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Kathleen McGowan - „Das Magdalena Vermächtnis“

ISBN: 9-783-404-16625-1

 

Klappentext:

Florenz. Zentrum der Renaissance. Hier herrschte Lorenzo de' Medici unter dem Banner der Liebe. Hier schufen unsterbliche Künstler Meisterwerke, die bis heute Rätsel aufgeben. Hier wurden Mysterien begründet, deren Wirkung bis in die Gegenwart reicht. In Florenz soll Maureen Paschal, die Hüterin des Magdalena-Evangeliums, in den geheimen Lehren der Medici unterwiesen werden. Aber auch der Schatten der Vergangenheit kehrt nach Florenz zurück, um die Wiedergeburt des wahren Glaubens zu vereiteln - und sei es mit Gewalt.

 

Inhalt:

Gelebte Geschichte aus Florenz in einem Buch.

Im Prinzip geht es um einen Teil der Geschichte von Florenz. Um das Schicksal der Familie Medici, die durch ihre Beliebtheit auch Neider auf den Plan gerufen hat.

Die Familie war nicht gläubig im Sinne der Kirche, sondern gehörte einem kirchenähnlichen Orden an. Ein Orden, der bis in die Gegenwart besteht und auch noch heute nach den alten Schriften glaubt und versucht zu leben.

Berenger ist, nach dem Glauben des Ordens, unter einem besonders günstigen Stern geboren. Er soll der nächste Großmeister des Ordens werden. Das ruft ein neidisches Model auf den Plan, die ihn und seinen Seelenzwilling auseinander bringen will. Und als ob das noch nicht genug wäre, plant eine fanatische Kirchentussi, die selber lügt und betrügt, einen Anschlag auf Mauren, die ihrer Meinung nach eine Gotteslästerin ist. - Doch den Orden vernichtet sie nicht.

 

Leseprobe:

Am Vortag war ein Bote nach Florenz gekommen und hatte einen Brief aus dem Städtchen Montepulciano abgegeben. In dem Schreiben wurden Lorenzo und das Haus Medici von einem Mann namens Angiolo Ambrogini gepriesen, der behauptete,  sein Vater sei ein paar Jahre zuvor in Diensten Cosimos gestorben. In bemerkenswert elegantem Stil fuhr Ambrogini fort, auch er wolle gern nach Florenz kommen und der Familie dienen wie sein Vater. Lorenzo erhielt viele Briefe dieser Art, in denen unsterbliche Loyalität für die Medici beteuert wurde, doch dieses Schreiben fesselte ihn auf ungewöhnliche Weise. Ihm lag nämlich eine Sammlung von Gedichten bei, die alles übertrafen, was Lorenzo jemals gelesen hatte. Der Dichter, besagter Angiolo, trug seinen Namen zu Recht: Er war unverkennbar einer der Himmlischen, ein menschliches Wesen mit überirdischen Gaben. Er dichtete sowohl auf Lateinisch als auch in der toskanischen Volkssprache, wie es auch Dante und Boccaccio getan hatten – und Lorenzo selbst. Ambrogini machte zudem Anleihen im Griechischen, sowohl in sprachlicher als auch in bildlicher Hinsicht.

Nie zuvor hatte ein Brief Lorenzo so beeindruckt. Seine Familie und der Orden hatten bereits viele Himmlische unter Vertrag, die Wahrheit und Schönheit mit den Mitteln der Malerei bewahren konnten, doch ein Literat war noch nicht dabei. Kein neuer Dante war am Horizont erschienen – bis jetzt.

Lorenzo wollte unbedingt herausfinden, wer dieser Himmlische aus Montepulciano war, wo er eine so ausgezeichnete Bildung genossen hatte und wie man diesen Mann in den Kreis der Eingeweihten einfügen konnte. Als er aus dem Sattel stieg und vorsichtig das kostbare Schreiben aus dem Ranzen holte, hörte er die spöttische Stimme seines Freundes aus Kindertagen hinter sich.

»Hast du auch brav gelernt?«

Jacopo Bracciolini hatte an Lorenzos Unterricht bei Ficino teilgenommen, wann immer sein Stundenplan es erlaubte. Da jedoch sein Vater Cosimo auf dem Sterbebett versprochen hatte, die Freundschaft zwischen seinem Sohn und Lorenzo zu fördern, waren sie nun häufiger zusammen. Dabei waren sie nach und nach zu Rivalen geworden, weil beide von Natur aus hochbegabt waren, sich gern im Wettstreit versuchten und zudem in Familien aufgewachsen waren, deren Männer für ihren gelehrten Geist gerühmt wurden.

Lorenzo schlug sich an die Stirn. Er hatte vergessen, dass Ficino ihnen für heute die Aufgabe erteilt hatte, aus der Smaragdtafel des Hermes Trismegistos zu rezitieren. Lorenzo liebte zwar die hermetischen Lehren, doch einen Text um seiner selbst willen auswendig zu lernen, hasste er. Außerdem war er durch die anmutigen Gedichte, die er in der vergangenen Nacht gelesen hatte, so abgelenkt gewesen, dass er die heutige Prüfung vollkommen vergessen hatte.

