ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Stephan M. Rother - „Das Babylon-Virus“

ISBN: 9-783-442-37443-4

 

Klappentext:

Ein uraltes Rätsel ist die einzige Hoffnung für die Menschheit Seit Jahrhunderten beschäftigen sich die größten Gelehrten der Geschichte mit einem unvorstellbar komplizierten Rätsel. Getrieben von akademischer Neugier und der Sorge um einen alten Freund, lässt sich auch der junge Restaurator Amadeo Fanelli auf das wissenschaftliche Spiel ein - das sich jedoch bald als tödlicher Ernst erweist. Beinahe zu spät geht Amadeo auf, dass von seiner Fähigkeit, das Rätsel zu knacken, nicht weniger abhängt als das Schicksal der gesamten Menschheit.

 

Inhalt:

Eine Grippewelle bricht über die Welt herein. Und auch in der kleinen Restaurationswerkstatt in Rom fehlen schon die ersten Leute. Der Capo bekommt es schon mit der Angst zu tun, dass es mehr Menschen werden, als ihn das seltsame Schreiben von einem alten Freund erreicht. "lesen - lösen - herbringen"

Das Schreiben entpuppt sich als ein Brief von Einstein, der die Geschichte vom Turmbau zu Babel nieder geschrieben hat.

Amadeo, der Capo, stürzt sich mit Feuereifer in die Sache, kann das Rätsel aber nur durch einen Zufall zu lösen. Er bringt es zum Professor nach Weimar und landet direkt in einem generationenübergreifenden Gelehrtenspielchen, bei dem es um nichts weiter als das Heilmittel dieser Grippe geht. Denn diese Grippe entpuppt sich inzwischen als Seuche, die die Menschheit entzweien soll. Genau so, wie es beim Turmbau zu Babel gewesen sein soll.

Wie es bei allen guten Sachen aber ist, sind auch hier die bösen, die zwielichtigen Gestalten hinter des Rätsels Lösung her. - Der Capo und seine Verbündeten müssen sich beeilen. Zum einen muss der Professor als einer der ersten Grippekranken gerettet werden und dann natürlich die gesamte Menschheit.

 

Leseprobe:

… Jetzt aber, als Amadeo auf das Büchlein vom protestantischen Friedhof zu sprechen kam, drehte sie sich langsam zu ihm um. »Sie haben das Buch dabei?«

Amadeo nickte. Er hatte seine Jacke zwar geöffnet, aber nicht ausgezogen, trotz der einundzwanzig Komma sieben Grad in der officina. Suchend griff er in die Innentasche und brachte das zerfledderte Brevier zum Vorschein.

Erst jetzt, im Licht der Schreibtischlampe, konnte er es wirklich in Augenschein nehmen. Ganz hinten ragten ein paar Seiten aus dem Einband, aber davon abgesehen war die Bindung noch vollständig in Ordnung. »Ein Wunder, dass es noch in einem solchen Zustand ist«, murmelte er andächtig. »Aber auch der Sarg war ja überraschend gut erhalten nach zweihundert Jahren in der Erde.«

»Offenbar war Einstein vorsichtiger als Sie mit Ihrem Brecheisen.«

»Kein Brecheisen«, stellte Amadeo automatisch richtig. »Eine Spitzhacke.« Überrascht hielt er inne. »Einstein«, sagte er leise. Natürlich. Einstein hatte Goethes Code entschlüsselt, also musste auch ihn die Spur auf den cimitero acattolico geführt haben - und er musste dort bedeutend vorsichtiger vorgegangen sein als Amadeo. Jedenfalls hatte August von Goethes Sarg einen vollkommen intakten Eindruck gemacht, bis der Restaurator ihm mit der Hacke zu Leibe gerückt war. Wie hatte Einstein das angestellt? Ein Hüne von Gestalt war er nicht gewesen, wohl aber ein Meister der Mechanik als Physiker. - Doch ohne Kran und Flaschenzug?

»Er muss mehr Zeit gehabt haben als wir«, sagte Amadeo nachdenklich. »Ob er tagsüber da war, ganz offiziell? Schließlich war er … nun, er war eben Einstein.«

»Wenn der beim Friedhofskomitee geklopft hat, haben sie vielleicht ein Auge zugedrückt.« Rebecca war kaum zu verstehen, und ihre eigenen Augen waren halb geschlossen, alle beide. Noch war nichts davon zu spüren, dass Alyssas Mittel anschlug. Amadeo veränderte den Winkel der Schreibtischlampe, sodass der Bürostuhl nun stärker im Schatten lag.

