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Naomi Jacobs - „Der Tag, an dem mein Leben verschwand“

ISBN: 9-783-404-60895-9

 

Klapentext:

Naomi ist 32 und Mutter eines Sohnes, als sie von einem Tag auf den anderen vollständig die Erinnerung an ihr Leben als Erwachsene verliert. Plötzlich denkt sie, sie wäre fünfzehn! Das Haus, in dem sie aufwacht, kommt ihr völlig unbekannt vor, obwohl es ihr eigenes ist. Ihr zehnjähriger Sohn - ein Fremder! Stück für Stück erobert sich Naomi die letzten Jahre zurück: Erinnerungen an Freundinnen, ihre Schwester, eine dramatische Liebe kommen zurück. Doch mit den ersten Fortschritten erleidet sie auch verstörende Flashbacks in ihre Kindheit. Was ist geschehen, damals, als sie erst sechs Jahre alt war? Die Geschichte von Naomi Jacobs zeigt, was starke Traumen in der Kindheit mit der Seele anrichten können. Sie erleidet eine dissoziative Amnesie, also Gedächtnisverlust durch Trennung von Gedächtnis und Wahrnehmung. Anfangs kann ihr niemand helfen, die Ärzte glauben ihr einfach nicht. Umso faszinierender, wie sie sich selbst auf den Weg begibt und schließlich herausfindet, welch schmerzhafte Erlebnisse ihre Seele nicht mehr aushalten konnte. Eine unfassbare, wahre Geschichte über eine traumatische Kindheit.

 

Inhalt:

Naomi wacht in einem Alptraum auf. Von einem auf den anderen Moment erkennt sie sich selber Spiegel nicht mehr, sie sucht an ihrem Smartphone die Knöpfe und kann nicht verstehen, wo ihre Schwester und das Etagenbett geblieben sind.

Durch die Hilfe einer Freundin und ihrer Schwester lernt sie, dass sie Mutter ist, in dem seltsamen Haus lebt, in dem sie aufgewachsen ist und eigentlich erwachsen ist.

Bis sie zu einem Arzt kann, dauert es noch vier Tage. Und es ist auch nicht ihr gewohnter Arzt, sondern eine Vertretung. - Es beginnt ein Leidensweg, der schlimmer nicht sein kann. Die Frau kämpft sich quasi allein zurück, in ihr Leben. Dabei fördert sie Ereignisse aus ihrer Kindheit und Jugend zutage, die entsetzlicher nicht sein könnten.

Eine Odyssee, die schlimmer nicht hätte sein können.

 

Leseprobe:

… Also ging es der erwachsenen Naomi manchmal gut. Ich verstand nicht, warum sie Dinge finden musste, die sie an sich mochte; sie wusste doch sicher schon, dass sie ein guter Mensch war. Sie war mit ihrem Ex befreundet. Sie war umgeben von ihrer Familie und kochte gern.

Meine Neugier, was in der Zeit dazwischen – zwischen den guten Zeiten und den traumatischen Zeiten – passiert war, bewegte sich auf einem schmalen Grat, wie eine Fotografie, die langsam entwickelt wurde, aber jetzt wollte ich mehr über ihre Kumpel wissen. Wo zum Teufel waren sie, als das alles passierte? Warum schien es nur Simone und Katie zu geben? Wo waren Eve und Art? Und wo zum Teufel war Leos Vater bei alledem?

Ich spürte, dass ich mich immer verzweifelter nach Antworten sehnte.

Ich verbrachte den Rest des Tages damit, noch mehr Tagebucheinträge zu lesen, hauptsächlich aus der Zeit, nachdem die erwachsene Naomi gesagt bekam, dass sie bipolar war und das Haus verloren hatte, das sie so liebte. Von 2006 bis 2008 lieferte mir ihr Geschriebens etwas bessere Einsicht.

Offenbar war es für sie die beste Option gewesen, ihr Studium abzubrechen und, da sie Schulden hatte, bei Simone einzuziehen, während sie die Medikamente nahm, und abzuwarten, bis Leo sein erstes Schuljahr beendet hatte. Das bot ihr eine gewisse Stabilität und Normalität. Im Sommer 2006 zog sie nach Griechenland, um bei Stiefmum Marlene (Arts Exfreundin) und ihrem griechischen Ehemann zu leben. Offenbar kam die erwachsene Naomi dort vom Regen in die mediterrane Traufe. Marlene war eine starke Trinkerin, und als die erwachsene Naomi sie deswegen zur Rede stellte, hatten sie einen Riesenkrach, und sie und Leo zogen aus, obdachlos gestrandet in Griechenland.

