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Monika Held - „Trümmergöre“

ISBN: 9-783-847-90570-7

 

Klappentext:

Jula ist ein kleines Mädchen in der Hamburger Nachkriegszeit. Für sie sind Trümmer und halbe Häuser normal. Sie spielt "Der Russe kommt", "Wir bauen ein KZ" oder "Opa hat sein Bein verloren". Am liebsten ist sie auf dem Platz, wo ihr Onkel Gebrauchtwagen verkauft, ihre Schularbeiten macht sie in der Kneipe auf der Reeperbahn. Als sie zwölf wird, holt sie ihr Vater - der im diplomatischen Dienst und deshalb abwesend war -, um aus der "versauten Göre" eine höhere Tochter zu machen. Und Jula beginnt ein perfektes Doppelleben zwischen Alstervilla und Ganovenkiez.

 

Inhalt:

Ein kleines Mädchen wird in der Nachkriegszeit von ihrem Vater zur Oma gebracht. Der Vater arbeitet für das auswärtige Amt und muss beruflich auf Reisen gehen. Er glänzt nun jahrelang durch Abwesenheit und lässt lediglich durch Postkarten von sich hören.

Das Mädchen wächst jedoch in eine Welt hinein, die weder Vater noch Großmutter für sie vorgesehen haben. Sie wäscht auf dem Platz ihres Onkels Autokennzeichen, lernt kennen was Autos ausmacht. Sie verkehrt in nicht gerade salonfähigen Personenkreisen und wird zur so genannten Göre.

Sie begreift aber auch nie, warum Großmutter und Onkel nicht miteinander reden. Die beiden wohnen in der selben Wohnung und sehen sich doch nie.

Als der Vater zurück kommt, holt er seine Tochter erneut in eine ganz neue Welt. Sie soll plötzlich die wohl erzogene und fleißige geben....

Jula funktioniert nur noch. Sie will es ihren alten Freunden recht machen, aber auch ihrem Vater gefallen...

Eine ziemlich verwirrende Geschichte im Nachkriegsdeutschland.

 

Leseprobe:

… Woran erkennst du sie?

Menschen zu durchschauen, sagte er, sei eine Gabe, die nicht jeder habe. Er spüre die böse Absicht hinter der freundlichen Fassade. Ein kleines Beben, ein leichtes Zittern unter der Haut.

Wo unter der Haut?

Er fuhr mir mit der Hand über den Hinterkopf. Ungefähr dort, sagte er, der Punkt, wo der Kopf auf dem Nacken sitzt.

Ich denke an den Nachmittag, an dem der Onkel meine Lehrerin durchschaute. Es war der Tag vor den Sommerferien. Ich hatte den Ranzen in die Hütte geworfen, meinen Arbeitsanzug angezogen, eine Stunde Nummernschilder und Radkappen geputzt, und saß nun mit dem Onkel auf der Bank. Er gehörte nicht zu den Erwachsenen, die wissen wollten, wie es in der Schule war. Er fragte nicht nach Noten. Die Schule war für ihn ein Übel, das zur Kindheit gehörte. Schlimmes würde ich mitteilen, Langweiliges musste ich nicht erzählen. Vor uns auf dem Tisch standen zwei braune Bierflaschen, in meiner war Kakao. Wir führten eines der Gespräche, die ich liebte, weil er mit mir sprach, als sei ich sein Kumpel. Wir redeten über den beigen Käfer, der am Morgen verkauft worden war und am Abend abgeholt werden sollte. Dann über die Neuigkeiten aus der Automobilbranche. VW hatte ein Zweigwerk in Baunatal eröffnet. Baunatal bei Kassel. Weißt du, sagte er, die haben die alten Henschel-Hallen gekauft und im nächsten Monat fängt da etwas ganz Neues an: Sie überholen alte Motoren. Und der Clou: Du kriegst den neuen Motor zu fünfzig Prozent des Neupreises, wenn du dem Werk deinen kaputten Motor zur Aufbereitung gibst. Jula – er schlug mir auf die Schulter –, wir spezialisieren uns! Wir werden VWler! Wer sich solchen Service ausdenkt, dem gehört die Zukunft. Kaum war er in Gedanken Volkswagenhändler geworden, träumte er von dem Modell, das der Konzern nur für Amerika produzierte. Mensch, Jula, wir beiden im offenen Rometsch Lawrence Cabriolet! Vierzylinder Boxermotor. Luftgekühlt. Hundertzehn km/h. Was sagst du dazu?

Knorke!

Das mein’ ich auch. Da fallen dem Rabenaas die Augen aus dem Kopf!

