ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Ken Follett - „Eisfieber“

ISBN: 9-783-404-15668-9

 

Klappentext:

Ein tödliches Virus verschwindet aus einem privaten Forschungslabor. Für die junge Sicherheitschefin Toni Gallo ist dies eine Katastrophe. Sie ahnt nicht, dass der Dieb aus dem engsten Kreis um den Firmengründer Stanley Oxenford kommt. In dessen verschneitem Landhaus im schottischen Hochland entbrennt ein dramatischer Kampf, bei dem mehr auf dem Spiel steht als ein einzelnes Leben.

 

Inhalt:

Ein junger Laborassistent erkrankt an einem super gefährlichen Virus, welches wenig erforscht aus dem Labor entwendet wurde. In diesem Fall jedoch kann eine größere Katastrophe abgewendet werden. Viel schlimmer ist der in der Weihnachtsnacht folgende Einbruch in das Labor. - Könnten diese beiden Fälle in einem Zusammenhang stehen?

Es handelt sich auf jeden Fall um das selbe Virus. Jemand hat es darauf abgesehen, da er eine Epidemie auslösen will.

Die Sicherheitschefin dieses Labors, eine ehemalige Polizistin, setzt Himmel und Hölle in Bewegung. Sie will die Katastrophe und auch ein Familiendrama verhindern.

 

Leseprobe:

… Kit war schlecht vor Angst. Schon einmal hatte er das Gesetz gebrochen – bei dem Betrug, der ihn seinen Job gekostet hatte –, aber das war, seinem Empfinden nach, kein Verbrechen gewesen, sondern eher so etwas wie Schummeln beim Kartenspiel, und das tat er schon seit seinem elften Lebensjahr. Das, was wir jetzt tun, ist ein regelrechter Einbruch, sagte er sich, und dafür kommt man in den Knast … Er schluckte trocken, versuchte sich zu konzentrieren und dachte an die riesige Summe, die er Harry Mac schuldete. Er dachte an die Todesangst, die ihn befallen hatte, als er von Daisy um ein Haar ertränkt worden wäre. Nein, es gab kein Zurück; er musste diesen Coup durchziehen.

Nigel sagte leise zu Elton: »Pass auf, dass du Daisy nicht mehr ärgerst.«

»Ich hab doch bloß ’nen Witz gemacht«, verteidigte sich Elton.

»Sie hat keinerlei Sinn für Humor.«

Es war unklar, ob Daisy das gehört hatte oder nicht. Auf jeden Fall reagierte sie darauf nicht.

Elton hielt vor dem Haupteingang, und sie stiegen aus. Kit nahm seinen Laptop mit, Nigel und Daisy holten sich aus dem Laderaum Werkzeugkästen, und Elton trug eine teuer aussehende Aktenmappe aus burgunderfarbenem Leder, ganz schmal und mit einer Messingschließe – typisch für seinen Geschmack, aber nach Kits Empfinden ein bisschen seltsam für einen Mann vom Telefon-Reparaturservice.

Sie gingen zwischen den steinernen Löwen des Portals hindurch und betraten die Große Halle. Gedimmte Sicherheitslampen brannten und verstärkten noch den kirchenartigen Eindruck der viktorianischen Architektur: die längs unterteilten Fenster, die Spitzbögen und die parallel angeordneten Sparren. Die Funktion der Überwachungskameras wurde durch das Halbdunkel, wie Kit wusste, nicht beeinträchtigt, da sie mit Infrarotlicht arbeiteten.

An dem modernen Empfangstisch in der Mitte der Halle standen zwei weitere Wachen. Die eine war eine attraktive junge Frau, die Kit nicht kannte, und der Mann war Steve Tremlett. Kit hielt sich im Hintergrund, weil er vermeiden wollte, dass Steve ihn aus der Nähe sah. »Sie wollen zum Zentralrechner, nehme ich an?«, sagte Steve.

»Genau dort fangen wir an«, erwiderte Nigel.

Steve hob die Brauen, als er Nigels Londoner Akzent hörte, äußerte sich jedoch nicht dazu. »Susan zeigt Ihnen den Weg – ich muss am Telefon bleiben.«

Susan hatte kurzes Haar und eine gepiercte Augenbraue. Sie trug ein Hemd mit Epauletten und Krawatte, dunkle Uniformhosen und schwarze Schnürschuhe. Sie lächelte ihnen freundlich zu und führte sie in einen mit dunklem Holz getäfelten Korridor.

Eine unheimliche Ruhe bemächtigte sich Kits. Wir sind drin, und ein Mitglied des Werkschutzes eskortiert uns in den sicherheitsrelevanten Bereich. Gleich klauen wir das Beste, was diese Bude zu bieten hat … Aber es war auch der Fatalismus des Spielers, der ihn jetzt beherrschte: Die Karten sind verteilt, ich hab auf dieses Spiel gesetzt und muss mein Blatt ausreizen. Ich kann nur noch gewinnen oder verlieren.

