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Eva Umlauf - „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“

ISBN: 9-783-455-85161-8

 

Klappentext:

"Vergessen Sie das Kind, es wird nicht leben." Mit diesen Worten wird Eva Umlaufs Mutter Anfang 1945 in Auschwitz konfrontiert. Ihre Tochter ist mit zwei Jahren eine der Jüngsten im Lager, ist, abgemagert und todkrank. Eva Umlauf wird sich später nicht an diese Zeit erinnern können, und dennoch schlummert das Erbe ihrer Vergangenheit unter der Oberfläche und prägt ihren gesamten Lebensweg.

 

Inhalt:

Eva Umlauf erzählt quasi ihre Lebensgeschichte. Sie wird in einem Konzentrationslager geboren und entgegen aller widriger Umstände übersteht Sie das erste und zweite Lebensjahr, übersteht die Experimente von Mengele und den Hunger.

Zusammen mir ihrer Mutter, die noch ein zweites Kind zur Welt gebracht hat, wird sie befreit und will ein normales Leben führen.

Als Jüdin hat sie es aber auch in den folgenden Jahren nicht immer leicht. Der Antisemitismus ist mit der Niederlage nicht aus den Köpfen der Deutschen verschwunden.

Eva Umlauf geht ihren Weg, auch wenn der nicht immer einfach ist. Sie macht Umwege, bis sie da ist, wo sie jetzt steht und findet sich immer wieder selbst. Uhr Schicksal, im Konzentrationslager geboren zu sein und dieses auch überlebt zu haben, holt sie immer wieder ein. Es hat sie mehr geprägt, als sie anfangs selber gedacht hat.

 

Leseprobe:

… Den Lebensunterhalt bestritten wir in den ersten Nachkriegsjahren mit den bescheidenen Einkünften aus einer Witwen- und Waisenrente, so dass meine Mutter zunächst nicht arbeiten musste, sondern sich um unsere Gesundheit und das Einrichten in der neuen Lebenssituation kümmern konnte, was ungeheure Kräfte in Anspruch nahm. Mit Hilfe des American Jewish Joint gelang es ihr, unsere Wohnung notdürftig auszustatten. Lebensmittel waren zunächst nur auf Marken zu erhalten, was für viele Menschen ein Problem darstellte, da die Rationen knapp bemessen waren. Glücklicherweise erhielten wir Zuteilungen für drei Personen, und da zwei davon noch Kleinkinder waren, konnte meine Mutter sogar Marken an Bedürftige weitergeben. Trotzdem war sie immer darauf bedacht, Vorräte anzulegen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit, aber auch später in der sozialistischen Planwirtschaft, war es häufig unmöglich, an frische Waren zu kommen. Und so wurde im Sommer wochenlang gesammelt, geerntet, geputzt und eingekocht – Marmeladen, Kompotte und saure Gemüse. Wir buken unser Brot selbst, ein köstliches Sauerteigbrot, das wir als Laib geformt freitags zum Bäcker in die Stadt brachten und am nächsten Tag gebacken abholten. Noch heute kitzelt der frische Brotgeruch in meiner Nase, so wie der Duft von Striezeln, die meine Mutter mit Mohn, Nüssen oder Kakao für das Wochenende vorbereitete. Eher mit Grauen erinnere ich mich an die Zubereitung von Hühnern, die es zu besonderen Anlässen gab. Meine Mutter kaufte ein solches – lebendiges! – Huhn auf dem Markt. Mit einer Rasierklinge wurde ihm die Kehle durchgeschnitten, es lief dann noch eine Weile blutend und kopflos im Hof umher, bevor der tote Körper zu zucken aufhörte und wir es mit heißem Wasser überbrühten, um die Federn zu rupfen. Noch heute freue ich mich jedes Mal, wenn ich im Supermarkt ein gerupftes und ausgenommenes Huhn kaufe, das ich zu Hause bloß in den Ofen zu schieben brauche. Einmal in der Woche kam eine Waschhilfe, um gegen ein geringes Entgelt beim Auskochen und Aufhängen der Wäsche zu helfen.

 

Bald nach dem Krieg erhielten wir sogar einige wertvolle Stücke aus dem Besitz meiner Großmutter mütterlicherseits zurück – zwei Silbertabletts, eine große silberne Obstschale und drei goldene Armbänder. Eine Nachbarin aus Bratislava hatte diese Gegenstände zusammen mit einigen Fotos über die Kriegszeit hinweg gerettet – fremd anmutende Relikte aus einer untergegangenen Welt, die uns Kindern noch von dem einstigen Wohlstand unserer Familie kündeten. Ich erhielt einen kleinen Lederkoffer, in dem ich meine Puppensachen aufhob. In der linken unteren Ecke des Deckels klebten zwei silberne Metallbuchstaben, T und L, die Initialen meiner Urgroßmutter Theresia Lichtenstein: »Darin hat deine Uroma ihre Nähsachen aufbewahrt«, erzählte mir meine Mutter. Am kostbarsten sind mir jedoch die Fotos meiner Familie, die ebenfalls bei dieser mir nicht weiter bekannten ehemaligen Nachbarin meiner Familie aus Bratislava überdauert haben. So habe ich wenigstens Gesichter zu den Namen der Ermordeten, Gesichter, in denen ich Ähnlichkeiten zu erkennen glaube – zwischen mir, meinen Söhnen und Enkeltöchtern mit unseren Ahnen.

