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Joachim Gerhard - „Ich hole euch zurück“

ISBN: 9-783-596-29614-9

 

Klappentext:

***Das erste Buch eines deutschen Vaters, dessen Söhne nach Syrien zum IS gehen*** Jonas ist 21, sein Bruder Lukas 17, als beide zum Islam übertreten. Ganz normale Jungs, die vorher im Sportverein aktiv waren und mit Freunden abhingen, beten nun mehrmals am Tag, entsagen Partys und Alkohol und radikalisieren sich, ohne dass ihre Eltern es merken. Und dann sind sie plötzlich verschwunden. Nach Syrien in den „Heiligen Krieg“ gezogen. Für den Vater, Joachim Gerhard, einen mittelständischen Unternehmer aus Kassel, beginnt ein Albtraum. Über WhatsApp bekommt er eine Nachricht: die Brüder seien für Allah gestorben. Aber er will und kann das nicht glauben. Über verschlungene Wege gelingt es ihm, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Auf eigene Faust reist er ins lebensgefährliche syrische Grenzgebiet, doch der abenteuerliche Rettungsversuch scheitert. Er bekommt ein Video zugespielt, in dem sich beide Söhne – offenbar unter Zwang – von ihm lossagen. Tief erschüttert kehrt der Vater zurück nach Deutschland. Doch er will seine Söhne weder dem „Islamischen Staat“ überlassen, noch über ihr Schicksal, das viele andere deutsche Jugendliche treffen könnte, schweigen. Zu allem entschlossen nimmt er den Kampf um das Leben seiner Söhne wieder auf.

 

Inhalt:

Ein Vater schreibt hier eindrucksvoll über das Schicksal seiner Söhne, die erst zum Islam konvertiert sind und dann, eines Tages, für den IS in Syrien kämpften.

Er beschreibt seine Gefühlswelt, über seine Suche nach den Söhnen Und auch von den vielen vergeblichen Reisen. Der Leser kann sehr gut nachvollziehen, wie schlimm es gewesen sein muss, so oft knapp am Ziel vorbei zu schießen.

Eine Vater, der seine Söhne nicht aufgibt und aus der Ferne für sie kämpft.

 

Leseprobe:

… Mit stotternden Bewegungen bückte ich mich, hob das Telefon auf und betrachtete den schwarzen Bildschirm. Ich betrachtete ihn lange. Dann, nach einer Ewigkeit, gab ich mein Passwort ein und spielte das Video ab. Von vorn. Schwarzer Grund, weiße Schrift, arabische Gesänge. Dieselben Zitate, dieselbe Melodie. Und wieder ein Cut und meine Söhne saßen dort, winzig klein, auf meinem Handy, in der syrischen Wüste. Rechts oben in der Ecke sah ich jetzt das -Logo. Manchmal merkte man, dass die Aufnahme abgebrochen und wieder gestartet wurde. Das Bild wackelte, und der Wind rauschte. Lukas schwieg. Er schwieg fast die gesamte Aufnahme lang. Saß versteinert wie seine Umgebung da. Erst nach zwei Minuten des zweieinhalbminütigen Films begann er zu sprechen. Jonas fummelte währenddessen an seinen Fingern herum, senkte den Blick. Noch immer verstand ich nicht, was sie sagten, war wie hypnotisiert vom Bild. Der Ton war zweitrangig. Den Ton konnte ich nicht verstehen. Wollte ich nicht verstehen. Durfte ich nicht verstehen. Dann hörte das Video plötzlich auf.

Ich sah es ein zweites Mal an.

Ein drittes Mal.

Ein viertes Mal.

Langsam wurde es hell. Nicht nur hell vom Schein meines Smartphones, warm hell, sonnenhell. Mir war vage bewusst, dass ich schon sehr lange so dasitzen und die Nachricht abspielen musste. Ein klein wenig merkte ich, dass ich erschöpft war, müde und leer. Aber nichts davon war wichtig. Meine eben noch so leichte Decke wog zwei Tonnen. Ich konnte nicht aufstehen, nicht sprechen, nichts tun. Ich konnte nur immer wieder mit dem Daumen das Display berühren und das Video erneut abspielen.

Irgendwann merkte ich, dass ich weinte. Aber ich war nicht sicher, warum. Die Worte drangen langsam in mein Unterbewusstsein. »Lossagung«, sagten sie, »Islam« und »gegen uns«. Wie kann ich gegen euch sein, dachte ich. Wie kann ich gegen meine eigenen Kinder sein? Dann erinnerte ich mich an das zweite Video. Es begann an der Stelle, an der das erste Video abgebrochen war. Lukas sprach zu mir, dann Jonas. Ich hörte Autos vorbeifahren und den Filmenden atmen. Am Ende sang eine fremde Stimme auf Deutsch. »Wir haben uns entschieden. Wir haben uns schon längst entschieden. Für Allah und seinen Gesandten und das Leben nach dem Tod.«

Wie ferngesteuert ging ich in die Küche, schaltete die Kaffeemaschine an. Milo wimmerte, wohl weil er rausmusste. Ich öffnete die Terrassentür und setzte mich auf das große, braune Ledersofa. Dann spielte ich das erste Video ab, diesmal mit einem Funken Verstand.

