ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

John Grisham - „Das Fest“

ISBN: 3-453-21625-3

 

Klappentext:

Wie wäre es, Weihnachten einfach einmal ausfallen zu lassen?

Keine endlosen Weihnachtsfeiern, kein aufwändiger Lichterschmuck in Haus und Garten, keine zusätzlichen Pfunde durch Festessen, keine Karten, keine überflüssigen Geschenke - statt dessen eine luxuriöse Kreuzfahrt durch die Karibik? Diesen großartigen Plan fassen Luther und Nora Krank, als ihre Tochter zum ersten Mal seit Jahren Weihnachten nicht zu Hause verbringt. Doch der Weihnachtsboykott erweist sich als schwierig, Freunde, Kollegen und Nachbarn sind entsetzt. Nora und Luther werden unerwartet zu verachteten Außenseitern…

 

Inhalt:

Die Tochter nabelt sich ausgerechnet dann ab, als Weihnachten schon in Sicht ist, die Ehefrau ist nur noch am Heulen und Walt hat so gar keinen Bock auf Weihnachten. - Er bucht eine Kreuzfahrt in die Südsee. Inselhopping, gutes Essen, ganz viel Sonne und KEIN Weihnachten.

Die Vorbereitungen laufen. Die Diät schlägt an, sie werden im Solarium schön braun und zum Gespött der Nachbarschaft. Ihre Weihnachtsverweigerung kann keiner verstehen.

Und dann... einen Tag vor der Angst, ruft die Tochter an, dass sie nach Hause kommt und ihren Verlobten mitbringt. Die ganze himmlische Ruhe ist dahin. Denn nun muss alles im Eiltempo erledigt werden. Die Tochter soll nie im Leben von der aberwitzigen Weihnachtsverweigerung erfahren.

 

Leseprobe:

… Es gefiel ihr sehr gut in der Wildnis von Peru. Sie konnte sich gar nichts Besseres vorstellen, als bei einem Indianerstamm zu leben, den es schon seit einigen tausend Jahren gab. An US-amerikanischen Maßstäben gemessen waren die Indianer zwar bettelarm, aber gesund und glücklich. Die Kinder hatten anfangs große Zurückhaltung an den Tag gelegt, waren dann aber zutraulicher geworden und ausgesprochen lernbegierig. Blair ließ sich lang und breit über die Kinder aus.

Sie teilte sich eine Strohhütte mit Stacy, einer neuen Freundin aus Utah. Ganz in der Nähe wohnten zwei weitere Freiwillige des Friedenskorps. Das Korps hatte die kleine Schule vier Jahre zuvor eröffnet. Wie dem auch sei - Blair war gesund, bekam genug zu essen, bisher waren noch keine schrecklichen Krankheiten ausgebrochen oder gefährlichen Tiere aufgetaucht, und die Arbeit stellte eine Herausforderung dar.

Aus dem letzten Absatz konnte Nora die Kraft schöpfen, die sie so dringend benötigte. Er lautete:

Ich weiß, es wird schwer für euch sein, dass ich an Weihnachten nicht zu Hause bin, aber seid bitte nicht traurig. Die Kinder hier kennen Weihnachten gar nicht! Sie besitzen so wenig und haben so geringe Bedürfnisse, dass ich mich manchmal für den gedankenlosen Materialismus in unserer Gesellschaft schäme. Da es hier keine Kalender und keine Uhren gibt, werde ich wahrscheinlich sowieso nicht mitbekommen, wann genau Weihnachten ist.

(Und außerdem können wir nächstes Jahr alles nachholen, nicht wahr?)

So ein kluges Mädchen. Nora las den Abschnitt noch einmal und empfand plötzlich großen Stolz. Nicht nur, weil sie eine dermaßen gescheite und weitsichtige Tochter großgezogen hatte, sondern auch, weil sie selbst beschlossen hatte, dem gedankenlosen Materialismus dieser Gesellschaft zumindest in diesem Jahr abzuschwören.

Sie rief noch einmal in Luthers Büro an und las ihm den Brief vor.

 

 

Montagabend im Einkaufszentrum! Nicht gerade Luthers Lieblingsort,

aber er hatte den Eindruck, dass Nora ein wenig Ablenkung

benötigte. An einem Ende des Zentrums befand sich ein kleines Restaurant, das einem irischen Pub nachempfunden war. Dort aßen sie zu Abend. Dann kämpften sie sich durch das Gedränge zum Multiplex-Kino am anderen Ende, wo eine mit vielen Stars besetzte romantische Komödie Premiere hatte. Acht Dollar die Karte, und Luther wusste genau, was ihm bevorstand: zwei öde Stunden lang würden überbezahlte Idioten durch eine einfältige Handlung taumeln. Doch gleichgültig - Nora ging gern ins Kino, und er zockelte um des lieben Friedens willen mit. Trotz des Gewimmels im Einkaufszentrum lag der Kinosaal einsam und verlassen da. Als Luther klar wurde, dass all die anderen Menschen nur zum Einkaufen hergekommen waren, überlief ihn ein freudiger Schauer. Er machte es sich auf seinem Platz bequem und schlief ein.

Ein Ellbogen in seinen Rippen weckte ihn. »Du schnarchst«, zischte Nora ihm zu.

