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Mirjam Mous - „Virus“

ISBN: 9-783-401-60217-2

 

Klappentext:

Auf ihrem Road Trip durch Spanien stranden die Cousins Kris und Hopper in dem kleinen Bergdorf Ódrin. Während sie in einer Kneipe die gutaussehende Ana kennenlernen, merken sie, dass nicht alle Dorfbewohner den Fremden so aufgeschlossen begegnen. Ungeklärte Todesfälle halten den Ort seit einiger Zeit in Atem. Ein Virus greift um sich, von dem man nicht weiß, woher es kommt. Kris und Hopper versuchen hinter die Fassade zu schauen und merken zu spät, dass dies ein tödlicher Fehler war.

 

Inhalt:

Es sollte eigentlich eine normale Urlaubsreise für di Jungen werden. Doch schon die Tatsache, dass Hopper einen Menschen überfährt und abhaut ist für Kris die absolute Krise. Er leidet am Tourette-Syndrom und hat es schwer, seinen Körper und das Auto unter Kontrolle zu halten.

Das Auto landet in einem Entwässerungsgraben und die Jungen in Odrin.

Was auf den ersten Blick wie ein verschlafenes spanisches Dorf wirkt, entpuppt sich nach einer Weile als "Versuchslabor" einer durchgeknallten Wissenschaftlerin, die ihr Zulassung schon lang eingebüßt hat und mit einem gestohlenen Virus auf eigene Faust weiter macht.

 

Leseprobe:

… »Dieses Stück ja, aber so, wie wir hierhergekommen sind …«

»Glaub mir ruhig mal.« Hopper geht in den Wald.

Ich schneide eine Grimasse und gehe dann doch hinter ihm her. War es im Dorf schon dämmrig, sieht man hier kaum noch eine Hand vor Augen. Es fühlt sich an, als hätte ich eine Klemme ums Herz. Ich ziehe mein Telefon aus der Hosentasche. Auch wenn ich damit nicht telefonieren kann, leuchtet es wenigstens.

Viel zu wenig Licht. Eine Stimme in meinem Kopf sagt, wir sollten besser umkehren, aber ich will mir vor Hopper keine Blöße geben, also presse ich die Lippen aufeinander und schlucke.

»Hier entlang«, flüstert er.

Das ist ein Wald wie in einem Horrorfilm, dunkel und voller Geräusche. Kleine Äste knacken unter unseren Schuhen, Blätter rascheln und aus den Augenwinkeln sehe ich, wie etwas davonschießt. Ich habe sowieso die ganze Zeit das Gefühl, dass wir beobachtet werden. Hätten wir bloß ein paar helle Taschenlampen mitgenommen. Oder noch besser: Baseballschläger!

»Shit!« Hopper bleibt abrupt stehen und starrt auf etwas links von ihm.

Der Wohnwagen von Gaga Gonzo! Irgendwie sind wir wohl in demselben Wald gelandet wie auf dem Hinweg. Ich warte und lausche. Plötzlich scheint es stiller, als hätte sich der Wind gelegt und als hätten sich sogar die Hühner zurückgezogen.  Oder der Mann mit der Axt hat ihnen die Köpfe abgehackt. Mein Körper ist das genaue Gegenteil von still. Er klopft und keucht und alle Sinnesorgane sind geschärft.

Hopper zeigt mit einer Kopfbewegung, in welche Richtung wir müssen. Ich laufe, so schnell es geht. Meine Füße wollen nur eins, nämlich möglichst weg von dem Wohnwagen. Der Wald wird immer dichter und plötzlich sehe ich den Pfad nicht mehr – als hätte er sich in der Dunkelheit aufgelöst wie ein Eiswürfel in einem Colaglas.

Hopper bleibt stehen, um zum zigsten Mal auf die Karte zu starren. Er hält sein Feuerzeug so dicht an das Papier, dass es fast in Flammen aufgeht.

»Warum nimmst du dein  tatütatü  Telefon nicht als Taschenlampe?«, frage ich.

Mehr als ein Grunzen bekomme ich nicht zur Antwort, aber er steckt das Feuerzeug doch weg.

»Zumindest, wenn es überhaupt noch Sinn macht, der Karte zu folgen«, sage ich. »Ich denke, wir haben uns längst verlaufen.«

»Nicht die Bohne.« Hopper geht mit großen Schritten weiter. »Wenn ich will, spaziere ich gerade so aus diesem Wald heraus.«

»Und warum tust du es dann nicht? Wir können doch morgen weitersuchen, wenn es hell ist. Dann sehen wir wenigstens noch was.« Ich trotte hinter ihm her und stolpere über eine Baumwurzel.