»Sie müssen es sogar zweimal zugedrückt haben«, bemerkte Alyssa. Ihr Blick lag auf ihrer Schwester. »Schließlich hat er das Buch wieder zurückgebracht.«

Amadeo legte die Stirn in Falten. »Genau dasselbe hat er auch von mir verlangt«, sagte er leise. »Als es um sein eigenes Depot ging. Zurück in den Petzinsee. Das stand in der Anweisung, die bei Goethes Gedicht lag. Und nur deshalb funktioniert es überhaupt! Nur deshalb können wir in der Zeit zurückgehen, von einem Text zum nächsten: weil alle diese Texte immer wieder an Ort und Stelle gekommen sind, nachdem der nächste große Geist sie gesichtet hatte. Hoffentlich. Das muss von Anfang an mit im Spiel gewesen sein! Damit wir genau das tun können, was wir jetzt tun!«

»Bemerkenswert«, sagte Alyssa leise. »Und was schreibt nun … Händel, sagen Sie?«

Amadeo brauchte einen Moment, um zum ganz unmittelbaren Gegenstand zurückzufinden. Mit jeder neuen Entdeckung wuchs seine Faszination für den ausgeklügelten, jahrtausendealten Mechanismus, nach dem das Geheimnis von Babylon funktionierte. Nachhaltigkeit, dachte er. Das große Wort am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Die Menschen von Babylon - diese Menschen vor Tausenden und Tausenden von Jahren – hatten wirklich gewusst, was das bedeutete. Von Einstein zu Goethe, von Goethe zu Händel … Und die nächste Etappe?

Mit einem Gefühl der Ehrfurcht drehte er das Büchlein in seinen Fingern hin und her, schlug es zuerst ganz am Ende auf, bei den losen Seiten. Er kniff die Augen zusammen. »Die hier sind handgeschrieben«, murmelte er, doch im selben Moment erkannte er die Schrift. »Goethe«, sagte er. »Das muss Goethes Beipackzettel sein, aus dem Einstein erfahren hat, was es mit dem Spiel der Gelehrten auf sich hat.« Er legte die Blätter beiseite. Dass er mit Goethes Handschrift seine Probleme hatte, hatte er schon in Potsdam fststellen müssen - und die Funktionsweise des Rätselspiels kannten sie bereits. Sollte Helmbrecht das Schreiben entziffern, falls die Menschheit wider Erwarten überlebte.

Stattdessen schlug Amadeo das Büchlein nun ganz am Anfang auf. Ein barock überladener Holzschnitt voller engelhaft-allegorischer Etwasse, die von Wolken umschwebt eine Schriftrolle mit dem Titel des Werkes in die Höhe hoben. »The Tower of Babel. An Oratory«, las Amadeo vor. »An dieser Stelle müsste jetzt eigentlich eine Angabe kommen im Stile von As it is Perform’d at the Theatre Royal in Covent Garden. Der Aufführungsort. Händel hat seine Stücke oft umgeschrieben von Aufführung zu Aufführung, aber hier …« Er machte eine Kunstpause, sah zwischen den beiden Frauen hin und her. Alyssa betrachtete ihn abwartend, Rebecca hatte die Augen nach wie vor geschlossen. Ihre Lippen schienen sich zu bewegen, doch es war kein Ton zu hören. Betete sie? Das hatte er noch nie mitbekommen bei ihr - erstaunlich genug für eine Frau, die vom späteren Papst quasi aufgezogen worden war.

»Hier fehlt das natürlich«, sagte Amadeo. »Es kann keine konkurrierenden Versionen geben - weil diese Komposition bis heute niemals aufgeführt wurde! Deshalb keine Angabe, auf welche Vorstellung die Noten sich beziehen, sondern einfach nur Compos’d by Mr Handel.«

»Niemals aufgeführt?« Alyssa trat zu ihm an den Tisch. Der aufdringliche Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. Wenigstens darin unterschieden sich die beiden Schwestern; aber vielleicht war das vulgäre Zeug auch nur einer ihrer Köder für Fabio gewesen, genau wie ihr Aufzug, in dem sie genauso gut unter der Laterne hätte stehen können, am Eingang zum Park an der Piazza Albania. »Wenn es sogar gedruckt ist, muss sich das doch mal jemand vorgenommen haben«, sagte die blonde Frau.

