ich-geb-dir.info
Home.
Delfine.
Hunde.
Literatur.

Andreas Eschenbach – „Die steinernen Schatten“

ISBN: 9-783-401-50948-8

 

Klappentext:

Die blauen Türme: Fenster oder vielleicht sogar Tor zu einer anderen Welt? Während die Forscher auf dem Mars noch rätseln, machen sich die Marskinder daran, das Geheimnis um die Türme zu lüften. Denn was niemand weiß: Sie halten den Schlüssel zu dieser anderen Welt in der Hand. Ein kleiner Schritt, die Passage öffnet sich, und Elinn, Carl und Urs finden sich auf dem geheimnisvollen Planeten wieder. Doch dann wird ihnen jäh der Rückweg nach Hause abgeschnitten. Auf sich allein gestellt, schlagen sie sich auf dem unbekannten Planeten durch, als die Geschichte plötzlich eine ungeahnte Wendung nimmt ...

 

Inhalt:

Elinn, eines der berühmten Marskinder, macht einen Alleingang. Sie glaubt, dass die Marsianer sie zu sich rufen. Also schnappt sie sich nachts ihren Raumanzug und schmuggelt sich mit einem Transportflug zu den Türmen.

Elinn kann den Turm durchschreiten und wird von der Schwerkraft zu Boden geschmettert.

Carl, ihr Bruder, und Urs, der Sohn des Präsidenten der Marssiedlung, wollen ihr helfen. Aber dann sind sie alle drei auf dem anderen Planeten gefangen.

Der Planet stellt sich als die Erde heraus. Doch so ungefährlich ist das für Elinn nicht. Denn ihre Marslungen drohen auf der Erde ihren Dienst zu versagen.

Die Kinder müssen zum Mars zurück, doch das Flugfenster hat sich gerade für ein Jahr geschlossen. Und dann werden sie auch noch entführt, weil die so genannte Heimwärtsbewegung sie für ihr Zwecke missbrauchen will. - Ausgerechnet ein umstrittener Großindustrieller kann ihnen aus der Klemme helfen.

 

Leseprobe:

… Weiter vorne dann die Pilotenkanzel. Ronny spähte hinein. Man hatte den blechernen Notsitz durch einen richtigen Pilotensessel ersetzt, wie er in den Flugbooten üblich war. Umso besser. Und man hatte noch ein paar Geräte eingebaut, die Ronny nicht auf Anhieb identifizieren konnte.

»Ein Navigationsgerät«, erklärte ein Techniker. »Arbeitet auf Basis von Trägheitsnavigation, ist also unabhängig von Funksignalen und so weiter. Die jeweils errechnete Position wird hier angezeigt, der zugehörige Kartenausschnitt kann aus dem Speicher auf die Frontscheibe projiziert werden.«

»Ausgezeichnet«, sagte Pigrato.

»Dann ist es kein Problem, falls du dich verfliegst«, meinte Vater.

Ronny blies die Backen auf. Verfliegen? Wie denn? Er musste nur die Himmelsrichtung einhalten. Das war einfach. Dazu musste er sich nur am Stand der Sonne orientieren. Dann geradeaus, bis er das Aschgrau des Daedalia Planum hinter sich hatte. Und am Schluss das Noctis Labyrinthus ausfindig zu machen, war ja nun wirklich ein Kinderspiel.

»Hier haben wir außerdem ein Aufzeichnungsgerät«, fuhr der Techniker fort und tätschelte einen knapp faustgroßen Apparat im linken Seitenfenster. »Dokumentiert den gesamten Flug. Bildaufzeichnung, Steuerdaten, alles.«

»Hmm«, machte Pigrato.

»Na ja«, brummte Vater.

Ronny zuckte nur mit den Schultern.

Sein Blick wanderte an den Flügeln entlang. Wahnsinn. An denen konnte er sich kaum sattsehen. Sie waren schmal und sahen aus, als könnten sie jeden Moment abbrechen – was sie nicht würden, das wusste er. Vor allem aber waren sie ungeheuer lang. Von hier aus betrachtet, kam es einem vor, als berührten ihre Enden den Himmel.

