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Gerhard Bracke - „Melitta Gräfin Stauffenberg – Das Leben einer Fliegerin“

ISBN: 9-783-898-36449-2

 

Klappentext:

Der anerkannte Militärhistoriker Gerhard Bracke ehrt mit dieser außergewöhnlichen Biographie eine der besten Fliegerinnen Deutschlands. Dipl.-Ing. Melitta Gräfin Schenk von Stauffenberg, geb. Schiller, 1937 als zweite Frau in Deutschland zum Flugkapitän ernannt, flog den bekannten Sturzkampfbomer Ju 87 und die zweimotorige Ju 88. Doch sie war nicht nur Fliegerin, sondern auch Wissenschaftlerin. Von den Folgen des am 20. Juli 1944 fehlgeschlagenen Attentas ihres Schwagers Claus blieb auch sie nicht verschont. Sie wurde zusammen mit den restlichen Familienmitgliedern inhaftiert, jedoch wegen kriegswichtiger Aufgaben nach sechs Wochen wieder entlassen. Am 8. April 1945 wird sie abgeschossen und stirbt

 

Inhalt:

Es geht um die im Titel genannte Person. Sie dürfte nicht unbekannt sein.

Aber dieses Buch ist nicht direkt eine Biographie. Denn die Kindheit ist nur knapp umrissen. Große Aufmerksamkeit wird allerdings ihrer Fliegerkarriere geschenkt. Auch nicht unerheblich wenig wird über ihr Verhalten gegenüber der Familie erzählt, die sich nach dem missglückten Attentat in Sippenhaft befindet.

Der Tod der Gräfin von Stauffenberg ist hinlänglich bekannt. Aber die Ursache konnte auch hier nicht eindeutig geklärt werden.

 

Leseprobe:

… 22.1. Telegramm: ›Der Führer hat Ihnen am heutigen Tage das Eiserne Kreuz II. Kl. verliehen. Göring, Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches‹ Am 23. noch ein Telegramm vom 22. verspätet erhalten:

›Das Ihnen vom Führer verliehene Eiserne Kreuz II. Kl. werde ich Ihnen am 29. Januar persönlich überreichen. Nähere Zeitangabe wird Ihnen durch meine Adjutantur übermittelt werden. Göring, Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches‹ – Am 28. ruft der Adjutant an, ich würde zum Mittagessen in der Villa des Reichsmarschalls, Leipziger Straße, erwartet um ½ 2 Uhr. – Werde dort in einen Riesensalon mit Gobelins und alten Bildern geführt, allmählich versammeln sich einige Damen, die Schwester und Nichte von Frau Göring und eine Freundin, Leiterin einer Theaterschule. Schließlich Frau Göring selbst. Sie hat eine Kiefervereiterung, die am Montag operiert werden soll. Später kommt durch die Tür seines Arbeitszimmers der Reichsmarschall und nimmt mich zuerst mit dort hinein. Er läßt sich von meiner Fliegerei erzählen und will es absolut nicht glauben, daß ich die schweren Bomber, wie z. B. die Ju 88, fliegen und sogar stürzen könnte. Auch ist er sehr erstaunt über die Anzahl meiner Stürze, meint, man hätte ihm zu wenig gesagt, überzeugt sich aber anhand der Akte, daß alles stimmt. Dann führt er mich zu seinem Schreibtisch und sagt: ›Sie wissen ja schon, der Führer hat Ihnen u.s.w.‹ Dann heftet er mir das EK an. Und von ihm bekäme ich noch das Militärfliegerabzeichen in Gold mit Brillanten und Rubinen. Aber das dauerte noch etwas, die Juweliere könnten jetzt nicht so arbeiten, es würde wohl erst in zwei Monaten fertig werden. Dann äußert er sich noch einmal voller aufrichtiger Bewunderung und Anerkennung über meine Fliegerei, meine Vorgesetzten hätten ihm das längst sagen sollen, er hätte keine Ahnung gehabt u.s.w. Dann sprechen wir noch eine Weile über die Fliegerei. Er fragt nach den Flugzeugtypen, die ich fliege. Als ich sie aufzähle, sagte er: ›Da muß ich lieber fragen, welche Flugzeuge Sie nicht geflogen haben.‹ Ob ich auch einmal überland geflogen wäre. Ich sage ja, einen Langstreckenflug mit der He 111 nach Afrika. ›Hören Sie auf, ich meinte doch, ob Sie schon mal nach München geflogen sind.‹ – Offenbar dachte er nicht daran, daß allein für den C-Schein zigtausend Kilometer vorgeschrieben sind. – Die Sache machte ihm einen sichtlichen Spaß, er kam immer wieder darauf zurück und sagte, das Eiserne Kreuz sei für eine Frau schwerer zu bekommen als das Ritterkreuz für einen Mann. Dann fragte er nach meinen finanziellen Angelegenheiten, wunderte sich, daß ich für die Stürzerei nichts extra bekäme, und fragte mich, ob mir denn sehr viel daran läge, bei ASKANIA zu bleiben, ob es nicht viel besser wäre, ich bekäme einen Staatsvertrag, da wäre ich doch unmittelbar beim Reich. Ich antwortete nach einigem Nachdenken, auf eine Weise wäre das ja sehr angenehm, weil dann die anderen Firmen mich nicht mehr als Konkurrenz ansehen würden, wie sie immer noch bisweilen täten, obwohl ich seit Kriegsbeginn vonASKANIA abkommandiert sei. Er sagte, es wäre ein Skandal, daß es jetzt im Krieg noch Firmengeheimnisse gäbe, aber es sei viel besser, ich käme zum Reich, er würde das schon machen, ich solle bei ASKANIA noch nichts sagen. –

