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Naorri Oreskes & Erik M. Conway - „Vom Ende der Welt“

ISBN: 9-783-865-81960-4

 

Klappentext:

Wir schreiben das Jahr 2393. Die Erde ist nicht wiederzuerkennen. Über Jahrzehnte ignorierte Warnungen haben Temperatur und Meeresspiegel weiter ansteigen lassen, Holland, Bangladesch und New York sind von der Landkarte verschwunden. Der ungebremste Klimawandel gipfelte im Großen Kollaps des Jahres 2093, als der Zusammenbruch des westantarktischen Eisschilds die Welt ins Chaos stürzte. Geschrieben anlässlich des 300. Jahrestags der Katastrophe haben die Historiker Oreskes und Conway ein Meisterstück wissenschaftsbasierter Science Fiction vorgelegt, eine spannende wie beunruhigende Prophezeiung im Geiste eines Aldous Huxley oder George Orwell.

 

Inhalt:

Dieses Buch beinhaltet ein Szenario, welches eine Journalistin entwickelt hat. Aufgrund von Fakten und Daten, welche sie durch Interviews erfahren hat, kreierte sie eine Story, in der die Welt sich nach und nach quasie selber abschafft.

Das beginnt bei den FCKW-Gasen, geht über die CO2-Misere bis hin zum Klimawandel. Hier ist nicht nur das Problem des ansteigenden Meeeresspiegels, sonder auch der Hunger aufgrund von Wetterkatastrophen durch Dürre oder Fluten. Wetterextreme, die das Leben auf bestimmten Teilen der Erde, unmöglich machen. Die Menschen flüchten, müssen umgesiedelt werden, sterben.

Das hat wieder Auswirkungen auf den Markt. Lebensmittel werden exorbitant teuer. Die "Normalschicht" verschwindet, es gibt nur noch Arm und Reich. Die Reichen verpesten die Umwelt weiter und die Armen haben es schwer und schwerer.

Ein zwar entworfenes Model, aber alles andere als weltfremd!

 

Leseprobe:

… Die Wissenschaftler des 20.  Jahrhunderts folgten der empirischen Tradition des sogenannten  Positivismus. Der Begriff geht auf den im 19.  Jahrhundert lebenden Philosophen Auguste Comte zurück, der die Theorie des »positiven« Wissens entwickelte. Umfassender und genauer aber ist die BezeichnungBaconianismus. Dieser Philosophie zufolge kann durch Erfahrung, Beobachtung und Experimente zuverlässiges Wissen über die natürliche Welt gesammelt werden, welches dem, der dieses Wissen besitzt, Macht verleiht. Die Erfahrung hat den ersten Teil dieser Behauptung bestätigt (wir haben oben gezeigt, dass die Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts die Folgen des Klimawandels vorhersahen), der zweite Teil hingegen – dass dieses Wissen Macht bedeutet – hat sich nicht bewahrheitet. Obwohl Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts Milliarden Dollar in die Klimaforschung flossen, hatten deren Ergebnisse nur geringe Auswirkungen auf die zentralen Entscheidungen in Wirtschaft und Technik, sodass weiterhin in hohem Maß fossile Brennstoffe genutzt wurden.

