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Andreas Eschbach - „Der Haarteppichknüpfer“

ISBN: 9-783-404-20697-1

 

Klappentext:

In einer fernen Zeit ... Schon seit je fertigen die Haarteppichknüpfer für den Kaiser Teppiche, die aus den Haaren ihrer Frauen bestehen. Von dem Erlös eines Teppichs kann eine ganze Generation der Knüpfer leben. Doch eines Tages landet ein Raumschiff auf der Welt, um dem Geheimnis der Haarteppiche auf den Grund zu gehen - einem Geheimnis, das alle Vorstellungskraft übersteigt.

 

Inhalt:

In einer Welt, die mittelalterlich zu sein scheint, sind die Menschen seit Generationen damit beschäftigt, Teppiche aus den Haaren ihrer Frauen und Töchter zu knüpfen. Ein einziger Teppich nimmt das komplette Leben des Knüpfers in Anspruch. Und er tut es, um dem Kaiser einen weiteren Teppich für seinen Palast zur Verfügung stellen zu können. Außerdem ist der Erlös vom Teppich das Geld zum Leben für den Sohn...

Doch das Knüpfen hat auch religiösen Hintergrund und das Volk ist seinem Kaiser sehr ergeben. Es gibt aber keinen Kaiser mehr... glaubt man den Rebellen...

Eine Raumschiffflotte ist beauftragt, sämtlichen Haarteppichknüpfern die Lage zu erklären. Doch das ist kein einfaches Unterfangen.

 

Leseprobe:

… »Komm herein«, sagte der alte Flötenmeister und wusste immer noch nicht, ob er sich freuen oder fürchten sollte. Aber als der Junge dann in den engen, dunklen Flur trat und sich unter der niedrigen Decke duckte, nahm er ihn ohne einen weiteren Gedanken einfach in den Arm, »Meister Opur, Ihr müsst mich verstecken«, flüsterte der Junge schlotternd. »Sie sind hinter mir her. Sie jagen mich.«

»Ich werde dir helfen, Piwano«, murmelte Opur und spürte dem Klang dieses Namens nach, den er nicht mehr gebraucht hatte, seit die Gilde ausgerechnet diesen Jungen, seinen besten Schüler, den begabtesten Dreiflötenspieler seit Menschengedenken, zum Dienst bei den kaiserlichen Schiffern geschickt hatte.

»Ich will wieder Dreiflöte spielen, Meister. Werdet Ihr mich unterrichten?« Der Unterkiefer des Jungen bebte. Er war am Ende seiner Kräfte.

Opur klopfte ihm sanft und, wie er hoffte, beruhigend auf den Rücken. »Sicher, mein Junge. Aber erst einmal musst du schlafen. Komm.«

Er nahm das große Bild ab, das die Tür zur Kellertreppe verbarg, und stellte es beiseite. Piwano folgte ihm hinunter in den Kellerraum, dessen Boden aus festgetretenem Lehm bestand und dessen Wände roh gemauert waren. Eines der alten, staubigen Regale konnte in unsichtbaren Angeln gedreht werden und gab den Zugang zu einem zweiten, versteckten Kellerraum frei, in dem es eine Bettstatt gab, eine Öllampe und einige Vorräte. Der greise Flötenmeister versteckte nicht zum ersten Mal in seinem Leben einen Flüchtling.

Es dauerte nur Augenblicke, bis der Junge eingeschlafen war. Er schlief mit offenem Mund, und sein Atem stockte manchmal, um dann keuchend nachgeholt zu werden. Eine seiner Hände krallte sich zuckend in einen unsichtbaren Widerstand, um sich erst nach langem Krampf wieder zu lösen.

Opur nickte schließlich seufzend. Behutsam hob er die Öllampe auf und stellte sie an einen sicheren Ort. Dann ließ er den Schlafenden allein, schloss die Geheimtür und ging hinauf. Einen Augenblick erwog er, selber noch ein wenig zu schlafen, entschied sich dann aber dagegen.

Stattdessen bereitete er sich sein Frühstück in der ersten Helligkeit des Tages und verzehrte es schweigend, erledigte ein paar Hausarbeiten und ging dann hinauf in seinen Unterrichtsraum, um sich über die alten Notenschriften zu setzen.

Seine erste Schülerin an diesem Tag kam kurz vor Mittag.

»Es tut mir leid wegen des Unterrichtsgeldes«, begann sie sofort zu plappern, kaum dass er die Tür geöffnet hatte. »Ich weiß, dass es heute fällig wäre, und ich habe auch daran gedacht, schon letzte Woche und die ganze Zeit. Also, was ich damit sagen will, ist, dass ich es nicht vergessen habe …«

»Ja, ja«, nickte Opur unwillig.

»Es ist nur so, dass ich auf meinen Bruder warten muss; er muss jeden Tag in der Stadt eintreffen -eigentlich sollte er schon längst angekommen sein. Er fährt nämlich mit dem Händler Tertujak, müsst Ihr wissen, und er gibt mir immer das Geld, das ich brauche, wenn er von einer Reise zurückkommt. Und der Händler Tertujak wird schon erwartet, da könnt Ihr fragen, wen Ihr wollt …«

»Schon gut«, unterbrach der Flötenmeister ungeduldig und bedeutete ihr, die Treppe zum Unterrichtsraum hochzusteigen. »Dann zahlst du eben das nächste Mal. Wir wollen beginnen.«

Opur spürte seine eigene Unrast. Er musste zu seiner Mitte zurückfinden, so gut er es fertigbrachte. Sie setzten sich auf zwei Kissen einander gegenüber, und nachdem die Frau ihre Dreiflöte und ihre Übungsnoten ausgepackt hatte, hieß Opur sie die Augen schließen und ihrem eigenen Atem lauschen.