Hopper greift mich am Ellenbogen, bevor ich fallen kann. »Jammer nicht so rum. Wir sind fast da.«

Wo?, denke ich, denn an diese dämliche Karte glaube ich nicht mehr. Das Kreuz ist am Ende einer Straße und nicht mitten im Wald und …

Plötzlich wird es etwas heller und wir stoßen auf eine Lichtung zwischen den Bäumen. Ich traue meinen Augen nicht. Es ist ein Acker, mitten im Wald! Nicht mit Mais oder Kartoffeln, sondern …

Jemand reißt mir fast den Arm ab.

Hopper. Er kauert hinter einem Busch und zieht mich zu sich herunter.

»Das Paradies«, flüstert er. »Hier steht Gras für eine Menge Geld.«

Wir haben also tatsächlich das Kreuz auf dem Lageplan gefunden!

»Ich mache ein Foto«, sage ich leise. »Das glaubt uns sonst keiner.«

»Mit deinem Uralt-Handy?« Er reicht mir den Plan. »Überlass das mal lieber mir mit den Fotos.« Er greift in seine Hosentasche, um das Smartphone hervorzuziehen.

Ich stecke mein Handy und den Lageplan wieder ein und denke an die SD-Karte. Darauf sind natürlich Fotos von dieser Cannabisplantage!

»Lass es!«, will ich Hopper zurufen, denn mit dem vorigen Fotografen hat es kein gutes Ende genommen. Aber bevor ich den Mund aufmachen kann, höre ich dicht neben meinem Ohr ein Klicken. Und es ist wirklich kein angenehmes Geräusch.

»Was hatte ich euch gesagt?«, erklingt eine Stimme.

Es ist Gaga Gonzo! Nur, dass er jetzt keine Axt, sondern ein Gewehr bei sich trägt. Und der Lauf dieses Gewehrs drückt an meine Schläfe!

Ich falle fast in Ohnmacht und fange wie verrückt an, Grimassen zu schneiden.

»Nur die Ruhe, Mann.« Hopper steht langsam mit erhobenen Händen auf. »Wir gehen ja schon.«

»Wer hat euch zum Spionieren hierhergeschickt?«, fragt Gaga Gonzo.

»N-niemand.« Ich starre auf seinen Finger, der am Abzug liegt. Nicht schießen, bitte,dicke Titte.

»Telefon«, sagt er.

»Ich habe keine Fotos gemacht.« Mit sichtbarem Widerwillen gibt Hopper sein Smartphone ab.

Gonzo schaut flüchtig auf das Display. Er hält das Gewehr nur noch mit einer Hand fest. Ich schätze meine Chancen ein. Treten. Schlagen …

Ich traue mich nicht. Angenommen, er drückt aus Versehen ab. Ein fürchterlicher Gedanke jagt den nächsten und allesamt enden sie mit unserem Tod.

»M-meine Beine schlafen ein«, sage ich. »D-darf ich aufstehen?«

Gaga Gonzo antwortet nicht. Er steckt das Telefon in die Hosentasche. Hopper wagt es nicht, zu protestieren oder zu fluchen, aber das täte er gern – ich sehe, wie er sich die Lippen fast blutig beißt.

»Bitte«, sage ich.

Gonzo richtet den Gewehrlauf von meinem Kopf auf meinen Bauch und nickt.

Ich nicke mit ihm mit, bis er mir den Lauf ins Fleisch bohrt.

»Du wolltest doch aufstehen?«

Jawohl, der Herr mit Gewehr.  Ich stehe schnell auf und mache einen Schritt rückwärts, damit ich nicht in die Versuchung gerate, Gonzo anzufassen.

»Wir wussten nicht, dass hier Cannabis angepflanzt wird«, sagt Hopper, so ruhig es geht. »Wir sind zufällig hier gelandet.«

»Zufällig.« Mein Kopf wackelt wie bei einer Federwippe auf dem Spielplatz, ich kann nicht aufhören zu nicken. »Wir sagen es auch niemandem, wenn Sie uns gehen lassen.«

»Natürlich nicht«, sagt Hopper. »Warum sollten wir? Was geht es uns an, dass Sie das Zeug anbauen?«

»Überhaupt nichts.«  Nick, nick.

Gonzo betrachtet uns, als wären wir ein Komikerduo und schnaubt.

»Ich rauche auch hin und wieder einen Joint.« Hopper streckt die Hände nach Gonzo aus, als würde er ein Tablett mit Biergläsern halten und Gonzo eines anbieten.

