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Tom Jacuba - „Kalypto – Die Magierin der tausend Inseln“

ISBN: 9-783-404-20806-7

 

Klappentext:

Unter der Führung der skrupellosen Priesterin Catolis haben die Insulaner von Tarkatan das Bergreich der Königin Ayrin erobert. Niemand ahnt, dass Catolis zu einer verloren geglaubten Magierkaste gehört. Sie strebt danach, ein Volk zu versklaven, das ihr Reich Kalypto neu erbauen soll. Doch dem Waldläufer Lasnic ist es gelungen, die Königin des Bergreichs zu retten und mit ihr zu fl iehen. Im Schutz der Wälder und mithilfe des Waldvolks planen sie einen Gegenschlag ...

 

Inhalt:

Das Buch schließt direkt an den ersten Band an. Fast nahtlos stürzt der Leser in die Handlung hinein.

Die gestürzte Königin kann mit ihren letzten Getreuen fliehen. Unterwegs kann sie auch an ihren Waldmann richtig heran kommen und die beiden kommen quasi zusammen.

Doch auch Lauka bleibt nicht untätig. Sie entdeckt die Magie, die der Mondsteinring ihr schenkt und wird mächtiger und mächtiger. So mächtig, dass sie die skrupellose Magierin Catolis in ihre Gefangenschaft bringen kann. Durch Folter bricht sie ihren Geist und kann vieles erfahren und lernen.

Doch auch den Hass auf ihre Schwester verliert sie dadurch nicht. Das Königreich glaubt sie eh verloren, durch die Blutsäufer. Dann kann sie auch ihre Schwester verfolgen.

Doch die ehemalige Königin hat mit dem Waldmann einen Mann an ihrer Seite, der nicht mit Gold aufzuwiegen ist.

 

Leseprobe:

… »Wie ist euch die Flucht gelungen? Wie kommt ihr hierher?« Ayrin lief mit Loryane und Sigrun an der Spitze und überschüttete die Herzogin mit Fragen. »Wer sind die anderen, deren Spuren wir gefunden haben? Was bei der Großen Mutter bedeutet denn der zerbrochene tarkanische Säbel an der Feuerstelle?«

Sigrun erzählte. »Nach dem Fall Violadums bin ich mit einigen Getreuen nach Rothern geflüchtet. Die Blutsäufer nahmen Seebergen im Sturm. Wilmis, ich und unsere Kampfscharen versuchten vergeblich, den Staudamm zu halten.« Die Worte stürzten nur so über ihre Lippen. »Sie überrannten uns einfach, ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Während des Kampfes stürzte ich über die Dammmauer in den See.«

Die Herzogin von Violadum erzählte, wie es ihr, nur leicht verletzt, gelang, sich schwimmend und tauchend ans Ufer zu retten. Nach vielen Tagen und Nächten in den Löwenbergen sammelte sie einige Dutzend versprengte Ritter und Schwertdamen um sich. Mit ihnen schlug sie sich durch bis zum Trochauer Hügelland und dann durch liebliche Weidelandschaft bis zur Küste.

»Wir hatten nämlich gehört, dass ein Teil der tarkanischen Flotte dort vor Anker liegt und nur wenige Blutsäufer die Schiffe bewachen«, schloss sie ihren Bericht. »In einer stürmischen Nacht enterten wir eine feindliche Galeere. Auf ihr fanden wir fünfzig Weihritter aus Violadum. Sie waren völlig entkräft und an Ruderbänke gekettet. Seit wir das offene Meer erreicht haben, versuchen wir die Männer von den Ketten zu befreien. Mit Steinen, Speeren und Säbeln. Daher die zerbrochene Klinge an der Feuerstelle.«

Mit über siebzig Garonesen und zwei tarkanischen Gefangenen an Bord war Sigrun nicht weit von der Feuerstelle entfernt vor Anker gegangen. Ayrin hörte das mit großer Erleichterung – Romboc, Lasnic und die anderen Männer würden also eine ähnlich erfreuliche Überraschung erleben wie sie und die Frauen.

