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Heribert Schwan, Tilman Jens - „Vermächtnis – die Kohl Protokolle“

ISBN: 9-783-453-20077-7

 

Klappentext:

Innenansichten der Macht Es geht um nichts weniger als ein historisches Vermächtnis: In 630 Stunden hat Helmut Kohl seine Lebenserinnerungen zu Protokoll gegeben. Sein Gesprächspartner: der Historiker, Journalist und Autor Heribert Schwan, den Helmut Kohl als Ghostwriter seiner Memoiren ausgewählt hatte. Drei Bände der Erinnerungen des Kanzlers sind erschienen, dann endete die Zusammenarbeit jäh. Zuletzt ist auf öffentlicher Bühne ein Kampf um die 'Deutungshoheit über ein politisches Leben' (Berliner Zeitung) entbrannt: Wie ist Helmut Kohls Wirken zu verstehen? Was ist wahr, was ist verzerrt am Bild dieses Jahrhundertpolitikers? Durch wen erfahren wir, wie er dachte, taktierte, handelte? Am besten durch den Altkanzler selbst, ungefiltert, in seinen eigenen Worten – anhand der 'Kohl-Protokolle'. Erstmals werden sie hier der Öffentlichkeit vorgelegt.

 

Inhalt:

In den Kohl-Protokollen geht es im Prinzip um die Tonbandkassetten, die im Rahmen seiner Biografie entstanden sind. Heribrt Schwan, der Ghostwriter der Biografie, sollte sie heraus geben. die Söhne Kohls und auch seine 2. Frau wollten gar die Entstehung dieses Buches verhindern.

Doch Heribert Schwan hat gekämpft. Heraus kam eine nette Mischung aus tatsächlich Gesagtem und Anmerkungen dazu.

Der Leser lernt Herrn Kohl von einer ganz neuen, der menschlichen Seite, kennen.

 

Leseprobe:

… Die Reaktionen vor Ort, schwärmt Kohl, seien »ungeheuerlich« gewesen. Auch Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, habe ihm Anerkennung gezollt. »Aber schlagartig nach diesem Termin ist die Rede verschwunden.« Er war stolz auf seine Botschaft über den Umgang mit der braunen Vorzeit, aber kaum einer hat die Worte des deutschen Kanzlers wahr- oder ernstgenommen. Alle Welt redete nur über von Weizsäcker, dessen Vortrag der gekränkte Kohl eine »Anbiederungsrede« nennt. Er gibt sich entrüstet: »Die eine Rede hat nie stattgefunden, und die andere ist eine Bilderbuchrede fürs deutsche Schulbuch. Das ist aus meiner Sicht ein kardinales Beispiel, wie man fälschen kann.« Die Memoiren, hofft er, könnten die Dinge endlich ins Lot bringen und der Nachwelt dokumentieren, »wer die erste Rede gehalten hat«.

Es scheint, als wollte sich dieser Mann von über siebzig Jahren in einem kindlichen Wettlauf beweisen: Wer als Schnellster am Katheder anschlägt, hat gewonnen. Für Helmut Kohl steht der Sieger fest. Er hat in der Tat siebzehn Tage vor dem »Freiherrn«, wie er von Weizsäcker gern nennt, über den Tag der Kapitulation, den Tag der Befreiung gesprochen. Der Bundespräsident hat in seine Rede gar eine jüdische Weisheit eingeflochten, die auch der Kanzler zuvor in Bergen-Belsen zitierte: »Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.« Ja, es gibt Parallelen, und doch sind die Unterschiede gravierend.

Kohl hat am 21. April 1985 gewiss nichts Falsches gesagt in der niedersächsischen Gedenkstätte. »Die Mahnung dieses Ortes darf nicht verloren gehen, darf nicht vergessen werden.« Redlich versucht er, das Entsetzen über den Terror in Bilder zu fassen: »Zwölf Jahre lang war das Licht der Menschlichkeit in Deutschland und in einem Teil der Jahre in Europa von allgegenwärtiger Gewalt überdeckt.« Mit wuchtigen Adjektiven treibt er das Gewicht seiner Sätze nach oben. Die Gedanken der Nazis waren »teuflisch«, ihre Vorurteile »primitiv«, ihre Brutalität »gewissenlos«. All das ist nicht sonderlich originell. Aber was zählt im politischen Tagesgeschäft schon das Handwerk der Rhetorik? Nicht frei von Häme erinnert er im ausgedienten Ping-Pong-Keller an das Exempel Strauß: »Der Franz Josef war ein großer Redner mit wunderbaren Bildern. Aber die Leute haben ihn nicht zum Kanzler gewählt.«

