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Paul Glaser - „Die Tänzerin von Auschwitz“

ISBN: 9-783-746-63248-3

 

Klappentext:

»Ein atemberaubendes Buch.« Neue Ruhr Zeitung Während eines Besuchs im Vernichtungslager Auschwitz entdeckt Paul Glaser einen Koffer mit seinem Familiennamen – er wird zum Ausgangspunkt einer 25 Jahre andauernden Suche nach dem verdrängten Teil seiner Familiengeschichte. In diesem Buch erzählt er die wahre Geschichte seiner unbeugsamen jüdischen Tante Roosje, einer Tanzlehrerin aus Amsterdam, die sich stets treu blieb, voller Entschlossenheit für ihr Leben stritt und es sich schließlich zurückerkämpfte. »Eine Geschichte von unerschütterlichem Überlebenswillen. « Änne Seidel, Deutschlandradio Kultur »Eines der außergewöhnlichsten Leben des 20. Jahrhunderts.« Washington Times

 

Inhalt:

Die Frau ist in der war einfach nur stark! - Sie erzählt in ihrem Buch ihre Geschichte, wie sie es erlebt hat, als Juden noch normal leben konnten, wie der Antisemitismus und die Verfolgung begann, und wie sie sich lange Zeit widersetzte. Auch die Menschen in ihrer Umgebung machten eine schleichende und doch merkliche Veränderung durch.

Gnadenlos erzählt sie von dem Versteckspiel, dem Kampf ums Überleben und den Kampf um ein klein wenig Recht.

Zu schade, dass ihre restliche Familie am Ende mit ihr gebrochen hat und es am Ende ein Neffe ist, der sich ihr wieder anzunähern versucht und dabei auch wieder auf Schweigen stößt.

 

Leseprobe:

… Als ich im Bahnhof Vught aus dem Zug stieg, sah ich zu meiner Überraschung auch andere Leute auf dem Bahnsteig, ganz normale freie Männer und Frauen, die auf einen Zug warteten. Als wäre alles in bester Ordnung, als wäre es ein schöner Wintertag wie jeder andere. Damen mit Hüten und Pelzkragen, adrett gekleidete Kinder mit tadellosem Haarschnitt, ein Mann mit Hut und einem Hund an der Leine, ein Mädchen mit einem dicken braunen Schal.

Für sie ging das Leben weiter wie gewohnt. Sie standen auf der »richtigen« Seite, sie gingen zur Arbeit oder zur Schule, sie streichelten ihre Hunde, aßen Kekse zum Tee. Und wir? Wir waren beraubt, zensiert, zu Sklavenarbeit und Ungewissheit verurteilt. Die Menschen sahen uns verlegen an, als wir inmitten bewaffneter Wachen an ihnen vorbeigingen. Dann fassten wir Tritt und marschierten ins nahe gelegene Lager Vught. Wir kamen an dem See vorbei, in dem ich im Sommer geschwommen war, und an dem Tanzpalast, den ich so gut kannte. Ich war dort viele Male aufgetreten, hatte mit riesigem Erfolg neue Tänze eingeführt, fröhliche Menschen waren um mich gewesen, und ich hatte mich prächtig amüsiert. Wie anders war jetzt alles! Wie eine Kriminelle wurde ich bewacht, mit Hunden und Gewehren.

Kontakte zur Außenwelt waren in der ersten Zeit im Lager Vught nicht möglich. Ich schrieb sofort an meine Eltern in Westerbork, bekam aber keine Antwort. Ein Brief an die Coljees blieb volle vier Wochen lang unbeantwortet. Später erfuhr ich, dass er nicht nach Naarden, sondern an den Judenrat in Amsterdam geschickt und von dort schließlich an die Coljees weitergeleitet worden war.

