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Jörg Liemann - „Black Out – Die Epidemie“

ISBN: 9-783-746-63009-0

 

Klappentext:

Tödliches Vergessen Ein Chirurg am OP-Tisch weiß plötzlich nicht mehr, was er tun muss. Bei Arbeiten an einer Kathedrale stürzt ein Arbeiter in den Tod. Ein Pilot, hat vergessen, wie er fliegen soll. Rätselhafte Vorfälle häufen sich und breiten sich unaufhaltsam aus. Alexander Mehrow, Ministeriumssprecher und Ex-Journalist, kommt einem tödlichen Virus auf die Spur. Doch die Regierung verdammt ihn zum Schweigen. Schon bald ist er selbst betroffen: er verliert Job, Frau - und die Erinnerung. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit, die wahren Gründe für die Epidemie zu finden. Ein temporeicher Thriller mit erschreckendem Hintergrund.

 

Inhalt:

Das Buch beginnt mit den verschiedensten Gedächtnisverlusten. Die Folgen sind jedes Mal verheerend. Menschenleben sind in Gefahr oder werden auch ausgelöscht. Das Komische an der Sache ist aber die Tatsache, dass es in den verschiedensten Teilen der Welt passieren zu scheint. - Bahnt sich da eine Pandemie an? Ein weltweiter Black Out?

Alexander und seine Frau leben gemeinsam in Berlin. Während sie sich um einen kleinen Jungen kümmert, der mehr als deutliche Anzeichen eines Black Outs zeigt, kümmert, ist er der Meinung, auch an Demenz zu leiden. Die beiden entzweien sich voneinander und irren jeder für sich durch die Weltgeschichte.

Während Alexander einer dubiosen Hilfsorganisation in Sachen Demenez auf der Spur ist und so in ziemlich gefährliche Situationen gerät, schippert seine Frau auf ihrem "Urlaubsboot" durch die Gegend. Alexander glaubt, sie wurde entführt und verfällt dem entsprechend in Panik.

Was er nicht weiß, auch seine Frau leidet an Demenz.... - ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

 

Leseprobe:

… Der Mann nahm es stoisch auf, die Frau wurde noch nervöser.

»Und über die Heime können wir auch nicht viel Gutes sagen«, gab Jana Elztal zu bedenken. »Ich spreche nicht von den schwarzen Schafen, von Vernachlässigung und fehlender Hilfeleistung. Ich rede von der alltäglichen Problematik in guten Heimen. Wie solleine Pflegekraft für zwanzig oder auch nur für zehn Patienten da sein, die eigentlich eine Rund-um-die-Uhr-Begleitung benötigen, weil ihnen alle paar Minuten entfällt, wo sie sind oder wer sie sind? Und wie soll man dort individuell auf die Menschen eingehen, die sich in ihren Demenzphasen, in ihren Krankheiten, früheren Vorlieben und Herkünften stark unterscheiden? Woher soll eine Pflegeschwester wissen, dass Patient A einmal ein Akademiker war, der es liebte, in Büchern über die Antike zu blättern und Pfälzer Kerner-Wein zu trinken? Der Patient kann es ihr nicht mehr sagen. Patient B hat sich vielleicht noch nie für etwas Intellektuelles interessiert, er hasst sogar die Musik und das Singen, aber eine Massage macht ihn zum glücklichsten Menschen der Welt. Das heißt: Diese Heimbetriebe können gar nicht auf die ganz spezifische Demenz von jemandem reagieren, weil sie zu wenig wissen. Ich habe selbst in solchen Heimen gearbeitet, und ich weiß, wie froh ich oft war, wenn ich wenigstens wusste: Herr C hat früher gern Fußball gesehen. Dann haben wir ihn mit Fußballsprüchen aufgezogen oder ihn als Champion bezeichnet. Aber stellen Sie sich vor, dass er in Wirklichkeit seit fünfzehn Jahren den Fußball hasst! Und ich komme ihm immer noch mit Tor und Ecke und Halbzeit und Spielstand …«

Alexander lächelte ihr zu. Die beiden anderen schienen nicht präsent zu sein.

