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Genevieve Cogman - „Die maskierte Stadt“

ISBN: 9-783-404-20803-6

 

Klappentext:

Irene Winters ist Agentin der unsichtbaren Bibliothek, die jenseits von Raum und Zeit als Tor zwischen den Welten existiert. Ihr Job ist es, einzigartige, ungewöhnliche oder rare Bücher für diese Bibliothek zu beschaffen. Sie hat gerade auf einer zwielichtigen Auktion einen seltenen Bram-Stoker-Text erworben, als sie und ihr Assistent Kai überfallen werden. Zu spät erkennt Irene, dass es nicht um das Buch, sondern um Kai geht. Er wird entführt, ohne dass Irene es verhindern kann. Die Spur der Verbrecher führt in ein dunkles Venedig des immerwährenden Karnevals. Ein Ort der Masken und Geheimnisse. Und des Todes.

 

Inhalt:

Irene und ihr Student Kai waren auf einer Auktion erfolgreich und konnten ihrem Auftraggeber das gewünschte Buch ersteigern. Doch sie hatten von Anfang an einen Gegner, der ihnen nun in dunklen Straßen auflauert. Kai wird entführt und plötzlich dreht es sich um viel mehr als nur ein Buch.

Irene will Kai finden und ihm helfen. Doch schon die Kontaktaufnahme mit seiner Familie stellt ein Wagnis da. Am Ende reist sie in die Dimension der Elfen, wo Kai gefangen gehalten wird und versteigert werden soll. Der hohe Chaosgrad in dieser Welt ist aber auch für sie nicht ohne und sie geht ein großes Wagnis ein.

 

Leseprobe:

… »Clarice hier kann Italienisch!«, rief Martha.

»Oh, dafür sei Gott gedankt«, sagte Athanais.

Irene unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung. Diese jungen Leute dachten nicht im Geringsten über sie nach, sie zogen noch nicht einmal in Betracht, dass Feinde in ihrer Mitte sein könnten.

Eine plötzliche Explosion von Feuerwerkskörpern in der Ferne ließ Athanais’ helles Haar leuchten. »Keiner von uns hier spricht überhaupt etwas Italienisch. Hör mal, red doch mal mit dem Fährmann dort: Was wir suchen, ist eine gute Taver…«

»Bar«, unterbrach ihn die Frau im Business-Anzug.

»Meine Liebe, zuerst brauchen wir ein Bekleidungsgeschäft«, warf eine Frau in einem schwarzen Bikini ein, die auf der Bahnsteigkante saß; ihre Beine baumelten knietief im Wasser. »Man nennt mich Zayanna, Schätzchen«, stellte sie sich Irene vor. »Ich schwöre, wenn mir erlaubt worden wäre, so viel Kleidung mitzubringen, wie gewissen anderen Leuten …«

Mehrere kleine Boote schwammen auf der anderen Seite des Bahnsteigs. Ein paar davon waren Gondeln, gerade groß genug, um ein halbes Dutzend Personen aufnehmen zu können; bei den anderen hingegen handelte es sich um etwas größere Fahrzeuge mit mehreren Ruderern. Die Bootsführer – Gondolieri? – trugen alle schwarze Mäntel, Domino-Masken, gestreifte Pullover und Dreispitz-Hüte, als ob dies eine Art Uniform war.

»Entschuldigung«, sagte Irene und wechselte dann ins Italienische. »Entschuldigung! Lassen Sie mich bitte durch.« Sie drängte sich vor, bis sie neben Athanais stand, und es gelang ihr rasch, einen Preis für sie alle sechs auszuhandeln. Sterrington, die Frau im Business-Anzug, bezahlte gern für die Fahrt, solange sie dafür eine Quittung erhielt.