Ein wichtiges Merkmal jener Epoche war, dass die Macht nicht in der Hand jener lag, welche über die größten Kenntnisse über das Klimasystem verfügten, sondern bei politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen, die ein starkes Interesse an der Aufrechterhaltung des »energetischen Status quo« hatten. Dieses Phänomen bezeichnen unsere Historiker heute als »Fossilen Verbrennungskomplex«: ein Netzwerk mächtiger Unternehmen, viele davon Produzenten fossiler Brennstoffe, Firmen, welche die Energieunternehmen belieferten (wie etwa Bohrunternehmen und Dienstleister rund um die Erdölexploration sowie große Baufirmen), Industriezweige, die von billiger Energie abhängig waren (insbesondere Auto- und Flugzeughersteller, aber auch Aluminiumproduzenten und andere Rohstoff verarbeitende Firmen und Verhüttungswerke), Finanzinstitutionen, die deren Kapitalbedarf deckten, sowie Werbe-, PR- und Marketingunternehmen, die für sie tätig waren. Dass die Aufrechterhaltung des Fossilen Verbrennungskomplexes den Eigeninteressen dieser Gruppen diente, verbargen sie durch die Schaffung von »Denkfabriken«, welche die für sie bedrohlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse öffentlich infrage stellten. Die Presse zitierte Mitarbeiter dieser Denkfabriken häufig, als wären sie Klimaforscher, und stellten ihre Sicht derjenigen unabhängiger, an keine Interessen gebundener Wissenschaftler an Universitäten oder staatlichen Institutionen gegenüber. Auf diese Weise bekam die Öffentlichkeit den Eindruck, dass in der Wissenschaft immer noch Unsicherheit herrschte, statt darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass es geboten war zu handeln, und zwar sofort. Die Wissenschaftler forschten indes weiter, glaubten jedoch allzu oft, es stehe ihnen nicht zu, sich zu politischen Fragen zu äußern (oder den emotionalen Ton anzuschlagen, der notwendig gewesen wäre, um die Dringlichkeit ihres Anliegens zu vermitteln), oder waren der Überzeugung, wenn sie möglichst umfassende und zwingende wissenschaftliche Belege vorlegten (ruhig und sachlich erklärt), würde die Welt schon Maßnahmen ergreifen, um ein Desaster zu verhindern.

Vielen Wissenschaftlern muss man allerdings zugutehalten, dass sie das Problem sehr wohl erkannten und sich die Frage stellten, wie sie ihr Wissen möglichst wirkungsvoll einbringen konnten.4  Manche schufen institutionelle Strukturen, um weniger reduktionistisch angelegte Fragestellungen zu ermöglichen und komplexe Muster und die Wechselwirkung zwischen Natur- und Gesellschaftssystem zu erforschen. Doch trotz ihrer Fortschritte verwarf ein Großteil der westlichen Gesellschaften ihre Erkenntnisse zugunsten einer empirisch nicht haltbaren, aber dennoch äußerst einflussreichen Ideologie. Schon damals begriffen manche, dass es sich dabei um eine quasireligiöse Weltanschauung handelte, die folgerichtig »Marktfundamentalismus« genannt wurde.

Der  Marktfundamentalismus – und seine verschiedenen Ausformungen und Bezeichnungen wie »Neoliberalismus« oder »Laissez-faire-Kapitalismus« – war ein ideologisches System, dem zwei Axiome zugrunde lagen. Auf der einen Seite propagierte er, dass die sozialen Bedürfnisse am effektivsten durch die freie Marktwirtschaft befriedigt würden. Geleitet durch die »unsichtbare Hand« des Marktes, würden die Einzelnen ungehindert auf die gegenseitigen Bedürfnisse reagieren, womit ein Gleichgewicht zwischen Bedürfnisbefriedigung (»Angebot«) und den Bedürfnissen selbst (»Nachfrage«) gewährleistet werde. Auf der anderen Seite behaupteten seine Vertreter, freie Märkte seien nicht nur eine gute oder sogar die beste Art, materielle Wünsche zu befriedigen, sondern die einzige, die dies garantieren könne, ohne die persönliche Freiheit einzuschränken.