Die Smaragdtafel war eine legendäre Schrift aus der Antike, von der man glaubte, sie enthielte die verschlüsselten Geheimnisse des Universums. Der Gott Hermes selbst, hieß es, habe seine Lehren in eine große Platte aus grünem Stein gemeißelt. Einer antiken Überlieferung zufolge wurde die große Pyramide von Giseh eigens zu dem Zweck erbaut, die Lehren des Hermes zu beherbergen, den die Ägypter unter einem anderen Namen kannten: Toth. Dieses sagenhafte Artefakt von unermesslicher Macht war der Menschheit schon vor langer Zeit verloren gegangen. Obwohl Cosimo Boten um die ganze Welt geschickt hatte, konnten sie die Tafel nicht finden. Cosimo hatte ein Vermögen für die Suche nach dem verlorenen Schatz des Hermes ausgegeben.

Am nächsten war der Medici-Patriarch der legendären grünen Tafel gekommen, als in der Nähe von Konstantinopel eine Handschrift aus dem zehnten Jahrhundert entdeckt wurde, die lateinische Übersetzung des Ursprungstextes. In welcher Sprache Hermes seine Worte in die Smaragdtafel gemeißelt hatte, war eines der großen Rätsel der Geschichte. Vermutlich war es eine sehr alte Symbolsprache gewesen, die für immer verloren war. Dennoch waren Teile des Textes als mündliche Überlieferung über die Jahrhunderte weitergereicht worden.

Es war die lateinische Übersetzung aus dem zehnten Jahrhundert, aus der Lorenzo und Jacopo heute aufsagen sollten. Es war ein wunderschöner Nachmittag, und die Sonne schien auf den gepflasterten Weg, der zu Ficinos Häuschen führte. Die beiden Freunde setzten sich auf eine Holzbank unter einem Bogen aus weißen Rosen, der von eingetopften Orangenbäumchen eingerahmt wurde: Dieses Symbol der Medici stand in großer Zahl in sämtlichen Gärten ihrer Häuser. Zurzeit standen die Bäumchen in Blüte, und der süße Duft von Orangenblüten schwebte in der Luft wie ein magischer Hauch.

Lorenzo lachte. »Nein, ich habe nicht gelernt. Aber ich glaube, ich kann den Text gut genug, um Ficino nicht zu verärgern. Wie steht es bei dir?«

Jacopo begann den Text auf Latein aufzusagen, um zu sehen, ob Lorenzo tatsächlich vorbereitet war.

»Tabula Smaragdina. Verum, sine mendacio, certum et verissimum …«

Sogleich übersetzte Lorenzo: »Die Smaragdtafel. Wahrhaftig, ohne Lüge, gewiss und wahrlich …« Er warf Jacopo die nächste Zeile hin. »Quod est inferius est sicut quod est superius, et quod est superius est sicut quod est inferius, ad perpetranda miracula rei unius.«

Selbstgefällig grinsend übersetzte Jacopo: »Was unten ist, das ist gleich dem, was oben ist, und was oben ist, das ist gleich dem, was unten ist, auf dass ein Ding hervorgebracht wird, das voller Wunder ist.«

Und ohne eine Atempause einzulegen, feuerte er die nächsten Zeilen auf Lorenzo ab. »Pater ejus est Sol. Mater ejus est Luna. Portavit illud ventus in ventre suo.«

»Sein Vater ist die Sonne. Seine Mutter ist der Mond. Der Wind trägt es in seinem Leib.«

Lorenzo hielt inne, weil er plötzlich merkte, dass er die nächste Zeile nicht wusste. Er überlegte angestrengt, wie sie lautete, um den Wettkampf zu gewinnen. Tief in Gedanken nagte er auf der Unterlippe, als sich unversehens eine dritte Stimme zu Wort meldete. Es war eine unbekannte Stimme, die eines Knaben. Lorenzo  und Jacopo fuhren erschrocken zusammen, als sie hinter ihnen ertönte.

»Nutrius ejus Terra est«, vernahmen sie. »Die Erde ist seine Amme.«

Lorenzo schnappte nach Luft. Die Stimme und das fehlerlose Latein kamen aus dem Mund des staubigen Stalljungen, den er zuvor auf der Straße gesehen hatte. Der Knabe senkte schüchtern den Blick, brachte aber noch hervor: »Ich liebe diese Zeile. Sie ist sehr schön, und sie erinnert uns daran, dass die Erde uns nährt mit ihrer Schönheit.«

Lorenzo streckte dem Knaben die Hand hin und stellte sich vor. Der Kleine drückte sie sanft. Seine großen leuchtenden Augen, die für einen so jungen Menschen viel gesehen hatten, füllten sich mit Tränen. »Ich weiß, wer Ihr seid.«

Lorenzo ließ die Hand des Knaben nicht los. Mehr noch, er fasste ihn an der Schulter und sagte: »Dann bin ich im Nachteil, denn ich weiß nicht, wer der Bruder ist, der mir gegenübersteht und für einen so jungen Menschen eine beachtliche Kenntnis der Dichtkunst besitzt.«

Der Knabe war nun in Tränen aufgelöst und fiel auf die Knie. »Ich bin gekommen, um Euch zu dienen, Lorenzo. Und um bei Maestro Ficino zu lernen, falls er mich als Schüler annimmt.«

Jacopo Bracciolini verdrehte die Augen angesichts dieses Schmeichlers. »Steh schon auf, Junge. Er ist weder der König noch der Papst, sondern bloß ein Medici.« Er ergriff einen Arm des Knaben, Lorenzo den anderen, und zusammen zogen sie den Kleinen auf die Beine.

»Wie ist dein Name, Bruder? Und woher stammst du?«, fragte Lorenzo sanft.

Der kleine Fremdling schob das dichte Haar aus dem Gesicht und rieb sich die Augen, bevor er antwortete: »Angiolo. Mein Name ist Angiolo Ambrogini, und ich stamme aus Montepulciano.« …