»Und jetzt ihr«, sagte Sigrun. »Auf welchem Weg habt ihr euch bis zur Alten Karawanenstraße durchgeschlagen?« Ayrin überließ es Loryane, von den schweren Tagen zu berichten, die hinter ihnen lagen. Sigrun weinte, als die Kriegsmeisterin den mörderischen Angriff der Sumpfechsen schilderte. Und sie weinte, als sie hörte, dass ihr Vater zu den Flüchtlingen um die Königin gehörte. Diesmal vor Freude.

An der Feuerstelle begrüßte sie Schrat und flatterte ihnen krächzend entgegen. Keine Spur von den Männern, dabei berührte die Abendsonne schon den Horizont. Gumpen band Ritter Braun los und legte ihm die erlegte Hirschkuh auf den Rücken. Am Strand später winkten die Männer und Frauen, bis drei Ruderboote von der Galeere ablegten und sie abholten.

An Strickleitern kletterten sie an Bord. Dunkelheit lag schon über Meer und Strand. Fackeln und Öllampen flammten auf. Die schwere Jagdbeute und Lord Frix’ Steinbock kurbelten Lasnic und Romboc mit einem Flaschenzug aus dem Ruderboot und über die Reling. Romboc schrie laut auf, als er seine Jüngste erkannte. Er umarmte sie, als wollte er sie nie wieder loslassen.

Kaum hatte Ayrin die Deckplanken unter den Sohlen, stand schon der Waldmann vor ihr und schloss sie in die Arme. »Dem Wolkengott sei Dank«, seufzte er. »Ich dachte erst, wir müssen uns mit hundert Bräunlingen prügeln, und auf einmal stehen da Schwertweiber aus Garona. Ich bin vom Strand zum Schiff geschwommen und splitternackt gewesen.« Er feixte.

Ayrin merkte, wie um sie herum das Stimmengewirr sich legte, und erschrak erst, weil alle sie beobachteten. Doch dann ließ sie sich an Lasnics Brust sinken und gab ihre Scham auf. Sollte doch jeder sehen, dass der Waldmann jetzt ihr gehörte. Die Stunde würde schon noch kommen, in der sie ihren Getreuen offiziell verkünden konnte, dass Lasnic von Strömenholz ihr fortan als Thronritter diente.

»Ich habe Angst um dich gehabt«, flüsterte sie. »Künftig wirst du dich nicht mehr von mir trennen. Hörst du? Ich bin deine Königin, ich kann dir das befehlen.«

»Ich bin ein freier Waldmann«, flüsterte er. »Ich befehle mir selbst und was ich will. Und ich habe entschieden, mich nie mehr von dir zu trennen.«

Sie drückte ihm einen Kuss auf die haarige Brust, machte sich los von ihm und sah ihm in die Augen, und das mit strenger und zugleich ernster Miene. »Es wird nicht einfach mit dir«, sagte sie und wandte sich von ihm ab.

Loryanes brennender Blick traf sie. Sofort wandte die Kriegsmeisterin sich der Menge zu. Sie winkte Pirol Gumpen hinter sich her und stieg mit ihm ins Unterdeck hinunter. Was war nur los mit der Freundin?

Auf dem Schiff sprach sich schnell herum, dass die Königin an Bord war. Ayrin wurde gefeiert, und bis zu den Ruderbänken hinunter hallte es von Segensrufen wider: »Glück unserer Königin, Frieden unseren Städten, Segen dem Reich!« Viele weinten, während sie auf diese Weise mit ihrer Königin auch ihre Hoffnung hochleben ließen. Die Ritter und Schwertdamen waren außer sich vor Erleichterung.

Ayrin stieg zum Ruderdeck hinunter. Und wieder stießen die Angeketteten Segensrufe aus, als sie an den Bänken vorbeiging. Ayrin hob die Arme und brachte die jungen Ritter zum Schweigen. »Wir segeln nach Baldor!«, rief sie. »Dort sammeln wir unsere Kräfte und stellen mit unseren Verbündeten ein Heer auf. Wir werden die Städte Garonas von der Knute der Blutsäufer befreien!«

Die Männer auf den Ruderbänken brachen in Jubel aus. Aus einem Verschlag stierten zwei braunhäutige Gefangene feindselig durch die Gitterwand. Und aus dem Augenwinkel nahm Ayrin wahr, wie Lasnic sie von der Seite musterte. Seine Miene war auf einmal düster, sein Blick traurig.