In Vught herrschten strengere Regeln als in Westerbork. Wir mussten regelmäßig zum Appell antreten – warum, war mir nicht klar. Wahrscheinlich nur, um uns zu schikanieren oder uns deutsche Disziplin beizubringen. Einmal mussten wir dreieinhalb Stunden draußen stehen. Die Frauenbaracken wurden von drei Niederländerinnen bewacht, NSB-Mitgliedern aus ’s-Hertogenbosch, Sadistinnen, schlimmer als die SS. Sie fingen beim geringsten Anlass an zu schimpfen, sie stießen uns herum, sie traten und schlugen uns, oft ohne jeden Grund. Auch die Zensur war schärfer. Die Häftlinge mussten gut leserlich in Großbuchstaben auf vorgedrucktes liniertes Papier schreiben, maximal dreißig kurze Zeilen, sonst wurde der Brief nicht befördert. Über die Vorgänge im Lager durften wir nicht berichten. Manchmal mussten unsere Briefe auf Deutsch abgefasst werden, dann wieder war Niederländisch erlaubt. Die Vorschriften änderten sich ständig. Jeder durfte nur alle zwei Wochen einen Brief abschicken, und immer wieder wurde aus heiterem Himmel eine Paketsperre verhängt.

Ich sondierte die Lage rasch und versuchte, mein Leben halbwegs wieder in den Griff zu bekommen. Eines Tages saß ich vor meiner Baracke und hörte zufällig ein Gespräch zwischen zwei Aufseherinnen mit an. »Erinnerst du dich an die Tanzlehrerin Crielaars?«, sagte eine von ihnen. »Schau mal, die da drüben, die sieht genau aus wie sie.«

»Stimmt«, sagte die andere. »Aber die ist aus Amsterdam über Westerbork nach Vught gekommen, nicht aus ’s-Hertogenbosch. Das kann sie nicht sein.«

Da konnte ich den Mund nicht halten und sagte so laut, dass sie es hörten: »Doch, die Tanzlehrerin war ich.«

Sie sahen mich erfreut an, und schon waren wir mitten im Gespräch und schwelgten in Erinnerungen.

Nach einigen Tagen bekamen meine Mitgefangenen unsere Plaudereien mit und reagierten bestürzt. Für sie sah es so aus, als hätte ich mich mit den NSB-Frauen angefreundet. Um keine Probleme zu bekommen, ging ich in alle Baracken und sagte offen und ehrlich, wie die Dinge lagen. Und ich versprach, alles zu tun, um meine neuen Kontakte zum Vorteil der Insassen zu nutzen. Allmählich gewann ich ihr Vertrauen zurück.

Ich hielt Wort und erreichte, dass wir nicht länger als eine Viertelstunde Appell stehen mussten und die Aufseherinnen sich bereit erklärten, uns nicht mehr grundlos zu schlagen. Auch verschaffte ich uns die Erlaubnis, täglich in Begleitung zweier SS-Männer im Lager spazieren zu gehen. So konnten die Frauen einen Blick auf ihre Ehemänner erhaschen und ihnen eine Nachricht oder ein kleines Päckchen über den Stacheldrahtzaun zuwerfen, der uns von ihnen trennte. Diese Erleichterungen steigerten meine Beliebtheit, und bald wurde ich zur Barackenältesten bestimmt.

Es war keine sehr anspruchsvolle Tätigkeit. Ich musste dafür sorgen, dass die Kranken behandelt wurden, ich musste Streitigkeiten unter den Insassen schlichten und Kontakt mit Aufseherinnen und SS-Leuten halten. Mehr war nicht zu tun. Es war anders als in Westerbork, wo ich ganztags als Sekretärin gearbeitet und die Abende mit Jorg verbracht hatte. Jetzt hatte ich reichlich Zeit und nahm die Arbeit an meinem Buch wieder auf. In einem neuen Kapitel schrieb ich über meinen ersten Kuss.

