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Renè Freund - „Mein Vater der Deserteur“

ISBN: 9-783-552-06256-6

 

Klappentext:

Paris, August 1944. Die Stadt ist von Hitlers Wehrmacht besetzt, doch die Tage der deutschen Herrschaft sind gezählt. Gerhard Freund ist achtzehn, als er zur Wehrmacht eingezogen wird; Mitte August 1944 soll seine Einheit an der Schlacht um Paris teilnehmen. Der junge Soldat erlebt die sinnlose Brutalität des Kampfes und desertiert. Er wird von der Résistance festgenommen und von amerikanischen Soldaten vor der Erschießung gerettet. Mehr als sechzig Jahre später liest René Freund das Kriegstagebuch seines verstorbenen Vaters, stöbert in Archiven, spricht mit Zeitzeugen und fährt nach Paris, auf der Suche nach einem schärferen Bild von seinem Vater – und der eigenen Familiengeschichte.

 

Inhalt:

Der Vater von René Freund starb früh und hinterließ keine Reichtümer. Statt dessen aber ein Tagebuch, welches er selber geschrieben hat. Über die Tatsachen, wie er den Krieg gesehen und erlebt hat.

So erfährt René, dass sein Vater desertiert ist. Ein sehr lebensgefährliches Unterfangen, denn wurde man erwischt, gab das die Todesstrafe. - René ist mit seiner Familie in Paris und wandelt auf den Spuren seines Vaters. Immer in der Hoffnung, ihn besser verstehen und kennen lernen zu können.

In dem Buch setzt sich der Autor mit der Vergangenheit des Vaters und seinen eigenen Ansichten sehr bildhaft auseinander.

 

Leseprobe:

… Im Gegensatz zu vielen anderen scheute sich Treichl auch nach dem Krieg nicht, über seine Desertion zu sprechen, zumal sein Bruder Wolfgang, dem Widerstand verbunden, zu den Alliierten übergelaufen und als Mitglied einer britischen Spezialeinheit in Italien umgekommen war.

»Nach dem Krieg hatte ich einen Gast in meiner Wohnung, eine hochstehende Persönlichkeit, einen Freund der Familie«, erzählt er. »Als der Gast die Bemerkung fallenließ, dass Wolfgang eigentlich ein Verräter gewesen sei, habe ich einen unglaublichen Zorn bekommen. Ich habe ihn hinausgeschmissen und gesagt, dass ich ihn nie wieder sehen will.«

Das geschah zu einer Zeit, als auf allen Friedhöfen des Landes Gedenktafeln für die gefallenen Kameraden entstanden. Die Inschriften dieser Tafeln zeugen heute noch davon, dass man Krieg als eine Art gottgewolltes Naturgesetz sah und nicht als Unrecht, gegen das man sich auch hätte wehren können. »Gefallen für Gott und Vaterland«, steht da etwa zu lesen. Nur den Führer ließ man weg. Besonders schlimm finde ich den Spruch auf dem Kriegerdenkmal in unserem Nachbarort: »Wenn Gott spricht, schweige!«

Ich will wissen, ob Heinrich Treichl als bekennender Deserteur im Österreich der Nachkriegszeit keine Schwierigkeiten hatte. Er sieht es nüchtern: »Für sehr viele Österreicher war ich ein Verräter, und es gibt immer noch Leute, die so denken.«

Tatsächlich, auch siebzig Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab es in Österreich noch Debatten darüber, ob Deserteure der Wehrmacht generell juristisch zu rehabilitieren und die NS-Urteile aufzuheben seien. Einige argumentierten wie der Obmann der rechtenFPÖ: »Deserteure waren Menschen, die eigene Kameraden und Soldaten vielleicht teilweise auch erschossen und umgebracht haben und deshalb ist das eine sehr negativ und kritisch zu bewertende Situation.«

»Vielleicht teilweise auch erschossen« – eine bemerkenswerte Formulierung. Die Deutschtümler waren noch nie besonders gut in Deutsch. Und sie schließen sich den Argumenten der Nazis an, wenn sie den aktiven und passiven Widerstand gegen die Wehrmacht kriminalisieren.