»Die Verpflegung eines fortgeschrittenen Demenzkranken kostet im Durchschnitt 50 000 Euro im Jahr. Ein richtig gutes Heim kostet 6000 Euro im Monat. Und dennoch haben diese Pflegeeinrichtungen ihre Grenzen. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie fotografieren viel in ihrer Freizeit und vor allem im Urlaub. Oder Sie filmen. Das sind Ihre Erinnerungen. Nur ein Teil Ihrer Vergangenheit und Ihres Erinnerns, aber ein wichtiger, weil sie die Fotos ja immer wieder anschauen, sie mit Freunden betrachten und daraus wiederum neue Gefühle der Zufriedenheit oder der Sehnsucht entwickeln. Wenn Sie ins Heim gehen – wie viel davon nehmen Sie mit? Ein kleines Album? Ein gerahmtes Foto? Und selbst wenn Sie einen Stick oder Laptop haben, wer von den Pflegekräften wird Sie auf den Gedanken bringen, nach diesen Dateien zu suchen, sich die Fotos anzusehen und mit Ihnen zu versuchen, wenigstens bei jedem hundertsten oder tausendsten Foto eine Spur der Erinnerung wachzurufen? Aber genau das müsste doch geschehen, um das Leben eines Menschen trotz Demenz so lange wie möglich in Würde zu bewahren, oder? – Wie gesagt, ich klage die Heime nicht an, jedenfalls die guten nicht. Aber unsere Aufgabe sehe ich darin, Brücken zu bauen. Erinnerungsbrücken in die eigene Vergangenheit. Aber auch Erinnerungsbrücken zwischen den Patienten, den Angehörigen und den Pflegebediensteten.«

Dr. Elztal hielt ein Plakat hoch. Zu sehen waren als Symbole: ein Koffer, ein Bett mit einem Himmel, ein Haus und so etwas wie eine Bibliothek. Sie erläuterte, wie wichtig es sei, rechtzeitig mit einem Menschen an einer Erinnerungskapsel zu arbeiten. Dabei handele es sich um einen Sammelbegriff. Man könne zum Beispiel mit dem Patienten gemeinsam einen Koffer packen, in dem er alle ihm wichtigen Gegenstände der Erinnerung aufbewahren und mitnehmen möchte. Für andere biete es sich an, um das Bett herum all diese Gegenstände aufzubauen – vom Stofftier der Kindheit über die Sammlung der Lieblings-CDs bis zu den Lieblingsfilmen. Andere, die noch lange gut mit Büchern umgehen könnten, fühlten sich eher in einer kleinen, gutsortierten Bibliothek wohl. Man könne sogar ein ganzes Haus zur individuellen Erinnerungskapsel ausbauen, in der ein Mensch sich nicht – wie sonst in der Demenz – allein und verlassen fühle.

»Bedenken Sie: Viele Demente leben seit Jahrzehnten in ihrem Haus. Als Angehörige glauben Sie vielleicht, dass dem Patienten das guttun müsste. Es ist persönlicher als ein Heimzimmer, denken Sie. Aber plötzlich wird der Patient todtraurig, er jammert nur noch und sucht unablässig die Zimmer ab. Warum? Weil er sich an das Haus erinnert, und zwar zu der Zeit, als seine Eltern noch darin lebten. Sie sind tot, aber er vermisst sie jetzt, denn er denkt, er sei noch ein Kind, und plötzlich haben Vater und Mutter ihn alleingelassen. Sehen Sie, in diesem Moment müsste jemand intervenieren und die Präsenz der Eltern durch Erinnerung gezielt ansprechen.«

»Das ist ein großer Aufwand«, sagte Alexander. Und die nervöse Frau neben ihm schaute sich irritiert zu ihm um.

