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Timothy Stahl - „Das Prometeus Mosaik“

ISBN: 9783404158874

 

Klappentext:

Theo Lassing führt ein normales Leben. Doch damit ist es vorbei, als er in der Zeitung das Bild eines Mannes entdeckt, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Theo steht vor einem Rätsel. Als wenig später seine Mutter unter mysteriösen Umständen stirbt, beginnt er Fragen zu stellen. Seine Recherchen führen ihn zu einer Verschwörung, die den Globus umspannt. Theos Leben basiert auf einer Lüge: Seine Existenz ist nur ein Mosaik in einem furchtbaren Experiment, das die gesamte Menschheit bedroht. Schnallen Sie sich an für eine Achterbahnfahrt im Stil von Andreas Eschbach und Sebastian Fitzek.

 

Inhalt:

Jacob, ein Junge, der sein Leben noch vor sich hat, muss nach schweren Brandverletzungen erettet werden. Die Ärzte im Krankenhaus haben ihn aufgegeben. So tritt sein Vater in eine Geheimloge ein, um ihm zu helfen.

Eine junge Studentin glaubt, sich den Respekt ihres Professors verdient zu haben, als er sie anspricht und um Mithilfe bittet. Doch was sie dann am Ende wirklich machen muss, hätte sin in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet.

Und Theo, der ist mehr in die Geheimloge verstrickt, als er denkt. Doch das findet er erst heraus, als ihm bereits eine Hand fehlt. Denn er sit einzig dazu da, dem verbrannten Jonas einen neuen und lebenswerten Körper zu verschaffen.

Doch Jacob hat genug von Schmerzen und Martyrium. Er hilft, die Loge zu zerstören.

Aber ist sie wirklich für alle Zeiten ausgelöscht, oder geistert noch ein Erbe auf der Welt umher?

 

Lesprobe:

… Die Beerdigung von Katharina Lassing war eine in jeder Hinsicht traurige Angelegenheit: Es war kalt, die Luft nebelfeucht, der Frühling schien mit ihr gestorben zu sein. Und zu behaupten, die Beisetzung fände im engsten Familienkreis statt, hätte die Tatsachen glorifiziert – Theo war alles, was Katharina Lassing an Familie besaß, allenfalls ließ sich Lorenz Hajek noch dazu zählen. Theo hatte ihn am Tag des Todes seiner Mutter telefonisch in Barcelona erreicht, eingetroffen war er bis heute nicht.

Abgesehen von ihm selbst war nicht mehr als eine Hand voll von Theos Bekannten und Kollegen auf den unheimlich verwinkelten, dicht bewachsenen Friedhof gekommen, sowie natürlich sein einziger Freund Yash und, was ihn ein bisschen wunderte, auch Bine.

Eigene Freunde oder auch nur Bekannte hatte seine Mutter nicht gehabt. Zwar fanden sich in der kleinen Trauerschar drei, vier Gesichter, die Theo fremd waren. Es handelte sich wohl um Bewunderer und vielleicht Sammler von Katharinas Werken, mit denen sie zu Lebzeiten jedweden Kontakt gemieden hatte und die nun wenigstens die Gelegenheit nutzen wollte, ihr ein erstes und unwiderruflich letztes Mal ihre Aufwartung zu machen.

Die Worte des Trauerredners, den das Bestattungsinstitut organisiert hatte – Katharina war, so wie ihr Sohn, konfessionslos gewesen –, flossen an Theo vorüber; ohnehin war ihm nicht klar, was dieser Mann über Katharina zu sagen hatte. Theo hatte kaum Auskünfte zu ihrer Person gegeben, und andere, die der Mann im Vorfeld der Beisetzung befragen konnte, gab es nicht. Das war wohl Teil der Profession eines solchen Redners – auch dann etwas sagen zu können, wenn es eigentlich nichts zu sagen gab.

Die Beerdigung seiner Mutter war nicht die erste, an der Theo teilnahm. Vor knapp einem Jahr war ein Kollege an Leukämie gestorben. Drei- oder viermal war er bei der Beisetzung von Menschen zugegen gewesen, die er im OP nicht hatte retten können; entweder hatte Yash ihn dazu gedrängt, oder Professor Strohmayer hatte ihn gebeten, im Namen der Klinik hinzugehen. Aber all diese Trauerfeiern waren anders gewesen. Ihr Geschehen war an Theo vorbeigezogen, er war wirklich nur dabei gewesen. Diese hingegen erlebte er.

