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Monika Feth - „Nele oder Das Zweite Gesicht“

ISBN: 9-783-570-30045-9

 

Klappentext:

Beängstigende Begabung Nele hat das zweite Gesicht. Sie sieht Dinge, die in der Zukunft liegen. Die Bilder ängstigen Nele, sie kann mit ihren übersinnlichen Fähigkeiten nicht umgehen. Ein Spezialist für Parapsychologie ist ihre letzte Hoffnung, doch dem Wissenschaftler geht es keineswegs um Neles Wohl.

 

Inhalt:

Nele wohnt mit ihrer Familie an der Küste auf einem Bauernhof. Eigentlich ein ganz normales Landleben mit viel Arbeit und Schule. Wenn da nicht ihre Begabung wäre. Sie hat das so genannte zweite Gesicht und ist deswegen gleichermaßen gehasst und geliebt im Ort.

Doch das Leben ist mit dieser Gabe nicht einfach für Nele. Denn sogar die eigene Mutter bezeichnet es als "Zustände" und schleift sie deswegen sogar zum Doktor.

Der Freund des Doktors forscht auf dem Gebiet der Parapsychologie. Durch ihn erhofft sich Nele Hilfe. Und durch ihn macht sie auch die erste Reise ihres Lebens.

 

Leseprobe:

.. »Studierte«, sagt er verächtlich. »Für die zählen doch nur Bücher. Worte machen, darin sind sie die Größten. Was wissen die schon von einem Menschen aus Fleisch und Blut?«

»Blut. Mut. Flut. Tut«, sagt Tim. »Das reimt sich.«

Niemand geht darauf ein.

»Hut«, macht er leise weiter. »Wut. Gut. Warum hat der Mann Nele zum Weinen gebracht?«

»Weil er böse ist«, sagt die Mutter heftig, »und rücksichtslos. Er hat kalte Augen und angewachsene Ohrläppchen.«

»Er hat was?«, fragt Friedrich.

»Angewachsene Ohrläppchen. Solchen Menschen kann man nicht über den Weg trauen.«

Tim befühlt seine Ohrläppchen. »Mir kannst du trauen. Meine sind nicht angewachsen.«

»Mama«, sagt Friedrich in einem Tonfall, als spräche er zu einem kleinen Kind, »ich kenne tausend Leute mit angewachsenen Ohrläppchen. Du willst doch nicht behaupten, dass die alle Ungeheuer sind.«

Die Mutter nickt finster. »Und ob! Dieser Mann bringt uns Unglück ins Haus. Wart’s nur ab. Fragt doch tatsächlich, ob Nele fromm ist! Ja, meint er denn, wir sind weniger wert als andere, bloß weil wir nicht ständig in die Kirche rennen?«

Sie fährt mit der flachen Hand über die Tischplatte, wieder und wieder, als wolle sie besonders hartnäckigen Staub entfernen.

Oma hat still zugehört. An ihrem Hals haben sich rote Flecken gebildet, wie immer wenn sie sich aufregt.

»Ich bin von Anfang an skeptisch gewesen«, sagt sie. »Kann sein, dass dieser Mann Nele hilft. Kann aber auch sein, dass er alles schlimmer macht. Wer weiß das schon?«

Sie stützt sich schwer auf den Tisch und erhebt sich von ihrem Stuhl. »Fragt euch doch mal, warum er sich eigentlich für Nele interessiert. Für ein Mädchen, das er nie zuvor gesehen hat. Ein Mädchen, von dem er überhaupt nichts weiß.«

Sie wartet, doch niemand erwidert etwas.

Langsam geht sie zur Tür. »Sie ist bloß ein Fall für ihn. Ein Fall unter vielen anderen Fällen. Und das beunruhigt mich.«

Noch eine ganze Weile, nachdem sie die Küche verlassen hat, sitzt die Familie schweigend und betroffen da. Dann springt Nele auf und läuft Oma nach.

Sie findet sie in der Stube der Großeltern. Oma sitzt in dem Sessel beim Fenster und starrt vor sich hin. Nele setzt sich zu ihr auf die Lehne.

»Ich muss wagen hinzusehn, wenn die Bilder kommen«, sagt sie leise. »Aber ich hab den Mut nicht, Oma. Nicht alleine.«

Omas Finger zupfen nervös an der Gardine.

»Jemand muss mir dabei helfen. Jemand, der das kann. Sonst schaff ich es nie.«

Oma schüttelt den Kopf. »Er ist ein berühmter Mann, Nele. Und nun schau uns an. Wir sind einfache Leute. Das passt doch nicht zusammen.«

»Aber er will mit mir arbeiten. Er hat es selbst gesagt.«

Oma lässt die Gardine los, steht auf, geht zur Kommode und bleibt davor stehen. Die Kommode hat schon ihren Großeltern gehört. Das Holz ist dunkel und fleckig. Oma hängt sehr daran.

Auf der Kommode stehen Fotografien aufgereiht. Das Hochzeitsbild von Oma und Opa. Das von Neles Eltern. Fotografien von Friedrich, Nele und Tim in verschiedenen Altersstufen.