Sehe ich mir diese Fotos an, verstehe ich auch, dass meine Mutter bei Nora und mir wohl immer ihre eigene, wohlbehütete Kindheit vor Augen hatte. Denn obwohl wir ja in äußerst bescheidenen Verhältnissen aufwuchsen, bemühte sie sich, uns wie Kinder aus besserem Haus auszustaffieren: Sie nähte uns modische Kleider nach den neuesten Schnitten und legte Wert darauf, dass wir identisch frisiert und gekleidet waren. Und so sehen wir auf vielen Bildern aus dieser Zeit aus wie Zwillinge. Was auf diesen Bildern nicht so oft zu sehen ist, sind die Volants, Schürzen und Ärmelschoner, die wir im Alltag über den kostbaren Kleidern tragen mussten, damit sie möglichst lange hielten.

 

Wir freundeten uns bald mit unseren Nachbarn an, den Karšais, auch eine jüdische Familie mit einer sieben Jahre älteren Tochter, Judka, und einem Sohn in meinem Alter, Janko. Vater Karšai hatte als Arzt mit Hilfe einer vynimka seine Familie vor den Deportationen schützen können, und es war ihm nach dem slowakischen Aufstand gelungen, seine Familie bei einem protestantischen Pfarrer zu verstecken. Nach dem Krieg wollte er nicht in sein altes Dorf zurückkehren, er glaubte, seinen Seelenfrieden besser zu bewahren, wenn er an einem neuen Ort nicht wusste, ob seine Nachbarn das faschistische System unterstützt und ihre jüdischen Mitbürger ausgeliefert hatten. Janko und ich finden diesen Gedanken bis heute völlig absurd, denn natürlich war überall bekannt, wer zu den slowakischen Faschisten gezählt hatte, wer jüdisch, wer katholisch, protestantisch oder kommunistisch war. Zwar redeten die Menschen nicht über ihre Vergangenheit, aber die einzelnen Gruppen blieben unter sich.

 

Vater Karšai begann in Trenčín als Betriebsarzt in einer großen Textilfabrik und wurde später Direktor des örtlichen Krankenhauses. Ihr eigenes Schicksal schien den Karšais im Vergleich zu unserem kaum erwähnenswert. Zeitlebens begegnete Janko meiner Mutter und mir beinahe mit Ehrfurcht, weil wir Auschwitz überlebt hatten: »Meine Eltern waren von Mitgefühl überwältigt und dem Wunsch, dieser jungen Frau und ihren zwei unterernährten Kindern zu helfen, sich niederzulassen und zu heilen«, schreibt Janko in einem Brief über diese Zeit. Unsere Mütter unterstützten sich im Alltag, beim Organisieren der Dinge für den täglichen Bedarf, beim Kochen und Babysitten, und Vater Karšai hatte für alle medizinischen Fragen ein offenes Ohr.

Nicht nur Familie Karšai reagierte mit so viel Mitgefühl. Egal, wohin wir in den ersten Jahren kamen, die Leute begegneten uns mit Ungläubigkeit: »Es ist ein Wunder, dass ihr lebt«, riefen sie erstaunt. Manche drehten sich zur Seite und unterdrückten ein Schluchzen, andere umarmten uns. Wildfremde Menschen strichen uns übers Haar und steckten uns Bonbons zu. »Also, das ist doch ganz unmöglich, dass ihr von dort zurückgekommen seid«, sagten sie voller Anerkennung. Ich erinnere mich nicht, dass meine Mutter jemals auf diese Kommentare geantwortet, oder dass sie jemals etwas über unser Überleben preisgegeben hätte. Gingen wir durch die Stadt, drehten sich die Leute nach uns um, steckten die Köpfe zusammen und raunten: »Seht diese Frau mit den beiden kleinen Kindern, sie ist Jüdin!« Mit dieser Besonderheit und der Aufmerksamkeit verbinde ich bis heute nichts Negatives. Im Gegenteil: Ich fühlte mich stolz, da zu sein. Ich rechnete mir diese Aufmerksamkeit und die Freude der Menschen als ganz persönliches Verdienst zu. Später im Leben hat es mich manchmal überrascht, dass Menschen nicht von vornherein überschwänglich und freudig auf mich reagiert haben. Seit meiner Kindheit kannte ich keine andere Reaktion.

 

Wenn ich heute darüber nachdenke, wird mir klar, dass diese freudige Reaktion auf meine Rückkehr wohl vor allem aus unserer jüdischen Umgebung stammte – denn die allgemeine Bevölkerung hatte ihre antisemitische Meinung nach Kriegsende ja nicht von einem auf den anderen Tag geändert. Im Gegenteil: Der slowakische Historiker Miloslav Szabó berichtet von antisemitischen Ausschreitungen unmittelbar nach dem Krieg, etwa in der Stadt Topoľčany, wo im September 1945 jüdische Rückkehrer Opfer eines Pogroms wurden. Nichtjüdische Frauen bezichtigten einen jüdischen Arzt, ihren Kindern Gift gespritzt zu haben, woraufhin sich in der Stadt nichtjüdische Einwohner zusammenschlossen und ihre jüdischen Nachbarn überfielen und deren Eigentum plünderten. Sogar die herbeigerufenen Militäreinheiten verteidigten nicht die Juden – sondern unterstützten den antisemitischen Mob. Auch in Bratislava kam es 1946 zu antisemitischen Ausschreitungen. Sogar unter den slowakischen Spitzenpolitikern kursierten die gleichen Parolen, die einst die Hlinka-Garden gegen die jüdische Bevölkerung skandiert hatten. Juden seien »soziale Ausbeuter« und »unzuverlässig«. …