Sie betraten den Kontrollraum. Er sah sauberer und ordentlicher aus, als Kit ihn in Erinnerung hatte: Die Kabel waren gut verstaut, die Protokollbücher standen eines neben dem anderen auf einem Regal – Tonis Einfluss, dachte er. Auch hier waren die Wachen verdoppelt: Statt nur einem Mann saßen zwei Werkschutzleute an einem langen Tisch und behielten die Monitore im Auge. Susan stellte sie als Don und Stu vor. Don war ein dunkelhäutiger Südinder mit schwerem Glasgower Akzent, Stu ein sommersprossiger Rotschopf. Kit kannte weder den einen noch den anderen. Im Grunde spielt es keine große Rolle, ob hier ein oder zwei Männer sitzen, dachte er. Was bedeutet schon ein Augenpaar mehr, vor dem man bestimmte Dinge verbergen, was ein zusätzliches Hirn, das man ablenken, was eine zweite Person, die eingelullt werden muss …?

Susan öffnete die Tür zum Geräteraum. »Hier ist der Zentralrechner.«

Einen Augenblick später betrat Kit das innerste Heiligtum. Einfach so, dachte er, obgleich ihn die Vorbereitung Wochen gekostet hatte. In diesem Raum befanden sich die Computer und alle anderen Geräte, die nicht nur das Telefonsystem, sondern auch die Beleuchtung, die Überwachungskameras und die Alarmanlagen steuerten. Allein, dass sie es bis hierher geschafft hatten, war schon ein Triumph für sich.

»Vielen Dank«, sagte er zu Susan, »hier übernehmen wir.«

»Wenn Sie irgendwas brauchen, kommen Sie einfach zur Rezeption«, erklärte Susan und ging.

Kit stellte seinen Laptop auf ein Bord und schloss ihn an den Telefon-Computer an. Er zog sich einen Stuhl heran und drehte den Laptop so, dass der Bildschirm von der Tür her nicht einsehbar war. Daisy sah ihm misstrauisch zu. »Geh nach nebenan«, sagte er zu ihr, »und behalt die Wachen im Auge.«

Sie warf ihm einen hasserfüllten Blick zu, dann folgte sie seiner Anordnung.

Kit holte tief Luft. Er wusste genau, was er zu tun hatte. Es kam jetzt darauf an, sehr zügig, aber auch sorgfältig und hoch konzentriert zu arbeiten.

Zuerst loggte er sich in das Programm ein, das die Videobilder aus den siebenunddreißig Überwachungskameras kontrollierte. Vor dem Eingang zum BSL-4-Labor schien alles normal zu sein. Das Bild vom Empfangstisch zeigte Steve, aber nicht Susan. Er überflog die Bilder der übrigen Kameras und fand Susan auf einer Patrouille anderswo im Haus. Er notierte sich die Zeit.

Das enorme Gedächtnis des Computers speicherte die Kamerabilder vier Wochen lang, bevor sie neu überspielt wurden. Kit kannte sich mit dem Programm aus, denn er hatte es selbst installiert. Er holte sich die Videobilder aus den BSL-4-Kameras für den gleichen Zeitraum in der vorangegangenen Nacht und überprüfte sie stichprobenartig, genauso wie die dazugehörigen Texte. Hauptsache, kein verrückter Wissenschaftler war auf die Idee gekommen, mitten in der Nacht im Labor zu arbeiten. Doch alle Aufnahmen zeigten nur menschenleere Räume. So weit, so gut.

Nigel und Elton sahen ihm in gespanntem Schweigen zu.

Als Nächstes fütterte Kit die Monitore, die von den heutigen Wachposten überprüft wurden, mit den Bildern aus der vorangegangenen Nacht.

Jetzt konnte man im BSL-4-Labor herumspazieren und tun und lassen, was man wollte, ohne dass die Wachen im Kontrollraum davon etwas mitbekamen.

Zwar waren die Monitore mit Schaltungen ausgestattet, die eine Überspielung der Bilder entdeckten. Aber dies galt nur, wenn diese Bilder aus einem anderen Videoplayer kamen. In diesem Fall kamen sie jedoch nicht aus einer fremden Quelle, sondern direkt aus dem eigenen Speicher – und damit gab es keinen Grund für das System, Alarm auszulösen.

Kit trat in den Hauptkontrollraum. Daisy, die Lederjacke über dem Overall der Hibernian Telecom, fläzte sich in einem Sessel. Kit musterte die Wand mit den Bildschirmen. Alles wirkte ganz normal. Don, der dunkelhäutige Werkschutzmann, sah ihn mit fragender Miene an. Um ihn in Sicherheit zu wiegen, sagte Kit: »Funktioniert hier einer von den Apparaten?«

»Nein, keiner«, sagte Don.

Auf allen Bildschirmen stand unten eine Textzeile mit Datum und Uhrzeit. Die Zeitangabe von gestern stimmte mit der heutigen überein, dafür hatte Kit gesorgt. Doch die Textzeile von gestern trug auch das Datum von gestern.

