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Celeste Jones, Kristina Jones, Juliana Buhring - „Nicht ohne meine Schwester“

ISBN: 9-783-404-61647-3

 

Klappentext:

Kristinas, Celestes und Julianas Familie ist die Sekte "Kinder Gottes", in der sie den Misshandlungen und dem Missbrauch durch erwachsene Sektenmitglieder hilflos ausgesetzt sind. Die Schwestern werden schon früh voneinander getrennt und leben in verschiedenen Missionsstationen der Gemeinschaft. Sie träumen von einem Wiedersehen, fürchten aber den Zorn Gottes, wenn sie sich dem Willen der "Familie" widersetzen. Schonungslos offen erzählen die Schwestern von den seelischen Grausamkeiten und der Gewalt unter dem Deckmantel des Glaubens. Ihre Geschichte ist voller schmerzlicher Erinnerungen, aber auch das Zeugnis einer mutigen Befreiung und dem Weg in ein neues Leben.

 

Inhalt:

Celest Ihre Eltern gehören einer Sekte an, die sich die Familie nennt. Celest wird in diese Welt hinein geboren und ihr wird von Anfang an klar gemacht, dass sie etwas Besonderes ist. Dass Gott einzig die Mitglieder der Familie bei einem Weltuntergang überleben lässt.

Doch Celest macht eine noch weitaus Schlimmeres Martyrium durch. Sie wird im Namen des Glaubens von zahlreichen Männern auf die verschiedensten Weisen missbraucht.

Uhr Vater verlässt die Familie (also seine Familie, nicht die Sekte), weil Gott ihm das angeblich befohlen hat. Er zeugt mit mehreren Frauen noch Kinder verschiedener Nationalitäten und kümmert sich dann stellenweise nicht mehr darum.

Celest schafft nicht als erste der Familie den Absprung. Doch sie schafft ihn und baut sich in Freiheit ein neues Leben auf.

Und das ist nur ein Schicksal von vielen Menschen, die in Sekten gefangen sind.

 

Leseprobe:

… Meine Brüder und ich ließen Joshua stehen und stürmten durch Pass- und Gepäckkontrolle, um nach unserer Mum zu suchen. Mit unserem kleinen Bruder Christopher auf dem Arm wartete sie in der Ankunftshalle auf uns. Sie sah wunderschön aus, wie immer, mit ihren langen Haaren und dem strahlenden Lächeln. Lachend und weinend vor Glück, stürzte ich ihr entgegen und umarmte sie und meine kleinen Geschwister. Als ich Mum ansah, lösten sich die letzten zwei Jahre mit ihren Qualen in Luft auf. Wir waren wieder zusammen, und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich liebte sie immer noch. Sie war meine Mum. Doch dann spürte ich, dass Joshua näher kam. Mum hob den Kopf, und ihr Lächeln erstarb. Ich hielt die Tränen zurück, denn ich wusste, er würde mich für meinen Gefühlsausbruch schlagen. Wenn nicht hier in aller Öffentlichkeit, dann auf jeden Fall später, wenn wir unter uns waren.

Wir stiegen in einen vor dem Gebäude geparkten Van, und ich fragte Mum, in welcher Kommune wir unterkommen würden. »Nein, wir fahren zu einer Wohnung«, entgegnete sie. Als sie hörte, dass wir nach England kommen würden, hatte sie sofort eine Wohnung gesucht. Im Haus ihrer Eltern, in dem sie bisher gewohnt hatte, war nicht genug Platz für uns alle. Und man hatte ihr gesagt, dass alle Kommunen voll besetzt seien. Eine schwangere Frau mit zwei kleinen Kindern wollte niemand bei sich aufnehmen.

Sobald wir in der Zweizimmerwohnung in Twickenham im Westen von London ankamen, duschten wir und erholten uns von dem langen, anstrengenden Flug. Die Atmosphäre war angespannt, und ich wusste, dass Joshua etwas im Schilde führte.

»Ich möchte, dass wir uns trennen«, begann er.

Mum nickte. »Ja, ich weiß. Nun, ich wüsste nicht, was dagegen spricht …«

Doch seine nächsten Worte machten alles zunichte. »Ich will Jonathan, Rosemarie und Kiron behalten. Ich nehme sie mit.«

»Was?«, fragte Mum und schnappte nach Luft. Fast wäre ich kerzengerade in die Höhe gefahren, es gelang mir jedoch, mich zu beherrschen, während ich weiter zuhörte.

»Es sind meine Kinder. Übrigens wird Nina im Jumbo auf den Philippinen aufgenommen. Du musst ein Formular unterschreiben, in dem du der ›Familie‹ das Sorgerecht überträgst.«

Meine Mum schien nicht zu begreifen. »Auf den Philippinen?«, wiederholte sie.

Joshua erklärte ihr, dass alle Kinder der »Familie« auf das Ende der Welt vorbereitet würden. Deshalb schickte man sie in verschiedene Ausbildungszentren, in denen ihre Eltern sie nur am Sonntag für zwei Stunden besuchen konnten. Wie immer begriff er nicht, welches Leid diese willkürlichen Trennungen verursachen mussten. Stattdessen betonte er, dass zu enge familiäre Bindungen die notwendige Loyalität gegenüber der Gruppe gefährden konnten, und wedelte mit dem Formular, das über meine Zukunft entscheiden sollte, vor Mums Nase herum.

Dass sie Celeste verloren hatte, schmerzte meine Mutter zutiefst, und sie hatte Gott jeden Tag angefleht, sie wieder mit ihren Kindern zusammenzubringen. Und jetzt, wo sie zum ersten Mal seit Jahren sechs von uns um sich hatte, erklärte ihr dieser Mann mit brutaler Offenheit: »Drei sind meine Kinder, und deine Tochter Nina gehört der ›Familie‹.« Sie musste befürchten, dass von ihr verlangt wurde, auf alle ihre Kinder zu verzichten.

