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Jurek Becker - „Bronsteins Kinder“

ISBN: 9-783-518-38017-8

 

Klappentext:

Damals, 1973, lebte Hans zusammen mit seinem Vater. Mit Martha, der Frau, die er liebte, fuhr er häufig zu dem Häuschen des Vaters vor der Stadt. Eines Tages fand Hans das Haus besetzt. Dies war der Beginn einer Geschichte, die sein Leben veränderte: In dem Haus wurde ein Mann gefangengehalten.

 

Inhalt:

Ein junger Mann. Gerade hat er das Abitur bestanden, möchte sich nur regelmäßig mit seiner Freundin  treffen. Doch das Waldhäuschen, welches sie immer für ihre Stelldicheins nutzen, ist plötzlich belegt. Sein Vater und zwei Freunde halten hier einen ehemaligen KZ-Aufseher gefangen. Sie quälen und foltern ihn. Eben so, wie er es wohl mit Juden getan hat.

Doch Verhältnis des Jungen zu seinem Vater, wird immer schlechter. Der Vater hält seinen Sohn kurz und baut unter der Last der Entführung mehr und mehr ab. Do lang, bis er das Leben hinter sich hat.

Der Junge erbt Geld, kann bei den Eltern seiner Freundin wohnen und sich von den Geschehnissen erholen. Aber das Leben ruft.

 

Leseprobe:

… Während das Wasser ins Spülbecken einlief, schlich ich zurück: er saß noch immer mit dem Brief. Ich sah nur seinen Rücken, die Körperhaltung kam mir wie die eines aufgewühlten Menschen vor.

In langen Verhandlungen hatten wir die Hausarbeit zwischen uns aufgeteilt, es war genau geregelt, wer einzukaufen, Staub zu wischen, zu saugen und abzuwaschen hatte; in diesem Monat waren Einkauf und Abwasch meine Sache, und ich mußte Vater die Möglichkeit nehmen, mich nach Bedarf ins Unrecht zu setzen.

Als ich mit den Gläsern fertig war, bemerkte ich, daß er sich an den Küchentisch gesetzt hatte. Ich wusch weiter ab. Er war gekommen, um mit mir zu sprechen, nicht um meine Hausarbeit zu kontrollieren, das spürte ich; nie kam er ohne Grund zu mir, etwa weil ihm meine Nähe angenehm gewesen wäre. »Schreibt sie dir oft?« fragte er.

»Manchmal monatelang nicht«, sagte ich, ohne mich umzudrehen, »dann wieder jeden zweiten Tag.«

»Warum hast du mir bis heute keinen dieser Briefe gezeigt?«

»Warum sollte ich dir meine Post zeigen?«

Es vergingen ein paar Sekunden, bevor er sagte: »Das ist nicht deine Post, du Großmaul.«

»Was ist es sonst?«

»Mir hat sie noch nie geschrieben«, sagte er.

Das verblüffte mich, ich hatte es für selbstverständlich gehalten, daß Elle ihm schrieb wie mir. Wie traurig für ihn, dachte ich. Er mußte der Überzeugung sein, daß sie alle Briefe, die für uns beide bestimmt waren, aufgrund einer merkwürdigen Angewohnheit immer nur an mich adressierte, daß er also den gleichen Anspruch darauf hatte wie ich, und daß ich ihm die Briefe immer wieder vorenthielt.

Ich hörte ihn seufzen und wollte etwas Tröstliches sagen, doch als ich mich umdrehte, saß er nicht mehr da. So war es immer: immerzu war einer gekränkt, immerzu mußte der andere sich plagen, das Elend wieder aus der Welt zu schaffen.

Als ich in sein Zimmer kam, saß er mit verschränkten Armen im Sessel und blickte mir auf eine Weise entgegen, als käme ich reichlich spät. Ich wußte nicht, ob ich ihm sämtliche Briefe Elles nachträglich zu lesen geben sollte; eine Folge davon konnte sein, daß die vielen Briefe ihn eher bedrückten als freuten.

Er wartete aber nicht auf Tröstung und wies mir mit dem Kinn einen Stuhl an. Ich fragte: »Was gibt es?« Er tat erstaunt, zeigte mit allen Fingern auf sich und sagte: »Habe ich dich gerufen?«

»Soll ich wieder gehen?«

Ich kann nur hoffen, daß seine Sucht, jede Erörterung zu komplizieren und mit tausend Empfindlichkeiten zu belasten, sich nicht auf mich vererbt hat; sie hat uns die einfachsten Gespräche oft zur Tortur werden lassen.