Er malte den Wagen in mein Aufsatzheft.

Schau! Diamantsilber. Flossenheck. Lange Schnauze. Weißwandreifen. Ledersitze. Achttausend Märker – das kriegen wir hin, das wär doch gelacht!

Ich sah uns mit hundertzehn über die Autobahn rauschen, wir stießen unsere Flaschen aneinander:

Auf ein Leben bei VW!

Auf die Zukunft!

Eine Frau betrat den Platz. Damals gab es für ungemütliche Situationen das Wort ›Scheiße‹ noch nicht, also sagte ich leise: Heiliger Strohsack. Die Frau, die mein Onkel für eine Kundin hielt, war Fräulein Voss, meine Lehrerin. Sie trug ein kurzes Sommerkleid, Schuhe mit Absätzen, ihre Haare saßen nicht, wie in der Schule, als Knoten im Nacken, sie fielen ihr locker auf die Schultern. Ich flüsterte dem Onkel ihren Namen zu und er sagte etwas, was sich anhörte wie: Keine Angst, die kaufen wir uns.

Er stand auf, ging ihr, als sei sie eine gute Freundin, mit ausgestreckter Hand entgegen, übersah den strafenden Blick, den sie auf unsere Bierflaschen warf. Sie gab ihm nicht die Hand. Sie sagte einen Satz, den ich mehr erriet als wirklich hörte: Wir müssen über Ihre Nichte … Mein Onkel nahm ihren Arm, zeigte ihr den beigen Käfer, den er heute Morgen verkauft hatte, fragte, ob sie sich hineinsetzen wolle, ob sie Lust auf eine Probefahrt habe und als sie beides scharf zurückwies, bat er sie mit seinem tiefen Lachen zum Gespräch in die Hütte. Wenn Onkel Hans mit einer Frau in die Hütte ging, schickte er mich ans Ende des Grundstücks, damit ich beim ›Vertragabschluss‹ nicht in der Nähe war. Diesmal sagte er nicht: Jula, wasch doch mal den Goggo – also blieb ich sitzen und wartete auf Geräusche von der Chaiselongue. In den ersten Minuten hörte ich nur die Stimme der Lehrerin. Ich musste mein Ohr nicht an die Tür pressen, ich wusste, dass sie petzte: Jula macht keine Schularbeiten. Jula verlässt die Schule, wenn sie keine Lust mehr hat. Sie prügelt sich auf dem Schulhof mit Jungs. Sie hat dem Peter einen Stein an den Kopf geworfen. Jula lügt. Jula betrügt. Sie schreibt ihre Entschuldigungen selber: Sehr geehrte Frau Lehrerin, meine Enkelin hat schlimmes Bauchweh. Sie muss das Bett hüten. Unterschrift: Oma. Die Lehrerin sagte: Dummer Fehler. Mein Onkel lachte. Lobte sie mich zwischendurch? Wenn, dann sehr leise. Aber so laut, dass ich es hören konnte, sagte sie: Vor einer Woche habe ich ihr einen Brief an die Großmutter mitgegeben, ist er dort wohl angekommen? Ich hielt mir die Ohren zu.

Eine Stunde war er mit ihr in der Hütte, länger als mit den Flittchen. Irgendwann nahm ich die Finger aus den Ohren und hörte den Onkel sehr laut lachen. Die Lehrerin lächelte, als sie aus der Hütte trat. Sie sah mich halbstreng an und sagte: Wir reden nach den Ferien. Dem Onkel gab sie die Hand. Er begleitete sie über den Hof zur Straße, dort blieben sie eine Weile stehen und mein Onkel nahm noch einmal ihre Hand und hielt sie lange fest. Bevor sie den Hof verließ, hob sie mit beiden Händen ihre Haare hoch. Einen Moment lang sah ich ihren Nacken, dann fielen die Haare zurück auf die Schulter. Schön sah das aus, wie die Bewegung einer Tänzerin. Auf halbem Wege zwischen ihr und mir nahm mein Onkel das Lächeln aus dem Gesicht. Seine Augen waren ernst, der Mund streng. Er sagte drei Sätze, die ich nie vergaß: Bleib, wie du bist. Du bist ein wunderbares Kind. Ab Morgen wird gelernt.

Er trank Bier und ich Kakao. Wir schwiegen. Als mein Onkel nicht mehr streng aussah, stieß ich ihn mit dem Ellenbogen in die Seite:

Magst du sie leiden?

Er sah auf die Stelle, auf der sie vor ein paar Minuten mit ihren Haaren gespielt hatte und sagte einen eigenartigen Satz: Sie riecht sehr sauber und hat sehr blaue Augen.