»Ich bin müde. Ich unterschreibe die Papiere später«, wehrte meine Mutter ab. Sie wusste, dass es zur Praxis der »Familie« gehörte, abtrünnigen Eltern die Kinder wegzunehmen und sie der »Familie« zu übergeben. Manche Kinder lebten seit Jahren von ihren Eltern getrennt, und manche sahen sie nie wieder. Sie wussten auch nicht, wie und wo sie nach ihnen suchen sollten, denn inzwischen hatten sie andere Namen bekommen.

An unserem dritten Tag in Twickenham kam Mum in unser Zimmer, während Joshua schlief, und flüsterte uns zu: »Kommt, wir gehen ein bisschen raus, damit Dad seine Ruhe hat.« Dann brachte sie uns leise aus der Wohnung.

Sie hatte offenbar keinen festen Plan, und da es im Park zu kalt war, ging sie mit uns in die örtliche Bibliothek, und wir setzten uns an einen Tisch im Lesesaal. Ihre nächsten Sätze versetzten mich in maßlose Verblüffung. Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte.

Sie sah uns der Reihe nach an und blickte dann so ängstlich über ihre Schulter, als hätten die Bücher Ohren oder könnten aus den Regalen kommen, um uns zu bestrafen. »Ich habe meine Meinung über Grandpa Mo geändert«, flüsterte sie leise. »Ich glaube nicht mehr, dass er wirklich ein Prophet Gottes ist.«

Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und und schnappte nach Luft. Irgendetwas begann, sich in mir zu regen wie ein Keim der Hoffnung. Dennoch wagte ich kaum, Mums Worten zu glauben.

Meine Mutter redete so hastig, als befürchtete sie, dass der Mut sie wieder verließ oder dass wir von Joshua oder von einem Spion der »Familie« ertappt wurden. »Vor ein paar Monaten war ich hier in der christlichen Buchhandlung. Ich habe in einem Buch über religiöse Kulte geblättert und einen Satz entdeckt, der den Dogmen der »Familie« widerspricht, und habe es sofort wieder zugeschlagen. Die Gehirnwäsche war so perfekt, dass ich dachte, Dämonen seien am Werk. In der Buchhandlung gab es auch ein Buch von Mos Tochter Deborah Davis mit dem TitelDie ungeschminkte Wahrheit.

Ich erinnerte mich an Mos Brief über dieses Buch und nickte.

»Ich hatte große Angst«, fuhr meine Mutter fort. »Und ich befürchtete, dass Dämonen von mir Besitz ergreifen könnten, sobald ich darin blättern würde. Ich habe gezögert, habe es dann aufgeschlagen, aber doch wieder weggelegt. Schließlich hatte Mo das Buch für tabu erklärt, da es von seiner ältesten Tochter geschrieben war, die sich gegen ihn gewendet hatte.«

»Und was hast du dann getan?«, erkundigte ich mich.

»Ich war neugierig geworden und ging ein paar Tage später wieder in die Buchhandlung, aber ich habe vor Angst am ganzen Leib gezittert. Ich habe mich nervös umgeschaut, als könnte mich jederzeit ein tödlicher Blitzschlag treffen. Ich bin eine halbe Ewigkeit durch den Laden gelaufen, aber das Buch hat mich angezogen wie ein Magnet. Ich musste es einfach haben. Schließlich schnappte ich es und lief hastig zur Kasse, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Es war die verbotene Frucht, aber ich musste davon kosten. An der Kasse zitterte ich so heftig, dass ich kaum das Geld abzählen konnte. Ich habe bezahlt und bin aus dem Geschäft gerannt.«

Noch am selben Abend begann Mum, das Buch zu lesen, und konnte gar nicht mehr aufhören – schockiert, angewidert und schließlich überzeugt. »Ich konnte kaum glauben, was ich da las, aber ich wusste tief in meinem Innern, dass es die Wahrheit war. Es war eine äußerst schmerzhafte Erkenntnis, dass ich so viele Jahre lang getäuscht und betrogen worden bin. ›Die Wahrheit macht dich frei‹, heißt es in der Bibel, und genau das hat das Buch getan: Es hat mich befreit.« Sie blickte uns eindringlich an, während sie weiter zitierte: »›Ich höre es wohl, was die Propheten predigen und falsch weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die falsch weissagen und ihres Herzens Trügerei weissagen …?‹«

Ich nickte, denn ich kannte die Bibel auswendig. »Und Mo ist so ein falscher Prophet«, sagte ich, und endlich fiel der Schleier von meinen Augen.

Wie meine Mutter begriff ich nun, wie man uns getäuscht, kontrolliert und manipuliert hatte. Als Mum erklärte, sie wolle Joshua und die »Familie« verlassen, wurde mir eine schwere Last von den Schultern genommen, und Tränen brannten in meinen Augen. Ich widersprach ihr nicht. Genau wie sie wünschte ich mir ein Leben, in dem wir nicht von strengen Betreuern drangsaliert wurden oder unter einem cholerischen und autoritären Stiefvater zu leiden hatten. Ich war überglücklich, hatte aber gleichzeitig auch Angst: um uns und um Mum, die zitterte wie Espenlaub.

Die mutige Entscheidung meiner Mutter werde ich immer bewundern. Mir ist bewusst, wie schwer es für sie war, auf ihre so lange unterdrückte innere Stimme zu hören und die Kraft aufzubringen, sich selbst zu befreien. Doch der entscheidende Impuls war die Drohung, uns zu verlieren. Sie erklärte, sie müsse etwas Dringendes erledigen, und ließ mich mit meinen Geschwistern allein. …