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Erik Axl Sund - „Krähenmädchen“

ISBN: 9-783-442-48494-2

 

Klappentext:

Kommissarin Jeanette Kihlberg leitet die Ermittlungen bei einer grausamen Mordserie: In Stockholm werden mehrere Jungenleichen gefunden, die Zeichen schwerster Misshandlung tragen. Eines der Opfer war in Behandlung bei Psychotherapeutin Sofia Zetterlund. Jeanette bittet sie, ein Täterprofil zu erstellen, doch Sofia taucht dabei immer mehr in ihre eigene Vergangenheit ein. Und auch bei der Beschäftigung mit einer Patientin, Victoria Bergman, kommen dunkle Erinnerungen an die Oberfläche. Während Jeanette und Sofia einer Gruppe kaltblütiger Machthaber näherkommen, wissen sie bald nicht mehr, wem sie noch trauen können – vielleicht nicht einmal sich selbst.

 

Inhalt:

An einem Busbahnhof findet man die Leiche eines Übel zugerichteten Jungen. Noch bevor auch nur die Identität des Kindes geklärt ist, taucht die nächste, ähnlich gefoltert Leiche auf. Im Gegenzug dazu werden aber auch keine Kinder als vermisst gemeldet.

Die Polizistin kniet sich richtig in die Ermittlungen rein. Schließlich muss sie ihrem Chef auch endlich mal beweisen, dass sie mit Recht behaupten kann, eine gute Polizistin zu sein.

Doch während sie glaubt, dem Ermittlungsziel näher zu kommen, bricht ihre Familie auseinander und sie entdeckt ihre lesbische Ader. - Aber den Ermittlungen tut das augenscheinlich alles andere als gut.

 

Leseprobe:

… Reiß dich zusammen. Du bist stärker als das hier.

Ihre Erinnerungen an die folgenden Ereignisse waren lediglich unscharf. Aber sie wusste noch, dass Samuel aufgestanden war und den Schreibtisch so heftig angerempelt hatte, dass der Becher mit den Stiften umgekippt und ihr auf den Schoß gerollt war. Und sie wusste noch, wie er sie angezischt hatte.

Erst auf Krio.

»I redi, an a de foyu. If yu ple wit faya yugo soori!«

Ich bin bereit, und ich bin hier, um dich zu holen. Wenn du mit dem Feuer spielst, wirst du es bereuen.

Dann auf Mende.

»Mambaa manyani … Mamani manyimi …«

Es hatte sich angehört wie Kindergeplapper, und die Grammatik war eigenartig gewesen, aber sie hatte keinen Zweifel am Inhalt der Worte gehabt. Und sie hatte diese Worte schon einmal gehört.

Danach hatte er sie grob am Hals gepackt und hochgezerrt, als wäre sie eine Puppe. Und da war alles um sie herum schwarz geworden.

Als Sofia das Weinglas an den Mund hob, zitterten ihre Hände, und ihr wurde klar, dass sie geweint hatte. Sie fuhr sich mit dem Ärmel ihrer Bluse über die Augen. Sie wusste, dass sie ihre Erinnerungen sortieren musste.

Die Sozialarbeiterin hat ihn abgeholt, dachte sie.

Sofia wusste noch, dass sie Samuel mit einem Lächeln wieder an seine Betreuerin übergeben hatte. Als wäre rein gar nichts vorgefallen. Aber was genau war davor wirklich passiert?

Das Seltsame war, dass die einzige Erinnerung die an ein ihr wohlbekanntes Parfum war.

Das Parfum von Victoria Bergman.

Der Schock, dachte Sofia, und vielleicht auch der Sauerstoffmangel, als er versucht hat, mich zu erwürgen. Das muss es gewesen sein.

Aber sie wusste auch, dass das nicht die ganze Wahrheit war.

Sie schenkte sich Wein nach.

Ich kann meine Patienten nicht mehr auseinanderhalten, stellte sie fest, während sie ein paar Schlucke nahm. Das ist der wahre Grund, warum ich das hier nicht geregelt kriege.

Samuel Bai und Victoria Bergman.