Es geschah, als ich sechzehn war, beim Mi-Carême (Mittfasten)-Ball in der Vereeniging. Als Balletttänzerin verkleidet, stand ich in meinem weißen Tutu an einer Säule in dem zum Ballsaal umgewandelten großen Konzertsaal und sah mir das bunte Treiben an. Nur zu gern hätte ich mich in die Ketten lachender, tanzender Menschen eingereiht, die an mir vorüberwirbelten. Ich begann mich gerade sehr einsam zu fühlen, als ein eleganter blonder junger Mann im Smoking auf mich zukam.

»Darf ich um diesen Tanz bitten?«, fragte er.

»Ja, gern«, antwortete ich geschmeichelt. Er nahm mich an der Hand und führte mich zur Tanzfläche. »Und mit wem habe ich das Vergnügen?«, fragte er.

»Ich bin Roosje. Und Sie?«

»Hubert.« Und schon wiegten wir uns in einem langsamen Walzer.

Hubert war ein guter Tänzer, aber er war nicht mehr ganz nüchtern, und während er mit mir durch den Saal tanzte, glitt seine Hand mein linkes Schulterblatt hinab und unter meinen rechten Arm. Das erregte mich, wie ich gestehen muss. Nach einem plötzlichen Trommelwirbel und dem anschließenden Applaus war der Tanz zu Ende, und wir lösten uns voneinander. Er bot mir seinen Arm, führte mich durch den Wandelgang und blieb vor einem der Spiegel stehen. »Wie schön du bist«, sagte er. Ich errötete noch tiefer und zog ihn kichernd weiter. Ich war wie berauscht. Jetzt war ich keine Zuschauerin mehr, jetzt spielte ich die Hauptrolle. Wir gingen an die Sektbar, und Hubert hob mich auf den einzigen noch freien Hocker, lehnte sich an die Bar und bestellte zwei Champagner. Es war der erste meines Lebens. Hubert hob sein Glas: »Auf unsere Bekanntschaft.« Nachdem wir ausgetrunken hatten, schoben wir uns eng aneinandergeschmiegt durch die Menge. Eine herrliche Wärme durchströmte mich.

»Es ist so heiß hier«, sagte ich Hubert ins Ohr, bevor wir die Tanzfläche erreichten. Er sah mich an, und wir verschwanden in die kühleren Gänge. An der Fluchttreppe blieb ich stehen. »Möchtest du da runter?«, fragte Hubert und zog mich enger an sich. Wir stiegen ein paar Stufen die Wendeltreppe hinab, und im schwachen Licht der Notbeleuchtung ließ ich mich widerstandslos von ihm in die Arme nehmen, spürte seinen warmen Körper an meinem, schmeckte seine Lippen. Lange standen wir so umschlungen und vergaßen die Zeit, vergaßen unsere Umgebung, dann lösten sich unsere Lippen voneinander, doch nur, um sich gleich darauf wieder zu finden.

Im folgenden Frühjahr ging ich jede Woche mehrmals in die Vereeniging. Hin und wieder traf ich Hubert dort, und er forderte mich zum Tanzen auf, erwähnte aber nie den wundervollen Mi-Carême-Ball im Jahr zuvor. Manchmal fragte ich mich, ob er sich überhaupt noch daran erinnerte. Doch da er mich jedes Mal begrüßte, dachte ich, er würde wieder das Gleiche tun wie damals.

Eines Tages, als ich auf dem Fahrrad den Tennisclub verließ, bog ein Kabriolett um die Ecke und hielt neben mir. »Roosje, du hier?«, sagte Hubert. »Ich wusste gar nicht, dass du Tennis spielst. Komm, ich fahr dich nach Hause. Dein Rad können wir morgen holen.« Er sprang aus dem Wagen, brachte es zum Club zurück und stellte es in den Fahrradschuppen.

Hubert fuhr auf die Hauptstraße und hielt vor einem Restaurant. Wir fanden einen Tisch im Freien unter den Buchen. Hubert beugte sich zu mir herüber. »Roosje«, sagte er, »du bist ja so braun gebrannt! Du siehst aus wie das blühende Leben.« …