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Erich Loest - „Durch die Erde ein Riß“

ISBN: 9-783-423-11318-2

 

Klappentext:

'Auf einen Tag freu ich mich wie verrückt', sagte L., 'auf den 13. August einundsechzig. Da hab ich die Hälfte meiner Strafe rum.' ›Durch die Erde ein Riß‹ ist Erich Loests Autobiographie, ein deutscher Lebenslauf von exemplarischem Rang. Loest gehörte der Generation von Hitlerjungen an, die gegen Ende des Krieges in die Uniform gesteckt wurden. Als künftiger 'Werwolf' abkommandiert, entrinnt er dem Heldentod nur knapp. Jugendliche Naivität und Abenteuerlust sind rasch geschwunden. Das Gefühl, nun alles besser machen zu sollen, trifft mit der Goldgräbermentalität der Anfangsjahre in der DDR zusammen: Auch Loest hofft, einer neuen, besseren Sache zu dienen, als er mit 21 Redakteur der ›Leipziger Volkszeitung‹ und SED-Mitglied wird. Aber wegen angeblicher 'Standpunktlosigkeit' wird er gefeuert. Nach dem 17. Juni 1953 und nach Chruschtschows Geheimrede 1956 schreibt der schwarze Griffel in Loests Kaderakte weiter. Der Dreißigjährige glaubt, mit seinem moralischen Rigorismus einen Kurswechsel fördern zu können. Aber dafür muß er bitter bezahlen.

 

Inhalt:

Erich Loest erzählt aus seinem Leben. Er erinnert sich, wie sein Leben verlaufen ist. Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass er in der Hitlerjugend war, und dass er diesen Ideologien gefolgt ist. Man kann seinen Text gut entnehmen, wie heiß er darauf war, endlich aktiv in den Krieg einzugreifen.

Erlebnisse im und nach dem Krieg gehen leider im Schreibstil etwas verloren. Aber sie sind da. Die ganze Handlung gipfelt mit den Erlebnissen in der Haftanstalt Bautzen II. - Der für mich interessanteste Teil.

 

Leseprobe:

… Auch das geschieht nach fast dreißig Jahren: Vater, sagen seine Kinder, sei bloß froh, daß du beizeiten wieder rausgeflogen bist, stell dir vor, du wärst heute Vizepräsident des Verbandes oder Direktor des Literaturinstituts oder Schlimmeres, hättest die Brust voller Orden – könntest du denn dann nochschreiben? Über diese Gegenwart schreiben? Da läßt der Chronist Kollegen im Geiste an sich vorbeiziehen, die versucht haben, die Kluft zwischen Macht und Geist zu schließen, er sieht den verfluchten Inneren Zensor in sich etabliert, erlebt sie befangen in Parteidisziplin und Staatsräson, wie sie Apothekerwaage und Mikrometerschraube bemühen beim Grübeln, wieviel Kritik am Gegenwärtigen ihr Werk vertrüge. Er hörte davon, wie ein Bezirksvorsitzender in der Biermann-Affäre gegen aufmüpfige Kollegen nach vorn getrieben wurde, und als sich der Kurs abschwächte, rief ihm derselbe Funktionär, der ihn angespornt hatte, öffentlich zu: »So geht das nicht, steck den großen Hammer ein!« Und dieser arme Vorsitzende brüllte nicht zurück: »Du hast mir doch den Hammer erst in die Hand gedrückt!« Wie kann einer, überlegt der Chronist, der sich so krumm macht, über diese seine Zeit schreiben? Der Chronist erlebt, wie sich Funktionärskinder mit ihren Eltern verkrachen, wie sich Eltern von Kindern und Kinder von Eltern distanzieren – wer von den führenden Genossen Schriftstellern, die den Bruch im eigenen Haus erlitten, wäre willens und fähig, über ihn zu schreiben? Vater, sagte die Tochter des Chronisten einmal gar, sei froh, daß du im Knast warst! Das fand er nun doch ein wenig happig, aber er entwickelte weiter: Wenn ich feig bin, bin ich feig, wenn ich nicht zu meinem Wort stehe, ist das charakterlos. Meine über mich befindenden Kollegen können sich immer hinter einen übergeordneten Beschluß und Auftrag zurückziehen, sie können mich aufs Kreuz legen und doch ihre Moral behalten. Das ist ein hübscher Unterschied. Für einen Schriftsteller ist er lebenswichtig.