»Als idealen Startzeitpunkt haben wir neun Uhr zwei Marszeit errechnet«, erklärte ein anderer Techniker. »Der Flug sollte dann lückenlos aus dem Orbit überwacht werden können. Die MARTIN LUTHER KING wird den ersten Teil des Fluges optisch verfolgen, dann übernehmen die Satelliten in Ortungsreichweite; gegen Schluss haben wir voraussichtlich mehrfache Abdeckung.«

»Und dass ihn ein Flugboot begleitet . . .?«, fragte Pigrato.

»Halten wir für zu riskant. Der Raketenantrieb könnte sich nachteilig auf Luftströmungen, Thermik und so weiter auswirken.«

»Was ist mit einem Copiloten? Dass ein Erwachsener mitfliegt?«

Der Techniker schüttelte entschieden den Kopf. »Zu viel Gewicht. Würde den Start unnötig gefährlich machen. Außerdem könnte eine zweite Person ohnehin nichts tun, es gibt nur eine Steuerung.«

»Also fliegt er alleine?«

»Ja.«

Ronny atmete auf. Das hätte ihm gerade noch gefehlt – ein Aufpasser!

Überhaupt, was die für einen Aufstand machten! Das verstand er beim besten Willen nicht. Überflüssig alles wie nur was. Wenn sie ihn nur einfach endlich einsteigen und losfliegen lassen würden!

Dad war nicht da, als Ariana an diesem Morgen in die Medizinische Station kam. Aus dem Krankenzimmer hörte sie gedämpfte Stimmen. Zwei Frauen, die leise redeten.

Sie zögerte, dann siegte die Neugier. Sie schob die Tür einen Spaltweit auf, steckte den Kopf hindurch und sagte: »Guten Morgen.«

Zu Arianas Überraschung war es nicht Mrs MacGee, mit der Mrs Faggan sprach, sondern Mrs Pigrato! Die beiden ungleichen Frauen saßen beisammen, als seien sie schon ewig dicke Freundinnen.

»Hallo, Ariana«, begrüßte Mrs Pigrato sie freundlich. Man wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, dass ihr Sohn gerade auf einem anderen Planeten verschollen war.

Ariana kam ins Stottern. »Ich habe bloß, ähm …ich meine, ich wollte fragen, ob Sie irgendwas brauchen, Mrs Faggan?«

Die Mutter von Carl und Elinn schüttelte schwach den Kopf. »Nein. Danke.« Sie sah blass aus. Ihre langen Locken schienen sie zu erdrücken.

»Auch keine …Medikamente oder so was?«

»Ich hab deinem Vater schon gesagt, dass ich nichts mehr will.« Ihre Züge spannten sich. »Das kann nicht die Lösung sein, Pillen zu schlucken.«

Mrs Pigrato zog einen weiteren Stuhl heran. »Möchtest du dich nicht zu uns setzen?«

Ariana zögerte. »Ich …wollte nicht stören . . .«

»Kind – du wirst dir doch auch Sorgen machen, oder? Um die anderen. Um Urs.« Sie klopfte einladend auf die Lehne. »Komm. Geteiltes Leid ist halbes Leid.«

Irgendwie brachte es Ariana nicht fertig abzulehnen, obwohl ihr absolut nicht danach war, über die gestrigen Ereignisse und das Verschwinden von Carl, Elinn und Urs auch noch zu reden. Aber jetzt einfach zu gehen . . .?

Außerdem hätte sie nicht gewusst, wohin. Also trat sie durch die Tür und setzte sich auf den Stuhl, den Mrs Pigrato ihr hinschob.

Und so erfuhr sie etwas ganz Erstaunliches. Der Vater von Carl und Elinn hatteUrs gekannt! Bei seinem letzten Besuch auf der Erde vor vielen Jahren war er bei den Pigratos zu Gast gewesen.

»Urs war damals fünf Jahre alt, er erinnert sich nicht mehr so richtig daran«, erzählte Mrs Pigrato. »Aber er hat Ihren Mann sofort mit Beschlag belegt, ihn zu seinen Spielfiguren und Sammelkarten und so weiter entführt . . . Eigenartig, weil Urs Fremden gegenüber eher schüchtern reagierte.«

»Wie kam es überhaupt, dass James bei Ihnen war?«, fragte Mrs Faggan.

