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Mechthild Borrman - „Trümmerkind“

ISBN: 9-783-426-43572-4

 

Klappentext:

In ihrem neuen Roman "Trümmerkind" beschreibt die mit dem Deutschen Krimipreis sowie dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnete Bestseller-Autorin Mechtild Borrmann das Leben eines Findelkinds im vom Krieg zerstörten Hamburg von 1946 / 1947. Spannung und historisches Zeitgeschehen miteinander zu verknüpfen, versteht Borrmann wie keine andere deutsche Autorin wie sie mit ihren Bestsellern und vielfach ausgezeichneten Romanen "Wer das Schweigen bricht", "Der Geiger" und "Die andere Hälfte der Hoffnung" bereits bewiesen hat. Der kleinen Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter im Hamburg der Nachkriegsjahre durch. Steine klopfen, Altmetall suchen, Schwarzhandel - das ist sein Alltag. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eine Tote – und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist. Das Kind spricht kein Wort, Verwandte sind nicht auffindbar. Und so wächst der Junge bei den Dietzens auf. Jahre später kommt das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur, das auf fatale Weise mit seiner Familie verknüpft ist …

 

Inhalt:

Hanno und Wibke haben, gemeinsam mit ihrer Mutter den Krieg überstanden. Zurück in Hamburg versuchen sie gemeinsam, sich wieder ein neues Leben aufzubauen.

Hanno und Wibke sind regelmäßig in den Trümmern unterwegs, um Brennholz oder Ware für den Schwarzmarkt zu suchen. Dabei finden Sie eines Tages einen kleinen Jungen. Er ist halb erfroren und spricht nicht. Diesen kleinen Jungen behalten sie bei sich, nennen ihn Joost und integrieren ihn in ihre Familie.

Dieser kleine Junge hat allerdings eine Vergangenheit, die alles andere als leicht war und erst ans Licht kommt, als in den Jahren 1992/93 Gut Anquist renoviert werden soll und er als Architekt beteiligt ist.

Eine Mutter, die ihre Tochter über ihre Vergangenheit jahrelang angelogen hat, kann helfen, das große Geheimnis lüften. Und das hat es in sich!

 

Leseprobe:

… Ganz langsam stand sie auf, stützte sich auf dem Tisch ab, traute ihren zittrigen Beinen nicht. Sie drehte sich zur Tür. Der Moment des Erschreckens. Dass sie es nicht gut verbarg, sah sie in seinem Blick. Später würde sie sagen, dass sie ihn, wäre er ihr auf der Straße begegnet, wohl nicht erkannt hätte. Später würde sie sagen, dass der Mann, der an diesem Nachmittag zurückkehrte, nicht der war, der 1942 fortgegangen war.

Ihr Gustav war ein stattlicher, zupackender Kerl gewesen, einer, der dafür bekannt war, dass er den Schalk im Nacken hatte. In der Tür stand ein halbverhungerter Mann, mit vorstehenden Wangenknochen und einem unruhigen, misstrauischen Blick. Als sie endlich zur Besinnung kam und fragend »Gustav?« flüsterte, wankte er und lehnte sich an den Türrahmen. Sie fasste nach seinem Arm und drehte mit der anderen Hand den Stuhl zurecht. »Setz dich. Mein Gott, setz dich doch.«

Sie ging zum Spülbecken, holte ihm eine Tasse Wasser und flüchtete sich hilflos ins Versorgen.

»Zieh doch den Mantel aus. Willst du was essen? Soll ich dir ein Brot machen? Ich mache dir ein Brot. Peter hat gestern gute Butter gebracht. Ich mache dir ein Brot mit guter Butter.«

Sie redete und redete und vermied es, ihn anzusehen. Kein klarer Gedanke, keinen, den sie festhalten konnte. Nur ihr hämmernder Herzschlag, der ihr in den Ohren dröhnte.

Er saß da und schwieg. Als sie ihm den Teller mit dem Brot hinstellte, nahm er es auf und aß es mit großen Bissen. Agnes schmierte ein weiteres Brot und stellte einen Topf mit Wasser auf den Herd. Die routinierten Handgriffe taten gut, setzten der Leere in ihrem Kopf etwas entgegen.

»Ich mach dir Tee«, sagte sie und schickte Wiebke und Joost hinaus, die vom Tisch aufgestanden waren und Gustav unverwandt anstarrten. »Geht draußen spielen.«

Warum war da keine Freude in ihr? Wo war er all die Jahre gewesen? Warum sagte er nichts? Er musste doch etwas sagen. Irgendwas!

Das Wasser kochte. Von einer englischen Kundin hatte sie einige Gramm schwarzen Tee bekommen. Eigentlich sollte Hanno ihn eintauschen, aber jetzt nahm sie die kleine Papiertüte aus dem Schrank. »Echter Tee. Der wird dir guttun.«

Sie stand immer noch von ihm abgewandt, fand Zuflucht in den routinierten Handgriffen. Sie hob den Kessel an. Wasser spritzte aus der Tülle und verdampfte zischend auf dem Herd. Sie stellte ihn zurück, nahm die Tüte mit dem Tee, öffnete sie, ließ sie fallen. Teekrümel verstreuten sich am Spülbecken. Sie spürte Tränen aufsteigen, schluckte dagegen an. Sie nahm eine Tasse aus dem Schrank, und erst als die klirrend zu Boden fiel, nahm sie wahr, dass sie am ganzen Körper zitterte. Sie presste ihre Hände auf den Magen, schnappte nach Luft und drehte sich endlich um. Er trug immer noch seinen Mantel, saß mit gesenktem Kopf da.