Beim Essen gab es des Freitags wegen Fisch und Topfen-Pfannkuchen und einen leichten Tischwein, wurde sehr gemütlich vom Essen, von Görings Diät und seinen Tantalusqualen, von Frau Görings Kieferoperation, von möglichen Bombenangriffen der Engländer am 30., vom neu verstärkten Karinhaller Luftschutzbunker, von meinem merkwürdigen Manne, der mich so fliegen läßt, gesprochen. Göring fragte, ob er schon Professor wäre oder noch Dozent. Ich hatte das deutliche Gefühl, daß er ihn sofort zum Professor geschlagen hätte, wenn er’s noch nicht gewesen wäre. Auch von Edda war die Rede. Nach dem Essen ging man in einen anderen Salon, es gab einen erstklassigen Kaffee mit Rahm und Likeur oder Kognak. Erst um 4 Uhr löste sich das Ganze auf. Der Reichsmarschall fragte mich, ob er mich irgendwohin mit dem Wagen bringen könnte. Frau Göring drängte mir rührender Weise ein Päckchen Tee und Kaffee auf und lud mich dringend ein, jederzeit in einem ihrer Gastzimmer zu übernachten, auch mit meinem Mann, und so oft ich wollte in ihre Theaterloge zu kommen. Es war urgemütlich, der Ton vergnügt und humorvoll, und man hatte das Gefühl von einer aufrichtigen und rührenden Herzlichkeit.«

Es war urgemütlich im Hause Göring, aber es war die Zeit der Katastrophe von Stalingrad. Gerade in diesen Tagen schickten sich die Reste der 6. Armee unter Generalfeldmarschall Paulus im Kessel von Stalingrad zur Kapitulation an, und während die ausgemergelten deutschen Soldaten das bittere Los der Gefangenschaft und den elenden Tod vor Augen hatten – der größte Teil der Armee war bereits verwundet oder gefallen –, versuchte am 30. Januar 1943 der für seine Jovialität bekannte Reichsmarschall das grauenvolle Geschehen in ein Heldenepos umzustilisieren.

Es war aber auch die Zeit, als die Alliierten nach der Konferenz von Casablanca ihre Forderung nach bedingungsloser Kapitulation des Großdeutschen Reiches stellten und dadurch die Tatkraft der Widerstandskreise wesentlich beeinträchtigten, andererseits der Goebbels-Propaganda den nötigen Auftrieb verschaffen sollten (»Wollt ihr den totalen Krieg?«).

Wer jedoch im Hinblick auf solchen historischen Kontext meint, der Gräfin Stauffenberg nachsagen zu können, sie habe sich durch die Ordensverleihung im Hause Göring blenden oder gar durch die Machthaber »korrumpieren« lassen, verkennt ihre wahre Persönlichkeit ebenso wie derjenige, der andererseits allen Ernstes vermutet, sie habe »aus Verzweiflung« auf die Kriegsauszeichnungen Wert gelegt wegen ihrer belastenden Situation als »Halbjüdin.«

Da seit Ausstrahlung des Dokumentarfernsehfilms »Fliegen und Stürzen – Porträt einer außergewöhnlichen Frau« im Januar 1974 die Rechtmäßigkeit der EK-Verleihung an Gräfin Stauffenberg von Personen aus dem Umfeld der einstigen Machthaber in Zweifel gezogen oder gar überhaupt bestritten wurde, sahen sich die Angehörigen zu weiteren Recherchen und Korrespondenzen genötigt. Dieses unerfreuliche Kapitel darf schon deshalb nicht außer Betracht bleiben, weil die Gefahr der Legendenbildung immer besteht.