»Na und? Hier ist doch niemand außer uns.«

»Sei still, Luther.«

Er blickte auf die Leinwand, hatte jedoch schon nach fünf Minuten genug. »Ich komme gleich wieder«, flüsterte er und ging hinaus. Lieber stürzte er sich in die Menge und ließ sich auf die Füße treten, als sich solchen Schwachsinn anzusehen. Luther fuhr mit dem Fahrstuhl zur obersten Etage, stützte die Arme auf das Geländer und betrachtete das Chaos unter sich. Ein Weihnachtsmann saß auf einem Thron und hielt Hof. Die Schlange der anstehenden Kinder rückte nur sehr langsam vorwärts. Drüben auf der Eisbahn plärrte die Musik aus knisternden Lautsprechern, während Kinder in Elfenkostümen Schlittschuh liefen, immer rings um ein ausgestopftes Etwas, das offenbar ein Rentier darstellen sollte. Die Eltern beobachteten das Ganze durch die Sucher ihrer Videokameras. Ermattete, mit Tüten beladene Käufer schlurften vorbei, rempelten gegeneinander, brüllten ihre Kinder an.

Luther war noch nie so stolz gewesen.

Schräg gegenüber entdeckte er ein neues Geschäft für Sportartikel. Er schlenderte hinüber und konnte durch das Schaufenster erkennen, dass sich im Ladeninneren Horden von Menschen drängten und es eindeutig nicht genug Kassen gab. Doch er wollte sich ja lediglich einmal umsehen. Luther fand die Schnorchelausrüstungen im hinteren Teil des Geschäfts - eine ziemlich magere Auswahl, aber schließlich war es Dezember. Die Badehosen sahen durchweg atemberaubend eng aus und konnten eigentlich nur Olympiaschwimmern unter zwanzig Jahren passen. Eher kleine Beutel als Kleidungsstücke. Luther wagte es kaum, sie anzufassen. Er würde sich einen Katalog besorgen und von seinem sicheren Heim aus einkaufen.

Als er das Geschäft verließ, tobte an einer der Kassen gerade ein Streit. Offenbar war ein Artikel verschwunden, den sich ein Kunde hatte zurücklegen lassen. Was für Schwachköpfe.

Luther kaufte sich einen fettarmen Joghurt und schlug die Zeit damit tot, durch die oberste Etage zu bummeln und selbstgefällig die armen Seelen zu belächeln, die hier ihre Gehaltsschecks verschleuderten. Dann blieb er stehen und glotzte ein Poster an, auf dem lebensgroß ein hinreißendes junges Ding mit perfekt gebräunter Haut in einem String-Bikini abgebildet war. Es sollte ihn in ein kleines Sonnenstudio mit dem Namen Ewige Bräune locken. Als handele es sich um einen Sexshop, warf Luther erst einen Blick in die Runde, ehe er hineinging. Eine gewisse Daisy wartete hinter einer Zeitschrift auf Kundschaft. Sie lächelte gezwungen, wobei ihr braunes Gesicht auf der Stirn und rings um die Augen Sprünge zu bekommen schien. Angesichts ihrer geweißten Zähne, blondierten Haare und gebräunten Haut fragte sich Luther eine Sekunde lang, wie sie wohl vorher ausgesehen hatte.

Wie zu erwarten verkündete Daisy, dass dies die beste Jahreszeit für den Kauf einer Dauerkarte sei. Das Weihnachtssonderangebot umfasse zwölf Besuche im Sonnenstudio für 60 Dollar. Jeden zweiten Tag eine Bestrahlung, von anfangs fünfzehn Minuten bis hin zur Höchstdauer von fünfundzwanzig Minuten. Danach würde Luther wunderbar gebräunt und zweifellos auf alles vorbereitet sein, was die karibische Sonne ihm an Strahlen entgegenschleudern könne.

Er folgte Daisy zu einer Reihe von Kabinen - durch dünne Wände voneinander abgetrennte, winzige Räume, in denen sich außer je einer Sonnenbank nicht viel befand. Das Studio sei mit hochmodernen schwedischen Bräunungsgeräten vom Typ Bronzomat FX-2000 ausgerüstet - als ob die Schweden alles übers Sonnenbaden wüssten! Auf den ersten Blick erfüllte der Bronzomat Luther mit Entsetzen. Daisy erklärte, man müsse sich einfach nur ausziehen - ja, komplett, schnurrte sie - , auf das Gerät legen und dann das obere Teil herunterziehen, was Luther sofort an ein Waffeleisen denken ließ. Fünfzehn oder zwanzig Minuten lang brutzeln, bis der Timer piept, den Deckel hochschieben, aufstehen und sich wieder anziehen. Kinderleicht.

»Schwitzt man sehr?«, fragte Luther. Ihn schauderte es bei der Vorstellung, vollkommen entblößt dazuliegen, während achtzig Röhren seinen gesamten Körper brieten.

Daisy erwiderte, dass es durchaus ein wenig warm werde. Wenn man fertig sei, sprühe man die Liegefläche des Bronzomats einfach mit einem Spray ein und wische sie mit Papiertüchern ab, dann sei alles bereit für den nächsten Kunden.

»Wie sieht es mit dem Hautkrebsrisiko aus?«, erkundigte sich Luther. Daisy stieß ein gekünsteltes Lachen aus. Es gebe keines. Vielleicht bei den älteren Modellen, aber inzwischen sei die Technologie zur Herausfilterung ultravioletter Strahlen perfektioniert worden. Die Bronzomaten der neueren Generation seien sehr viel sicherer als die Sonne. Sie selbst lege sich nunmehr seit elf Jahren regelmäßig auf die Sonnenbank. …