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James Bowen - „Bob, der Streuner“

ISBN: 9-783-404-60934-5

 

Klappentext:

Wenn ich irgendetwas gelernt habe in den letzten Jahren, dann das Unerwartete zu erwarten. Es war als ob jeder Tag eine Überraschung für uns bereithielt. Aber der absolut surrealste Moment war, als Bob und ich über ein Filmset liefen, das uns selbst darstellte, wie wir auf den Straßen von Islington und Covent Garden saßen, Musik machten und den Big Issue verkauften. Ich kann immer noch nicht glauben, dass das alles wahr ist. James Bowen Die wunderbare Geschichte der Freundschaft zwischen James Bowen und seinem Kater wurde mit Bob, der Streuner zum Welt-Bestseller. Jetzt liegt die liebevoll ausgestattete Filmausgabe mit neuen Karten und vielen Filmfotos vor.

 

Inhalt:

Im Grunde geht es hier um zwei gescheiterte Existenzen. Der eine, ein junger Mann, ist durch Gleichgültigkeit und eine Drogenkarriere im Prinzip selber dran schuld und der andere, ein streunender Kater, ist eben als Streuner unterwegs.

Bob, die rote Katze, sucht sich den jungen Mann quasi als Retter in der Not aus. Er schleicht sich quasi in sein Herz.

Der junge Mann hat gerade eine Drogenkarriere hinter sich und kämpft sich mit einem Metadon-Programm zurück in ein geregeltes Leben. Ihm kann nichts besseres passieren, als dieser Kater, der seine Hilfe braucht und ihm dafür Liebe und Dankbarkeit schenkt.

Die Tatsache dass er, zum ersten Mal in seinem Leben, nicht mehr nur für sich selber verantwortlich ist, hilft ihm sehr, bei dem Kampf gegen Sucht und Drogensumpf.

 

Leseprobe:

… Das hätten wir noch verkraftet, aber gleichzeitig starteten die Behörden einen erbitterten Kleinkrieg gegen alle Straßenkünstler, die es wagten, außerhalb ihres zugeteilten Stadtteils aufzutreten. Keine Ahnung, warum sie gerade in dieser schweren Zeit damit anfingen. Ich zerbrach mir nur noch den Kopf darüber, wie ich mit Bob weiter überleben sollte.

Die meisten der Covent Guardians waren bisher ganz umgänglich gewesen. Natürlich hatte ich öfter Ärger mit den Strengsten von ihnen, aber mehr als den obligatorischen Platzverweis gab es bisher nicht zu befürchten. Doch ihr Umgangston änderte sich jetzt schlagartig. Sie konfiszierten unser Handwerkszeug, um ernst genommen zu werden. Ich glaube nicht, dass sie neue Befugnisse hatten; es war wohl eher der Befehl von oben, härter durchzugreifen.

Außerdem hatten sie Verstärkung bekommen. Einer dieser neuen Radikalen hatte schon ein paar Mal gedroht, mir die Gitarre wegzunehmen. Zum Glück bin ich nicht auf den Mund gefallen und konnte es ihm wieder ausreden. Jedes Mal versprach ich, mir im Bereich der Straßenmusiker einen Platz zu suchen oder nach Hause zu gehen. Aber ich gehorchte nur für eine halbe Stunde, dann schlich ich mich wieder zurück in die James Street.

Daraus wurde ein zermürbendes Versteckspiel, bis mir irgendwann die Verstecke ausgingen. Die neuen Covent Guardians hatten Argusaugen; sie spürten mich überall auf. Fast täglich wurde ich verscheucht oder verwarnt. Es laugte mich aus. Meine Zeit als Straßenmusiker ging zu Ende, auch wenn ich es noch nicht wahrhaben wollte. Bis ein Ereignis im Mai das Fass zum Überlaufen brachte.

Alles begann damit, dass mir auch die Mitarbeiter der U-Bahn-Station Covent Garden verstärkt zusetzten. Sie waren wirklich extrem schlecht auf mich zu sprechen. Ich weiß nicht, warum sie sich an meiner Musik gegenüber der U-Bahn-Station so störten. Sie überquerten extra die Straße, nur um mich zu beschimpfen.

Das hätte mich nicht weiter gestört, denn Pöbeleien gehören zu meinem Job. Aber sie hatten sich gegen mich verschworen und einen Plan ausgeheckt, um mich für immer zu vertreiben: mit Hilfe der Polizei. Deshalb hatte ich jetzt auch noch die Ordnungshüter am Hals, die jedes Mal umständlich meine Papiere überprüften und eine Verwarnung aussprachen. Ich reagierte auf diese höhere Gewalt wie immer: Ich packte zusammen, versprach, nie wiederzukommen, um genau das zu tun, sobald die Luft rein war. Als Vergehen sah ich das nicht, denn schließlich schadete ich doch niemandem, oder?

Aber eines Nachmittags eskalierte die Situation.

Bob und ich waren wie immer auf dem Weg nach Covent Garden. Wir hatten damals gerade Besuch von Dylan, den ich noch aus der Band kannte. Man hatte ihm fristlos die Wohnung gekündigt, weil er sich geweigert hatte, eine horrende Mieterhöhung seines neuen, skrupellosen Vermieters zu akzeptieren. Er brauchte für ein paar Wochen ein Dach über dem Kopf, bis er etwas Neues gefunden hatte. Da ich selbst schon in einer solchen Notlage gewesen war, konnte ich das nicht ablehnen. Er schlief auf meinem Sofa.