Die letztgenannte Argumentation hatte jedoch einen entscheidenden Schwachpunkt. Ihr lag der Glaube zugrunde, Märkte beruhten auf einer homogenen Verteilung der Macht. Die verschiedenen Individuen träfen freie Entscheidungen und besäßen damit die Macht, um deren übermäßige Konzentration in einem zentralisierten Staat zu verhindern. Im Gegensatz dazu bedeute eine zentrale Planwirtschaft nicht nur die Konzentration wirtschaftlicher, sondern auch politischer Macht. Um die persönliche – politische, bürgerliche, religiöse, künstlerische – Freiheit zu gewährleisten, müsse auch in der Wirtschaft Freiheit herrschen. Dieser Aspekt der Philosophie des freien Markts, der Neoliberalismus, ging zurück auf den aufklärerischen Liberalismus des 18. und 19.  Jahrhunderts, insbesondere auf die Schriften von Adam Smith, David Hume, John Locke und später John Stuart Mill. Sie schwärmten für die persönliche Freiheit, die im Gegensatz zur Kontrolle durch ungerechte, willkürliche und nicht selten unfähige Despoten stand. Politische Führer konnten sich bereits Alternativen zur damals vorherrschenden Monarchie vorstellen, und viele betrachteten die Etablierung persönlicher Freiheiten als unabdingbare Voraussetzung für deren Ablösung. Ende des 18. Jahrhunderts beeinflussten derartige Überlegungen auch die Bauherren der amerikanischen Republik und die erste, »liberale« Phase der französischen Revolution. Dennoch waren diese Gedanken weitgehend idealistischer Natur und schlugen sich nicht in der Realität nieder. So wurde in der amerikanischen Verfassung am Ende des 18. Jahrhunderts die Sklaverei bestätigt; und als sie Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft wurde, blieb die wirtschaftliche und soziale Apartheid noch mehr als ein weiteres Jahrhundert bestehen. In Europa mündete die Französische Revolution in eine Welle der Gewalt und später in die Restauration autokratischer Herrschaft unter Napoleon Bonaparte.

Im 19. Jahrhundert konzentrierte sich die Macht bei Industriellen (den »Raubtierkapitalisten«, Monopolen und »Trusts« in den Vereinigten Staaten und anderswo), welche die liberale Idee einer möglichst schwachen politischen Herrschaft Wirklichkeit werden ließen. So schrieb Karl Marx, dem kapitalistischen System sei die Konzentration von Reichtum und Macht in einer herrschenden Klasse inhärent, den von den Arbeitern geschaffenen Mehrwert sauge sie immer wieder ab. Die Industriellen ließen ihr Personal nicht nur unter menschenverachtenden Bedingungen arbeiten, sie unterliefen auch demokratische Prozesse durch Bestechung und Erpressung und verzerrten auf diese und andere Weise den Markt. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist die Entwicklung und Erweiterung des amerikanischen Eisenbahnnetzes. Das Material für den Bau dieser »Straßen nach nirgendwo« wurde stark subventioniert, und der wachsende Bedarf ging vor allem im amerikanischen Westen auf Kosten der Ureinwohner, die vertrieben wurden, sowie der Umwelt.

Marx’ Analyse bewog Volksführer in vielen damaligen Ländern – etwa in Russland, China, Vietnam, Ghana und Kuba –, sich dem Kommunismus als Alternative zum bestehenden Wirtschafts- und Sozialsystem zuzuwenden. Unterdessen schaffte das kapitalistische Amerika die Sklaverei ab und nahm Korrekturen vor, um dem Machtgefälle und dem Freiheitsverlust durch die Konzentration des Reichtums entgegenzuwirken. So verabschiedete die Bundesregierung Antitrustgesetze, um Monopole zu verhindern, erließ Arbeitsschutzbestimmungen wie etwa die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit und das Verbot von Kinderarbeit und entwickelte eine progressive Einkommenssteuer. Anfang des 20. Jahrhunderts war klar, dass es einen Kapitalismus in reiner, theoretischer Form nicht gab und dieser sich auch nicht mehr rechtfertigen ließ: Seine Schwächen waren zu offensichtlich, und immer öfter entlarvten Intellektuelle das Irrationale, Quasireligiöse der unsichtbaren Hand (des Marktes). Die Große Depression in den 1930er-Jahren – aus der Europa und die Vereinigten Staaten nur durch die allgemeine Mobilmachung für den Zweiten Weltkrieg herausfanden – entlarvte in den Augen von Wissenschaftlern und politischen Führern den sich selbst regulierenden Markt als Mythos. Nach dem Krieg entstanden in den meisten nichtkommunistischen Ländern »gemischte« Ökonomien mit einem hohen Maß an Freiheit für Individuen und Unternehmen und zugleich bedeutenden staatlichen Eingriffen in das Marktgeschehen, beispielsweise in Form komplexer Steuer- und Zollgesetze, Subventionen, der Regulierung von Banken und Börsen und der Kontrolle von Einwanderung . …