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Kai Meyer - „Die Geisterseher“

ISBN: 9-783-746-63318-3

 

Klappentext:

Unheimlich phantastisch Weimar im Jahr 1805. Die Brüder Grimm machen Schiller ihre Aufwartung, doch finden sie ihn todkrank vor. Verlegen überreichen sie die Arznei, die Goethe ihnen mitgegeben hat. Der sieche Dichter überlässt ihnen sein letztes Manuskript – doch wenig später wird ihnen diese Kostbarkeit gestohlen. Gegen ihren Willen geraten sie in eine finstere Verschwörung, in der Goethe, eine seltsame Gräfin, eine Geheimloge und exotische Rauschmittel eine Rolle spielen. „Meyers Stärke sind atmosphärisch dichte Breitwandpanoramen.“ Die Welt Weimar im Jahr 1805. Die Brüder Grimm machen ihre Aufwartung, doch finden sie Schiller todkrank vor. Verlegen übergeben sie die Arznei, die Goethe ihnen mitgegeben hat. Der sieche Dichter überlässt ihnen sein letztes Manuskript – doch wenig später wird ihnen diese Kostbarkeit gestohlen. Gegen ihren Willen geraten sie in eine finstere Verschwörung, in der Goethe, eine seltsame Gräfin, eine Geheimloge und exotische Rauschmittel eine Rolle spielen.

 

Inhalt:

Jacob und Wilhelm Grimm waren Zeuge, wie Goethe seinen besten Freund Friedrich Schiller ermordet hat. Aufgrund dieser Tat wollen sie ein Manuskript in Sicherheit bringen, nehmen es an sich und machen sich auf eine gefährliche Reise.

Auf der Reise lernen Sie Anna kennen. Sie bietet den Brüdern gleich an, sie in ihrer Kutsche und auf ihre Kosten mitzunehmen. Die Brüder kennen Anna nicht haben aber aufgrund ihrer finanziellen Lage keine andere Möglichkeit, als dieses Angebot anzunehmen.

Was die Brüder auch nicht wissen, sie landen in einem großen Durcheinander aus Lügen, Fantastereien und Intrigen. Es kommen Menschen zu Schaden, die Brüder hetzen einen ihnen übermächtigen Feind auf sich und kommen am Ende einer großen Lüge auf die Spur. Jedoch nicht, bevor einer von ihnen mal am süßen Nektar der Liebe genascht hat.

 

Leseprobe:

… Jacob faßte sich als erster. Nachdem er begriffen hatte, daß es sich bei den schweigenden Gestalten um Tote handelte, die niemandem gefährlich werden konnten, sprang er auf die Leichen zu. Im selben Augenblick fraß sich an der Stelle, wo er eben noch gestanden hatte, die Schneide des Säbels in die Erde. Der Mann riß seine Waffe zurück, holte erneut aus, um diesmal nach mir selbst zu schlagen, doch ich brachte mich mit einem verzweifelten Sprung in Sicherheit. Ich taumelte, fort von dem Säbelmann, und wich gleichfalls nach hinten zurück. Angst und Dunkelheit benebelten meine Sinne, und ehe ich mich versah – oder Jacobs Aufschrei mich hätte warnen können –, stieß ich gegen eine der Mumien. Der Tote rutschte zur Seite, schien einen Moment lang reglos in der Luft zu schweben, dann krachte er in einer Staubwolke zu Boden, genau zwischen mich und den Feind.

Der Säbelmann blieb wie versteinert stehen. Dann ging er fassungslos in die Knie und berührte das papierne Gesicht zärtlich mit den Fingerspitzen. Nicht zärtlich genug – der vertrocknete Kopf brach ab und rollte zur Seite. Mit einem hohen Schrei sprang der Mann zurück, ließ in panischer Furcht gar den Säbel fallen und stürmte hinaus.

Jacob und ich sahen uns an, staunend, überrascht, daß wir noch lebten.

»Wo sind wir hier?« fragte ich mit schriller Stimme.

Er zeigte sich wieder Herr seiner Sinne. »In einer Art Gruft, vermutlich. Wahrscheinlich bewahren sie hier die Toten auf, ganz wie ihre Vorbilder, bis …«

»Bis was?«

»Woher soll ich das wissen? Vielleicht verschiffen sie die Leichen nach Ägypten oder –« Er brach ab und lauschte erneut. Furcht kroch erneut über sein Antlitz. »Sie kommen!«

Auch ich vernahm sie, wütende Stimmen und scharrende Füße auf dem festgestampften Boden. Nur Sekunden später drängten sich sieben oder acht Umrisse im Tor des Schuppens. Alle waren mit Stöcken und Säbeln bewaffnet.

»Kommt heraus«, forderte eine Stimme mit herbem polnischem Akzent.

Jacob warf mir einen hilflosen Blick zu, und im selben Augenblick kam mir eine Idee. Mit Todesverachtung ergriff ich mit beiden Händen eine der Mumien. Der ausgedörrte Körper war stocksteif und viel leichter, als ich erwartet hatte. Ich hob den Toten wie eine alte Zaunlatte mit ausgestreckten Armen über meinen Kopf und bemerkte, nicht ohne ein gewisses Maß an hämischer Freude, daß ein entsetztes Stöhnen durch die Reihe der Männer ging.