Einmal saß der Chronist mit Juri Trifonow, dem Moskauer Erzähler, beim Wodka. Gleichaltrig sind sie, als L. »Das Jahr der Prüfung« schrieb, arbeitete Trifonow an »Studenten«; sie fanden allerlei Gemeinsamkeit und kamen auf eine These, die Max Walter Schulz, ein schreibender Funktionär, zur Zeit des »Bitterfelder Wegs« ersonnen hatte: Ein Schriftsteller müßte ein Amt haben, um mit dem Rund- und Durchblick eines Lenkers und Leiters seine Werke zu schaffen. Da entwickelte L., er habe eine Zeitlang angenommen, es müßte sicherlich Schreiber mit Amt, aber es müßte ebenso Schreiber ohne Amt geben, die letzteren schrieben über die Leute ohne Posten, die Kleinen, die Arbeiter ohne Macht und Ehrgeiz zum Aufstieg. Und nun, sagte L., frage er sich, ob diese Ansicht richtig sei. Da tranken sie noch einen Wodka und wiegten die Köpfe, L. dachte an die Führenden unter den Schriftstellern in der DDR, Trifonow dachte an seine Funktionäre daheim. Noch einen Wodka tranken sie, und schließlich verkündeten sie: Ein Schriftstellerdarf kein Amt haben!

Das war 1976, aber noch stecken wir ja im fernen Jahre 1952, und L. trug seine Aktentasche nach Berlin. Er kam zurück und gab Weisungen weiter, Stipendien gewährte er oder lehnte ab. Mit Kuba, dem Generalsekretär, spann er einen haltbaren Faden. Damals war es so eingerichtet, daß ein Schriftsteller zwei Jahre lang als Generalsekretär tätig war, dann folgte ein anderer. Keiner sollte zu lange von seiner Hauptarbeit entfernt werden – sollte vielleicht auch keiner eine Hausmacht errichten? Das ging an die zehn Jahre so, dann rückte ein Berufsfunktionär auf diesen Posten und hielt ihn länger als fünfzehn Lenze, und wenn er nicht gestorben ist, dann funktioniert er noch heute. Einmal sagte Kuba: Erich, jetzt bist du noch sehr jung, und geschrieben hast du noch nicht genug, aber so in zehn Jahren – ich könnte mir vorstellen, daß du dann mal für zwei Jahre auf diesem Stuhl sitzt. Und L. konnte es sich auch vorstellen.

Nun trat auch Annelies der SED bei, ein logischer Vorgang. Im Demokratischen Frauenbund strebte sie mit für die Aktivierung der Frauen im Gleichberechtigungs- und Friedenskampf. Manchmal gab’s dort Kaffee und Kuchen; Tasse und Löffel mußten mitgebracht werden. Kein Verweilen: Fahnen heraus, denn Stalin übergab den Westmächten einen Vorschlag für einen Friedensvertrag mit Deutschland. Eine Chance für die endliche Einheit – heute weiß jeder, daß es die letzte war. Die Westmächte zögerten, Adenauer hielt sich an ihre Weisungen. Voll lief der Propaganda-Apparat, auch L. agitierte in Hausversammlungen. Der Zeitungsleser findet aus diesen Tagen: Stalin-Friedenspreis für Anna Seghers. Ein Großbauer hatte eine Landarbeiterin böse unterbezahlt und war nun angeklagt. »Wadewitz saß da wie aus Stein. Nur ab und zu schossen giftige Blicke aus seinen dichtbewimperten tiefliegenden Augen. Welche Gedanken mochten sich hinter dieser niedrigen Stirn verbergen?« Kalter Krieg im kleinen.

