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Robert Charles Wilson - „Kontrolle“

ISBN: 9-783-453-31658-4

 

Klappentext:

Amerika im Jahr 2014. Die achtzehnjährige Cassie lebt in einer scheinbar perfekten Welt: Seit hundert Jahren herrscht Frieden, es gab keine Wirtschaftskrisen und keine Anschläge am 11. September 2001. Stattdessen regieren Wohlstand und soziale Sicherheit. Doch der Preis für das schöne Leben ist hoch: Was es nämlich ebenfalls nicht gibt, sind Fortschritt und Freiheit, denn die Menschen werden seit Jahrzehnten von einer außerirdischen Spezies kontrolliert. Als Cassie eines Tages hinter das Geheimnis ihrer heilen Welt kommt, gerät sie in Lebensgefahr …

 

Inhalt:

Auf der Erde herrscht seit einhundert Jahren Frieden. Doch zu welchem Preis, ist nur einem kleinen Kreis an Leuten bekannt.

Cassie gehört zu der Gruppe Leute, die umd ie Existenz der Simulakrons weiß. Diese sind mit der Menschheit eine Art Symbiose eingegangen. Die Sims sorgen für den Frieden auf der Erde und die Mensche helfen mit ihrer Fähigkeit, Dinge zu bauen.

Cassie sieht nun, wie auf der Straße ein Sim überfahren wird. Genau für diesen Fall besteht sie Anweisung, die Flucht anzutreten. Hals über Kopf mus sie mit ihrem Bruder Thomas die Flucht antreten. Dabei lernt sie Leo Beck näher kennen.

Cassie erlebt auf der Flucht das eine oder andere traumatische Ereignis, trifft ihren Onkel nach langer Zeit wieder und ändert durch ihr Handeln das Leben auf der gesamten Welt.

 

Leseprobe:

… Vor der Ankunft hier in diesem unscheinbaren Motel etwas abseits des Highways war Ethan schon so erschöpft, dass er kaum noch richtig fahren konnte. Danach schaffte er es nur noch mit letzter Kraft, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, ehe er ins Bett fiel und sofort einschlief. Nerissa war nicht weniger erledigt, doch sie hatte sich zu einer heißen Dusche gezwungen, bevor sie ihm ins Bett folgte, weil sie sich zuerst den echten oder eingebildeten Gestank nach Petroleum und Ruß, nach Blut und grünem Laub abwaschen musste.

Und der heutige Tag hatte vielleicht nichts Besseres zu bieten. Du musst der Wahrheit ins Auge schauen, mahnte sie sich. Gestern hatte sich das Simulakrum geblendet. Danach hatte sie ihm beide Beine abgeschnitten und den noch lebenden Rest in den Kofferraum geworfen. Heute mussten sie es befragen. Oder begraben. Oder beides. Sehr wahrscheinlich beides.

Fast noch unerträglicher als das Grauen der gestrigen Ereignisse war Ethans Blick, der sie nicht nur einmal gestreift hatte. Er brachte eine Ungläubigkeit zum Ausdruck, die an Ekel grenzte. Als hätte sie mit ihren Handlungen alle Grenzen des Anstands überschritten. Ob das stimmte, wusste sie nicht, denn sie hatte aufgehört, solche Grenzen zu ziehen.

Das dringendste Problem an diesem Morgen war, einen geeigneten Platz für die Befragung von Winston Bayliss zu finden. In dem gemieteten Zimmer hier ging es nicht. Also bezahlten sie die Motelrechnung und fuhren schweigsam weiter Richtung Westen, bis sie auf Ethans Karte ein Naturschutzgebiet entdeckten und den Highway verließen. Es war ein kalter Tag, und der Wind stieß stumpfgraue Wolken vom westlichen zum östlichen Horizont. Sie parkten am Straßenrand vor einem Hain mit Zuckerahornen und Gelbbirken. Nerissa öffnete den Kofferraum des Wagens, und Ethan half ihr, Winston Bayliss in den Waldschatten zu tragen.

Sie hatte die Beinstümpfe des Sims abgeschnürt und einen notdürftigen Verband über die verkrusteten, leeren Augenhöhlen gewickelt. Auch die Schusswunden hatte sie mit Streifen eines alten Flanellhemds von Ethan und Klebeband abgedeckt. Zuletzt hatte sie die verbliebene untere Körperhälfte in einen Müllbeutel gesteckt, damit die auslaufenden Flüssigkeiten nicht alles besudelten. Jetzt fasste Nerissa das Wesen an den Armen, und Ethan hielt den plastikumhüllten Rumpf. Gemeinsam stapften sie durch brüchiges Laub und über umgestürzte, von gelben Pilzen überzogene Baumstämme, bis sie in sicherer Entfernung von der Straße waren. Schließlich lehnten sie Winston Bayliss mehr oder weniger aufrecht an einen moosbewachsenen Granitstein.

