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Neal Stephenson - „Diamond Age – Die Grenzwelt“

ISNB: 9-783-442-24802-5

 

Klappentext:

Jahrzehnte in der Zukunft. Der geniale Neo-Viktorianer und Nanotechniker John Percival Hackworth bricht radikal mit den Regeln seiner Kaste, als er sich in Shanghai eine illegale Kopie der sogenannten "Illustrierten Fibel für die junge Dame" anfertigen läßt, eines revolutionären Erziehungsprogramms, das allein den herrschenden Klassen vorbehalten ist. Doch nach einem Überfall auf Hackworth gerät das Programm in die Hände der kleinen Nell. Und während Hackworth verzweifelt versucht, die Fibel wieder in die Hände zu bekommen, befindet sich Nell bereits in einem Informationsnetzwerk, das die Welt von Übermorgen für immer verändern wird.

 

Inhalt:

In einer hoch technisierten Welt, in der Zukunft, ist die Schere zwischen arm und reich extrem weit auseinander gegangen. Die privilegierten, reichen Kinder sollten inzwischen automatisiert erzogen werden. Durch eine Fibel, welche interaktiv arbeitet. Doch diese Fibel wird vom Entwickler selber unerlaubt kopiert, weil auch seine Tochter eine bekommen soll. Doch auch ihm wir die illegale Fibel gestohlen und landet bei Nell.

Nell ist ein kleines Mädchen in einer Art Armenviertel. Sie hätte normalerweise keine Chance, etwas aus ihrem Leben zu machen. Doch dank der Fibel bekommt sie eine gute Ausbildung. Gemeinsam mit ihrem Bruder kann sie aus der Wohnung ihrer Mutter fliehen und bei einem Unterstützer unterkommen.

Nell kann sich ein gutes Leben aufbauen.

 

Leseprobe:

… Plötzlich wurde der Verkehr dünner, und die Kamera schwenkte stromaufwärts: Zahlreiche Fahrspuren wurden von einer Schar Fahrradfahrer blockiert. Ab und an drängten sich ein rotes Taxi oder ein Mercedes-Benz an dem schmiedeeisernen Zaun vorbei und fuhr davon, während der Fahrer so wütend auf die Hupe einschlug, daß man befürchten mußte, der Airbag würde herausschnellen. Hackworth konnte den Lärm der Hupen nicht hören, aber als die Kamera auf das Geschehen zoomte, sah man deutlich, wie ein Fahrer die Hand von der Hupe nahm, sich umdrehte und der Schar der Radfahrer den Finger zeigte.

Als er sah, wer die Schar anführte, wandte er sich krank vor Angst ab, und seine Hand fiel ihm wie eine tote Schnepfe in den Schoß.

Bei dem Anführer handelte es sich um einen untersetzten Mann mit weißem Haar, über sechzig, in einem schmucklosen Arbeiterblaumann, der in die Pedale trat, was das Zeug hielt. Er radelte mit trügerischer Geschwindigkeit die Straße hinab und bog in die Einfahrt ein. Eine Embolie von Fahrradfahrern bildete sich an der Straße, als Hunderte versuchten, sich durch den schmalen Eingang zu drängen. Und dann kam ein weiterer klassischer Moment: Der Chefpage lief um seinen Tisch herum, rannte auf den Fahrradfahrer zu und schleuderte ihm Verwünschungen in kantonesisch entgegen – bis er noch etwa sechs Schritte entfernt stand und merkte, daß er sich Zhang Han Hua gegenübersah.

Zu dieser Zeit besaß Zhang keine Berufsbezeichnung, da er nominell im Ruhestand war – ein ironischer Einfall, den die chinesischen Premiers des späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts wahrscheinlich von amerikanischen Mafiabossen übernommen hatten. Möglicherweise sahen sie auch ein, daß eine Berufsbezeichnung unter der Würde des mächtigsten Mannes auf Erden war. Menschen, die Zhang so nahe gekommen waren, sagten stets einhellig, daß sie nie an seine derzeitige Macht dachten – die Armeen, die Kernwaffen, die Geheimpolizei. Sie konnten nur daran denken, daß Zhang Han Hua zur Zeit der großen Kulturrevolution, im Alter von achtzehn Jahren, seine Zelle der Rotgardisten in den Kampf Mann gegen Mann mit einer anderen Zelle geführt hatte, deren Begeisterung sie für unzureichend hielten, und daß Zhang nach gewonnener Schlacht sich am rohen Fleisch seiner gefallenen Widersacher gütlich getan hatte. Niemand konnte Zhang von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, ohne sich vorzustellen, wie ihm das Blut am Kinn hinablief.