Tatsächlich handelte die große Mehrzahl der Deserteure wie mein Vater: In einer aussichtslosen Situation verweigerten sie, in Hitlers Krieg zu sterben. Gewalt gegen andere blieb die äußerst seltene Ausnahme. Der Politikwissenschaftler Walter Manoschek veröffentlichte eine Studie, wonach es bei 1276 untersuchten Fällen von Desertion zu genau zwei Tötungsdelikten gekommen war – und dabei handelte es sich nach unserem heutigen Rechtsverständnis um Notwehr. Über 99 Prozent der Deserteure wandten gar keine Gewalt an.

Sogar Otto Keimel, ehemaliger Präsident des Österreichischen Kameradschaftsbundes, bekannte sich dazu, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs desertiert zu sein. Eben dieser Kameradschaftsbund bemühte sich jahrzehntelang, Deserteure als Feiglinge zu brandmarken. Doch zum Desertieren gehörte Mut – nicht nur, sein Leben aufs Spiel zu setzen, sondern auch, sich dem militärischen Kodex der »Kameradschaft« zu entziehen. Der Mut, allein dazustehen.

»Deserteure sind Leute, die sich selbst in die Wüste schicken«, schrieb der Schriftsteller und Deserteur Alfred Andersch. Tatsächlich leitet sich das Wort Deserteur von »desertus«, verlassen, ab, also aus demselben Wortstamm wie »desert«, Wüste.

In der Wüste standen die Deserteure auch nach dem Krieg. Richard Wadani etwa, Wehrmachtsdeserteur und Sprecher des Personenkomitees »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«, war 1944 an der Westfront zu den Alliierten übergelaufen und hatte in den Reihen der britischen Armee für die Befreiung Österreichs gekämpft. Ich habe den damals 87-Jährigen bei einem Vortrag erlebt und war tief beeindruckt von seiner Vitalität und seinem kämpferischen Wesen. Nach 1945 wurde er schief angesehen, weil er bei einer »fremden Armee« gekämpft hatte. Im Gegensatz zu anderen Soldaten oder SS-Mitgliedern, die »ihre Pflicht getan hatten«, rechnete der Staat den Deserteuren die Jahre bei der Wehrmacht nicht für die Rente an. Die Republik stellte sich also indirekt auf die Seite der NS-Behörden. Dabei hätte es diese Republik ohne den Einsatz der Deserteure vielleicht gar nicht gegeben. Wenn man den Wortlaut der Moskauer Deklaration über Österreich liest, von den Alliierten am 1. November 1943 veröffentlicht, wird die wichtige Rolle des Widerstands und der Deserteure für die künftige Freiheit Österreichs deutlich: »Österreich wird aber auch daran erinnert, dass es für die Teilnahme am Krieg an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann, und dass anlässlich der endgültigen Abrechnung Bedachtnahme darauf, wie viel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen hat, unvermeidlich sein wird.«

Immerhin: Am 21. Oktober 2009 beschloss der österreichische Nationalrat die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure im Zweiten Weltkrieg mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und Grünen. In dem »Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz« werden sämtliche Urteile des Volksgerichtshofs, der Standgerichte und der Sondergerichte in der NS-Zeit für nichtig erklärt.

Auch in Deutschland tat man sich schwer mit der Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure. Im Jahr 2002 hob der Bundestag die NS-Urteile gegen Deserteure, Kriegsdienstverweigerer und »Wehrkraftzersetzer« auf. Ausgenommen von der Rehabilitierung wurden sogenannte »Kriegsverräter«, weil sie angeblich Zivilisten und Kameraden gefährdet hatten. Die Unterscheidung erwies sich bei näherem Hinsehen als künstlich und – schlimmer noch – verhaftet in der Diktion der NS-Justiz. Denn als Kriegsverrat galt auch eine pessimistische Einschätzung des Kriegsverlaufs, Kritik am Führer oder die Unterstützung von Juden. Erst im Jahr 2009 – 64 Jahre nach Kriegsende – beschloss der Bundestag auch eine Rehabilitierung der »Kriegsverräter«.