»Tom hat zu der Zeit schon für Senator Bjornstadt gearbeitet, war zuständig für organisatorische Dinge. Er hat die Reisen für die Marssiedler zusammengestellt, Interviewtermine ausgemacht, Fernsehauftritte und so weiter. Ihr Mann wäre sowieso bei uns gelandet, um alles zu besprechen. Aber es stellte sich heraus, dass er und Tom sich von einem Studienjahr in England her kannten.«

Mrs Faggan schüttelte den Kopf. »Davon hat er mir nie etwas erzählt. James nicht und ihr Mann auch nicht.«

»Tom war sauer, als Bjornstadt ihn auf den Mars schickte. Ich denke, er wollte alles Persönliche heraushalten.«

»Entschuldigen Sie«, unterbrach Ariana, »aber ich verstehe nicht ganz, wovon die Rede ist. Was waren das für Reisen?«

Die beiden Frauen wechselten einen Blick. Dann seufzte Mrs Faggan. »Man wollte damals erreichen, dass das ursprüngliche Programm zur Besiedelung des Mars wieder aufgenommen wird. Ein paar Leute von hier sind deswegen zur Erde geflogen und haben die großen Städte bereist, um den Menschen von dem Projekt zu erzählen. James war so etwas wie die Hauptfigur dabei, als Vater des ersten auf dem Mars geborenen Kindes und so weiter . . . Na ja.« Ihr Blick umflorte sich. »Eine Siedlergruppe ist dann tatsächlich mit ihnen zum Mars zurückgekehrt. Das Raumschiff war die RELIANCE, daran erinnere ich mich noch. Sie hat auch die zwei Rover mitgebracht, die gefehlt hatten, um endlich die Expedition in die Cydonia-Region durchführen zu können . . .«

Sie brach ab, bedeckte die Hände mit den Augen, weinte leise. Ariana schluckte. Von dieser Expedition war der Vater von Carl und Elinn nicht mehr zurückgekommen.

Vielleicht, dachte Ariana, war es besser, man liebte niemanden und bekam keine Kinder. Man musste dann doch nur Angst haben, sie zu verlieren, oder?

Wim Van Leer beeilte sich. Es war nur noch eine halbe Stunde bis zum Start, Leute wimmelten um das Flugzeug herum, und ob er zu den Bildern kam, die er brauchte, kümmerte keinen Menschen.

Ronny war zum Glück ein dankbares Motiv. Der Junge war sonst eher lebhaft und aufgedreht, aber sobald es ums Fliegen ging, wurde er die Ruhe selbst. Die Kamera beachtete er überhaupt nicht. Voll konzentriert hörte er den Männern zu, die ihm die Funktionsweise der neu eingebauten Geräte erklärten und die Satellitenbilder mit der Wettervorhersage für die kommenden fünf Stunden. So lange würde der Flug etwa dauern.

»Ronald Penderton, genannt Ronny, hat bereits einmal Luftfahrtgeschichte geschrieben, als er vor fünf Monaten als erster Mensch ein Flugzeug auf einem anderen Planeten von Hand steuerte.« Das war ein provisorischer Kommentar, der über eine geschützte Audioverbindung direkt in den Speicher der Kamera ging und den niemand hörte. In der Nachbearbeitung würde er das alles ohnehin noch mal neu unterlegen; es kam ihm jetzt nur darauf an, spontane Eindrücke festzuhalten. »Dieser Flug, der unter anderem dazu führte, dass die sogenannten Blauen Türme in der Daedalia-Planum-Region entdeckt wurden, geschah ohne Wissen und Billigung der zuständigen Stellen, im Klartext: Ronny und seine Freunde haben damals das Marsflugzeug entwendet und sind auf eigene Faust losgeflogen. Eine eindeutige Beurteilung dieser Aktion fällt schwer. ›Sträflicher Leichtsinn‹ ist man versucht zu sagen. Wie leicht hätte etwas Schlimmes passieren können! Ja, gewiss. Auf der anderen Seite wären wir heute nicht mehr auf dem Mars, wenn die Kinder sich brav an die Vorschriften gehalten hätten.« …