ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Victoria Hislop - „Die Insel der Vergessenen“

ISBN: 9-783-453-35160-8

 

Klappentext:

Auf den Spuren der Vergangenheit ihrer Familie reist die Archäologin Alexis nach Kreta. Nicht weit entfernt von Plaka, dem Heimatdorf ihrer Mutter, entdeckt sie die Insel Spinalonga, bi 1957 Griechenlands Leprakolonie. Endlich erfährt sie, welche Rolle die Insel der Vergessenen über Generationen im Leben ihrer Familie gespielt hat. Noch ahnt sie nicht, wie stark das Geflecht aus Intrigen, Verrat und enttäuschter Liebe bis heute ihr eigenes Leben bestimmt...

 

Inhalt:

Alexis, eine junge Archäologin macht mit ihrem Freund Urlaub auf Kreta. Sie weiß, dass die Wurzeln ihrer Familie auf dieser griechischen Insel zu finden sind. Ihre Mutter jedoch, hüllt sich in Schweigen, was ihre Vergangenheit angeht. Also will Alexis auf diesem Weg etwas über ihre Vergangenheit erfahren.

Durch eine Freundin ihrer Mutter, die noch immer in Plaka lebt, erfährt sie alles über die tragische Vergangenheit ihrer Familie. Sie erfährt vom tragischen Tod ihrer Urgroßmutter, von der Krankengeschichte ihrer Großmutter und sie erfährt, warum ihre eigene Mutter so wenig über sich und ihre Familie sprechen will.

Ihre Familie ist eine tragische Mischung aus Lepra und dem Leben auf Spinalonga, Verrat und Intrigen, Mord und grenzenloser Leidenschaft.

 

Leseprobe:

… Maria zählte inzwischen die Tage bis zu ihrer Hochzeit. Es waren nur noch vier Wochen. Sie wünschte, sie würden schneller vergehen, aber die Tatsache, dass sie ihren Vater verlassen musste, lastete noch immer schwer auf ihr, und sie beschloss, alles zu tun, um ihm die Übergangszeit so leicht wie möglich zu gestalten. Ein ganz praktischer Schritt in dieser Richtung war, das Haus herzurichten für die Zeit, in der Giorgis allein darin leben würde. Das hatte sie während der Sommermonate verschoben, als draußen wie drinnen glühende Hitze herrschte. Jetzt war es kühler, als der perfekte Tag für solche Arbeiten.

Gleichzeitig war es der Tag, an dem Anna kommen wollte. Es waren noch immer ein paar ihrer Sachen im Haus – ihr Kinderspielzeug etwa -, das sie vielleicht mitnehmen wollte, wenn sie ging. Vielleicht würde Anna es bald brauchen, dachte Maria. Sicherlich gäbe es über kurz oder lang Nachwuchs in der Vandoulakis-Sippe.

Ein Frühjahrsputz im Herbst. Das kleine Haus war eigentlich immer sauber, darauf achtete Maria, aber es gab Geschirrschränke und eine Kommode voller Schüsseln und Teller, die wenig benutzt wurden und einmal gespült werden mussten, Möbel, die aufpoliert werden konnten, Kerzenleuchter, die angelaufen waren, und Bilderrahmen, die wochenlang nicht abgestaubt worden waren.

Während Maria arbeitete, hörte sie Radio und summe zur Musik. Es war drei Uhr nachmittags, sie streifte die Schuhe ab und kletterte auf eine wackligen Stuhl, um bis zum hinteren Teil eines hohen Schranks zu reichen. Als sie hinaufstieg, bemerkte sie einen seltsamen Fleck an ihrem Fuß. Bei anderer Beleuchtung wäre er vielleicht gar nicht aufgefallen. Ein kleines Stück trockene Haut, das etwas blasser war als die Haut drumherum. Fast sah es aus, als hätte sie einen Sonnenbrand gehabt, die Haut schälte sich ab, und die hellere Pigmentierung darunter kam zum Vorschein. Vielleicht kein Anlass zur Sorge, aber sie hatte ein unbehagliches Gefühl. Gewöhnlich badete sie am Abend, und in dem dämmrigen Licht konnte sie einen solchen Fleck monatelang übersehen haben. Doch sie beschloss, jetzt nicht darüber nachzudenken, schließlich konnte es ganz harmlos sein. Später würde sie vielleicht Fortini davon erzählen, aber auf keinen Fall wollte sie ihren Vater damit beunruhigen. Sie hatten im Moment genug um die Ohren. Sie zog ihre Schuhe wieder an. Wenn sie den Fleck nicht sah, konnte sie zumindest versuchen, in nächster Zeit auch nicht daran zu denken.