Kit wäre jede Wette eingegangen, dass kein Mensch jemals auf das Datum achtete. Die Wachen überprüften die Bildschirme auf Bewegung; einen Text, der ihnen nur sagte, was sie ohnehin schon wussten, beachteten sie nicht.

Hoffentlich irre ich mich da nicht, dachte Kit.

Don wunderte sich offensichtlich, dass sich der Mann vom Telefonstördienst so sehr für die Bilder der Überwachungskameras interessierte. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er in beinahe drohendem Tonfall.

Daisy knurrte und bewegte sich unruhig auf ihrem Sessel hin und her, wie ein Hund, der spürt, wenn es zwischen den Zweibeinern zu Spannungen kommt.

Da klingelte Kits Handy.

Er ging wieder in den Geräteraum. Die Nachricht auf dem Bildschirm seines Laptops lautete: »Kreml ruft Toni an.« Wahrscheinlich wollte Steve Toni mitteilen, dass die Leute vom Stördienst eingetroffen waren. Kit entschied sich, den Anruf weiterzuleiten: Vielleicht gab er Toni so viel Gewissheit, dass sie es nicht mehr für nötig erachtete, herzukommen. Kit drückte eine Taste und hörte dann über sein Handy mit.

»Toni Gallo.« Sie saß in ihrem Auto – Kit hörte den Motor laufen.

»Hier ist Steve im Kreml. Die Stördienstleute von der Hibernian Telecom sind jetzt hier.«

»Haben sie schon rausgefunden, was los ist?«

»Sie haben gerade erst angefangen. Ich hoffe, ich habe Sie nicht aufgeweckt.«

»Nein. Ich bin nicht im Bett, ich bin auf dem Weg zu Ihnen.«

Kit fluchte. Genau das hatte er befürchtet.

»Es ist wirklich nicht nötig, dass Sie herkommen«, erklärte Steve.

Hundert Pro richtig, dachte Kit.

»Wahrscheinlich nicht«, gab Toni zurück. »Aber mir ist dann wohler.«

Kit fragte sich, wann mit ihr zu rechnen war.

Steve hatte offenbar den gleichen Gedanken. »Wo sind Sie denn jetzt?«

»Gar nicht weit weg, aber die Straßenverhältnisse sind katastrophal. Ich komme mit maximal zwanzig bis dreißig Stundenkilometer voran.«

»Sind Sie in Ihrem Porsche unterwegs?«

»Ja.«

»Wir sind in Schottland. Sie hätten sich einen Landrover kaufen sollen.«

»Ich glaub, ein Panzer wär noch besser gewesen!«

Nun sag schon, dachte Kit, wie lange brauchst du noch?

Toni beantwortete seine Frage. »Ich brauche mindestens noch eine halbe, vielleicht sogar eine ganze Stunde, bis ich da bin.«

Die beiden legten auf, und Kit fluchte still in sich hinein. Doch als er genauer darüber nachdachte, verlor Tonis bevorstehender Auftritt einiges von seinem Schrecken. Was soll sie denn auf den Gedanken bringen, dass hier ein Einbruch stattfindet, dachte er. Tagelang wird hier kein Mensch etwas vermissen. Es hat an Weihnachten einen Störfall in der Telefonanlage gegeben, der von einem Reparaturtrupp der Telecom behoben wurde, das ist alles. Erst nach den Feiertagen, wenn die Forscher wieder zur Arbeit erschienen, würde der Einbruch ins BSL-4-Labor ruchbar werden.

Die Hauptgefahr besteht darin, dass Toni mich trotz der Verkleidung erkennt, dachte Kit. Er sah zwar ganz anders aus als sonst, hatte seinen auffallenden Schmuck abgelegt, und es fiel ihm leicht, seine Stimme zu verstellen und mit viel stärkerem schottischen Akzent zu sprechen – aber Toni hatte einen exzellenten Riecher, sodass er keinerlei Risiko eingehen durfte. Ich muss ihr möglichst aus dem Weg gehen und Nigel das Reden überlassen, dachte er. Und eines stand fest: Mit Toni Gallos Anwesenheit erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schief ging, mindestens um den Faktor zehn.

Sie mussten sich beeilen – mehr konnten sie gegen die drohende Gefahr nicht tun.

Kits nächste Aufgabe bestand darin, Nigel Zugang zum Labor zu verschaffen, ohne dass die Werkschutzleute etwas davon bemerkten. Das Hauptproblem bildeten die Patrouillen. Einmal pro Stunde trat einer der beiden Wachhabenden am Empfangstisch einen Rundgang durchs ganze Gebäude an. Der Gang erfolgte stets auf der gleichen Route und dauerte etwa zwanzig Minuten. Sobald der Posten den Eingang zum BSL-4-Labor passiert hatte, bestand eine Stunde lang keine Gefahr mehr. …