Mit Erstaunen mußte Dr. Pasewaldt 30 Jahre nach Kriegsende und nach dem tragischen Fliegertod der Gräfin Stauffenberg zur Kenntnis nehmen, daß Zweifel und Einwände auszuräumen sind. »Eigentlich könnte so etwas nur aus der Situation des 20. Juli 44 hergeleitet werden oder aus dem Arier-Ukas?« argwöhnte der frühere Generalstabsoffizier in seinem Brief vom 15. Februar 1975 an Klara Schiller. »Wer kann jetzt auf irgendeine Unregelmäßigkeit oder einen Zweifel hinweisen? Mit welcher Absicht und mit welchem erwarteten Effekt?«

Doch zur selben Zeit, ebenfalls im Februar 1975, sollte Frau Schiller von Hanna Reitsch brieflich erfahren, wie es »in Wahrheit« gewesen sei: »Betreffs des EK II«, so wurde ihr mitgeteilt, »hat der Freundes- und zum Teil auch Mitarbeiterkreis von Udet erfahren, wie die sogenannte Verleihung des EK II zustande kam, die keine gültige war. Wäre es nicht schrecklich, wenn die wahren Begebenheiten, die einigen Menschen bekannt sind, in Einzelheiten geschildert würden? Damit würde auch der zwar für die heutige Zeit günstigen, damals aber grausam belastenden Situation gedacht werden, durch das ›Nicht-Arier-Sein‹. Ich bin überzeugt, daß Melitta nicht nur auf Grund ihres Ehrgeizes, sondern vielleicht aus Verzweiflung – eben wegen dieser Belastung – sich zu diesem Schritt hinreißen ließ. Ich fände es um Melittas willen gut, wenn die Öffentlichkeit von diesen Einzelheiten nicht erführe.«

»Auch ich halte Ehrgeiz für die geradezu notwendige Triebfeder, um etwas Großes zu erreichen. Jetzt wäre es viel leichter, wenn Sie hier bei mir säßen und wir darüber reden könnten, denn eine schriftliche Erklärung kann noch verletzender wirken als eine mündliche, die durch Tonfall und noch nähere Erklärungen mildern kann. Ich will es nun versuchen, ohne zu verletzen, aber muß das noch mal wiederholen, was ich Ihnen bereits sagte und was mir selbst schon in Gedanken daran für Melitta peinlich ist. Bei ihr war es nicht der normale, gesunde Ehrgeiz, sondern sie ließ sich verführen, vielleicht aus einer inneren Verzweiflung oder Bedrückung heraus um ihrer rassischen Belastung willen, die sie vor ihrer Arbeitsstelle und möglichst allen verschweigen wollte. Vielleicht sagte sie sich: ›Auszeichnungen und Titel machen es unmöglich, mir wegen der rassischen Belastung die Arbeit eines Tages zu legen.‹ Das ist für mich die einzige Erklärung, warum sie sich verleiten ließ, sofort z. B. bei Professor Georgii in Darmstadt anzurufen, nachdem ich Flugkapitän wurde, – nicht um mir zu gratulieren, das tat sie mit keinem Wort, sondern um Georgii, der darüber peinlich berührt war, zu fragen, wodurch man dies werden könnte.

Oder den noch peinlicheren Fall, den Udet sehr aufgeregt Professor Georgii und mir berichtete und dazu sogar nach Darmstadt kam. Er erzählte, daß er etwas Dummes gemacht hätte. Er habe sich durch das ewige Drängen von Melitta breitschlagen lassen, ihr das EK II zu geben, und setzte dazu, ›um sie loszuwerden‹. Denn wenn er sie vorn rausschmiß, wäre sie hinten wieder hereingekommen (wortwörtlich). Sie solle es nicht an die große Glocke hängen. Melitta aber habe es veröffentlichen lassen. Und um nicht von Hitler belangt zu werden – der alleinig an Frauen EK verleihen konnte –, habe er den Reichspressechef sofort veranlaßt, in jeder Zeitung darüber zu schweigen. Die Reichsfrauenführerin, Frau Scholz-Klink, habe ihn schon empört angerufen, sie hätte sich im Hauptquartier bei Hitler erkundigt, und die Verleihung sei niemals ausgesprochen worden. Von da an schwieg alles, peinlich berührt …

Sehen Sie, liebe Frau Schiller, das ist die Form von Ehrgeiz, weshalb ich ihn mit negativem Beiklang erwähnte.«

»Peinlich berührt« wird man durch diese Darstellung schon, denn Udet war bereits über ein Jahr tot, als das EK an Gräfin Stauffenberg verliehen wurde. Insofern stellt sich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt gar nicht erst, und für den angenommenen Fall einer Verwechslung mit Generalfeldmarschall Milch stünden glaubhafte Zeitzeugen-Aussagen und Dokumente, wie noch zu zeigen sein wird, dazu im Widerspruch. Es erscheint unfaßbar, daß eine so herausragende, international anerkannte Fliegerin wie Hanna Reitsch, deren Verdienste und Leistungen hier in keiner Weise geschmälert werden sollen, sich unter der offenkundigen Nachwirkung eines eigenartigen Rivalitätsverhältnisses dazu hinreißen ließ, ihre Fliegerkameradin nach deren Tod der Unwahrhaftigkeit und des maßlosen Ehrgeizes in Briefen an deren Schwestern zu bezichtigen. Andererseits war Hanna Reitsch für ihr mutiges Engagement bekannt, wenn es galt, Legendenbildungen und Geschichtsfälschungen entgegenzutreten. …