Maria fuhr mit ihrer Arbeit fort. Eines ihrer Lieblingslinkslieder von Mikis Theodorakis kam im Radio. Die schwungvolle Bouzouki war die ideale Begleitung fürs Putzen, also drehte sie die Lautstärke voll auf. Wegen der Musik hörte sie nicht, wie die Tür aufging, und da sie ihr den Rücken zuwandte, sah sie auch nicht, dass Anna eintrat und sich setzte.

Minutenlang saß Anna da und sah Maria bei der Arbeit zu. Ihr zu helfen, war nicht ihre Absicht, herausgeputzt wie sie war in ihrem Kleid aus feiner weißer Baumwolle mit den blauen Blümchen darauf. Es bereite ihr ein unendliches Vergnügen, ihre Schwester so schuften zu sehen, aber sie verstand beim besten Willen nicht, wie Maria beim Schrubben der Regale so sorglos vor sich hin singen konnte. Doch wenn sie an den Mann dachte, den Maria heritaten würde, verstand sie es nur allzu gut. Ihre Schwester musste die glücklichste Frau der Welt sein. Wie sehr sie sie deswegen hasst! Sie nahm eine andere Sitzhaltung ein, Maria hörte plötzlich Scharren auf dem Steinboden, zuckte zusammen und fiel fast von ihrem Stuhl, als sie sich umdrehte und sah, wer der Eindringling war.

„Anna!“ reif sie. „Wie lange sitzt du schon da? Warum hast nichts gesagt?“

„Ich bin schon seit einer Ewigheit hier“, erwiderte Anna gelangweilt. Es war ihr klar, dass es Maria ärgern würde, wenn sie wusste, dass sie sie beobachtet hatte.

Maria stieg von ihrem Stuhl herunter und nahm die Schürze ab.

„Soll ich uns Limonade machen?“, fragte sie und vergab ihrer Schwester die kleine Hinterlist sogleich.

„Ja bitte“, sagte Anna. „Es ist ziemlich heiß für September, nicht?“

Maria schnitt schnell ein paar Zitronen in Hälften, drückte den Saft in einen Krug, goss Wasser darauf und rührte Zucker hinein. Beide tranken zwei Gläser, bevor sie wieder zu reden begannen.

„Was machst du da?“, fragte Anna. „Gönnst du dir denn nie eine Pause?“

„Ich richte das Haus für Vater her“, antwortete Maria. „Ich hab ein paar Sachen ausgeräumt, die du vielleicht brauchen könntest.“ Sie zeigte auf einen kleinen Stapel Spielsachen: Puppen waren da, eine Flöte, sogar ein Kinderwebstuhl.

„die könntest du genauso bald brauchen wie ich“, wehrte Anna kurz angebunden ab. „Du und Manoli, ihr hofft doch sicher, der Familie Vandoulakis einen strammen Stammhalter zu schenken.“

Sie konnte ihre Eifersucht kaum verbergen, und ihre Angst, nicht schwanger zu werden, war nach einem halben Jahrzehnt ihrer Ehe längst ein ernsthaftes Problem geworden. Ein einziger Satz drückte all ihren Groll aus.

„Anna, was ist los?“ Die Frage ließ sich nicht umgehen, selbst wenn sie damit ihre Schwester näher trat, als sie eigentlich wollte. „Irgendwas stimmt doch nicht. Du kannst es mir sagen, das weißt du.“

Anna hatte nicht die geringste Lust, sich Maria anzuvertrauen. Sie war gekommen, um ihren Vater zu besuchen, nicht um mit ihrer Schwester über Intimitäten zu plaudern.