Die Idee, in einer Taverne Zuflucht zu suchen, klang mit jeder Sekunde besser. Irene konnte einen starken Drink gebrauchen; zudem war es von Vorteil, sich hier zunächst etwas zurechtzufinden und den Klatsch vor Ort aufzuschnappen, bevor sie sich wieder auf die Suche nach Kai machte. Sofern dieses Rudel von anscheinend freundlichen Elfen nicht auf sie losging. Sie brachte den Handel mit dem Gondoliere zum Abschluss und kehrte wieder ins Englische zurück. »Alle an Bord, Ladys und Gentlemen. Wir legen jetzt hier ab, bevor irgendein Hochrangiger unser Fahrzeug für seinen Lieblingselefanten beschlagnahmt und wir alle zur Bar schwimmen müssen.«

Es gab leises Lachen, und die anderen gingen hintereinander an Bord des engen Bootes. Der letzte ihr noch unbekannte Student wurde als Atrox Ferox vorgestellt – ein asiatischer Elf in schwarzem Leder- und Latexüberzug. Er besaß eine schnittige Pistole, die in einem Holster an seiner Seite steckte, und sein wie gemeißelt wirkendes Gesicht zeigte keinerlei Regungen. Zayanna rutschte einfach ins Wasser hinein und schwamm neben das Boot, über dessen Rand sie einen Arm schob, um sich festzuhalten. Sterrington half Irene an Bord, bevor sie ihr folgte, und dann gesellte sich Athanais zu ihnen.

Der Bootsführer stand am Heck, das Ruder hatte er in einer pathetischen Haltung erhoben. Und dann setzte sich das Boot in Bewegung, glitt vom Bahnsteig fort und fuhr quer über die Lagune in die Stadt hinein.

Alles ist so, wie es bei einem Märchen-Venedig sein sollte, dachte Irene zynisch. Die Gebäude bestanden aus Ziegelstein und Marmor, waren alt und wunderschön. Sie erhoben sich triumphierend und zeitlos aus dem nächtlichen Nebel, vom Schein von Öllampen und farbigen Lichtern beleuchtet. Des Weiteren konnte sie andere Boote – kleinere Gondeln – mit Lampen am Bug umherhuschen sehen, und aus der Ferne waren Musik und Gelächter zu hören. Weiter entfernt schrie jemand kurz auf und verstummte dann.

»Schaut mal«, murmelte Sterrington und zeigte nach hinten zum Bahnsteig, den sie gerade verlassen hatten. Eine Kutsche aus Ebenholz, die von vier schwarzen Pferden gezogen wurde, war am Bahnsteigkopf zum Stehen gekommen. Ein Diener half gerade einer Frau beim Einsteigen, während andere Bedienstete das Gepäck der Dame aufluden. Selbst aus dieser Entfernung vermochte Irene zu erkennen, dass diese Frau Lady Guantes war.

»Glaubt ihr nicht, wir hätten besser bleiben und uns darum bemühen sollen, uns bei ihr einzuführen?«, legte Athanais nahe. »Es hätte doch sicher ein Dutzend Möglichkeiten gegeben, bei denen wir ihr irgendeinen kleinen Dienst hätten erweisen können …«

»In die Privatsphäre eingreifen?«, schnauzte Atrox Ferox. Es war das erste Mal, dass Irene ihn etwas sagen hörte. Seine Stimme war wie sein Gesicht – scharf und kalt. »Man darf dem Familienangehörigen eines Schirmherrn keine Aufmerksamkeiten aufdrängen.«

Die Frau im Wasser hob sich nach oben, um auf der Seite des Bootes zu ruhen, wobei sie sich auf einen Ellenbogen stützte. »Das wäre aber ein ›Aufdrängen der eigenen Gesellschaft‹ und eben nicht eine Form von ›Aufmerksamkeiten aufdrängen‹.«

»Deine Richtigstellung weiß ich zu schätzen, Zayanna«, sagte Atrox Ferox in säuerlichem Tonfall. »Man darf dem Familienangehörigen eines Schirmherrn nicht die eigene Gesellschaft aufdrängen, wenn dieser Schirmherr die Erlaubnis dazu nicht gegeben hat. Die Fortsetzung eines zwanglosen Treffens ist da angemessener, wenn es sich denn einrichten lässt.«

Während Irene versuchte, die Bedeutung seiner Worte zu entwirren, ertappte sie sich bei der Frage, ob Drachen ebenfalls Sprachprobleme hatten. Gab es eine Drachensprache, in der sie alle redeten? Und wenn dies so war – könnte sie sie lernen?