Der Flötenmeister tat das Gleiche. Er spürte, wie die Unruhe von ihm abfiel. Innere Sammlung war wichtig. Ohne innere Sammlung war es aussichtslos, ein derart schwieriges Instrument wie die Dreiflöte zu spielen.

Wie es seine Gewohnheit war, griff Opur zuerst nach seiner eigenen Flöte und spielte ein kurzes Stück. Danach erlaubte er seiner Schülerin, die Augen wieder zu öffnen.

»Wann werde ich so etwas spielen können, Meister?«, fragte sie leise.

»Das war das PAU-LO-NO«, erklärte Opur ruhig, »das einfachste der klassischen Stücke. Es wird das erste klassische Stück sein, das du einmal spielen wirst. Aber wie alle überlieferten Flötenstücke ist es mehrstimmig – das heißt, du musst zuerst die einstimmige Spielweise beherrschen. Lass hören, was deine Übungen machen.«

Sie setzte ihre Dreiflöte an die Lippen und blies. Nach dem Spiel Opurs klang es wie ein schauerlicher Misston, und der greise Meister musste wie so oft seine ganze Beherrschung aufbieten, um das Gesicht nicht zu einer gequälten Grimasse zu verziehen.

»Nein, nein, die erste Übung noch einmal. Du musst vor allem darauf achten, den Ton sauber zu spielen …«

Die Dreiflöte bestand aus drei einzelnen Flöten mit je acht Löchern, die jeweils mit den Kuppen der einzelnen Fingerglieder abgedeckt werden konnten. Aus diesem Grund waren die Flöten eigentümlich s-förmig gebogen, um sie den Händen des Spielers und den unterschiedlichen Längen der Finger anzupassen. Jede Flöte bestand aus einem anderen Material, eine aus Holz, eine aus Knochen und eine aus Metall. Jede der drei Flöten gab dem Ton eine andere Klangfarbe, und alle zugleich brachten jenen unnachahmlichen Klang hervor, für den die Dreiflöte seit jeher berühmt war.

»Du musst darauf achten, den kleinen Finger locker zu lassen, locker und beweglich. Er muss abgespreizt werden, da die Bauweise der Flöte und die Anordnung der Löcher es so verlangt, aber er darf seine Beweglichkeit nicht verlieren …«

Eine wichtige Voraussetzung für einen Dreiflötenspieler waren bewegliche, lang gestreckte Finger mit ausgeprägten Fingergliedern. Insbesondere ein langer kleiner Finger war von Vorteil. Die Spielweise bestand nicht wie bei einer normalen Flöte darin, lediglich die Löcher gleichmäßig abzudecken oder freizugeben. Nur Anfänger spielten so, um sich mit den Grundlagen der Flötentechnik und der Musiklehre vertraut zu machen. Der Fortgeschrittene spielte die Dreiflöte jedoch mehrstimmig. Durch geschicktes Beugen und Abwinkeln der einzelnen Finger erzeugte er auf jeder Flöte einen anderen Ton; beispielsweise konnte er die mittleren Glieder einer Reihe von Fingern anheben, sodass die Löcher auf den beiden außen liegenden Flöten abgedeckt waren, während die Löcher auf der mittleren Flöte frei lagen.

»Gut. Probiere nun die neunte Übung. Sie enthält bereits eine kurze zweistimmige Stelle, hier. Du hebst an dieser Stelle die beiden untersten Finger ab, sodass die beiden äußeren Flöten freigegeben werden, während du auf der inneren Flöte die Löcher mit den untersten Fingergliedern abgedeckt hältst. Probiere es.«

Er war zu unduldsam heute, trotz aller Beherrschung. Sie gab sich wirklich Mühe, und wenn sie ihre Quirligkeit einmal vergaß, gelangen ihr ganz annehmbare Passagen.

»Halt, halt. Dieses Zeichen meint, dass du mit der Zunge die Blasöffnungen von zwei Flöten abdeckst und nur in eine bläst, bis hierher. Noch einmal, und achte auf den Unterschied.«

Am Schluss der Unterrichtsstunde war sie ganz glücklich, die neue Übung einigermaßen gemeistert zu haben, und Opur war erleichtert, dass es endlich überstanden war. Es gelang ihm, sie ohne weitere langatmige Konversation zu verabschieden.

Danach eilte er sofort hinunter in den Keller, um nach Piwano zu sehen.

Der Junge saß mit dem Rücken an die Wand gelehnt und verzehrte heißhungrig, was er an Essbarem in dem Versteck vorgefunden hatte. Er schien noch nicht lange wach zu sein, aber er sah wesentlich besser aus als heute früh. Als Opur die Geheimtür öffnete, lächelte er glücklich.

»Erzähl mir alles«, forderte der alte Mann. »Der Reihe nach.«

Piwano legte das Brot beiseite und erzählte. Von der harten Ausbildung, die er hatte durchlaufen müssen, von der rauen, grobschlächtigen Umgebung, in der er an Bord der kaiserlichen Raumschiffe hatte leben müssen. Von fremden, unwirtlichen Welten, von knochenzehrender Arbeit, von Krankheiten und von gehässigen Attacken der anderen Schiffer.

»Sie haben mich fortgejagt, wenn ich spielte, und ich versteckte mich in den Maschinenhallen, um zu spielen«, berichtete er mit bebender Stimme. »Dann zerbrachen sie meine Flöte, und als ich versuchte, mir eine zu bauen, zerbrachen sie auch die.« …