Gonzo hat keinen Durst. Er richtet sein Gewehr auf Hopper. »Aha, jetzt lässt du die Katze aus dem Sack. Du wolltest meine Pflanzen klauen.«

»Bestimmt nicht. Lassen Sie uns bitte gehen«, flehe ich.

Das Loch des Gewehrlaufs starrt nun wieder auf mich. Es ist glatt und schön rund. Tourette ist es egal, dass es gefährlich sein kann, den Finger in einen Gewehrlauf zu stecken. Meine Hand geht hoch.

»Kris«, schnauzt Hopper.

Zum Glück. Der Lauf zeigt nun wieder auf meinen Cousin. Ich stecke die Hände in die Taschen und verspüre ein gewaltiges Bedürfnis, mein Telefon zu streicheln. Das ist nicht erlaubt. Für heute habe ich schon mal.

»Ich glaube euch dieses eine Mal, aber wagt es nicht, euch wieder hier in der Nähe blicken zu lassen.« Gaga Gonzo senkt das Gewehr endlich. »Und jetzt verschwindet. Da entlang.« Er bohrt seinen Blick in meine Augen. »Kris.«

Friss, Schiss, gewiss. Rennen, rennen, rennen, raus aus dem Wald!

Wir schauen uns unablässig um. Und die ganze Zeit dröhnt es durch meinen Kopf: X hat genau wie wir die Plantage gefunden – und dann ist er verschwunden!

Ich belle und muhe, bis wir bei Pablos Kneipe angekommen sind. Wir trampeln die Treppe hinauf und flüchten in mein Zimmer.

»Was für ein Psychopath«, sagt Hopper und lässt sich auf mein Bett fallen.

Ich nicke. »Kein Wunder, dass sie ihn Gaga Gonzo nennen.«

Hopper runzelt die Stirn. »Woher weißt du denn das schon wieder?«

»Ana.«

»Ich dachte, der würde uns einfach abknallen«, sagt Hopper. »Bestimmt hat er den Kartenzeichner auch umgelegt.«

»Aber warum hat er uns dann leben lassen?«

»Vielleicht fand er, es sei noch nicht der richtige Moment, uns abzuknallen.« Hopper tritt sich die Stiefel von den Füßen. »Der Typ, der die Sachen hiergelassen hat, ist ja auch nicht gleich umgebracht worden, sonst hätte er den Umschlag nicht verstecken können.«

Danke schön, Hopper. Ein beruhigender Gedanke, wirklich.

»Warum sollte X dann nicht zur Polizei gegangen sein?«, frage ich. »Das wäre viel logischer, als die Beweise zu verstecken.«

»X?«

»Idefix, Asterix, Kräutermix.«

»Weil er Gaga Gonzo damit erpressen wollte?«, mutmaßt Hopper.

»Als hätte der Gaga-Alte so viel Geld. Du hast doch seinen Wohnwagen gesehen.«

»Vielleicht hat er anderswo ein tolles Haus? Wer so eine Plantage hat, ist nicht gerade arm.«

Da ist was dran.

»Also wenn wir Gonzo nicht erpressen, lässt er uns in Ruhe.« Ich nehme die SD-Karte aus meiner Brusttasche. »Oder meinst du, wir sollten sie doch lieber der Polizei geben?«

»Keine Polizei, du Trottel. Hast du vergessen, dass wir jemanden totgefahren haben?«

Als könnte ich das je im Leben vergessen. Es ist mit Säure in mein Hirn geätzt.

»Na ja, nicht wirklich tot«, korrigiert sich Hopper schnell. »Dieser Emesta oder wie heißt er …«

»Emesto«, sage ich.

»Der stand doch sowieso schon mit einem Bein im Grab.«

»Und so hat er das Virus wenigstens nicht weiterverbreiten können«, sage ich. »Wahrscheinlich hast du Millionen von Menschen vor dem sicheren Grab gerettet.«

Es ist zynisch gemeint, aber Hopper guckt, als wäre er tatsächlich eine Art Superheld.

Ich setze mich auf den Schreibtisch. »Weißt du, was ich so seltsam finde? Montana und Zapatero haben zwar erzählt, dass Emesto mit einem Virus infiziert war. Aber sie haben nicht dazugesagt, dass er auch angefahren wurde.«

Hopper ist eine Weile still und starrt zur Decke hoch. »Sie hoffen wahrscheinlich auf eine Reaktion der Täter«, sagt er dann. »Außer uns weiß keiner, dass Emesto nicht wirklich am Virus gestorben ist. Sobald wir dazu Fragen stellen oder uns verplappern, sind wir dran.«

»Aber solange wir den Mund halten, können sie uns nichts.« Ich erschrecke vor mir selbst. Wollte ich uns gestern nicht noch selbst anzeigen? …