»Ich würde zu gerne wissen, was du gerade denkst, Clarice«, sagte Martha.

Irene suchte nach irgendeiner unschuldig klingenden Erwiderung. »Ich war überrascht, dass so viele von uns keine unverzüglichen Anweisungen haben. Könnte es sein, dass sich unsere Schirmherren mehr mit dem Umfang ihrer Gefolge beschäftigt haben als damit, ob wir ihnen wirklich von Nutzen sind?«

Athanais, Martha und Zayanna lachten. Sterringtons Mundwinkel zuckten. Atrox Ferox blickte erstaunt in die Dunkelheit, ohne etwas zu sagen.

Irene zuckte mit den Schultern. »Ich nehme an, dass ein paar Sachen überall gleich sind.« Sie war sich nur allzu sehr bewusst, dass jeder Versuch einer Interaktion ein Risiko darstellte. Aber wenn sie die Absicht hatte, Informationen aus den anderen herauszuholen, dann musste jemand damit anfangen, eine Unterhaltung ins Rollen zu bringen.

»Oh, schaut nur!« Zayanna zog sich wieder an der Seite des Bootes hoch und wies in Richtung der Küste, der sie sich näherten.

»Ja«, sagte Sterrington in ruhigem Ton, »die Gebäude sind außerordentlich beeindruckend.«

»Nicht das. Seht euch die Leute an!«

Einen Moment lang schwiegen alle. Jetzt, wo sie näher herangekommen waren, bestand die Möglichkeit, sich die Leute, die sich auf den Bürgersteigen herumtrieben oder dort entlangbummelten, genau anzuschauen – sogar durch den verhüllenden Nebel. Einige konnten durch Fenster oder in anderen Gondeln gesehen werden, und der offensichtlichste gemeinsame Nenner bestand darin, dass alle Masken trugen, wie Irene erkannte.

»Ist das Karneval?«, fragte sie; ihre Stimme war kaum mehr als ein Wispern.

Martha zuckte mit den Schultern. »Das ist Venedig. Also, natürlich ist das Karneval. Warum habe ich nicht daran gedacht!« Sie schlug sich mit der Hand auf den Oberschenkel. »Ich brauche eine Maske!«

»Wir brauchen alle eine, oder wir werden recht deplatziert wirken und Aufmerksamkeit erregen«, meinte Athanais. »Clarice, du musst unseren Bootsführer bitten, uns zuerst zu einem Maskengeschäft zu bringen. Ja?« Er schaute sie mit großen schmachtenden Augen an. Erneut verspürte sie Erleichterung, dass ihre Tarnung als Elfe allem Anschein nach Bestand hatte. Zumindest einstweilen.

Das ist Venedig. Also, natürlich ist das Karneval. Marthas Worte hallten in ihrem Kopf wider. Venedig als Traum, nicht das reale Venedig. Kein Wunder, dass das Wasser angenehm nach Salz roch anstatt nach Abwässern oder Schlimmerem. Kein Wunder, dass sie es so leicht geschafft hatten, ein Boot zu bekommen, anstatt ewig lange warten zu müssen, um den Gondoliere dann mühsam herunterzuhandeln.

Unsere schönsten Träume – aber auch unsere Albträume? Nein, das sollte ich besser nicht denken – sicherheitshalber. Denn was ist, wenn das Denken so etwas zur Realität werden lässt?

Irene teilte dem Bootsführer die Änderung ihrer Pläne mit, dann lächelte sie die anderen an. »Es ist schön zu wissen, dass ihr alle mir das Reden anvertraut.« Sie hoffte, dass sie es mit der beiläufigen Lässigkeit nicht zu weit trieb.

»Wenn du nicht einer total fremden Person vertrauen kannst, die du im Zug triffst, wem kannst du dann vertrauen?«, erwiderte Athanais träge. »Es ist ja schließlich nicht so, als ob wir uns hier verschwören und den Plan schmieden würden, dass wir wechselseitig unsere Feinde ermorden.« Woher auch immer er stammte, der junge Elf war allem Anschein nach ein Hitchcock-Fan.

»Natürlich nicht«, sagte Martha rasch. ...