von  Pkws und Lastwagen.

Ryan trat vor die Tür und steckte den Schlüssel ins Schloss. …