Natürlich lag das Sim im Sterben. Erstaunlich war eigentlich nur, dass es überhaupt noch lebte. Es verströmte einen obszönen Geruch, gegen den Nerissa mit ihrer heißen Dusche bereits in der vergangenen Nacht mit aller Kraft und trotzdem vergeblich angekämpft hatte. Ein Gestank, so schwer, dass Nerissa ihn wie ein zentnerschweres Gewicht empfand. Sie achtete genau darauf, immer gegen die Windrichtung zu stehen.

Aus dem Mund des Simulakrums drang nur noch ein feuchtes, gurgelndes Krächzen. Zuerst bat es um Wasser. Nerissa stellte eine volle Plastikflasche in seine Reichweite und beobachtete, wie das Wesen durch die raschelnden Blätter danach tastete. Es wirkte seltsam natürlich in dieser Umgebung, wie sie fand, als wäre es pilzbleich und in schlierigen Herbstfarben aus dem Waldboden herausgewachsen.

»Am besten, wir lassen es einfach reden«, schlug Ethan vor. »Es soll sagen, was es sagen möchte.« Mehr war sowieso nicht zu erwarten. Es würde nur sagen, was sie hören sollten. Nicht mehr und nicht weniger. Jeder Versuch, Zwang auszuüben, musste scheitern.

Das Simulakrum wiederholte einiges, was es schon gestern vorgebracht hatte: dass die Hyperkolonie zu einem riesigen ökologischen System gehörte, das sich über Lichtjahre durch den Weltraum erstreckte. Dabei wandte es sich meistens an Ethan, der mit ausdrucksloser Miene zuhörte. Erneut behauptete es, Teil eines parasitären Netzwerks zu sein, das die Hyperkolonie befallen hatte, um sich ihres Fortpflanzungsapparats zu bemächtigen.

Fortpflanzung, dachte Nerissa. Ethan hatte sie einmal als Schwert der Evolution bezeichnet. Die Evolution wurde nicht von Intelligenz bestimmt, sondern allein von der mechanisch-präzisen Logik selektiver Reproduktion. Sie stellte sich das Werk der Evolution vor wie eine blinde, sprachlose Form der Poesie. Wie hatte es Charles Darwin ausgedrückt? Es ist wahrlich eine erhabene Sicht des Lebens, dass aus so einfachem Anfange sich eine endlose Reihe der schönsten und wundervollsten Formen entwickelt hat und noch immer entwickelt.

Erhabenheit oder Grauen. Dass sich das gesamte Spektrum fremdartiger biologischer Systeme ohne Lenkung entfalten konnte, war eine geradezu verstörende Vorstellung. »Die Natur weiß, ohne zu wissen«, hatte Ethan in einem seiner Bücher geschrieben und in seinen Schriften für die Union die Hyperkolonie mit einem Ameisenhaufen oder einem Termitenbau verglichen. Der Ameisenhaufen wusste, was nötig war, um sich zu formen, um Arbeiter hervorzubringen und die Königin zu ernähren. Doch in Wirklichkeit wusste der Ameisenhaufen gar nichts. Was nach Wissen aussah, war in Wirklichkeit nur eine Reihe von Verfahrensregeln, eine durch die komplexe Umwelt entstandene chemische Schablone. So auch die Hyperkolonie. Dem Anschein nach wusste sie viel mehr als Menschen und war sogar in der Lage, diese zu manipulieren. Doch dieses Wissen glich dem eines Ameisenhaufens. Sie nutzte die Sprache aus, ohne sie zu begreifen. Sie sonderte Wörter ab, so wie eine Arbeitsbiene Gelée royale.

In seinem Laubbett sonderte das sterbende Sim Wörter in die Herbstluft ab.

Nach menschlichen Maßstäben ist der Lebenszyklus der Hyperkolonie unglaublich lang. Dennoch ist er endlich. Er beginnt und endet mit einem kurzen, intensiven Fortpflanzungsakt, in dem ihre Nachkommenschaft bis zu fernen Sternen ausschwärmt. Auf der Erde hat dieser Akt vor fast zehn Jahren eingesetzt. Seit zehn Jahren benutzt die Hyperkolonie geborgte menschliche Technologie und unwissentliche menschliche Mitarbeit, um hier ihre Fortpflanzungsbasis zu errichten. Dies ist der Höhepunkt ihrer Reproduktionsstrategie. Jede Bedrohung des von ihr erbauten Fortpflanzungsmechanismus stellte eine Bedrohung der gesamten Hyperkolonie dar. Die Korrespondenzunion geriet vor sieben Jahren ins Visier der Hyperkolonie, weil diese ihre Fortpflanzungsbasis vor einer frühzeitigen Entdeckung schützen wollte.