Der Hotelpage sinkt auf die Knie und macht buchstäblich einen Kotau. Zhang schaut angewidert drein, schiebt dem Pagen einen sandalenbekleideten Fuß unter das Schlüsselbein und drückte ihn wieder in die Höhe, dann sagt er ein paar Worte im Hinterwäldlerakzent seines heimischen Fujien zu ihm. Der Page kann sich auf seinem Rückweg ins Hotel gar nicht genug verbeugen; Zhangs Gesicht drückt Mißvergnügen aus – er möchte nur möglichst schnell bedient werden. Im Verlauf der nächsten Minute strömen zunehmend hochrangigere Hotelangestellte zur Tür heraus und erniedrigen sich vor Zhang, der mittlerweile gelangweilt aussieht und sie mit völliger Mißachtung straft. Niemand weiß genau, ob Zhang an diesem Punkt seines Lebens Konfuzianer oder Maoist ist, aber im Augenblick spielt es auch keine Rolle: Im Konfuzianischen Weltbild werden ebenso wie im kommunistischen Bauern als die höchste und Kaufleute als die niedrigste Gesellschaftschicht betrachtet. Dieses Hotel ist nicht für Bauern.

Schließlich kommt ein Mann im dunklen Anzug inmitten einer Truppe Leibwächter heraus. Er sicht wütender als Zhang aus und scheint zu denken, daß er das Opfer eines unverzeihlichen Streichs geworden ist. Dies ist ein Kaufmann unter Kaufleuten: der vierzehntreichste Mann der Welt, der drittreichste in China. Ihm gehören fast alle Grundstücke innerhalb einer halben Fahrstunde von diesem Hotel. Er bremst nicht ab, als er in die Einfahrt einbiegt und  Zhang erkennt; er geht direkt auf ihn zu und fragt ihn, was er will, warum sich der alte Mann die Mühe gemacht hat, von Beijing herzukommen und sich mit diesem albernen Fahrradtrip in seine Geschäfte einzumischen.

Zhang geht einfach nach vorne und flüstert dem reichen Mann ein paar Worte ins Ohr.

Der reiche Mann weicht einen Schritt zurück, als hätte ihm Zhang einen Stoß vor die Brust gegeben. Er hat den Mund aufgemacht und zeigt makellose weiße Zähne, aber seine Augen sind blicklos. Nach einem Augenblick weicht er zwei weitere Schritte zurück, was ihm genügend Platz für sein nächstes Manöver verschafft: Er verbeugt sich, sinkt erst auf ein Knie, dann auf das andere, knickt an der Taille ab, bis er auf allen vieren liegt, dann legt er sich der Länge nach auf die säuberlich angeordneten Mosaiksteine. Er preßt das Gesicht auf das Pflaster. Er macht seinen Kotau vor Zhang Han Hua.

 

Nacheinander verstummen die dolbyverstärkten Stimmen im Nebenzimmer, bis nur noch Dr. X und ein anderer Gentleman übrigbleiben, die um eine nebensächliche Angelegenheit feilschen und sich zwischen salbungsvoll beweihräuchernden Oratorien lange Pausen gönnen, um Pfeifen zu stopfen, Tee einzuschenken oder zu tun, was auch immer diese Leute taten, wenn sie vorgaben, einander zu ignorieren. Die Diskussion verlief im Sande und endete nicht mit einem ungestümen Ausbruch, wie Hackworth insgeheim und voller Boshaftigkeit gedacht hatte, dann zog ein junger Mann einen Vorhang beiseite und sagte: »Dr. X wird Sie jetzt empfangen.«

Dr. X schien sich in einer liebenswürdigen, großzügigen Stimmung zu befinden, die wahrscheinlich darauf angelegt war zu vermitteln, daß er stets mit einer Rückkehr Hackworths gerechnet hatte. Er stand geflissentlich auf, schüttelte Hackworth herzlich die Hand und lud ihn zum Essen in »ein Restaurant in der Nähe« ein, wie er bedeutungsschwanger sagte, »von allerhöchster Diskretion«.