Dieselben jähen Wechsel zwischen verschiedenen Identitäten.

Durch den Schock und den Sauerstoffmangel war ihr Verstand außer Gefecht gesetzt gewesen, sodass ihre einzige Erinnerung an den Vorfall mit Samuel in der Praxis eine Erinnerung an Victoria Bergman war.

Ich schaffe das nicht mehr, gestand sie sich ein. Es reicht nicht, dass ich die nächste Sitzung mit ihm absage – ich muss die Behandlung einstellen. Ich kann ihm im Augenblick nicht helfen.

So werde ich es machen, dachte sie und spürte sofort die Erleichterung angesichts ihrer Entscheidung.

Manchmal muss man eben Schwäche zeigen.

Das Klingeln ihres Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Sie starrte auf die Nummer des Anrufers.

»Ja, hallo?«, meldete sie sich zögerlich.

»Mein Name ist Jeanette Kihlberg, Polizei Stockholm. Spreche ich mit Sofia Zetterlund?«

Nicht gerade professionell, wie sie sich gemeldet hatte. Sie verfluchte sich innerlich. »Entschuldigen Sie, ich bin gerade in einer Besprechung und habe vergessen, mein Handy auszuschalten …«

»Ah, soll ich später noch mal anrufen?«

»Nein, Entschuldigung, warten Sie einfach einen Augenblick …«

Sofia stand auf und betrat das Lokal. Es war so gut wie leer, aber zur Sicherheit schlich sie sich zu den Toiletten und schloss sich in einer der Kabinen ein, damit keine Geräusche aus der Bar oder der Küche verrieten, dass sie definitiv nicht in einer Sitzung war.

»So, jetzt können wir ungestört reden.«

»So spät am Freitag haben Sie noch eine Besprechung?«

»Ja … Ist eher … sagen wir mal, es ist administrativer Natur.« Manchmal kamen die Lügen wie von selbst, und sie war selbst beeindruckt von ihrer Fantasie.

»Es geht um einen Ihrer Patienten, Karl Lundström. Es deutet einiges darauf hin, dass er in einen Fall verwickelt sein könnte, in dem ich derzeit ermittle. Lars Mikkelsen hat mir empfohlen, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, weil Sie bereits mit Lundström gesprochen haben sollen. Mich würde interessieren, ob er Ihnen irgendwas erzählt hat, was uns weiterhelfen könnte.«

»Das kommt ganz darauf an, worum es geht. Wie Sie sicher wissen, unterliege ich der Schweigepflicht, und wenn ich nicht irre, brauchen Sie einen richterlichen Beschluss, wenn ich mich zu einer laufenden Untersuchung äußern soll.«

»Der ist schon beantragt.«

Sofia setzte sich auf den Toilettendeckel und starrte auf die vollgekritzelten Wandfliesen.

»Ich ermittle im Fall zweier toter Jungen, die erst gefoltert und dann ermordet wurden. Ich nehme an, Sie lesen Zeitung oder sehen die Nachrichten, Sie haben das alles bestimmt schon mitbekommen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir etwas über Lundström erzählen könnten, so unbedeutend es Ihnen auch erscheinen mag …«

Sofia mochte den Tonfall der Frau nicht. Er war einfühlsam und überheblich gleichermaßen. Es hörte sich an, als versuchte sie, ihr mit einer dreisten Lüge Informationen zu entlocken, die Sofia nicht herausgeben durfte.

Sie war fast beleidigt. Was glaubten die eigentlich von ihr?

»Wie gesagt, ich kann mich erst dazu äußern, wenn Sie mir einen entsprechenden richterlichen Beschluss vorlegen. Im Übrigen habe ich meine Unterlagen zu Karl Lundström momentan ohnehin nicht zur Hand.«

Sie konnte die Enttäuschung der Frau geradezu hören. »Verstehe. Falls Sie es sich anders überlegen sollten, können Sie sich ja melden. Ich bin für jeden Hinweis dankbar.«

Es klopfte an der Toilettentür, und Sofia erklärte, dass sie das Telefonat jetzt beenden müsse. …