„Nichts ist los.“, gab sie zurück. „Hör zu, ich seh vielleicht schnell bei Savina rein und komm wieder, wenn Vater zurück ist.“

Als Anna sich umdrehte, sah Maria, dass ihr eng sitzendes Kleid am Rücken ganz verschwitzt war. Irgendetwas bedrückte sie, das war sonnenklar, aber Maria würde s nicht aus ihr herauskriegen. Vielleicht würde sich Anna Savina anvertrauen, und Maria könnte über sie erfahren, was sie bedrückte. So viele Jahre lang waren die Gefühle ihrer älteren Schwester wie ein offenes Buch gewesen. Nichts war ihr verborgen geblieben. Doch jetzt hatte sie sich tief in sich selbst zurückgezogen.

Maria putzte noch etwa eine Stunde lang weiter, bis Giorigs nach Hause kam. Zum ersten Mal vielleicht hatte sie keine Angst, ihn allein zu lassen. Er sah kräftig aus für einen Mann seines Alters, und sie wusste, er würde auch ohne sie zurechtkommen. In letzter Zeit wirkte er nicht mehr so niedergedrückt, und dank der Gesellschaft seiner Freunde in der Dorfkneipe waren einsame Abende zu einer Seltenheit für ihn geworden.

„Anna ist eben hier gewesen“, sagte sie fröhlich. „Sie kommt bald wieder.“

„Wo ist sie denn hingegangen?“, fragte er.

„Savina besuchen, glaube ich.“

In dem Moment trat Anna ein. Sie umarmte ihren Vater herzlich, und die beiden setzten sich, während Maria ihnen etwas zu trinken machte. Ihre Unterhaltung plätscherte dahin. Was Anna gemacht habe? Ob sie mit den Arbeiten an den zwei Häusern fertig sei? Wie es Andreas gehe? Aber die Fragen, die Maria am meisten interessierten: Ob sie glücklich sei, und warum sie so selten nach Plaka komme, wurden nicht gestellt. Mit keine Wort wurde Marias anstehende Hochzeit erwähnt. Die Stunde verging schnell, und Anna erhob sich. Sie verabschiedete sich, und Giorigs nahm eine Einladung an, in vierzehn Tagen zum Mittagessen nach Elounda zu kommen.

Maria verbrachte eine unruhige Nacht. Während Annas Besuch hatte sie ihre Angst wegen des seltsamen Flecks an ihrem Fuß verdrängt, aber im Bett rieb sie die trockene stelle mit dem anderen Fuß, lang lange wach und machte sich Sorgen. Morgen würde sie zu Fortini gehen und ihr davon erzählen.

Als sie schließlich einschlief, träumte sie von ihrer Mutter und von riesigen Sturmwellen, die Spinalonga zerschmetterten, als wäre es ein großes Schiff. Es war eine Erleichterung, als der Morgen dämmerte. Gleich in der Früh würde sie zu Fortini gehen. Ihre Freundin war immer schon um sechs auf den Beinen, räumte das Geschirr vom vorherigen Abend weg und bereitete das Essen vor. Sie arbeitete härter als irgendjemand sonst im Dorf, was ihr jetzt , im letzten Drittel ihrer Schwangerschaft, besonders schwer fiel.

„Maria! Was machst du so früh hier?“, rief Fortini aus. Sie sah, dass ihre Freundin etwas auf dem Herzen hatte. „Komme, wir trinken Kaffee zusammen.“

Sie unterbrach ihre Arbeit, und die beiden ließen sich an dem großem Küchentisch nieder.

„Was ist los?“, fragte Fortini. „Du siehst aus, als hättest du kein Auge zugetan. Bis zu nervös wegen der Hochzeit?“

Maria blickte zu Fortini auf, und die Ringe unter ihren Augen waren so dunkel wie der unberührt gebliebene Kaffee. Tränen traten ihr in die Augen.

„Maria, was ist passiert?“ Fortini ergriff ihre Hand. „Du musst es mir sagen.“

„Das ist passiert“, sagte Maria. Sie stand auf, stellte den Fuß auf den Stuhl und deutete auf die blasse trockene Hautstelle. „Siehst das das?“

Fortini beugte sich vor. Jetzt verstand sie, warum ihre Freundin so ängstlich ausgesehen hatte. Von den Flugblättern wusste jeder in Plaka, wie die ersten Anzeichen der Lepra aussahen, und dies sah ganz danach aus. ….