Oma nimmt eine Fotografie von Nele in die Hand. Sie streicht zärtlich mit den Fingern darüber und stellt sie zurück. Dann dreht sie sich zu Nele um.

»Willst du es denn, Nele? Willst du es wirklich?«

Nele schaut sich im Zimmer um. Ihr Leben ist ihr immer vorgekommen wie dieser Raum, sorgfältig eingerichtet, überschaubar und vertraut.

Bis die Bilder kamen.

»Ich glaube«, sagt sie, »ich habe gar keine Wahl.«

Oma holt tief Luft. »Kann ich wenigstens bei den Treffen mit diesem Mann dabei sein?«

Nele schüttelt den Kopf. »Er will, dass ich allein zu ihm komme. Mama hat sich heute ein paarmal eingemischt und das hat ihn ziemlich gestört.«

»Ich würde mich ja nur dazusetzen, meinetwegen in die dunkelste Ecke, und kein Wort sagen.«

Nele geht zu Oma hinüber. »Er wird mich nicht fressen, Oma. Ich pass schon auf mich auf.«

Oma nimmt Neles Gesicht in beide Hände. Sie lächelt. »Du bist stark, Kleines, das weiß ich. Viel stärker als ich.«

Nele macht sich von ihr los und gibt ihr einen Kuss. »Nie im  Leben. Noch in hundert Jahren werde ich nicht halb so stark sein wie du.«

Als Nele wieder in die Küche kommt, befinden sich die anderen in einem lebhaften Gespräch. Tim sitzt mit hochrotem Kopf und weit aufgerissenen Augen dabei, eifrig bemüht, den Worten zu folgen.

»Trotzdem ist er unsere einzige Hoffnung«, sagt die Mutter. »Nele braucht Hilfe und wir können sie ihr nicht geben.«

»Dann musst du auch seine Art hinnehmen«, sagt Friedrich. »Du kannst nicht seine Hilfe wollen und ihm dann vorschreiben, wie die auszusehen hat.«

Nele setzt sich auf die Bank, zieht die Füße hoch und umschlingt die Knie mit den Armen.

Friedrich berührt sie an der Schulter. »Was meinst du, Schwesterherz? Willst du weitermachen?«

»Ja. Immerhin hab ich A gesagt. Da kann ich vorm B doch nicht kneifen!«

Friedrich grinst. »Das hab ich erwartet. Meine Schwester lässt sich nicht ins Bockshorn jagen, von niemandem, und sei er noch so eine Berühmtheit.«

»Diese Berühmtheit bringt schon jetzt alles durcheinander«, sagt Opa schroff. »Es ist längst Melkzeit.« Er trinkt seinen Tee aus, stellt die Tasse auf die Spülmaschine und schlurft zur Tür. Nele zieht ihre Jacke an und folgt ihm über den Hof.

Opa öffnet die Tür vom Zwinger, um Bettie herauszulassen. Fiepend vor Freude, drückt sie sich an seine Knie. Opa tätschelt ihr liebevoll den Rücken, der mit dem Alter doppelt so breit geworden ist.

»Du hast es dir gründlich überlegt?«, fragt er über die Schulter.

»Sehr gründlich«, sagt Nele. »Ich weiß nicht, was sonst noch alles mit mir passiert.«

Opa reibt sich nachdenklich das Kinn. Nele hört das feine, kratzende Geräusch.

»Weißt du«, sagt er schließlich, »wahrscheinlich hat dieser Krill oft mit Leuten zu tun, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Sie kommen mit den fantastischsten Geschichten daher, und er steckt eine Menge Zeit in die Untersuchungen, bloß um zum Schluss zu erfahren, dass man ihn an der Nase herumgeführt hat. Kein Wunder, dass er sich vorher absichern will.«

»Ich lüg ihn bestimmt nicht an«, sagt Nele. »Er kann mich fragen, was er will.«

Opa streckt die Hand nach ihr aus und zieht sie wieder zurück, ohne Nele berührt zu haben. »Genug geredet.« Er drückt das Stalltor auf. »Die Kühe sind schon ganz unruhig.«

Warm schlägt ihnen die Luft entgegen. Nele greift nach dem Besen und beginnt mit der Arbeit.

Ein Kälteschwall strömt herein, als der Vater den Stall betritt. Rasch schließt er das Tor hinter sich und sieht als Erstes nach Berthe. Sie hustet seit ein paar Tagen. Der Husten sitzt tief und hat einen beängstigenden Klang.

Der Vater klopft ihr beruhigend den Hals. Für übermorgen ist der Tierarzt bestellt. Noch scheint es nicht nötig zu sein, ihn vorher kommen zu lassen.

Nele versorgt den Bullen, trägt die Milcheimer zu den Kälbern, mistet ihre Boxen aus, gibt frisches Stroh hinein, füttert die Schweine und ist gerade auf dem Weg zu den Kaninchen, als sie plötzlich stehen bleibt.

Sie horcht. …