Sogar die Kirche war schneller. Der Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter wurde bereits 2007 seliggesprochen. Doch es gab viele, die handelten wie Franz Jägerstätter. Er war einer von Tausenden »Wehrkraftzersetzern«, aber nur wenige blickten ihrem Tod so offen und vollkommen bewusst entgegen. Sterben mussten die anderen freilich auch.

Während des Zweiten Weltkriegs kamen mehr als 15.000 Deserteure der Wehrmacht am Galgen, unter dem Fallbeil oder vor dem Erschießungskommando um. Im Vergleich: Die U.S. Army vollstreckte im gesamten Zweiten Weltkrieg ein (1) Todesurteil wegen Desertion. Der arme Delinquent hieß Edward Donald Slovik. Er hatte sich geweigert, bei Kampfhandlungen mitzumachen, weil er, wie er sagte, »zu viel Angst« hatte. Slovik wurde von einem Militärgericht verurteilt und im Januar 1945, kurz vor einem Sturmangriff auf den Hürtgenwald in der Eifel, erschossen. Offensichtlich sollte an ihm ein Exempel statuiert werden.

Nur die Rote Armee verfolgte ihre eigenen Soldaten in ähnlichem Ausmaß wie die Wehrmacht. Es existieren zwar keine offiziellen Zahlen hingerichteter Deserteure, doch nach Stalins berühmtem Befehl 227 (»Kein Schritt zurück!«) galten bereits Soldaten, die sich gefangen nehmen ließen, als Verbrecher. »Feiglinge« und »Panikmacher« wurden sofort erschossen.

Auch Deserteure der Wehrmacht starben durch Erschießungskommandos. Etwa im Wiener Donaupark, wo nur eine kleine Gedenktafel sowie der Name »Kugelfanggasse« an die berüchtigte Hinrichtungsstätte auf dem Schießplatz Kagran erinnern. Weit über hundert Deserteure, Selbstverstümmler und Widerstandskämpfer wurden hier erschossen, darunter Männer der Wiener Feuerwehr, die man am frühen Morgen des 31. Oktober 1944 zur Abschreckung vor den Augen ihrer Kameraden hinrichtete.

Die letzte Massenerschießung fand hier am 7. Februar 1945 statt, als vierzehn »Wehrkraftzersetzer« und Fahnenflüchtige, lauter junge Männer um die zwanzig, vor das Erschießungskommando treten mussten: »Den Delinquenten wurden die Augen verbunden und sie wurden an Pfählen angebunden. Ein lichter Fleck wurde an ihre Brust geheftet. Die Exekution erfolgte auf zwei mal sieben Mann … Nicht alle sackten sofort zusammen, diese bekamen noch den Genickschuss. Die Leichname lagen dann infolge des regnerischen Wetters in Wasserlachen«, berichtet Zeitzeuge Anton Rieder.

Meistens aber bevorzugten die Schnellgerichte für Deserteure andere Hinrichtungsarten wie Enthaupten oder Erhängen. Das war leiser, und die Zivilbevölkerung rund um die Hinrichtungsstätten war nicht durch Gewehrsalven alarmiert. Zudem versprach man sich von diesen »unsoldatischen«, entehrenden und auch grausamen Hinrichtungsmethoden eine stärker abschreckende Wirkung. Das Erhängen sollte auf Hitlers Anordnung nicht nach der »englischen Methode« durch Genickbruch, sondern nach der »österreichischen Methode« durch Erdrosseln erfolgen. Der Anstaltspfarrer der Hinrichtungsstätte in Berlin-Plötzensee berichtete über die Hinrichtung von Deserteuren und »Wehrkraftzersetzern«: »Es musste eine Laufschiene angebracht werden, an der sich acht verschiebbare Haken befanden. Sie waren durch eine aus schwarzem Papier gefertigte Wand jeweils voneinander getrennt, um die Delinquenten zu isolieren. Immer acht Mann zur gleichen Zeit mussten sich auf die Schemel stellen. Die am Haken befestigte Schlinge wurde ihnen um den Hals gelegt und der Schemel unter ihnen weggerissen. Die Vorschrift lautete, den Erhängten frühestens nach zwanzig Minuten wieder abzunehmen, vorher dürfe man mit dem sicheren Eintreten des Todes nicht rechnen.« …