Die Diskretion bestand darin, daß einer der gemütlichen, abgeschiedenen Speisesäle unmittelbar mit einem der Hinterzimmer des Anwesens von Dr. X verbunden war, so daß man es einfach erreichen  konnte, indem man eine ziehharmonikaförmige Nanoröhre hinabschritt, die man auf einen halben Kilometer Länge hätte ziehen könnten, wenn man sie aus Shanghai fortgebracht, nach Kansas geschafft und an beiden Enden gezogen hätte. Hackworth, der blinzelnd durch die transparenten Wände der Röhre sah, während er Dr. X zum Essen begleitete, sah verschwommen mehrere Dutzend Leute, die in einem halben Dutzend verschiedener Gebäude, an denen Dr. X offenbar eine Art Wegerecht erworben hatte, einem breiten Spektrum von Tätigkeiten nachgingen. Am Ende entließ die Röhre sie in ein hübsch möbliertes Eßzimmer mit Teppichboden, das mit einer elektrischen Schiebetür versehen war. Diese Tür öffnete sich gerade, als sie sich setzten, und Hackworth strauchelte beinahe, als die Röhre nanogefilterten Wind nieste; eine strahlende, einen Meter dreißig große Kellnerin stand an der Tür, schloß die Augen und beugte sich in Erwartung des Luftzugs weit nach vorne. Im perfekten Englisch des San Fernando Valley sagte sie: »Möchten Sie gerne wissen, welche Spezialitäten wir anzubieten haben?«

Dr. X gab sich allergrößte Mühe, Hackworth zu versichern, wieviel Verständnis und Mitgefühl er für seine Lage empfand; in einem Maße, daß Hackworth sich die meiste Zeit fragte, ob Dr. X schon darüber Bescheid gewußt hatte. »Kein Wort mehr davon, es wird alles geregelt«, sagte Dr. X plötzlich und unterbrach Hackworth damit mitten in einer wortreichen Erklärung, und danach gelang es Hackworth nicht mehr, Dr. X für das Thema zu erwärmen. Das war tröstlich, gleichzeitig aber auch beunruhigend, da er sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, als hätte er sich gerade auf ein Geschäft eingelassen, dessen Bedingungen noch nicht verhandelt, noch nicht einmal ausformuliert worden waren. Doch Dr. X’ ganzes Gebaren schien die Botschaft zu verkünden, wenn man schon einen Faustischen Pakt mit einem uralten und undurchsichtigen Boß des organisierten Verbrechens in Shanghai abschloß, dann konnte man sich keinen Besseren als den onkelhaften Dr. X dafür wünschen, dessen Großzügigkeit so grenzenlos war, daß er die ganze Sache höchstwahrschienlich vergessen oder die Gefälligkeit in einem vergilbten Karton in einem seiner Lagerhäuser verschimmeln lassen würde. Am Ende des ausgiebigen Menüs fühlte sich Hackworth so beruhigt, daß er Lieutenant Chang und die Fibel fast vollkommen vergessen hatte.

Das heißt, bis zu dem Augenblick, als die Schiebetür erneut aufglitt und besagter Lieutenant Chang persönlich eintrat.

Hackworth erkannte ihn nicht gleich, da er weitaus konservativer gekleidet war als sonst: weite indigofarbene Pluderhosen, Sandalen und ein schwarzer Lederhelm, der etwa fünfundsiebzig Prozent seines klobigen Kopfes verbarg. Außerdem hatte er sich den Schnurrbart wachsen lassen. Und, am beunruhigendsten, an seinem Gürtel hing eine Scheide, und in dieser Scheide steckte ein Schwert.

Er betrat den Raum, verbeugte sich beiläufig vor Dr. X und wandte sich dann Hackworth zu.

»Lieutenant Chang?« fragte Hackworth kläglich.

»Constable Chang«, sagte der Neuankömmling, »vom Bezirksgericht Shanghai.« Danach sprach er das chinesische Wort für Mittleres Königreich aus.

»Ich dachte, Sie arbeiten für die Küstenrepublik.«

»Ich bin meinem Herrn und Meister in ein neues Land gefolgt«, sagte Constable Chang. »Zu meinem Bedauern muß ich Sie jetzt festnehmen, John Percival Hackworth.«