Am Ende dieses Sommers zog sie zurück nach England und versuchte, bei Simone zu leben – es klappte nicht, da sie einen Riesenkrach hatten (Willst du mich verarschen?) –, und dann, im Herbst, brachte sie sich und Leo in einem Wohnheim unter, während sie versuchte, ihr letztes Jahr an der Uni abzuschließen. Sieben Monate später, im Jahr 2007, wurde ihr ein Haus angeboten, dieses Haus hier.

Ein Jahr später, im April 2008, tauchte ich auf.

Damit war ich auf dem aktuellen Stand, aber was ich jetzt wissen musste, war, was in dem Jahr zwischen ihrer Zeit als »tolle Köchin« und der bipolaren Phase passiert war.

Die restlichen Einträge zu lesen nahm fast den ganzen Tag in Anspruch. Ich wurde neugierig auf die Leute im Leben der erwachsenen Naomi, und als Simone – mit Pizza – von der Arbeit nach Hause kam, erzählte ich ihr von meinen Plänen, irgendwann die Freunde der erwachsenen Naomi zu besuchen. Sie hielt es für eine gute Idee. Vielleicht würde es mir helfen, mich zu erinnern.

In eine schützende Seifenblase gehüllt, die Simone und Katie schufen, lebte ich zurückgezogen in dem kleinen Dreizimmerhaus und verbrachte meine Tage damit, mich in der Welt einer Erwachsenen zu verlieren, die ich nicht wirklich verstand, für die ich aber dennoch tiefes Mitleid empfand. Ich packte das Tagebuch, dem ich den Spitznamen »3Ds« – düstere, deprimierende Dunkelheit – gegeben hatte, weg, noch nicht bereit, wieder in diese Welt einzutauchen, zumindest nicht, bevor ich die Freunde der erwachsenen Naomi kennengelernt hatte.

Ich fand in eine angenehme Routine, die so aussah, dass ich Leo zur Schule verabschiedete, mich auf dem Sofa zusammenrollte und die Tagebucheinträge vor den »3Ds« las. Ihre riesige DVD-Sammlung lockerte den Tag auf, da mein Gehirn das normale Fernsehen – es sei denn, es liefen Filme aus den Neunzigerjahren – nicht verkraften konnte; es erschien mir alles noch immer so künstlich, so unwirklich. Ich überlebte mit weißen Bohnen auf Toast, Obst, Thunfischsandwiches und Ofenkartoffeln, in der Mikrowelle aufgewärmt und mit Hüttenkäse beladen.

Die Tagebücher waren chronologisch geordnet, daher arbeitete ich mich rückwärts von 2008 bis 1995 durch. Zwischen 1993 und 1994 war eine Lücke von zwei Jahren, in denen sie überhaupt nicht schrieb. Ich rechnete aus, dass das die Zeit war, als sie siebzehn, achtzehn und neunzehn war. Ich fragte Simone, was damals mit ihr passiert war. Sie sagte, es hätte viel mit LSD und Zauberpilzen zu tun gehabt. Ich hätte dieses Hippie-Drogenzeug viel zu weit getrieben.

Trotzdem, ich las weiter. Jedes Tagebuch enthielt zwischen achtzehn Monaten und zwei Jahren ihrer persönlichen Gedanken und innersten Geheimnisse. Und ich hoffte Seite um Seite, das Lesen würde ein paar Erinnerungen zurückbringen, oder ich würde ein Gefühl von Einem Déjà-vu-Erlebnis bekommen, aber nichts dergleichen geschah. Es war, als würde ich das Buch einer Fremden lesen.

Abends versorgten Simone und Katie mich und Leo mit Abendessen und Ablenkung. Leo war völlig ahnungslos, was ich cool fand; es musste heißen, dass er sich bei mir geborgen fühlte. Seine Hausaufgaben in der sechsten Klasse waren ein Kinderspiel.