»Ich hatte keine Ahnung, daß sie dir nicht schreibt«, sagte ich. »Sonst hätte ich …«

Er unterbrach mich, er sagte: »Heb dir dein Verständnis für bessere Gelegenheiten auf. Ich kann mir vorstellen, daß du über etwas anderes sprechen willst.«

»Da stellst du dir was Falsches vor.«

»Um so besser.«

Noch eine andere seiner Eigenarten behinderte normale Gespräche: wenn man ihm etwas erzählte, unterbrach er einen fortwährend mit Vermutungen darüber, wie die Erzählung weiterging. Manchmal mußte ich mir den Weg durch seine Zwischenfragen und Prognosen regelrecht freikämpfen, bevor ich eine Geschichte oder eine Mitteilung zum Ende bringen konnte. Diese Angewohnheit war zeitraubend, nicht selten trug sie aber auch zu meiner Unterhaltung bei; denn es kam vor, daß seine Vermutungen besser waren als das, was ich erzählen wollte.

Ich hätte stundenlang geschwiegen, er sagte: »Ein bißchen mehr Zorn auf Lumpen und Mörder könntest du ruhig haben.«

»Wovon sprichst du?«

»Warum bist du so gleichgültig?« fragte er. »Warum macht es dich nicht böse, wenn du an ihre Opfer denkst? Ich meine nicht nur die Toten, ich meine auch Leute wie mich und Elle. Ein bißchen mehr Aufgeregtheit bitte.« Er klopfte seine Taschen ab, als suchte er nach Zigaretten; dann fiel ihm ein, daß er ja nicht mehr rauchte, und er stellte das Suchen ein. Er sagte: »Weißt denn du nicht, auf welche Weise Elle zu ihrer Krankheit gekommen ist?«

»Das weiß niemand.«

»Wie kannst du so etwas behaupten.«

Es folgte eine Schilderung der Kinderjahre Elles, die ich nicht zum erstenmal hörte. Ich saß ihm kühl und skeptisch gegenüber, während er in der Erinnerung versank. Die erwartete Rührung überkam ihn, als seine kleine Tochter zu fremden, geldgierigen Leuten ins Versteck gegeben wurde. Und als nach der Befreiung aus der immer vergnügten Elle ein mißtrauisches, hartes und reizbares Mädchen geworden war, mußte er mit den Tränen kämpfen. Auch wenn Elle sich noch nie dazu geäußert hatte, gab es für Vater keinen Zweifel, daß sie die Leute, die sie anfiel, für solche hielt, vor denen man sie damals hatte verstecken müssen.

Als er fertig war, fragte ich, ob inzwischen eine Entscheidung gefallen sei, was weiter mit dem Gefangenen geschehen solle. Vater starrte mich an, als wäre meine Frage an den Haaren herbeigezogen.

Ich sagte: »Ihr habt euch mit diesem Mann eine Last aufgeladen, die ihr nicht tragen könnt. Ihr erledigt euch selbst und merkt es nicht einmal.«

»Man trifft selten jemanden, der achtzehn ist und schon so lebenserfahren wie du«, sagte Vater.

»Du hast behauptet, daß den Gerichten ein solcher Fall nicht zusteht«, sagte ich: »daß sie den Mann nur deshalb verurteilen würden, weil ihnen nichts anderes übrigbliebe. Und das ist einfach falsch.«

»Dann laß es falsch sein.«

»Du kannst nicht im Ernst behaupten, sie hätten eine heimliche Sympathie für Aufseher. Sie würden den Mann verurteilen, und zwar nur wegen ihrer Überzeugung, daß so einer verurteilt werden muß.«

Vater sah mich höhnisch an und nickte, wie um mich aufzumuntern, noch mehr solchen Unsinn daherzureden. Dann sagte er: »Ich will es dir noch einmal erklären: Sie können ihn deshalb nicht aus Überzeugung verurteilen, weil sie keine haben. Sie kennen nur Befehle. Viele bilden sich ein, daß die Befehle, die man ihnen gibt, ihrer eigenen Meinung entsprechen. Aber wer kann sich darauf verlassen? Befiehl ihnen, Hundedreck zu essen, und wenn du stark genug bist, werden sie Hundedreck bald für eine Delikatesse halten.«

»Das sind nur Sprüche.«

»Sieh dich um«, sagte Vater und zeigte zum Fenster. »Wo gibt es in diesem Land etwas Eigenes? Zeig mir irgendetwas, was sie allein deshalb gemacht hätten, weil es ihnen selbst eingefallen wäre.«

»Sie können sich verhalten, wie sie wollen: du kannst Deutsche nicht leiden.«

»Kunststück«, sagte er.

Es stand ihm im Gesicht, daß er die Unterhaltung für beendet hielt, ich war ihm lästig. Ich fühlte mich müde und machtlos, ich konnte ihn nicht aufhalten. Ich erkundigte mich, was die Verhöre ergeben hätten. Ich hörte, wie gleichgültig meine Frage klang: wie der Versuch, ein müdes Gespräch in Schwung zu halten. Er antwortete, es komme enttäuschend wenig heraus, das müsse er zugeben. Darauf sagte ich, der Gefangene sage ohnehin nur das, was sie von ihm hören wollten. …