»Nein«, widersprach Amadeo entschieden. »Ich könnte schwören, dass kein Mensch dieses Oratorium kennt. Und das Buch auch nicht.«

»Sie meinen, es gibt nur dieses eine Exemplar?«

»Das wäre aufwendig gewesen«, murmelte Amadeo. »Und entsprechend teuer, es drucken zu lassen. Andererseits macht ein gedrucktes Buch natürlich viel mehr her, und so was war wichtig für jemanden wie Händel. Überlegen Sie mal: Es war die Zeit des Barock, des Rokoko, die Epoche der Reifröcke und Duftwässerchen - und der Puderperücken für den Herrn. Diese französischen Könige, die alle Louis hießen. Und mitten dazwischen Händel, der so was wie ein Popstar war damals, der ganz große Fachmann fürs Repräsentieren. Der die Reichen und Mächtigen in Szene setzte und sich selbst.«

»Du meinst ganz sicher Händel?«, kam es vom Schreibtischstuhl. »Nicht Andy Warhol?«

Amadeo nickte nachdenklich. Er war sich nicht sicher, ob Rebecca das mitkriegte in ihrem Dämmerzustand, doch er wollte sich einbilden, dass ihre Wangen mittlerweile wieder eine Spur Farbe bekamen. Recht hatte sie auf jeden Fall. Genau diese Sorte war Händel gewesen: der Darling der Londoner Society, genau wie Warhol zweieinhalb Jahrhunderte später in New York.

Er blätterte um, betrachtete den Beginn der Komposition. Sie ging nicht im selben Maß ins Detail wie eine klassische Orchesterpartitur, die Bläser, Streicher und so weiter in einzelnen Stimmen auflistete. Lediglich zwei Linien waren angegeben, wobei die obere von ihnen offenbar die Gesangsstimme wiedergab, ausgenommen in den rein instrumentalen Passagen natürlich. Die untere dagegen, eröffnet mit dem Bassschlüssel, war dem basso continuo vorbehalten, der sich durch die gesamte Partitur zog und die Stimmung des Stückes prägte. Amadeo blätterte weiter. Hier setzte die eigentliche Handlung ein, und zur Gesangsstimme waren die Worte verzeichnet.

»Alas, this land, my brethren all: / What place to rest! What place to dwell!«, las er vor. »Das singt … ein Siedler. « Seine Augen überflogen den Text. Er blätterte um. »Die Menschen, die zu diesem Zeitpunkt noch ein und dieselbe Sprache sprechen, ziehen in ein Land im Osten.«

»Sinear.« Alyssa nickte.

»Hier bei Händel heißt es Shinar, aber das ist nicht ungewöhnlich. Das ist dieselbe Form wie in der englischen King James Bible.« Amadeo blätterte vor zur Mitte des Büchleins. »Davon abgesehen haben wir hier exakt dieselbe Geschichte wie bei Einstein und Goethe, nur noch altertümlicher diesmal und englisch natürlich. Und ziemlich bombastisch.«

»Auch die Komposition?«

Der Restaurator blickte auf. »Das nehme ich doch an. Sie stammt aus dem Barock. Von Händel.«

»Aber genau können Sie das nicht sagen? Ich denke, Sie haben den ganzen Schrank voll mit …«

Er räusperte sich. »Ich liebe die Musik, aber ich bin kein Musiker. Ich hatte nur eine …« Seltsam, plötzlich hatte auch Rebecca die Augen wieder offen. Erwartungsvoll sahen beide Frauen ihn an. »Mundharmonika«, murmelte er. »Fürs Lagerfeuer.«

»Dann haben wir ein Problem«, stellte Rebecca fest. Amadeo staunte. Vor fünf Minuten hatte sie noch mehr tot als lebendig in ihrem - seinem - Stuhl gehangen, jetzt setzte sie sich aufrecht hin, warf einen Blick auf Alyssa. »Du warst jedenfalls musikalisch wie’ne Dose Thunfisch, und wenn ich mich für Musik interessiert hab, war’s welche, die sich elektrisch verstärken lässt.«

»Meine Behörde hat natürlich Fachleute …«, begann Alyssa.

»Wenn wir etwas wissen müssen, fragen wir den Professor«, unterbrach Amadeo sie. So wenig er über Geheimdienste wusste: Ihm war klar, dass er jetzt aufpassen musste. Er war bereit, Alyssa und ihren Hintermännern zu vertrauen - so weit es eben notwendig war. Dem Professor war zwar ebenfalls jede Art von Manipulation zuzutrauen, aber wenigstens stand seine Integrität nicht in Frage. Und mit Sicherheit konnte er sie an einen Musikwissenschaftler verweisen, der sich mit Händels Oeuvre auskannte.

Doch wichtiger als die Musik war erst einmal etwas anderes. Amadeo schlug das Büchlein am Beginn des dritten und letzten Aktes auf, hatte dabei nicht die Noten, sondern den Text im Auge und versuchte herauszufinden, an welcher Stelle der Geschichte er sich befand. Da war die Rede von der pestilence, die die Boten Gottes über die Menschheit brachten, und von der healing remedy, dem Heilmittel. Eine Gänsehaut stellte sich auf seinen Armen auf. …