Jacob begriff, und obgleich sein Gesicht vor Schreck erbleichte, tat er es mir nach. Es muß ein grotesker Anblick gewesen sein, den wir boten: Zwei junge Männer, die verdorrte Leichen über ihren Köpfen balancierten, als gehe es darum, ein akrobatisches Glanzstück zu vollbringen. Langsam hielten wir so auf das Tor des Schuppens zu, wo die Bewaffneten Schritt für Schritt vor uns zurückwichen. Sie wagten keinen Angriff; eine der Leichen hätte zu Boden fallen und Schaden nehmen können.

Unter den haßerfüllten Blicken der Männer traten wir ins Freie, unbescholten, obwohl die Spitzen der Säbel scharf und glänzend in unsere Richtung wiesen. Ich sah mich um  und bemerkte, daß wir uns in jenem engen Hofe befanden, von dem aus der Eingangstunnel hinaus in die Gasse führte. Wenn es uns gelingen würde, die Gegner so lange in Schach zu halten, bis wir das andere Ende des Tunnels erreicht hatten, mochten wir mit heiler Haut davonkommen. Ich wagte ein stilles Gebet, obwohl ich bezweifelte, daß der Herr unsere Mittel gutheißen würde.

Die Männer hatten sich auf dem Hof verteilt und uns umringt. Zwei standen mit erhobenen Waffen vor dem Durchgang zur Gasse.

»Zurück!« rief ich ihnen entgegen.

Zu meiner grenzenlosen Überraschung gehorchten sie sofort. Der eine wich zur rechten, der anderen zur linken Seite, und die hohle Gasse lag leer, schwarz und verlockend vor uns.

Einer der Bewaffneten zischte den anderen etwas auf Polnisch zu, doch der erwartete Angriff blieb aus. Wir betraten den Durchlaß und mußten aufgrund der Enge die Mumien herunternehmen und sie statt dessen wie Schutzschilde vor unsere Körper halten. Jacob ging voran und schirmte uns nach vorne ab, ich folgte rückwärtsgehend, um mögliche Verfolger auf Abstand zu halten.

Wir hatten fast den Ausgang erreicht, als am hinteren Ende des Durchgangs, dort, von wo wir gekommen waren, eine große, schlanke Gestalt erschien. Sie trug einen hohen Kopfschmuck, der aussah wie ein mächtiger schwarzer Schmetterling.

»Es soll Euch erlaubt sein zu gehen«, rief die Priesterin, »aber legt unsere Brüder am Eingang ab. Nehmen sie Schaden, seid Ihr des Todes.«

Ich ersparte mir die Antwort, drängte statt dessen Jacob zur Eile. Ohne aufgehalten zu werden erreichten wir die Gasse. Nach einem Augenblick des Zögerns betteten wir die Mumien vorsichtig auf den staubigen Grund. Trotz zitternder Hände und bebender Knie gelang es uns, die brüchigen Körper nicht zu beschädigen.

Dann warfen wir uns gleichzeitig herum und stürzten davon.

Wir liefen die dunkle Gasse hinunter, um eine Biegung, entlang uralter Häuser, über einen kleinen, menschenleeren Markt, vorbei an gurgelnden Wasserspeiern, die reglos über einen Brunnen wachten. Wir liefen und liefen, bis meine Lunge zu zerreißen drohte, und mein Atem jedes andere Geräusch übertönte. Als wir nach Minuten endlich stehenblieben und verschnauften, waren wir allein auf einer leeren, nächtlichen Straße. Niemand verfolgte uns.

Jacob sah mich an und sagte etwas.

Ich verstand ihn nicht. Statt dessen blickte ich nur auf meine Hände, erinnerte mich, was sie gehalten hatten, und erbrach mich schließlich in die gnädige Schwärze der Schatten.

* * *

Das Haus an der Friedhofsmauer kauerte in der Finsternis wie ein unförmiges, dunkles Ungetüm, nur scheinbar schlafend, tatsächlich voller Tücke, bereit zur Offenbarung seiner Schrecken.

Nebel kroch über die Straße und stob bei jedem unserer Schritte in weißen Wirbeln auseinander. In einem der Häuserkadaver auf der gegenüberliegenden Straßenseite schrie ein Kater, ein hohes, kreischendes Jammern, wie der Geist eines Kindes, der durch die Ruinen streifte, auf der Suche nach Wärme, nach Schutz, nach Leben.

Es war weit nach Mitternacht, als wir den alten Gottesacker erreichten. Wir mochten noch hundert Schritt vom einsamen Haus des Totengräbers und seiner Frau entfernt sein, als Jacob plötzlich sagte: »Die Priesterin ist nicht Rosa.«

»Was macht dich da so sicher?«

»Sie hat uns entkommen lassen.«

»Sie wollte das Seelenheil ihrer Toten nicht aufs Spiel setzen.«

»Glaubst du wirklich, sie hätte uns nicht einfangen können, nachdem wir die Mumien abgelegt hatten? Ihre Männer kennen wahrscheinlich jeden Winkel Warschaus. Nein, sie hat zugelassen, daß wir entkamen.«

»Weshalb hätte sie das tun sollen?«

»Vielleicht waren wir es ihr nicht wert, die preußischen Behörden gegen sich aufzubringen. Sie weiß, daß die Loge nur geduldet wird, so lange sie unauffällig bleibt.«

Ich mochte mich mit seinen Mutmaßungen nicht zufriedengeben. »Aber was hat das mit dem Namen in Elisas Kutsche zu tun?«

»Elisa hat diese Buchstaben offenbar als Warnung verstanden. Doch vor einer Frau, die uns so bereitwillig laufenläßt, hätte sie uns kaum in einem Augenblick höchster Not, ja Todesgefahr, warnen wollen.« …