Erst sieben Ritter hatten Sigruns Krieger bislang von ihren Ketten befreien können. Diese Sieben halfen Gumpen dabei, die anderen Männer von ihren eisernen Fesseln zu befreien. Noch über vierzig Ritter hingen erschöpft über den Holmen. Die tarkanischen Schmiede hatten ganze Arbeit geleistet, um ihre Sklaven für den Rest ihres Lebens an die Ruderbänke zu fesseln.

Sorgfältig untersuchte der Hüne aus dem hohen Norden Ketten und Schellen nach dem schwächsten Eisenglied ab. Glaubte er es gefunden zu haben, hielten vier Männer Arme und Ketten der noch Gefesselten auf einem großen Stein oder einem kleinen Fass fest, während Gumpen eine Spitze seines Dreizacks ansetzte, um das Kettenglied aufzuhebeln.

Lord Frix schob sich an Ayrin heran. »Sei Gabbelkling isch aus ’nem b’sonnere Ärz g’schmiedet«, flüsterte er ihr zu und schnitt eine ehrfürchtige Miene. »Härda als alles, was es uff dere Welt gebbe dut, hatta mal g’sagt: Eiseärz aus de Große Wildnis.«

Ayrin zog zweifelnd die Brauen hoch. Die Nordleute unterhielten Handelsbeziehungen mit den monströsen Bewohnern der Großen Wildnis? Noch nie hatte sie davon gehört. Sie glaubte es auch jetzt nicht.

Am nächsten Morgen ruderten dreißig Ritter und Schwertdamen an Land, um Proviant, Trinkwasser und Feuerholz zu beschaffen. Pirol Gumpen befreite die restlichen Männer von ihren Ketten.

Am Tag darauf ließ Ayrin die Anker lichten. Sie stachen Richtung Osten in See.

*

Im ersten Morgengrauen stieg Ayrin zum Außendeck hinauf. Westwind blähte die Segel. Vier junge Weihritter kletterten in der Takelage des Hauptmastes, am Bug stand eine Hochdame. Loryane. Mit ihr wollte Ayrin sprechen. Sie setzte sich in Bewegung.

In Höhe des Ruderhauses hörte sie Stimmen. Sie blieb stehen und lauschte. Jemand weinte. Eine Frauenstimme mischte sich in kehliges Schluchzen und Schnäuzen. Beides kam aus dem Ruderhaus. Ayrin stieg die Treppe hinauf. Joscun am Steuerruder grüßte stumm, zog die Brauen hoch, deutete mit einer Kopfbewegung zur Ruderhaustür. Ayrin trat ein.

Auf den Planken neben einem Tisch mit Karten und Instrumenten, die Ayrin nicht kannte, hockten Sigrun und ihr Vater Romboc. Romboc barg seinen struppigen Grauschopf an ihrer Schulter und schluchzte. Auch Sigrun hatte nasse Augen.

Vater und Tochter hatten einander wohl berichtet, wie es ihnen ergangen war im Laufe des vergangenen Mondes; wahrscheinlich sprachen sie auch über Tanjassin, die Tochter und Halbschwester. Ayrin wollte sich zurückziehen und die Tür wieder schließen, doch Sigrun gab ihr mit einer Geste zu verstehen, sie möge bleiben. Ayrin setzte sich an Rombocs andere Seite, nahm seine Hand und streichelte sie.

So saßen sie, hielten einander fest und erzählten einander mit leisen Stimmen von Tanjassin – von ihren Taten, von ihrem Wesen, von ihrer klugen Herrschaft über Blauen, die nördlichste Stadt des Reiches. Keiner hegte noch die Hoffnung, sie lebend wiederzusehen.

Später ließen sie Romboc allein im Ruderhaus zurück und gingen die Treppe zum Außendeck hinunter. »Tanjassins Mutter war die erste große Liebe meines Vaters«, sagte Sigrun leise.

»Er hat es mir erzählt.« Ayrin nickte. »Nur zweimal habe er geliebt, sagte er. War die zweite große Liebe deine Mutter?«

»Nein.« Sigrun setzte sich auf die Stufen. »Eine Frau aus Kalmul. Er hat sie aus der Sklaverei befreit.«

»Wann?«

»Vor beinahe zwanzig Wintern, während einer Expedition in den Süden des Großen Ozeans. Damals hat mein Vater eine Burg der Kalmulen erobert. Dort traf er sie.« …