Außerdem spielten wir oft mit seiner supertollen Xbox oder an der Wii, wenn Simone bis spätabends arbeiten musste oder er nicht aus dem Haus gehen wollte, weil es draußen regnete.

Jeder Tag war wie irgendeine seltsame Folge von Zurück in die Vergangenheit. Ich wollte mich so unbedingt erinnern und mir über ein paar Dinge klar werden, während ich die ganze Zeit Angst davor hatte, was ich finden würde.

Aus den Tagebüchern der erwachsenen Naomi erfuhr ich, wie sie Leos Vater kennengelernt hatte und was sie, nachdem sie sich geschworen hatte, niemals Kinder zu haben, dazu gebracht hatte, mit einundzwanzig doch Mutter zu werden. Früher hatte sie dieses irgendwie erbärmliche, verzweifelte Bedürfnis, von ihm geliebt zu werden, und er benahm sich ihr gegenüber wie ein kleiner Idiot. Genauer gesagt, nein, manchmal wie ein absoluter, bescheuerter Schwachkopf. Sie fand heraus, dass er sie betrogen hatte, als sie im achten Monat schwanger war, und trennte sich von ihm. Außerdem schien es ein ständiger Kampf zu sein, ihn zu bewegen, Leo ein richtiger Vater zu sein. Er schien zu glauben, dass sechs Stunden jeden zweiten Sonntag und zwanzig Pfund Unterhalt pro Woche ausreichten. Und als Leo vier Jahre alt war, erklärte er ihr, er wolle nie Zeit mit Leo allein verbringen, da er dann ein schlechtes Gewissen gegenüber seinen anderen drei Kindern hätte.

Trotzdem, selbst ich, mit meinen fünfzehn Jahren, wusste, dass das völliger und absoluter Schwachsinn war. Das war keine Entschuldigung; er wollte einfach keine Beziehung zu Leo aufbauen und keine Verantwortung übernehmen. Das Verrückte bei alledem war, dass die erwachsene Naomi das nicht erkennen konnte. In einem ihrer Tagebucheinträge schrieb sie: »Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit versucht habe, ihn zu zwingen, ihn zu bestechen, ihn zu überreden, ihn zu lieben und zu hassen, damit er Leo ein richtiger Vater ist, und nichts hat geklappt – und vielleicht wird ja nichts je klappen –, aber ich werde nicht aufhören, es zu versuchen.«

Er besaß sogar die absolute Frechheit, jedes Mal ihren Verstand in den Dreck zu ziehen, wenn sie ihn bei einer Lüge ertappte, und nannte sie verrückt und durchgeknallt. Ich spürte, wie ich einfach immer wütender wurde, je mehr ich über ihn las, und kam zu dem Schluss, dass er meine Zeit oder Energie nicht wert war. Bislang hatte ich ihn noch nicht kennengelernt, seit ich in der Zukunft aufgewacht war, und nach dem, was ich gelesen hatte, wollte ich es absolut nicht. Und dann entwickelte er sich wirklich zu dem allerletzten Riesenarschloch, als ich las, wie sie sich stritten, während sie in dem Wohnheim war. Das war an dem Abend, nachdem sie ihm anvertraut hatte, dass sie an diesem verrückten »Bipolarbär«-Zeug litt und ihr Zuhause verloren hatte. Er war ins Fitnessstudio gegangen, anstatt Leo abzuholen. Warum hatte er ihr und Leo keine Bleibe angeboten?

Aber nachdem ich mich beruhigt hatte, begriff ich, dass es, auch wenn ihre Wahl eines Kindsvaters ein schwerer Fehler war, kein Fehler war und nie einer sein würde, Leo zu bekommen. Er war ein absolut wunderbares Kind, das man nie bereuen könnte, und außerdem hatte die erwachsene Naomi das mit ihm auch ohne seinen Vater offenbar ziemlich gut hingekriegt.

Ich las weiter.

Ich las von den Freunden, die sie im Laufe der Jahre gefunden hatte; ein paar waren längst aus ihrem Leben verschwunden, andere waren noch immer da. Offenbar konnte sie verzeihen, aber nicht vergessen, und war den Leuten, die sie liebte, wirklich treu. Selbst wenn diese sogenannten Kumpel sie belogen, benutzten und total hintergingen. …