Zuerst war Bob gar nicht begeistert von unserem neuen Mitbewohner. Wahrscheinlich hatte er Angst, ich würde ihm nicht mehr genug Aufmerksamkeit schenken, wenn da noch ein Zweibeiner rumhing. Aber das hielt nicht lange an, denn Dylan war ein großer Tierfreund, und Bob hat schnell begriffen, dass er mehr Zuwendung bekam denn je. Bob stand sehr gern im Mittelpunkt.

An diesem Nachmittag wollte Dylan mit uns in die Stadt kommen und sich Covent Garden ansehen. Es war sonnig und warm, genau das richtige Wetter für einen Ausflug. Während ich an meiner Lieblingsecke in der James Street meine Gitarre auspackte, spielte er mit Bob. Rückblickend bin ich immer noch froh und dankbar, dass Dylan an diesem Tag dabei war.

Gerade als ich mir den Gitarrenriemen über den Kopf zog, bog mit hoher Geschwindigkeit ein Polizeibus um die Ecke und hielt mit quietschenden Reifen vor uns am Straßenrand. Drei uniformierte Beamte sprangen heraus und kamen zielstrebig auf uns zu.

»Was ist denn jetzt los?«, fragte Dylan verdattert.

»Keine Ahnung, die übliche Verwarnung, nehme ich an«, antwortete ich noch ganz gelassen. Natürlich würde ich ihnen wieder versprechen, hier nicht mehr zu spielen.

Aber diesmal fuhren sie schwerere Geschütze auf.

»Okay, Sie! Sofort mitkommen!«, sagte einer der drei Polizisten streng.

»Wieso das denn?«, fragte ich verdattert.

»Wir verhaften Sie wegen des Verdachts auf Nötigung.«

»Was? Wen soll ich denn genötigt haben? Was, verdammt noch mal …« Sie ließen mich gar nicht ausreden. Einer hielt mich fest, der zweite las mir meine Rechte vor, und der dritte legte mir Handschellen an.

»Wir klären das auf der Wache! Wir nehmen Ihre Sachen mit, und Sie steigen in den Bus, bevor wir ungemütlich werden«, drohte mir einer der drei Beamten.

»Und was wird aus meinem Kater?«, fragte ich entsetzt und deutete auf Bob.

»Wir haben Hundezwinger auf der Wache, da stecken wir ihn gerne rein«, antwortete ein anderer ungerührt. »Außer es gibt jemanden, der ihn mitnehmen kann.«

In meinem Kopf drehte sich alles. Ich verstand das alles nicht. Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir Dylan wieder einfiel. Er stand etwas abseits und sah betreten weg. Ganz offensichtlich wollte er nicht in die Sache hineingezogen werden.

»Dylan, bitte kümmere dich um Bob!«, rief ich ihm zu. »Bring ihn nach Hause. Die Schlüssel sind im Rucksack!«

Erleichtert sah ich, dass er nickte. Er hob Bob hoch und sprach beruhigend auf ihn ein. Bob wirkte total verstört. Er verstand nicht, warum mich die Männer von ihm trennten. Durch das vergitterte Rückfenster des Busses beobachtete ich die kleiner werdende Silhouette von Dylan und Bob auf dem Gehweg, bis die Entfernung sie verschluckte.

Sie brachten mich zur Polizeiwache. Ich wusste immer noch nicht, worum es eigentlich ging. Ein Polizist schubste mich unsanft an den Empfang, wo mir ein Schreibtischhengst befahl, meine Taschen zu leeren. Dann verfrachteten sie mich in eine Zelle. Dort sollte ich warten, bis ein Polizeibeamter für mich Zeit hätte.

Die karge Zelle war mit Graffiti übersät, und der Fußboden stank nach eingetrocknetem Urin. Der Geruch rief unangenehme Erinnerungen in mir wach. Es war nicht meine erste Begegnung mit einer Polizeiunterkunft. Vor meinem Drogenentzug war ich öfter wegen Bagatell-Diebstählen verhaftet worden.

Wer auf der Straße lebt oder ein Drogenproblem hat, versucht immer irgendwie Geld aufzutreiben. Ladendiebstahl ist die einfachste Lösung. Mein Spezialgebiet war Fleisch. Ich klaute Lammkeulen und teure Filetsteaks. Jamie Oliver Steaks. Lammschenkel. Geräucherten Schinken. Das Zeug hatte den höchsten Wiederverkaufswert. Nur kein Hühnerfleisch. Das war zu billig und brachte nichts ein. Für hochwertiges Fleisch bekam ich die Hälfte des ausgezeichneten Ladenpreises. Pubs sind willige Abnehmer für diese Ware. Wenn sie teures Fleisch billig kriegen können, nehmen sie es. Pubs machen gern solche Geschäfte, das weiß jeder.

Zum ersten Mal habe ich 2001 oder 2002 gestohlen, um meine Drogen bezahlen zu können. Davor habe ich dafür gebettelt. Ich hatte bereits ein Methadon-Programm hinter mir, war aber nur kurzfristig clean. Nach diesem ersten Entzug steckten sie mich in eine schäbige Notunterkunft, in der jeder auf Drogen war. Alles dort war schmuddelig: die Zimmer, die Bettlaken, die Duschen und vor allen Dingen die Bewohner. Es war ein unerträglicher und menschenunwürdiger Ort. Bevor ich mich versah, war ich rückfällig geworden. …