Auch Richard von Weizsäcker hält einiges vom akkurat gesetzten Wort. Über Wochen hat er an seiner Jahrhundertrede gefeilt. Der 8. Mai ist für ihn »kein Grund zum Feiern«. Verbale Platzpatronen sind ihm zuwider. Er spricht nachdenklich und leise. Er reflektiert über das Wesen der Schuld (ein Begriff, den der Kanzler umgeht). Die Metaphern, die er bemüht, sind stimmig. »Neben dem unübersehbar großen Heer der Toten erhebt sich ein Gebirge menschlichen Leids.« Und ebendies benennt der Bundespräsident höchst konkret. Der Erste Bürger der Republik ehrt das Andenken der Toten des Krieges, der sechs Millionen ermordeten Juden, der umgebrachten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen. Ausdrücklich würdigt er die »Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten«.

Am Ende steht bei Weizsäcker ein Appell, der scheinbar ganz harmlos daherkommt und der es doch in sich hat – gerade wenn man die Rede aus einer Distanz von beinah dreißig Jahren betrachtet. »Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.« Zu dieser Wahrheit gehört für Richard von Weizsäcker im Frühling 1985 der Verweis auf die deutsche Einheit. Denn auch ein gemeinsames Trauma verbindet. »Wir Deutschen sind ein Volk, eine Nation. Wir fühlen uns zusammengehörig, weil wir dieselbe Geschichte durchlebt haben. Auch den 8. Mai 1945 haben wir als gemeinsames Schicksal unseres Volkes erlebt, das uns eint.« Nur vier Jahre später, 1989, sollte sich zeigen: Das war ein visionärer Blick nach vorn.

Kohl indes hat eine eher konventionelle Gedenkrede gehalten, die ohne Zweifel ehrenwert war und die Zuhörer aufrief »zur Trauer, zur mahnenden Erinnerung und zur Versöhnung«. Allerdings: Die rhetorische Übung diente nicht zuletzt der eigenen Sache, denn der Kanzler stand in diesen Wochen mächtig unter Beschuss. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, beim nahenden Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan zum Jubiläum des Kriegsendes auch einen Besuch auf dem Soldatenfriedhof Bitburg ins Programm zu nehmen. Der pfälzische Totenacker beherbergt jedoch auch Mitglieder der deutschen Waffen-SS. Entsprechend ließ der Aufschrei im In- und Ausland nicht lange auf sich warten. Die geplante Kranzniederlegung, protestierte Gideon Hausner, der einst Eichmann in Jerusalem angeklagt hatte, sei »ein Sieg Hitlers«. Das war gewiss übertrieben, aber ein gerüttelt Maß an historischer Unsensibilität verriet die Wahl des Gedenkhaines schon.

Das Kapitel Bitburg, auf das Kohl im Gespräch beharrlich zurückkommt, gehört zu den besonders schmerzlichen Erfahrungen in seiner an Skandalen nicht armen politischen Vita. Da konnte ein über jeden Zweifel erhabener Auftritt in Bergen-Belsen, an einem Ort der Opfer, durchaus willkommen erscheinen. Auch Ronald Reagan war innenpolitisch wegen der geplanten Visite des Soldatenfriedhofs massiv unter Druck geraten: »Das, Herr Präsident, ist nicht Ihr Platz. Ihr Platz ist bei den Opfern der SS!«, hatte ihm Elie Wiesel, der Vorsitzende der amerikanischen Holocaust-Kommission, eingeschärft. Also entschied der mächtigste Mann der Welt, dass er, gemeinsam mit Kohl, am 5. Mai 1985, Stunden vor seiner Visite in Bitburg, Bergen-Belsen einen Besuch abstatten werde. Hier Anne Frank, dort die Waffen-SS: Im tollkühnen Spagat geht es durch die jüngste deutsche Geschichte.