Er roch die erdige Feuchte des Grabes zu seinen Füßen, das nasse Gras. Er spürte die Kälte, die ihm nicht nur unter die Kleidung, sondern tiefer noch und unter die Haut kroch. Er sah jedes einzelne Gesicht um sich herum, nahm es wirklich wahr, ohne mit den Gedanken ständig woanders zu sein. Er hörte das Tropfen des feinen Regens auf den Blättern der alten Bäume ringsum und auf den kiesbestreuten Wegen und auch den dumpfen Laut, mit dem seine Hand voll Erde auf dem Deckel von Katharinas Sarg landete – ein Laut, der sich nicht nur anhörte, als steige er aus dem Grab zu ihm herauf, sondern als erklinge er auch über ihm, lauter noch als in Wirklichkeit, dröhnend und endgültig. Ganz so, als läge er selbst dort unten …

Irgendwann war es vorbei. Und da Theo keinen anschließenden Leichenschmaus angesetzt hatte – er wollte die Leute, die zum größten Teil doch nur aus Höflichkeit ihm gegenüber gekommen waren, nicht noch länger aufhalten -, verabschiedete man sich am Grab voneinander.

Bine hatte es mit einem sachten Kuss auf die Wange und einem kleinen Lächeln getan. Und während er der Reihe nach die Hände der anderen Trauergäste schüttelte, sickerte Theo die sichere Erkenntnis, dass ihre Beziehung wirklich zu Ende war, so ins Gehirn, wie ihm der kalte Nieselregen im Nacken unter den Hemdkragen lief. Die Art und Weise, wie Bine leise gesagt hatte, es tue ihr leid, hatte ihm klar gemacht, dass sie damit nicht allein den Tod seiner Mutter gemeint hatte.

Eine Frau trat zu ihm. Sie war eine von den drei oder vier Trauergästen, die Theo gar nicht kannte, eine schöne Frau, das schwarze Haar bis auf ein paar Strähnen unter einem dunklen Seidenkopftuch verborgen, die Augen trotz des trüben Wetters hinter einer großen Sonnenbrille versteckt; vielleicht wollte sie nicht erkannt werden, vielleicht waren die Bewunderer von Katharinas Kunst auf ihre Weise nicht minder exzentrisch als die Künstlerin selbst.

Die Frau reichte ihm die Hand, die in einem dünnen Handschuh steckte und deren Druck von überraschender Kraft war. Ebenso überrascht wurde Theo von ihrer kurzen Umarmung, ehe sie, ohne ein Wort gesprochen zu haben, weiterging und im Nebel verschwand wie eine Schauspielerin hinter den Kulissen.

Professor Strohmayer und Yash gesellten sich kurz zu Theo, wechselten ein paar Worte mit ihm. Er hörte sie kaum, nickte zwei-, dreimal, dann gingen die beiden.

Theo blieb noch ein paar Minuten, die ihm reichten, die wichtigsten, erinnerungswertesten Stationen des Lebens mit seiner Mutter abzuschreiten, bis hin zum Ende dieses Lebens, das für Theo mit einem großen Fragezeichen versehen war. Er war immer noch überzeugt, dass Katharina nicht mit Absicht in den Tod gegangen war.

Die Polizei hatte seine Anzeige bezüglich der weggeätzten Tätowierung aufgenommen und am Tatort Spuren gesichert. Mehr war nicht geschehen; jedenfalls hatte Theo noch nichts von irgendwelchen Ermittlungsergebnissen gehört.

Auf eine Schaufel gestützt, ein paar Schritte entfernt und in der hohlen Hand eine Zigarette rauchend, wartete der Totengräber darauf, an die Arbeit gehen zu können. Theo atmete durch, nickte zum Abschied ins Grab hinab, warf dann dem erstaunlich jungen Mann im ausgewaschenen Overall einen Blick zu und wandte sich ab.

Die Hände in den Taschen seiner schwarzen Hose, schlenderte er mehr, als dass er ging, in Richtung Eingang. Irgendwo links von ihm, im Wipfel eines der alten Bäume, krächzte eine Krähe, eine zweite antwortete ihr von rechts.

Theo hatte längst beschlossen, die Sache nicht ruhen zu lassen. Heute noch würde er bei der Polizei anrufen und fragen, wie weit die Untersuchungen im Fall seiner Mutter gediehen waren. Und wenn die offiziellen Ermittler nicht willens oder in der Lage waren, ihm bei der Aufklärung von Katharinas Tod zu helfen, würde er eben anderswo Hilfe suchen.

»Herr … Lassing?«

Die Frau, die er gerade passiert hatte, sprach ihn zögerlich an. Sie hatte an einem Grab am Rand des Weges gestanden, den Kopf gesenkt, als kenne sie den dort ruhenden Toten und blicke zu ihm hinunter.

Theo blieb stehen und drehte sich zu ihr um. Die Frau hatte nicht etwa das Grab eines Verwandten oder Freundes aufgesucht, sondern offensichtlich auf ihn gewartet. Er kannte sie – was zu viel gesagt war; tatsächlich erkannte er sie nur, die Frau mit dem dunklen Seidenkopftuch und der Sonnenbrille, die ihm am Grab seiner Mutter kondoliert hatte. …