»Natürlich ist es das, Herr Mehrow. Allein, so einen Koffer für die Erinnerung an Ihr gesamtes Leben packen Sie ja nicht an einem einzigen Abend. Welche Düfte wollen Sie konservieren? Welche Geräusche? Welche Bücher nehmen Sie mit? – Die meisten Menschen überlegen, welche drei Bücher sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Aber hier stellt sich die Frage: Welche drei Bücher sollen mich ins Vergessen begleiten? Welches Buch ist so stark, dass es mich womöglich noch mal aus dem Nebel zurückholen kann, mich aufrüttelt, mir Gefühle vermittelt, die längst abhandengekommen sind? Welcher Text wird mich berühren, weil meine Mutter ihn mir vorlas – und den mir nun ein wildfremder Pfleger vorliest? Ja, so etwas dauert und ist aufwendig und daher mit Kosten verbunden. Aber denken Sie an die 6000 Euro im Monat. Das sind in zehn Jahren 720 000 Euro. Mit ein bisschen Taschengeld und Zusatzaufwand – sagen wir für einen Masseur oder einen kleinen Liebesdienst – ist man bei einer Million. Im Vergleich dazu kann eine Erinnerungskapsel schon für einbis zweitausend Euro zusammengestellt werden, kann aber auch zehntausend kosten. Wir denken aber, dass sich das lohnt. Denn die Kapsel wird auch in nicht so hundertprozentigen Heimen dafür sorgen, dass sich die Dienstkräfte orientieren können. Sie wissen plötzlich, wen sie vor sich haben. Selbst wenn der Patient über nichts mehr aus seinem Leben verfügen kann, können andere ihm dabei noch helfen.«

Sie brachte weitere Beispiele und betonte, dass die Stiftung IVN kein eigenes Heim gründen, sondern Grundlagen legen und sich auf punktuelle Interventionen konzentrieren wolle. »Manche Leute kommen zu uns und sagen von vornherein: Ich möchte, dass ihr mit meiner Vollmacht alle meine Angelegenheiten regelt, weil niemand sonst das für mich tut. Dann schließen wir mit ihm einen Vertrag, der alle Rechte und Pflichten genau regelt. Als gemeinnützige Stiftung nehmen wir eine Aufwandsentschädigung, erzielen aber keine Gewinne. Andere Klienten wollen sofort an die Planung ihrer Erinnerungskapsel gehen, so als würden sie ein Haus bauen oder den nächsten Urlaub planen. Wieder andere suchen uns nur gelegentlich auf, weil sie psychologischen Halt suchen in der Phase, in der sie sich mit der Diagnose noch nicht abfinden können.«

Um 11 Uhr begann Alexanders Sitzung. Er war sich nicht sicher, wie er sich auf der Couchanlage flegeln und ob er die Schuhe ausziehen sollte. Eine Psychotherapie hatte er schon dutzende Male erlebt – und auch wieder nicht. Denn nur als Journalist war er zu Psychiatern gegangen. Damals ging es um eine Serie über Freud, Jung & Co. heute. Der Ansatz, sich als jemand anderes auszugeben, funktionierte nicht und verstieß gegen Alexanders Berufsethos. Es mochte auch in der  Branche der Psychotherapeuten Hallodris geben, aber das rechtfertigte für ihn nicht, sich bei allen einzuschleichen und ihre Gutgläubigkeit auszunutzen. Also stellte er sich als Reporter Alexander Mehrow vor. Das erschwerte die Gespräche zwar, und er bekam keine »echten« Sitzungen mehr, aber es war ehrlich.

Dies hier im Raum der Stille war die erste Sitzung, die ihn persönlich anging. Bald begrüßte ihn jemand hinter dem Paravent. Der Mann hatte eine angenehme, wache und nicht einlullende Stimme. Die Fragen waren harmlos und allgemein: Wie es ihm ginge, wie er die Nacht verbracht habe, welche ersten Eindrücke er von der Stiftung habe. Als die Fragen nach einer Weile nicht spezifischer wurden, wollte Alexander das Thema Demenz selbst ansprechen. Wahrscheinlich läuft es darauf hinaus, dachte er. Er will, dass ich es bin, der das Thema anschneidet. Er wird noch übers Wetter sprechen und über Fußball, damit ich endlich mit der Sache anfange.

Sobald er die ersten Sätze dazu formuliert hatte, spürte er schon eine erste Entlastung. Hier konnte er so etwas einfach sagen, was er zuvor kaum zu denken gewagt hatte: »Wem soll ich von meiner Angst vor Demenz erzählen? Wie wird meine Umwelt reagieren? Was ist mein Selbstbild?« …