Die Kanzlerrede aus dem April schien vielen kaum mehr als ein wohlkalkuliertes Vorprogramm. Dass in diesen Tagen durch den Spiegel auch noch eine private Äußerung des amtierenden Sprechers der Bundesregierung Peter Boenisch publik wurde, es sei »das Letzte, dass man noch vierzig Jahre nach Kriegsende durch KZs laufen muss«, machte das Ganze nicht einfacher.

Das alles ist bei der Bewertung der Kanzlerworte mitzubedenken, die – aus dem Blickwinkel des Vortragenden – in grobem Undank verkannt wurden. Mehr als ein Jahr danach, im Juni 1986, wird das Presse- und Informationsamt seine Rede und die Richard von Weizsäckers in einer schmalen Broschüre mit dem Titel Nachdenken über unsere Geschichte nebeneinanderstellen. Und als es dann später ans Memoirenprojekt geht, bittet er seine Gesprächspartner eindringlich: »Habt ihr nicht einen gescheiten Menschen bei der Hand, der die beiden Reden vergleichen könnte?« Die synoptische Anstrengung jedoch wäre kaum zu Gunsten des Altkanzlers ausgefallen. In den Erinnerungen werden Weizsäckers Gedanken mit keiner Silbe bedacht, und Kohl darf sich im Kapitel »Vierzig Jahre danach« rühmen, seine »Grundsatzrede« in Bergen-Belsen sei »eine der wichtigsten Bewertungen und Analysen zur jüngsten deutschen Geschichte, die ich während meiner Kanzlerschaft gegeben habe«. Der einzig gültige Maßstab bleibt immer er selbst, Helmut Kohl.

Natürlich ist er tief im Innern klug genug, um zu wissen, dass er, was das Reflexionsniveau angeht, gegen den intellektuellen Geist in der Villa Hammerschmidt chancenlos ist. Und auch in der Kunst der Rede. In Bonn pfeifen es selbst die Parteifreunde vom Dach, dass der Regierungschef nun einmal kein Rhetor ist. Ein wohlmeinender Mitpfälzer aus Landau, der CDU-Politiker Stephan Eisel, einst stellvertretender Leiter des Bonner Kanzlerbüros, hat das Drama in einem Buchessay auf den Punkt gebracht: Wenn Kohl eine große Rede vom Blatt liest, dann hört sich das an wie das Telefonbuch, und wenn Weizsäcker das Telefonbuch vorliest, hört sich das an wie eine große Rede, wie »eine geistige Wegweisung«. Was das Gedenken an den 40. Jahrestag der Kapitulation angeht, kommt erschwerend hinzu, dass der Bundespräsident nicht das Telefonbuch verlesen und der Kanzler keine wirklich bedeutsame Rede gehalten hat.

Kohl aber versucht – es steht zu vermuten: wider besseres Wissen – beim Gespräch im heimischen Keller Gehör zu finden für die Annahme, dass seine »Rede zum Anlass des 40. Jahrestages der Befreiung des KZs in keinem Deut hinter der Rede des Weißhaarigen zurückgetreten ist«. Wie sehr muss er unter der eloquenten Lichtgestalt leiden! Er mag ihn nicht einmal beim Namen nennen, den Bundespräsidenten, der ihn in den Schatten gestellt hat (und die Bitburger Kanzlerrede in seinen Memoiren mit keiner Silbe erwähnt). »Der Weißhaarige!« Wer Kohl die Schau stiehlt, wird herabgewürdigt; es ist das alte Muster. »Ich hätte sicherlich weniger Streit gehabt, wenn ich nicht auch mit Genuss beleidigt hätte«, bekennt er am 22. Juli 2001, noch ganz unter dem Eindruck von Hannelores Tod. Er ist tieftraurig. Aber die üble Nachrede bereitet noch immer Vergnügen: »Es war ein Teil meiner Lebensfreude, diese Subjekte zu beleidigen.«

Zu diesen Subjekten zählte eigentlich jeder, der Helmut, dem Barocken, die Laune verdarb, seine Pläne und Strategiespiele durchkreuzte: der politische Gegner, aber vor allem die Spezies der vermeintlichen Parteifreunde. …