»Entweder du bist mit uns oder du bist gegen uns«, hörte ich Jonas nun sagen. »Du arbeitest gegen uns, gegen den Islamischen Staat, und das bedeutet, du arbeitest gegen den Islam. Und du hast gesagt, du willst hierherkommen und uns besuchen. Willst dir alles angucken und mit uns reden. Aber die Wahrheit hat sich gezeigt. Du bist ein Lügner. Ich weiß nicht, ob du wirklich vorhattest hierherzukommen, aber du bist nicht hier gewesen. Du hast gesagt, du planst nichts, aber du hast geplant. Du hast gesagt, du wirst nichts machen, aber du hast gemacht. Du hast gegen uns gearbeitet, und du hast gegen den Islam gearbeitet. Du hast jemandem geholfen, hier abzuhauen. Ob diese Person freiwillig gehen will oder nicht, ist egal. Du bist es gewesen, der die Wege geebnet hat und das finanziert hat. Du hast gegen den Islam gearbeitet. Gegen unsere Religion. Entweder bist du mit uns, oder du bist gegen uns. Und du hast gezeigt, auf welcher Seite du stehst, mit deiner Tat. Und die Taten, die du vollbracht hast, die werden deine Strafe nur noch vermehren. Möge Allah dich rechtleiten. Du denkst, du bist der Held. Du bist genau das Gegenteil. Wir wollten, dass du hierherkommst, dass du dir das anguckst. Wir wollten dir die Wahrheit zeigen, aber du wolltest sie nicht. Du wolltest nicht auf deine Söhne hören. Ich glaube dir kein Wort mehr.«

 

Dann ergriff Lukas das Wort. »Außerdem möchte ich sagen, dass deine Taten für sich sprechen. Du hast zu uns gesagt, dass du nichts vorhattest. Und wir haben gesehen, und es hat sich herausgestellt, wie es sich durch Allah immer herausstellen wird, was du vorhattest. Und deswegen sage ich zu dir, Papa, dieses Video ist für mich und für ihn eine Lossagung von dir. Wir sagen uns los, weil du gegen uns arbeitest.«

»Gegen den Islam«, warf Jonas ein.

»Gehen den Islam und gegen uns, weil wir Muslime sind. Wir bezeugen: Lā ilāha illā ʿllāh. Es gibt nur einen anbetungswürdigen Gott. Und zwischen uns wird so lange Feindschaft herrschen, bis du dies auch bezeugst. Und wenn du dies nicht bezeugst, herrscht Feindschaft bis zu unserem Tode.«

Mit schweißnassen Fingern öffnete ich das zweite Video. Lukas sprach weiter.

»Bis zu unserem Tode arbeitest du gegen uns und wir gegen dich, wenn du es so willst. Aber wir werden nicht aufhören, auch wenn du unser eigener Vater bist. Jeder Bruder hier im Islamischen Staat, jeder Muslim ist mir lieber als du selber, obwohl du mein eigener Vater bist. Warum? Weil du gegen den Islam arbeitest. Jeder einzelne Bruder ist mir lieber als du. Auch wenn du mein Vater bist.« Eine kleine Pause. Ich versuchte, durch meine Tränen hindurch irgendetwas auf meinem Handy zu erkennen, aber ich sah nur einen Brei aus Nicht-Farbe. Ich blinzelte, und eine Träne fiel auf das Display. Dann sagte Jonas wieder etwas.

»Du gibst Geld aus, um Leute auszuspionieren, und du gibst Geld aus, um Leute hier rauszubringen. Du gibst Geld aus, deinen Schweiß und dein Blut steckst du in diese Arbeit. Aber diese Arbeit wird dich nur vernichten. Zwischen mir und dir ist Feindschaft. So lange, bis du bezeugst, dass es nur einen anbetungswürdigen Gott gibt und dass Mohammed sein Diener und Gesandter ist.« Ein Schnitt. Dann sagte Lukas: »Allah sagt: Sie geben aus, und sie geben aus. Doch am Ende werden sie es bereuen. Und mit dem Ende ist entweder das Ende hier auf dieser Welt gemeint, dass du siehst, dass deine Ausgaben nichts gebracht haben. Weil wir Insha ʿ Allāhhierbleiben und nie wieder zurückkehren. Oder du begreifst es erst nach deinem Tod, am Tag der Auferstehung. Da wirst du deine Taten sehen. Wie sehr sie dir geholfen oder geschadet haben. Du hast Geld und Geld gibst du aus, gegen den Islam.«

 

Jonas fügte hinzu: »Du arbeitest nicht gegen uns. Du arbeitest auch nicht gegen den Islamischen Staat. Du arbeitest gegen deinen eigenen Schöpfer, der dich erschaffen hat, der dir das Leben gegeben hat und der dich jeden Tag versorgt und dich noch leben lässt.«

Lukas nickte und sprach weiter: »Er hat dir dieses Geld gegeben, was du gegen uns verwendest, was du gegen den Islam verwendest. Und er, der Erhabene, wird dich fragen, am Tage der Auferstehung: Wofür hast du dein Geld verwendet? Und dann wirst du sagen, weil du nicht anders kannst: O Allah, ich habe es gegen dich verwendet, gegen deine Religion. Und dann erwartest du, wenn du diese Taten nicht hier auf dieser Welt bereust, dass dir vergeben wird? Das wirst du dann sehen. Aber du wirst ausgeben, ausgeben und am Ende bereuen. Und dann in deine eigenen Hände beißen, am Tage der Auferstehung. Weil du ins Feuer gebracht wirst, wenn du diese Taten nicht bereust und wenn du nicht bezeugst, dass es keinen anbetungswürdigen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed sein Diener und sein Gesandter ist.« Nach einer weiteren kurzen Pause flüsterte Jonas schon fast: »Und alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten, und Segen und Frieden seien auf seinem Propheten Mohammed und seiner Familie und seinen Gefährten und allen, die ihm folgen, bis zu Yaum al Qiyama.« Gesang. Ende. …