Eine ziemlich abstrakte Umschreibung für massenhafte Attentate, wie Nerissa fand. Natürlich hatte das Sim längst aufgehört, an ihr Mitgefühl zu appellieren. Außerdem behauptete es, nicht zu den Schuldigen zu gehören.

Aus dem wolkenverhangenen Himmel rieselte lautlos der Schnee und wehte durch die unbelaubten Baumäste. Auf dem Gesicht des Sims sammelten sich einzelne kleine Flocken, die zu Tropfen schmolzen und sich vom getrockneten Blut rosa färbten. Die Stimme des Wesens klang heiser. Es legte eine Pause ein, um erneut aus der Flasche zu trinken. Als es weitersprach, musste sich Nerissa weit vorbeugen, um es zu verstehen.

Die Hyperkolonie entwickelte sich, um im Vakuum des Weltraums zu überleben, wie viele andere Organismen auch. Sie war bereits von einem Parasiten befallen, als sie in diesem Sonnensystem ankam, oder sie wurde wenig später befallen. Der Parasit blieb über viele Jahrtausende hinweg untätig und unentdeckt. Erst als der Fortpflanzungsprozess begann, wurde er aktiviert. Der Parasit funktioniert wie ein Virus: Er kann sich nur reproduzieren, wenn er sich den Fortpflanzungsmechanismus eines anderen Organismus aneignet. Seit über einem Jahr beutet er die Ressourcen der Hyperkolonie für seine eigenen Zwecke aus. Der Mechanismus, mit dem sich die Hyperkolonie reproduziert, wurde gekapert. Die Anlage, mit der die Samenorganismen der Hyperkolonie zu nahe gelegenen Sternen befördert werden sollten, hat etwas völlig anderes getan: Sie hat neue Virenpakete hergestellt und sie der ungeschützten Nachkommenschaft der Hyperkolonie hinterhergesandt, um sie zu befallen.

In einem von Ethans Büchern hatte Nerissa eine ähnliche Geschichte gelesen, die sie entsetzlich fand. Rossameisen in Thailand waren anfällig gegen eine Infektion durch einen bestimmten Pilz. Die Pilzfäden keimten und wuchsen im Körper der Ameise, und wenn sie in ihr Gehirn vordrangen, fing sie an, wie besessen hinauf bis zum höchsten Blatt am höchsten Zweig zu klettern, das sie erreichen konnte. Dort starb sie und schuf damit für das Pilzgewächs, das aus dem Körper der toten Ameise spross, die bestmögliche Startrampe für die großflächige Verteilung der Sporen. Und wenn sich einige dieser Sporen wieder im Körper einer Ameise einnisteten, musste diese in ihrem tödlichen Wahn hinaufklettern bis zum höchsten Blatt am höchsten Zweig, den sie erreichen konnte …

Aber die Hyperkolonie ist nicht tot und auch nicht völlig wehrlos. Ihre letzte Strategie ist, den von ihr geschaffenen Fortpflanzungsmechanismus zu zerstören, um die Ausbreitung des Parasiten zu unterbinden und so ihre potenzielle Nachkommenschaft zu schützen. Außerdem will sie die Reste der Korrespondenzunion durch Manipulation dazu bewegen, an diesem Vorhaben mitzuwirken.

Nun, warum auch nicht? Aus menschlicher Sicht war der »Fortpflanzungsmechanismus« – falls er überhaupt existierte – eigentlich nicht viel mehr als ein schwächender Tumor. Er verdiente es, zerstört zu werden, egal, welche Seite dieses himmlischen Überlebenskampfs er unterstützte.

Das sterbende Sim erbebte. Das Zittern steigerte sich zu heftigem Zucken. Die Wasserflasche glitt ihm aus der rechten Hand, und die linke krallte sich leer in die Luft. Es hustete rot-beigen Schleim in das Laub und den frisch gefallenen Schnee.

»Entschuldigung«, krächzte es.

Entschuldigung. Wenn Sie Fragen haben, sollten Sie sie stellen, solange noch Zeit ist.

Eigentlich hatte Nerissa nur eine Frage: Gehörte Cassie zu den Menschen, die angeblich von der Hyperkolonie für ihre Zwecke ausgenutzt wurden? Doch in diesem Augenblick trat Ethan vor und ging auf ein Knie, um das Sim anzusprechen. Er sah aus, als wollte er es anbeten. Oder ihm einen Heiratsantrag machen. »Der Mechanismus, der die Funksignale manipuliert – kontrolliert ihn die Hyperkolonie oder kontrollieren Sie ihn?« Mi Sie meinte er den Parasiten, den Virus.

»Ich«, flüsterte das Sim.

Bloß dass es kein Ich gibt, rief sich Nerissa ins Gedächtnis. Kein Bewusstsein. Nur einen Prozess.

»Die Hyperkolonie kann dieses Werkzeug also nicht mehr benutzen. Aber beide Entitäten sind in der Lage, Simulakra herzustellen und zu steuern?« …