»Soll ich Holz nachlegen? Ist dir kalt?«, fragte sie mit vor Anstrengung bebender Stimme. Er antwortete nicht. Seine Schultern zuckten. Er weinte.

Sie wollte seinen Kopf nehmen und ihn an sich drücken. Aber sie stand nur da, schaffte keinen Schritt auf ihn zu. Dann endlich ließ das Zittern nach. Sie ging zum Tisch und griff nach seiner Hand.

»Gustav. Es wird alles gut, Gustav! Es ist nur … ich hab doch gedacht … Und jetzt bist du da. Ich bin so durcheinander und …« Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, aber endlich schien sie zu begreifen. Gustav lebte. Gustav war da. Er müsste sich erholen. Es würde Zeit brauchen. Aber … er war wieder da!

Er hob den Kopf und sagte mit brüchiger Stimme: »Dass ich tot bin, das hast du wohl schon gleich nach meiner Abreise gedacht. Oder wie alt ist er?«

Sie hielt immer noch seine Hand, verstand nicht, wovon er sprach. »Sie haben geschrieben, dass du vermisst wirst. Schon im Januar 1943 haben sie das geschrieben. Und als der Krieg vorbei war … Ich habe am Bahnhof …«

Sie hielt inne. Erst jetzt verstand sie seinen letzten Satz, atmete erschrocken ein und rief: »Oh nein. Er ist nicht … Nein. Hanno und Wiebke haben ihn gefunden.«

Sie sah die Zweifel in seinem Gesicht, spürte einen feinen Stich und zog ihre Hand zurück. Dachte er so von ihr? Immer noch brodelte und dampfte das Wasser im Kessel auf dem Herd. Sie nahm ihn vom Feuer und machte sich daran, die Tassenscherben vom Boden aufzusammeln. Hannos Tasse. Sie würde eine neue besorgen. Nein, zwei. Eine für Hanno und eine für Gustav. Gustav brauchte ja auch eine Tasse.

Er fragte leise: »Das Kind ist nicht von dir?«

Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Nein. Aber er gehört zu uns. Seit fast einem Jahr gehört er zu uns.«

Wieder schwieg er. Dann fragte er nach Hanno und sagte: »Wiebke kennt mich nicht mehr. Ob Hanno mich noch kennt?«

Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch, und sie stapelten beide ihre Fragen darauf, tasteten sich vorsichtig an die vergangenen fünf Jahre heran. Immer wieder entstanden lange Pausen, und ihre Blicke verloren sich im Zimmer. Gustav nannte Orte und Städte, von denen sie nie gehört hatte, sie sprach von den Kindern, dem Feuersturm, von Pinneberg und der Zeit in der Ritterstraße. Im Schweigen dazwischen hielten sich ihre Augen blicklos an Gegenständen fest.

Am frühen Abend kam Hanno nach Hause und brachte Wiebke und Joost mit ins Haus, die sich, solange der fremde Mann da war, nicht hereingetraut hatten. Auch Hanno war beim Anblick seines Vaters erschrocken, aber dann flüsterte er: »Papa. Endlich.«

Gustav erhob sich mühsam, und Hanno ging auf ihn zu und umarmte ihn. »Ich hab es gewusst. Ich hab es immer gewusst«, sagte er und brach in Tränen aus.

Agnes stand an der anderen Seite des Tisches, und der Anblick tat ihr weh. Weil sie es nicht wahrgenommen hatte. Weil sie nicht gesehen hatte, wie schmerzlich Hanno seinen Vater vermisst hatte.

In den nächsten Tagen drehte sich alles um Gustav. Er hatte Hungerödeme, seine Füße waren eine einzige entzündete Wunde, und Agnes musste die Strümpfe zerschneiden, um sie von den Füßen abzulösen. Der beißende Geruch eiternder Wunden füllte tagelang die Wohnung. An Heilsalbe war nur schwer heranzukommen, und Penicillin kostete auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen. Wieder war es Peter, der die entsprechenden Verbindungen hatte. Gustav lag in dem einzigen richtigen Bett, das sie inzwischen besaßen, und Agnes schlief mit Wiebke und Joost in der Küche neben dem Herd. Sie brachte es nicht über sich, sich neben ihn ins Bett zu legen, und er schien das auch nicht zu erwarten.

»Mein zerstörter Mann«, dachte Agnes oft. Es gab Tage, da meinte sie, ihn hinter seinem harten, misstrauischen Blick zu sehen. Es gab Tage, da meinte sie, ihn unter seinen sparsamen Sätzen zu hören. Aber obwohl er sich zusehends erholte, lagen die fünf Jahre zwischen ihnen wie ein Niemandsland. Er sprach kaum über diese Zeit. Sie erfuhr lediglich, dass er schon wenige Wochen nach seiner Abreise in russische Kriegsgefangenschaft geraten war.

»Ein Lager bei Usman«, sagte er, und dass er in einem Steinbruch gearbeitet hatte. Wenn ihre oder Hannos Fragen konkreter wurden, wehrte er ab. »Kälte und Hunger. Mehr gibt es da nicht zu erzählen.« Dann verlor sich sein Blick in einer Ferne, zu der sie keinen Zugang hatten. Manchmal minutenlang. Wenn er sie wieder ansah, schien er ihre Fragen vergessen zu haben, und es lag etwas Suchendes in seinen Augen.

»Er findet nicht her«, dachte sie, »er ist immer noch unterwegs und findet nicht her.«

Hanno arbeitete neben seiner Schweißerlehre weiterhin bei Körner und brachte eine Woche vor Weihnachten einige Meter weißen Baumwollstoff mit nach Hause. »Der Körner sagt, er kann den nicht gebrauchen«, grinste er zufrieden, »da hab ich ihm den Ballen abgeschwatzt.« …