Auch L. und seine Freunde erwogen, wie es ihnen bekäme in einem vereinigten Deutschland, in dem die SED nur noch Oppositionspartei sein könnte. Wie, beispielsweise, kam ein Schriftsteller zurecht, der mit »Die Westmark fällt weiter« gegen bürgerlich-westliche Literatur zu konkurrieren hätte? Nicht sonderlich wohl fühlten sich L. und seine Freunde bei diesem Gedanken. Doch er wurde als kleinbürgerlich zurückgedrängt: Das ganze Deutschland soll es sein!

Da sah mit einem Schlag alles anders aus. Gebührlich lange war auf Antwort des Westens auf Stalins Vorschläge gewartet worden, nun reagierte die SED: Auf der II. Parteikonferenz im Juli 1952 verkündete sie den Aufbau des Sozialismus in der DDR. In einem vielstündigen Referat legte Ulbricht alle Umstände dar: Wie Stalin schon 1930 festgestellt hatte, lebten wir in der Periode der Kriege und Revolutionen, und die widersprüchlichen Entwicklungen in den USA, in England, Frankreich, Japan, Italien und Westdeutschland müßten zu innerkapitalistischen Kriegen führen. Westdeutschland sei national versklavt, die arbeitenden Massen würden doppelt durch aus- und inländisches Kapital ausgebeutet, so stünde die Bevölkerung Westdeutschlands vor der Notwendigkeit, den nationalen Befreiungskampf breit zu entfalten. Die KPD müsse sich dabei an die Spitze stellen. In der DDR aber werde der Sozialismus planmäßig aufgebaut. »Delegierte erheben sich von den Plätzen. Minutenlanger Beifall, Zuruf: Das ZK unserer Partei, es lebe hoch!« Drei Punkte stellte Ulbricht ins Zentrum: Brechung des Widerstandes der gestürzten Großkapitalisten und Großagrarier, Aufbau des Sozialismus durch Zusammenschluß aller Werktätigen um die Arbeiterklasse, Schaffung von bewaffneten Streitkräften, die erfüllt sein sollten vom Haß gegen die Imperialisten. Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften sollten gegründet werden, den Künstlern wurde zugerufen, eifriger von den Meistern der Sowjetunion zu lernen und den Kampf gegen den Formalismus zu verstärken. Kein Warten mehr, vorwärts!

Herrnstadt, Chefredakteur von ›Neues Deutschland‹ geißelte den Verfall des amerikanischen Brückenkopfes Westberlin und zitierte einen Arbeiter vom Wedding: »Die Arbeiter von Westberlin warten förmlich darauf, daß man sie zum Kampf organisiert.« Bei dem Wort Kampf wurde der Kampf mit der Waffe keineswegs ausgeschlossen, unter Umständen galt er sogar als unausbleiblich. Herrnstadt rief von der Konferenztribüne: »Berlin war rot, als der Sozialismus noch in der Zukunft lag. Wie sollte Berlin nicht rot sein, wenn der Sozialismus mitten in seinen Mauern wächst!«

Wie sollte das unseren Mann nicht schwindlig machen: Nur sieben Jahre war es her, daß der Eleve L. auf den Feldern Kahnsdorfs ein Pferd vor Bombenblindgänger gespannt hatte. Vor acht Jahren war er durch Zeithains Sand gerobbt, Zielansprache: Iwan Daumenbreite links vom Ziehbrunnen. Bechers Nationalhymne, beschwörend, daß nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweine, war keine drei Jahre alt. Militaristischen Geist hatte L. aus sich herausreißen wollen, er hatte sich zu eigen gemacht, daß eine Hand verdorren sollte, die wieder eine Waffe erhob. Eben noch hatte ihn Brechts Zeile frösteln lassen: Das große Carthago führte drei Kriege. Jetzt sah er Mädchen im Blauhemd, die Lippen schmal und die Augen trotzig, durch Leipzigs Straßen marschieren, das Luftgewehr an der Schulter. …